Ein Störenfried des faulen Friedens (19.11.2012)

Landesbischof Ulrich Fischer zum Buß- und Bettag in einer Kolumne für das Offenburger Tagblatt (19.11.2012)

Seit 1995 ist der Buß- und Bettag kein gesetzlicher Feiertag mehr – er wurde abgeschafft, um die damals eingeführte Pflegeversicherung mitzufinanzieren. Inzwischen wissen wir, dass diese damit nicht auf eine sichere Grundlage gestellt wurde – zum Beginn des neuen Jahres übrigens steigen die Beiträge erneut.

Sicher aber ist, dass unserem Gemeinwesen damals ein wichtiger Tag der Buße, eine Gelegenheit zur öffentlichen Besinnung genommen wurde. Eine Gesellschaft braucht zusammenhaltende Rhythmen des Lebens, und dazu gehört ein Tag, der den normalen Ablauf der Arbeitswoche unterbricht und stört. Ein Tag des öffentlichen Einspruchs, des störenden öffentlichen Wortes. Der Bußtag ist so ein Störenfried, der den faulen Frieden stört und der uns als Einzelne und als Gesellschaft störend befragt.

Das ist eine ganz schöne Zumutung: innehalten, sich selbst prüfen, sein Gewissen befragen. Immer wieder bringen wir es fertig, das Gewissen in uns zu überhören oder zum Schweigen zu bringen. Unter Aufbietung vieler Verdrängungskünste beruhigen wir unser Gewissen, um uns mit seiner Anklage nicht weiter auseinander setzen zu müssen. Wir wollen nicht wahrhaben, dass es eine Instanz gibt, die nach dem Maßstab der Wahrheit Gutes und Böses in unserem Leben ermittelt.

Es ist unmodern geworden, sich von seinem Gewissen befragen zu lassen und seine Standpunkte zu überprüfen. Jeder ist Regisseur seines eigenen Lebens und Dramaturg seiner Selbstverwirklichung. Beliebigkeit macht sich breit in Talkshows und politischen Debatten. Sie läßt eine Befragung des Gewissens nicht mehr zu. Mit dem Urteil über uns selbst tun wir uns schwer – Kritik kann schmerzen. Mit dem Urteil über andere aber sind wir schnell bei der Hand.

Wer von seinem Gewissen in Ruhe gelassen werden will, der will natürlich auch von einem Gott in Ruhe gelassen werden, der im Letzten über unser Leben richtet. Ist das vielleicht der heimliche Grund, warum der Buß- und Bettag so wenig Akzeptanz hatte, dass er vor fast zwei Jahrzehnten leichtfertig abgeschafft werden konnte?

Wer sich aber seinem Gewissen und Gott stellt, der wird reich belohnt. Ihm werden neue Wege zum Leben eröffnet. Der entdeckt Gottes Güte, seine Geduld und seinen Langmut. Nur Menschen, die meinen, alles mit sich selbst ausmachen zu können, sich selbst Maßstab genug zu sein, können auf diese Hinwendung zum richtenden Gott verzichten und auf Tage der Buße verzichten.

Deshalb brauchen wir diesen Bußtag. Wir brauchen ihn, um unser Herz auszurichten auf Gott und um unser Herz anfüllen zu lassen mit Gutem. Wenn wir meinen, auf dem Weg in die „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft" auf Bußtag und Sonntage verzichten zu können, geht uns die Puste aus. Dann verlieren wir die Balance, weil wir uns zu Herren des Lebens aufspielen.

(Landesbischof Dr. Ulrich Fischer)