Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
ich freue mich sehr, diesen interkulturellen Gottesdienst mit Euch feiern zu können, der seit 2008 jährlich in unserer Landeskirche begangen wird. Schon für das letzte Jahr war geplant, dass ich dort die Predigt halten sollte, aber leider hat es nicht geklappt. Umso schöner, dass es heute zu meiner ersten Begegnung mit dem Internationalen Konvent christlicher Gemeinden in Baden kommt. Wie ungemein bereichernd eine solche Begegnung ist, erleben wir heute in diesem Gottesdienst. Wir erleben eine beglückende Vielfalt der musikalischen Beiträge. Wir erleben einen Reichtum kirchlicher Prägungen, der uns nachdenklich werden lässt hinsichtlich der Schlichtheit unserer deutschen protestantischen Tradition. Wir erleben eine entgrenzende Buntheit in dem einen Volk Gottes. Wir erleben eine wunderbare Einheit in unserer Verschiedenheit, indem wir gemeinsam - über alle Grenzen der Sprachen und der Kulturen hinweg - Gott loben und gemeinsam auf sein Wort hören.
Heute hören wir gemeinsam auf jene Worte, die uns als Losung durch das Jahr 2012 begleiten. Es sind Worte, die einst der Apostel Paulus an die Gemeinde von Korinth schrieb.
Um diese Worte verstehen zu können, muss ich einleitend kurz die Situation skizzieren, in die hinein sie geschrieben worden sind: Paulus war in Korinth als Prediger des Evangeliums aufgetreten und hatte diese Gemeinde gegründet. Paulus war kein Meister der großen Worte, eher ein kläglicher Redner. Kein Superapostel, eher schwach in seinem Auftreten. Zudem litt er unter einer unheilbaren Krankheit. Wahrscheinlich war es eine Form der Epilepsie, die ihn fürchterlich plagte. Ferner war Paulus ein vom Judentum Abgefallener und darum Verfolgter. An vielen Orten wurde er ins Gefängnis geworfen. Oft entkam er dem Tode nur knapp. Auf seinen Missionsreisen fiel er unter die Räuber, litt auf seinen langen Märschen Durst, erlitt Widerstände bei seinen Hörern, auch in der Gemeinde von Korinth. Hier kam es zu einem schweren Konflikt, als Wanderprediger in die Gemeinde eindrangen, mächtige Redner, Superapostel. Sie prahlten mit großartigen göttlichen Offenbarungen, die ihnen zuteil geworden waren, und verhöhnten den kläglichen Prediger Paulus. Gegen diese Männer musste sich Paulus zur Wehr setzen. Und er tut es, indem er nicht auf seine großen geistlichen Erfahrungen verweist, sondern auf das, was er tragen muss: seine unheilbare Krankheit, seine lebensbedrohlichen Verfolgungen und seine Todesängste. Er erkennt und bekennt seine ganze Schwachheit. Er findet ein Ja zu seiner Schwachheit und rühmt sie. Die Zusage Christi, die ihm in den Auseinandersetzungen mit den Superaposteln zugesprochen wird, wird zum Losungswort seines Lebens: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Auf diese Zusage des Herrn antwortet Paulus mit den Worten:
„Darum will ich mich am liebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“
Liebe Schwestern und Brüder, eigentlich hätte auch Paulus Großes vorzuweisen: Visionen Gottes - Offenbarungen - Einblicke in den Himmel, ins Paradies. Aber all dieses führt er nicht an. Vielmehr verweist er auf das, was er tragen muss. Er verweist auf all das Unsägliche, was andere ihm zugefügt haben. Warum verhält er sich so? Paulus hat an seinem eigenen Leib eine Erfahrung gemacht, die grundlegend ist für unseren christlichen Glauben: Unser Glaube hat seine Grundlage nicht in unseren Fähigkeiten und Stärken, unser Glaube ist nicht unser Werk, ist nichts, auf das wir uns etwas einbilden könnten. Ist nichts, das wir durch brillante Reden oder kluge Sätze herstellen oder begründen könnten. Nein: Unser Glaube gründet allein in der Kraft, die Gott in uns wirkt. Und als Menschen, die an Jesus Christus glauben, folgen wir dann auch nicht den Gesetzen der Stärke, an denen sich die Welt meist orientiert. Die Welt rechnet nur mit den menschlichen Möglichkeiten, nicht aber mit menschlicher Schwachheit. Sie rechnet nicht mit der Gebrochenheit und Vorläufigkeit menschlichen Lebens. Sie kennt nur die vermeintlichen Selbstheilkräfte des freien Marktes, die Machbarkeit allen Lebens, das persönliche Glück und die Sicherung von Wohlstand um jeden Preis, den Anspruch auf ein gelingendes Leben. Sie kennt aber nicht das Angewiesensein des Menschen auf die Gnade Gottes, die Schwache stark macht.
Christlicher Glaube aber weiß um die Ohnmacht und Schwachheit des Menschen, denn sie weiß auch um die Ohnmacht Gottes. Sie weiß davon, dass Gott sich aus der Welt hat herausdrängen lassen ans Kreuz, dass er ohnmächtig und schwach in der Welt war und gerade so und nur so bei uns ist und uns hilft (D.Bonhoeffer). Unser Glaube gründet sich auf den gekreuzigten Gott. Der gekreuzigte Gott, der selbst in Jesus Christus ganz schwach war, dieser Gott hat einen besonderen Blick für die Schwachen, für die Ohnmächtigen. Dieser Gott, der selbst schwach war, nimmt sich der Schwachen gnädig an. Und so kann er kraftvoll für die Schwachen wirken. Kann er ihnen in aller Schwachheit ungeahnte Kräfte schenken.
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mit diesen Worten hat Gott sein großes Ja zur Schwachheit des Apostels gesprochen. Und dieses Ja Gottes weist zurück auf das Wort, das er in Jesus Christus für alle Welt gesprochen hat: Unscheinbar und schwach begann es - im Stall von Bethlehem. Dann das Auftreten Jesu, ohne Macht und Einfluss, aber mit wachem Blick für Arme und Kranke, Bedürftige und Besessene. Den Schwachen in der Welt hat er sich zugewandt. Er wurde schwach, ließ sich ans Kreuz nageln. So hat Gott sein gnädiges Ja zur menschlichen Schwachheit gesprochen. Und am Ende stand sein großer Sieg über den Tod, der alles überstrahlt. An Ostern hat sich die Kraft erwiesen, die im Schwachen mächtig ist. Dieses in Jesus Christus gesprochene Ja Gottes zur Schwachheit ist es, von dem Paulus lebt und das ihm in seinem Leiden persönlich zugesprochen wird. Dieses gnädige Wort Gottes ist es, das bis heute soviel Kraft hat, dass es auch uns aufhelfen kann in all den Schwachheiten unseres Lebens. Dieses schwach gewordene Wort Gottes ist es, das soviel Kraft hat, dass wir Ja sagen können zu unserer Schwachheit.
Liebe Schwestern und Brüder, uns verbindet der Glaube an Jesus Christus, der Glaube an dieses schwach gewordene Wort Gottes. Und dann kann sich unser aller Bestreben nur auf eines richten: Unserem Herrn so nachzufolgen, dass in unserem Leben Christus Gestalt annimmt und wir durch unser Auftreten die Gegenwart Christi bezeugen. Und dieser Christus ist eben kein Strahlemann und Alleskönner, sondern der gekreuzigte, misshandelte, schwache, gebeugte Christus. Im gekreuzigten, schwachen Christus spricht Gott sein Ja zu dieser Welt. Deshalb können wir in der Nachfolge Christi Ja sagen zu unserer Schwäche.
Nicht besondere Fähigkeiten und Qualitäten machen unser Leben als Christenmenschen aus, sondern die Fähigkeit, zur eigenen Schwachheit Ja zu sagen. Dabei ist gar nicht immer klar, wer unter uns die Schwachen sind, wer die Starken. Bezogen auf unser Zusammensein heute ist vielmehr zu sagen: Es ist völlig ungenügend, wenn wir die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft immer als die Schwachen ansehen und ihnen mit großzügigen Gesten bei der Überlassung von Räumlichkeiten oder durch diakonisches Handeln entgegenkommen.
Wenn ich die glaubensvollen Gesänge und Gebete unserer Schwestern und Brüder aus diesen Gemeinden höre,
wenn ich wahrnehme, mit welcher Glaubenskraft etwa manche Glieder dieser Gemeinden in ihrer schwierigen Situation als Asylbewerber ohne sichere Zukunft Kraft entwickeln,
wenn ich wahrnehme, wie aus dem Zusammenhalt dieser oft kleinen Gemeinden eine ungeheure Kraft erwächst,
wenn ich umgekehrt höre, wie gerade Menschen aus diesen Gemeinden verwundert sind über manche Glaubensschwäche in unseren badischen Gemeinden oder erschrocken über die geringe Akzeptanz des gottesdienstlichen Lebens in unserem Land, wenn ich all dies wahrnehme, dann ist die Frage höchst berechtigt: Wer sind eigentlich jene, in deren Schwachheit Gott seine Kraft erweist?
Aber weiter noch gedacht: Wir alle, die wir hier Gottesdienst feiern, wissen uns doch zutiefst verbunden in dem Bewusstsein, dass wir in unserer Schwachheit alle angewiesen sind auf den Gott, der uns die Kraft zum Leben schenkt. Wir wissen uns zutiefst verbunden im Glauben an denselben Herrn, aus dessen Gnade zu leben uns Kraft gibt. Wir wissen uns zutiefst verbunden in dem Glauben, dass Gott selbst uns hilft, das Ja zur eigenen Schwachheit mutig zu wagen. Wir müssen die Kraft zu diesem Ja nicht selbst entwickeln. Paulus kann zu seiner eigenen Schwachheit stehen, weil zuvor Gott zu ihm gesprochen hat: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Dieses Wort hat Gott selbst verbürgt durch Jesus Christus, sein schwach gewordenes Wort. Und dieses Wort spricht Gott auch uns zu. Es begleitet uns in Zeiten des Leids und der Trauer, an Tiefpunkten unseres Lebens. Das von Gott gesprochene Ja zur Schwachheit befähigt uns, ein Ja zu unserer eigenen Schwachheit zu finden. Vor unserem Ja zu unserer Schwachheit steht Gottes gnädiges Ja zu uns schwachen Menschen. Vor unserem Ja zu unserer Schwachheit steht Gottes Zuspruch: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Dieses gnädige Ja Gottes hat Paulus erfahren, von diesem gnädigen Ja Gottes hat er in seinem Brief nach Korinth Zeugnis abgelegt. Dieses gnädige Ja Gottes wird uns heute in diesem Gottesdienst zugesprochen. Von diesem gnädigen Ja Gottes werden wir nachher singen „Amazing grace“. Wir können Ja sagen zu unserer Schwachheit, weil Gott sein gnädiges Ja zu uns längst gesagt hat. Das ist es, was uns verbindet über alle Grenzen hinweg. Und das ist es, was uns stark macht in dem einen Volk Gottes. Amen.
