Liebe Gemeinde,
zum wiederholten Male feiere ich nun schon in dieser Kirche mit Ihnen Gottesdienst. Und immer wieder freue ich mich, hierher zu kommen, in Ihre wunderbar renovierte Peterskirche. Wenn ich mich noch an die unglaublichen Turbulenzen erinnere, welche die anstehende Renovierung Ihrer Kirche seinerzeit auslöste, dann sage ich in Anlehnung an jene Worte, die einst Dekan Däublin bei der Einweihung der Peterskirche vor 100 Jahren sprach: „Bei der Renovierung der Peterskirche ist es andersherum zugegangen wie beim Turmbau zu Babel: In Weinheim hat man mit der Sprachverwirrung begonnen, danach renoviert und sich am Ende wieder verstanden:“
„Wie heilig ist doch diese Stätte!“ In der Tat: An diesem Ort, dieser heiligen Stätte, erfahren Menschen Besonderes. Sie betreten dieses Gotteshaus mit ihren ganz irdischen Fragen und Ängste. Und sie spüren, wie all das Menschliche, das sie mitbringen, hier in den Horizont des Himmlischen gestellt wird.
Und heute kann ich beim Betreten dieses Kirchenraumes, beim Einatmen seiner besonderen Aura, beim Betrachten seiner Schönheit nur staunend und andächtig dem zustimmen, was über dem Eingangsportal Ihrer Kirche steht: „Wie heilig ist doch diese Stätte!“ In der Tat: An diesem Ort, dieser heiligen Stätte, erfahren Menschen Besonderes. Sie betreten dieses Gotteshaus mit ihren ganz irdischen Fragen und Ängste. Und sie spüren, wie all das Menschliche, das sie mitbringen, hier in den Horizont des Himmlischen gestellt wird. Sie suchen diese Kirche auf, um ihre irdischen Nöte und Freuden vor Gott zu tragen in der Hoffnung, dass sich ihnen im Hause Gottes eine Pforte zum Himmel auftut. Diese Kirche signalisiert durch ihre Offenheit die Wahrnehmung irdischer Verantwortung. Und in ihrer lichten Gestalt und mit ihren Türmen verdeutlicht sie zugleich eine himmlische Ausrichtung. Alles Irdische hat Platz in dieser Kirche. Und zugleich ist alles offen für den Himmel, für Gottes himmlisches Wirken.
Wir brauchen Orte, die das Irdische mit dem Himmlischen sinnlich erfahrbar verbinden. Wir brauchen Orte, an denen wir uns als irdische Menschen der Nähe des himmlischen Gottes in besonderer Weise vergewissern können.
Wir Menschen brauchen solche „heilige Stätten“ wie diese Peterskirche. Wir brauchen Orte, die das Irdische mit dem Himmlischen sinnlich erfahrbar verbinden. Wir brauchen Orte, an denen wir uns als irdische Menschen der Nähe des himmlischen Gottes in besonderer Weise vergewissern können. An denen wir unsere Sorgen und Verzweiflung, unsere Zweifel und Fragen, unser Erschrecken und unsere Trauer klagend, singend und schweigend zum Ausdruck bringen können - an einem Ort, der etwas ahnen lässt von der Gegenwart und der himmlischen Heiligkeit Gottes.
Hier berührt uns ein himmlisches Geheimnis, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren irdischen Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott.
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“
Auf dem Hintergrund dieser Gedanken hören wir auf das Wort der Bibel, das uns für diesen Sonntag gegeben ist. In diesem Wort aus dem 29. Kapitel des Jeremiabuches ist auf faszinierende Weise die Verantwortung für die Gestaltung des irdischen Lebens mit der Suche nach Gott, dem Heiligen, verbunden. Hören wir: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl. Denn so spricht der Herr. Wenn für Babel 70 Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.“
Vergegenwärtigen wir uns die Situation jener, zu denen diese Worte gesprochen wurden: Entwurzelt waren sie und ohne Heimat. Schlimmer noch: fern von allem, was ihnen lieb und heilig war. Jerusalem, die hochgelobte Stadt, Zion, der Tempel - dort, nur dort war Leben, wirklich Leben. Dort wohnte Gott, mitten unter sei¬nem Volk. Sie waren vertrieben aus der Heimat Gottes. Abgeschnitten von ihm, allein auf fremdem, unheiligem Boden. Sie waren in Babel. Babel - das war mehr als nur der Name der Hauptstadt eines untergegange¬nen Weltreiches. Babel - das war der Ort der Gottesferne, der Gottlosigkeit. In Babel wohnte das Böse.
Die Welt ist nun einmal nicht besser, als sie ist. Darum gilt es, sich auf sie einzulassen.
Ungeheuerlich ist die Botschaft Jeremias an die Exilierten in Babel: „Nicht morgen geht eure Knechtschaft zu Ende, nein sie dauert 70 Jahre. Lasst euch nieder, anstatt auf dem äußersten Stuhlrand zu sitzen, rufbereit zu jeder Stunde! Versöhnt euch, betet gar für die Sieger, anstatt Zäune zu ziehen und heilige Bezirke zu errichten! Glaubt, dass Gott es so wollte und euch nun zum Aushalten zwingt! Suchet der Stadt Bestes, sucht den Schalom dieser bösen Stadt und betet für sie! Engagiert euch, denkt mit und bringt euren Glauben mit ins Spiel! Tut das Alltägliche: Baut Häuser und pflanzt Gärten an. Heiratet und habt Kinder - lebt einfach! Wohnt in Babel, dieser bösen Welt mit allen Versuchungen und Widerwärtigkeiten, mit Gewalt und Hass, mit Götzendienst und Gottlosigkeit!“ Wie ernüchternd ist doch dieser Realismus des Propheten. Keine falsche Vertröstung, kein Schönreden der Situation. Nein: Einen nüchternen Ruf zur Diesseitigkeit, den mutet Jeremia seinen Landsleuten zu. Die Welt ist nun einmal nicht besser, als sie ist. Darum gilt es, sich auf sie einzulassen.
Wohnt in Babel und hofft auf Jerusalem! Lebt da richtig, bewusst als ganze Menschen, wo ihr jetzt seid, aber vergesst nicht, woher ihr kommt! Ihr sollt in Babel leben, aber Jerusalem im Herzen tragen und damit Distanz zu diesem Ort wahren und darauf merken, dass ihr im Grunde eures Herzens eine andere Bestimmung habt, eine größere Hoffnung, als hier zu bauen, zu pflanzen, zu leben.
Und dennoch! Dennoch lässt es der Prophet nicht bewenden bei diesem nüchternen Realismus. Nein, Jeremia predigt nicht einfach Anpassung, Eintauchen und Untergehen in der Fremde. Er sagt nicht nur: „Wohnt in Babel!“ Er sagt auch: „Hofft auf Jerusalem! Hofft auf die Stadt, in der der Schalom Gottes zu Hause ist! Wohnt in Babel und hofft auf Jerusalem! Lebt da richtig, bewusst als ganze Menschen, wo ihr jetzt seid, aber vergesst nicht, woher ihr kommt! Ihr sollt in Babel leben, aber Jerusalem im Herzen tragen und damit Distanz zu diesem Ort wahren und darauf merken, dass ihr im Grunde eures Herzens eine andere Bestimmung habt, eine größere Hoffnung, als hier zu bauen, zu pflanzen, zu leben.“ Deshalb steht am Ende seiner Mahnung die Zusage Gottes, dass es da noch mehr gibt als das Sich-Einrichten in der Welt: „Ich weiß, welche Gedanken ich über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leids, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Wenn ihr mich von Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen.“ Das heißt: „Lebt alltäglich in und mit Babel, aber bewahrt euch trotz allem Jerusalem in euren Herzen, die Sehnsucht nach einem letzten Heilwerden, die Sehnsucht nach Gott!“ So mahnt Jeremia die Deportierten zur Diesseitigkeit, zur Verantwortung, zur Mitwirkung an der Welt. Er mahnt sie, ganz irdisch und jetzt zu leben und zugleich die Sehnsucht nach dem Himmel nicht aus dem Herzen zu vertreiben. Er mahnt sie, ganz irdisch das Leben zu gestalten und zugleich die Suche nach dem Himmel, die Sehnsucht nach Gott, nicht aufzugeben.
Planen und bauen, säen und ernten, arbeiten und beten, aber nicht den weiten Horizont der Hoffnung vergessen, Gottes Weg des Schalom, der höher ist als alle Vernunft.
Liebe Gemeinde,
wie die Exilierten damals sollen Sie den Schalom suchen für das Land, in dem Sie leben. Sollen Sie den Schalom suchen für die Stadt, in der Ihre Kirche steht - wobei natürlich klar ist, dass Weinheim nicht mit Babel gleichzusetzen ist, wie schon Dekan Däublin wusste. Wirklich in und mit der Stadt leben. Wirklich ihr Leben verantwortlich mitgestalten. Wirklich hier in dieser Stadt zu einem Klima der Toleranz beitragen. Wirklich hier in dieser Stadt dafür sorgen, dass soziale Probleme Lösungen zugeführt werden und Bürgersinn gestärkt wird. Wirklich hier und jetzt für diejenigen beten, die in dieser Stadt Verantwortung tragen, im Gemeinderat und im Rathaus, in Behörden und Schulen. Aber bei diesem ganz irdischen Geschäft die Sehnsucht nach Gottes letztem Schalom bewahren. Bei all diesem irdischen Geschäft die Suche nach Gott nicht aufgeben. Immer wissen, dass das hier nicht alles ist - Weinheim nicht und nicht Baden-Württemberg, die Bundesrepublik Deutschland nicht und nicht Europa, die sozialen Nöte in dieser Stadt nicht und nicht die Sorge um den Euro. Hier ganz realistisch leben, und sich doch nicht einschließen lassen durch die bisweilen harte Realität des Lebens. Planen und bauen, säen und ernten, arbeiten und beten, aber nicht den weiten Horizont der Hoffnung vergessen, Gottes Weg des Schalom, der höher ist als alle Vernunft.
„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."
„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung." Mit dieser Verheißung werden uns Bilder von Gottes Schalom vor Augen gemalt, die über die Gegenwart hinausweisen. Bilder von seinem Schalom, der alles einschließt, was er an Heil bereithält: Den Frieden untereinander, das faire Umgehen miteinander, das Zusammenleben in Gerechtigkeit, das geprägt ist von Achtung vor allen Menschen und Liebe zu Gottes Schöpfung. Am Ende des Weges Gottes mit dieser Welt steht nicht das Leid, sondern der Schalom Gottes, steht Leben, nicht Tod. Gott hat sich den Schalom für uns als Ziel aller unserer Wege ausgedacht.
Ganz irdisch leben und dennoch ganz auf den himmlischen Schalom Gottes hoffen, das gilt es einzuüben im Glauben. Ganz an der Überwindung des Bösen mitarbeiten, wissend, dass es nie von Menschen ganz überwunden werden kann, und dennoch bedingungslos darauf vertrauen, dass am Ende alles, wirklich alles heil wird in Gottes Schalom, das macht unseren Glauben aus. So verbinden sich in unserem Glauben Irdisches und Himmlisches, allzu Menschliches und Heiliges.
Aber in all der Zeit, die Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, gegeben ist, gilt es, das Alltägliche zu tun, das Wohl dieser Babel-Welt zu suchen und zugleich auf Gottes ewigen Schalom zu hoffen.
An Gottes Gedanken des Friedens auch in dunklen Zeiten - daran erinnert diese Peterskirche, seit 100 Jahren. Wie lange noch, das wissen wir nicht. Aber in all der Zeit, die Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, gegeben ist, gilt es, das Alltägliche zu tun, das Wohl dieser Babel-Welt zu suchen und zugleich auf Gottes ewigen Schalom zu hoffen. Diese Peterskirche will sie daran erinnern, sich ganz einzulassen auf Ihre irdische Stadt und zugleich die Sehnsucht nach dem himmlischen Schalom Gottes nicht aus Ihren Herzen zu verlieren. „Wie heilig ist diese Stätte, an der wir singen: Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten.“
Amen.
