Liebe Gemeinde,
am Reformationsfest in der Schlosskirche von Wittenberg predigen zu dürfen, ist für mich eine große Ehre und Herausforderung. An diesem Ort, an diesem Gedenktag hier mit Ihnen Gottesdienst zu feiern, erlebe ich als etwas Besonderes. An diesem Ort und an diesem Tag empfinde ich die Beheimatung in meiner evangelischen Kirche ganz intensiv. Indem wir uns die Wurzeln evangelischen Glaubens an diesem Ort vergegenwärtigen, entfaltet die reformatorische Entdeckung Martin Luthers an diesem Tag für mich eine ganz besondere Kraft.
Wir feiern kein Fest gegen andere, sondern wir feiern miteinander die große Einladung Gottes an alle, die sich anstecken lassen von der Freiheitsbotschaft des Evangeliums. Von dieser Freiheitsbotschaft, die vor nunmehr fast 500 Jahren laut von diesem Ort ausging und die in aller Welt große Wirkungen entfaltet. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“, diese Botschaft wurde in ihrer befreienden Kraft an diesem Ort verkündet und verbreitete sich wie ein Lauffeuer in alle Welt.
Liebe Schwestern und Brüder, wir feiern miteinander Reformationsfest. Damit feiern wir kein protestantisches Jubelfest. Wir feiern kein Fest gegen andere, sondern wir feiern miteinander die große Einladung Gottes an alle, die sich anstecken lassen von der Freiheitsbotschaft des Evangeliums. Von dieser Freiheitsbotschaft, die vor nunmehr fast 500 Jahren laut von diesem Ort ausging und die in aller Welt große Wirkungen entfaltet. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“, diese Botschaft wurde in ihrer befreienden Kraft an diesem Ort verkündet und verbreitete sich wie ein Lauffeuer in alle Welt. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“, wie ein Fanfarenstoß erklang die reformatorische Entdeckung Luthers hier in Wittenberg. Und mit diesem Fanfarenstoß rüsten wir uns nicht gegen Menschen anderen Glaubens, werden wir nicht zum Kampf aufgerufen gegen andere Konfessionen oder Religionen, gegen Katholiken oder Orthodoxe, gegen Juden oder Muslime, gegen Ungläubige oder religiös Unmusikalische. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“, mit diesem Reformationsfest laden wir Menschen ein, die Bedeutung dieser Freiheitsbotschaft für ihr Leben zu entdecken.
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Diese Worte des Paulus sind die kürzeste und wohl prägnanteste Zusammenfassung der christlichen Botschaft. In diesen wenigen Worten ist das ganze Evangelium gebündelt, ist die ganze reformatorische Entdeckung Martin Luthers kurz und bündig zusammengefasst. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“
Bei dieser Entdeckungsreise stoßen wir auf jenes Bibelwort, auf dem die Freiheitsbotschaft der Reformation gründet und das uns für die Predigt an diesem Reformationsfest gegeben ist. Es steht im, 5. Kapitel des Briefes, den Paulus an die Gemeinden von Galatien geschrieben hat. Hören wir: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu erfüllen. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid herausgefallen aus der Gnade. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.“
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Diese Worte des Paulus sind die kürzeste und wohl prägnanteste Zusammenfassung der christlichen Botschaft. In diesen wenigen Worten ist das ganze Evangelium gebündelt, ist die ganze reformatorische Entdeckung Martin Luthers kurz und bündig zusammengefasst. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“
Christus ist für uns Menschen eingetreten.
Er hat sich jenen zugewandt, die nichts leisten konnten.
Er hat durch sein Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen gezeigt, dass Gottes Liebe nicht abhängig ist von Vorleistungen unsererseits.
Ohne jede Vorbedingung hat er Menschen angenommen, ihnen vergeben, sie heil gemacht. Dieses bedingungslose liebende Tun Gottes in Jesus wurde an Ostern in seiner befreienden Macht deutlich.
Er hat uns befreit vom Zwang, uns selbst durch eigenes Tun verwirklichen zu müssen.
Gott hat durch Jesus Christus längst aus uns das gemacht, was wir sind: seine geliebten Kinder in der freien Luft des Vaterhauses.
So hat uns Christus befreit vom Zwang, uns das Leben selber besorgen zu wollen.
Er hat uns befreit vom Zwang, uns selbst durch eigenes Tun verwirklichen zu müssen.
Gott hat durch Jesus Christus längst aus uns das gemacht, was wir sind: seine geliebten Kinder in der freien Luft des Vaterhauses.
Wir verdanken uns dem, der uns grundlos und unverdient liebt.
Unsere Existenz, ihr Sinn und ihr Gelingen werden uns von Gott geschenkt.
Unser Leben beginnt mit Gottes Ja zu uns.
Wir Menschen verdanken uns nicht uns selbst, sondern der in Jesus Christus Gestalt gewordenen Gnade Gottes. Unser Leben ist mehr als das, was wir daraus machen, es ist zu aller erst und zuletzt ein Geschenk des liebenden Gottes. Dieses zu wissen, schafft Freiheit.
Das ist die befreiende Entdeckung des Paulus. Das ist die befreiende Entdeckung der Reformation. Wir Menschen verdanken uns nicht uns selbst, sondern der in Jesus Christus Gestalt gewordenen Gnade Gottes. Unser Leben ist mehr als das, was wir daraus machen, es ist zu aller erst und zuletzt ein Geschenk des liebenden Gottes. Dieses zu wissen, schafft Freiheit. Am Anfang der Reformation stand diese Entdeckung der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Diese Freiheitsbotschaft des Evangeliums hat Martin Luther im Jahr 1518 bei seiner Disputation in Heidelberg auf den Punkt gebracht. Als einer, der in der Nähe von Heidelberg lebt, zitiere ich diese Worte Luthers besonders gern: „Die Sünder sind schön, weil sie von Gott geliebt werden, nicht werden sie geliebt, weil sie schön sind.“
Kein anderes Evangelium darf gelten als dieses: Jeder Mensch hat freien Zugang zur Gnade Gottes, zur Gotteskindschaft.
Diese von Christus geschenkte Freiheit dürfen wir nicht verspielen, indem wir uns ein neues Joch der Knechtschaft aufladen lassen. Die uns von Christus geschenkte Freiheit darf durch nichts und niemanden beschnitten werden. Deshalb kämpft Paulus so energisch, geradezu polemisch in seinem Brief an die Gemeinden von Galatien gegen seine Gegner. Sie verkündigten in diesen Gemeinden, dass der Weg zur Gotteskindschaft nur über die Beschneidung führen könne. Erst müssten die Menschen den jüdischen Glauben annehmen, erst dann könnten sie im Glauben die ihnen zugesagte Freiheit der Kinder Gottes erlangen. Gegen diese judenchristliche Position kämpft Paulus mit aller Leidenschaft und verkündigt: „Allein durch den Glauben seid ihr alle Gottes Kinder in Christus Jesus. Da gilt nicht Jude oder Heide“ (Gal 3,26). Kein anderes Evangelium darf gelten als dieses: Jeder Mensch hat freien Zugang zur Gnade Gottes, zur Gotteskindschaft. Wer Gottes Gnade von irgendwelchen Bedingungen abhängig macht, dem sagt Paulus: „Ihr habt Christus verloren, seid aus seiner Gnade herausgefallen.“ Nichts darf den Zugang zur Gotteskindschaft beschneiden, auch nicht die Beschneidung, dieses Bundeszeichen des jüdischen Gottesvolkes.
An dieser Stelle erwarten Sie, liebe Schwestern und Brüder, jetzt ganz gewiss Äußerungen von mir zur aktuellen Beschneidungsdebatte. Da muss ich Sie enttäuschen. Die Debattenlage zur Zeit des Paulus und die heutige sind streng voneinander zu unterscheiden. Paulus ging es um die Freiheit des Evangeliums von der Beschneidung. Bei der heute geführten Diskussion um die Zulässigkeit der Beschneidung jüdischer Knaben geht es um die Religionsfreiheit, um die Freiheit zur Beschneidung. So wie Taufe und Abendmahl für uns Christen Zeichen des neuen Gottesbundes sind, so ist die Beschneidung für unsere jüdischen Glaubensgeschwister Zeichen des Bundes, den Gott mit ihnen geschlossen hat. Verbietet man den Juden die Beschneidung, eliminiert man ihr Bundeszeichen, das für sie konstitutive Zeichen ihrer Gotteskindschaft. Können wir das wollen?
Was beschneidet heute unsere Freiheit? Ich wage die zugespitzte These: Es ist die ausufernde Freiheit selbst, die uns zunehmend unfrei macht, die immer mehr Menschen stöhnen lässt unter einem Joch der Knechtschaft. Auf dem globalen Markt der Möglichkeiten entscheidet über Teilhabechancen am Leben allzu oft, wie gut ich mich einbringen und inszenieren kann. Das ist die neue Unfreiheit unserer Zeit, dass viele Menschen meinen, sich ständig neu erfinden zu müssen.
Zurück zu Paulus und nochmals die Frage: Was beschneidet heute unsere Freiheit? Ich wage die zugespitzte These: Es ist die ausufernde Freiheit selbst, die uns zunehmend unfrei macht, die immer mehr Menschen stöhnen lässt unter einem Joch der Knechtschaft. Auf dem globalen Markt der Möglichkeiten entscheidet über Teilhabechancen am Leben allzu oft, wie gut ich mich einbringen und inszenieren kann. Das ist die neue Unfreiheit unserer Zeit, dass viele Menschen meinen, sich ständig neu erfinden zu müssen. Vorgegebene Traditionen und Institutionen werden schwächer. Aus Vorgaben zur Gestaltung des Lebens werden Optionen, die viele, allzu viele überfordern. Sinnhaftigkeit des Lebens muss jeder und jede selbst herstellen. Wer es nicht schafft, hat versagt. Dem Grundsatz der Freiheit des Einzelnen „Ich bin, was ich aus mir mache“ wird gehuldigt in einem oft erbarmungslosen Kampf um den besten Platz an der Sonne, um die besten Lebenschancen. Was mit der Befreiung des Menschen aus seiner Unmündigkeit begann, endet zunehmend in einer neuen babylonischen Gefangenschaft, der immer mehr Menschen nicht entrinnen können. Wie viele ach so freie Menschen bei uns und in aller Welt sind getrieben von einem sie unfrei machenden Imperativ, der lautet: Du musst etwas aus deinem Leben machen! Wie aktuell ist da die Freiheitsbotschaft des Evangeliums: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Wie aktuell ist diese Botschaft: „Du bist, was du bist, weil Gott dich als sein Kind angenommen hat.“
Die herrliche Freiheit der Kinder Gottes ist eben nicht Beliebigkeit. Ist nicht zu verwechseln mit Zügellosigkeit. Ist keine Freiheit, die im Egoismus endet. Es ist eine Freiheit, die in der Liebe wirksam werden will, im Tun des Gerechten, in der Hinwendung zum Nächsten.
Die gnädige Zusage Gottes macht uns in der Tat frei. Frei auch dazu, unsere Freiheit nicht für uns zu leben, sondern sie aktiv in Verantwortung zu gestalten. Die herrliche Freiheit der Kinder Gottes ist eben nicht Beliebigkeit. Ist nicht zu verwechseln mit Zügellosigkeit. Ist keine Freiheit, die im Egoismus endet. Es ist eine Freiheit, die in der Liebe wirksam werden will, im Tun des Gerechten, in der Hinwendung zum Nächsten. So konnte Martin Luther diese Freiheit wunderbar paradox formulieren: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Christus hat uns nicht befreit, damit wir unsere Freiheit auf Kosten anderer leben, als Rivalen der Freiheit anderer. Die uns von Christus geschenkte Freiheit ist keine Ellbogenfreiheit. Sondern Christus befeit uns zur freien Sicht auf die anderen. Auf jene, die uns brauchen, um Lebenschancen zu erhalten. Christus befreit uns dazu, die anderen mit den Augen der Liebe zu sehen. Eine königliche Freiheit! Eine Freiheit für die Schwachen. Eine Freiheit, die dann auch genau weiß um Gottes Weisung für unser Leben.
Liebe Schwestern und Brüder, als von Christus Befreite sind wir hinein genommen in Gottes Gegenbewegung gegen die Perversion der Freiheit, die so viele Menschen unfrei macht. Die herrliche Freiheit der Kinder Gottes will wirksam werden in unserer Liebe. Deshalb hat uns Christus zur Freiheit befreit – zu einer Freiheit, die sich in der Liebe bewährt!
Amen.
