Liebe Schwestern und Brüder,
sage niemand, es gebe in der Bibel keine gesalzenen Worte. Sage niemand, man höre in der Kirche keine gesalzenen Predigten. Der Predigttext für diesen Gottesdienst ist ein gesalzener Text, ein gesalzener Text übrigens, der in unserer Landeskirche in den letzten Wochen auffallend häufig zitiert wird. Denn in die Leitbilder für die Zukunft unserer Landeskirche hat dieser Text indirekt Eingang gefunden, wenn wir dort formulieren: „Als Salz der Erde hat die Evangelische Landeskirche in Baden Anteil an dem Auftrag, die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk und damit für Gottes gnädige Gerechtigkeit in allen Bereichen des Lebens einzutreten.“ So haben wir den Auftrag für unsere Landeskirche formuliert, als Salz der Erde wirksam in die Welt hineinzuwirken. Und damit haben wir das Wort Jesu aufgenommen, das ihn der Evangelist Matthäus in der Bergpredigt - im direkten Anschluss an die Seligpreisungen – sprechen lässt: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll gesalzen werden? Zu nichts taugt es mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.“
Ihr seid gemeint
„Ihr seid das Salz der Erde.“ Wer ist gemeint? Etwa nur die Jünger, die sich damals am Berg um Jesus scharten, oder auch das Volk, das seine Rede hörte? Wer ist gemeint? Auch Ihr, die Ihr in den Gemeinden und Einrichtungen dieses Kirchenbezirks tagaus, tagein ehren- oder hauptamtlicht mitarbeitet? Ja, Ihr seid gemeint, wenn Jesus spricht: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Denn so spricht Jesus zu allen, die sich seine Seligpreisungen zusprechen lassen. Allen, die sich anstecken lassen von seiner Verheißung des Himmelreiches. Allen, die sich im Hoffen auf dies Reich anstecken lassen vom Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit.
Gesalzener Zuspruch
„Ihr seid das Salz der Erde.“ Kein räsonierendes „Ihr könntet sein“. Kein befehlendes „Ihr müsst sein“. Reine Zusage, die eine Wirklichkeit beschreibt: „Ihr seid.“ Reine Zusage, die so ermutigt, dass sie eine neue Wirklichkeit schafft: die Wirklichkeit einer wirkungsvollen Jüngerschaft Jesu. Ein gesalzener Zuspruch für die glücklich Gepriesenen. „Euch, denen das Himmelreich verheißen ist; Euch, die ihr auf die Verheißung des Reiches der Gerechtigkeit traut, Euch traut Gott viel zu. Darum traut Euch! In Eurem Handeln kann geschmeckt und schmackhaft werden, was Gott dieser Welt verheißen hat. Darum seid Ihr Salz der Erde.“ Das ist der gesalzene Zuspruch Jesu gegen alle Resignation. Das ist sein Zuspruch, den er vom geglaubten und erhofften Himmelreich her macht. Das ist sein Zuspruch, dem wir vertrauen dürfen, weil auch wir längst erfahren haben, was in den Seligpreisungen verheißen ist: Getröstetwerden in der Trauer, Sattwerden im Hunger, Erbarmen in der Bedürftigkeit, Schauen Gottes mit reinem Herzen, Kindschaft Gottes im Friedensstiften. Das Himmelreich, Gottes Reich der Gerechtigkeit wird schmackhaft durch Menschen, die Salz der Erde sind. Und die Welt wird genießbar, wo Menschen sich so verhalten, wie es Jesus in den Seligpreisungen beschreibt: barmherzig, auf Recht hoffend, für Gerechtigkeit eintretend, friedensstiftend. Bei der Zusage „Ihr seid das Salz der Erde“ geht es also um das Schmackhaftigmachen des Reiches Gottes und um die Genießbarkeit der Welt für alle. Und damit steckt in diesem Wort Jesu zugleich ein hoher, ein gesalzener Anspruch an seine Jüngerinnen und Jünger zu allen Zeiten.
"Das Jüngersein und das Wirken der Jüngerinnen und Jünger Jesu gehören untrennbar zusammen. Jesu Botschaft will gehört und getan werden. Das Jüngersein fordert auch ein Tun."
„Ihr seid das Salz der Erde.“ Welch ein Zuspruch, aber auch welch ein Anspruch! Welch eine Ermutigung und welch eine Zumutung! Gewiss: Es ist nichts Großartiges, Salz zu sein, aber etwas sehr Wichtiges. Salz bewahrt Speisen vor Verderben und Fäulnis. Salz schenkt dem Essen die rechte Würze, macht es schmackhaft. Salz reinigt und desinfiziert Wunden. Salz ist über-lebensnotwendig. Damit aber wäre das Besondere des Salzes noch nicht benannt: Salz hat nämlich keinen Wert in sich selbst. Es ist nur Salz, wenn es salzt. Es ist nur etwas wert in Bezug auf anderes. Es löst sich auf und verschwindet, um zu wirken. Erst im Gebrauch zeigt sich, was es taugt. Das Salz will zur Suppe werden, sein Sein und sein Wirken sind nicht voneinander zu trennen. Genau das aber ist das Kennzeichen wahrer Jüngerschaft Jesu: Das Jüngersein und das Wirken der Jüngerinnen und Jünger Jesu gehören untrennbar zusammen. Jesu Botschaft will gehört und getan werden. Das Jüngersein fordert auch ein Tun. Jüngersein gibt es nur im Vollzug. Solche wirksame Jüngerschaft Jesu braucht die Welt wie das bewahrende, das würzende, das reinigende Salz.
Die Suppe versalzen
Die Welt braucht unsere wirksame Jüngerschaft. Sie braucht Menschen, die den Sonntag als den Tag des Herrn bewahren. Die Welt braucht Menschen, die dem Sonntag durch eine würdige und angemessene Gestaltung die rechte Würze geben, ihn schmackhaft machen. Die Welt braucht Menschen, die den Sonntag reinigen von Freizeitstress und Konsumdruck. Die Welt braucht Menschen, welche die Suppe einer durchgreifenden Ökonomisierung des Lebens versalzen. - Die Welt braucht Menschen, die das jüdisch-christliche Erbe der besonderen Achtung der Fremden bewahren. Die Welt braucht Menschen, die dem Leben christlicher Gemeinden die rechte Würze geben, indem sie beharrlich dafür eintreten, dass Fremden in unserem Land Gerechtigkeit widerfährt. Die Welt braucht Menschen, die das gesellschaftliche Klima reinigen helfen vom Egoismus. Die Welt braucht Menschen, welche die Suppe zerstörerischer Fremdenfeindlichkeit versalzen.
Mut zu wirksamer Jüngerschaft
Mit dummen Jüngerinnen und Jüngern Jesu aber kann die Welt nichts anfangen, weil sie zu nichts taugen. Eigentlich ist die Dummheit der Jüngerinnen und Jünger eine Unmöglichkeit, wie auch Salz nicht dumm werden kann. Eigentlich ist es für Jüngerinnen und Jünger Jesu unmöglich, dass sie nicht das wirken, was sie sind, dass sie nicht das tun, woran sie glauben.
Eigentlich ist es eine Unmöglichkeit, dass wir uns als von Jesus Seliggepriesene nicht anstecken lassen von seiner Verheißung des Himmelreiches,
dass wir uns nicht anstecken lassen vom Hunger und Durst nach Gottes Gerechtigkeit.
"Jesus will nicht, dass jene, die auf seine Worte hören, zu den Dummen gehören. Deshalb macht er Mut zu wirksamer Jüngerschaft. Deshalb bietet er an, seine Worte als Wahrheit anzunehmen."
Aber nichts ist unmöglich, das weiß nicht nur ein renommierter Automobilhersteller, das wusste bereits Jesus! Auch in der Jüngerschaft Jesu kann es vorkommen, dass sie verdummt, dass Jüngerinnen und Jünger Jesu nicht das ausführen, wofür sie da sind. Jüngerinnen und Jünger Jesu können dumm werden wie jener, von dem es am Ende der Bergpredigt heißt: „Wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem dummen Menschen, der sein Haus auf Sand baute.“ Jesus will nicht, dass jene, die auf seine Worte hören, zu den Dummen gehören. Deshalb macht er Mut zu wirksamer Jüngerschaft. Deshalb bietet er an, seine Worte als Wahrheit anzunehmen. Und deshalb mutet er zu, seine Worte durch das eigene Tun als wahr zu bezeugen: „Ihr seid das Salz der Erde.“
Darum: auf Euch, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Jüngerinnen und Jünger Jesu, kommt es an. Gott traut euch etwas zu, darum traut euch! Jesus sagt nicht: Ihr seid der Nabel der Welt, um den sich alles zu drehen hat. Er sagt nicht: Ihr seid die Marmelade der Gesellschaft, die hilft, das Leben zu versüßen. Sondern er sagt und mutet Euch zu: Ihr seid das Salz der Erde. Auf Euch kommt es an für die Zukunft dieser Welt. Darum: Keine falsche Bescheidenheit! Keine Hemmungen vor guten Werken, die hinweisen auf Gottes Reich.
Amen.
