„Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt“

Predigt des Landesbischofs Dr. U. Fischer zur Wieder-Einweihung der Friedenskirche Handschuhsheim über Ps 26,8 (30.9.2012)

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
die heutige Wiedereinweihung Ihrer Friedenskirche ist ein außergewöhnliches Geschehen - sowohl im Leben Ihrer Gemeinde als auch im Leben eines Landesbischofs. Wiedereinweihungen renovierter Kirchen sind immer herausragende Ereignisse für die Kirche am Ort wie für die Landeskirche. Die heutige Wiedereinweihung ist aber darüber hinaus ein ganz außergewöhnliches Ereignis, denn selten gab es um eine geplante Renovierung einer Kirche so erbitterte Auseinandersetzungen wie in dieser Gemeinde. Über viele Monate wurde heftigst über die Renovierung gestritten. Dabei ist es nicht gelungen, eine der Renovierungsmaßnahme angemessene Sachdebatte zu führen. Große Emotionen kamen ins Spiel. Konflikte wurden in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Die Friedensgemeinde in Handschuhsheim hat in diesen langen und quälenden Auseinandersetzungen ihrem Namen nicht immer Ehre gemacht. Und auch die Kirchenleitung hat sich auf allen Ebenen sehr um Klärung und Schlichtung bemüht, blieb aber schließlich am Ende auch ratlos. Nun ist in den letzten Monaten - ganz besonders nach dem würdigen Gottesdienst, mit dem Sie von Ihrem noch nicht renovierten Gotteshaus Abschied nahmen - Ruhe eingekehrt, Frieden allerdings wohl noch nicht.

Was Ihre Gemeinde angesichts der anstehenden Kirchenrenovierung durchlebte, war wohl in seiner Heftigkeit einmalig. Aber kaum eine Kirchenrenovierung erfolgt, ohne dass Menschen intensiv miteinander diskutieren über das rechte Maß einer Renovierung. Wie erklärt sich dieses leidenschaftliche Interesse an einer Kirche, das angesichts anstehender Umbau- oder Renovierungsmaßnehmen aufbricht? Ich habe dafür vor allem eine Erklärung, die ich mit Hilfe eines Psalmwortes verdeutlichen will: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt“. Aus anderen Beziehungen wissen wir, dass Auseinandersetzungen umso leidenschaftlicher geführt werden, je mehr sich Menschen in Liebe verbunden wissen. Genau so verhält es sich bei Auseinandersetzungen um die Gestaltung eines Kirchenraumes: Menschen lieben diesen Kirchenraum.

Er ist ihnen in langen Jahren ihres Lebens zu einem Ort geworden, den sie mit ihren Tränen und mit ihrem Dank gefüllt haben.
Hier haben sie in Zeiten innerer Unruhe einen Ort der Stille gefunden.
Hier haben sie als Ehepaare um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg gebeten.
Hier wurde ihnen Wegweisung gegeben, als sie ihre Kinder zur Taufe brachten.
Hier wurde ihnen Gottes Wort tröstend zugesprochen, als sie ihrer Verstorbenen gedachten.
Hier haben sie Gott danken können nach Bewahrung in schwerer Not, klagen und weinen dürfen nach erfahrenem Leid, zurückschauen dürfen auf lange Wegstrecken des Lebens.
Hier wurden sie in geradezu himmlischer Weise angerührt durch wunderbare Kirchenmusik.
Ja: Wie viele Menschen haben dieses Haus Gottes lieb gewonnen!

Eine Kirche ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum. Ein Kirchenraum erzählt von den Gläubigen vor uns, erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen. Dies zu erinnern, macht dankbar, denn wir spüren: Mit unserem Glauben stehen wir nicht am Anfang. Mit unserem Glauben sind wir Teil des Gottesvolkes, dem Gott seit Tausenden von Jahren seine Treue hält. Sind wir Teil des Gottesvolkes an diesem Ort. Sind wir Teil des Gottesvolkes in der ganzen bewohnten Welt. Eine Kirche ist eben kein normales Gebäude. Sie ist ein Haus, bei dessen Betreten wir hinein genommen werden in eine Glaubensfamilie, die viele Generationen vor uns begann und die uns auf eine wunderbare Weise trägt und birgt. Sie ist ein Haus, das uns und vielen Menschen irgendwie einen heimatlichen Lebensraum bietet. Hier können wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern. Hier können wir unsere Sorgen und Verzweiflung, unsere Zweifel und Fragen, unser Erschrecken und unsere Trauer klagend, singend und schweigend zum Ausdruck bringen. An diesem Ort ahnen wir, dass wir mit unseren irdischen Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott. Deshalb fühlen wir uns in einer Kirche heimisch, entwickeln wir zu ihr eine tiefe innere Beziehung und sprechen mit den Worten des Psalmisten: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.“

Diese Liebe zum Haus Gottes, dieses Gespür dafür, dass dies kein normales Haus ist, sondern ein Haus, in dem auf geheimnisvolle Gottes Ehre wohnt, diese Liebe zum Haus Gottes ist es, die uns leidenschaftlich werden lässt, wenn es um Veränderungen an diesem Gotteshaus geht. Mit jeder Veränderung droht etwas fremd zu werden. Jede Veränderung an diesem Haus Gottes erfahren wir als Verunsicherung. Theoretisch wissen wir alle, dass unser Gott ein Gott ist, der durch alle Veränderungen des Lebens mit uns geht. Dass er selbst ein Gott ist, der in seinem Mitgehen mit uns sich verändert. Aber das, was wir theoretisch wissen, ist so schwer einzuholen in unserem Glaubensleben: Da klammern wir uns eben an das Vertraute, an das lieb Gewordene, da es Sicherheit zu bieten scheint in den vielen Umbrüchen und Unsicherheiten des Lebens. So ist eine Kirchenrenovierung viel mehr als der Umbau eines Hauses: Sie ist immer auch ein Akt der Entheimatung, der Entfremdung von dem, was uns lieb geworden ist. Zugleich aber ist eine solche Kirchenrenovierung etwas, was die Zukunft unserer Kirche sichern helfen soll. Ein Beitrag zur kirchlichen Beheimatung künftiger Generationen, damit auch sie einmal sagen können „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Haus und den Ort, da deine Ehre wohnt.“

Liebe Gemeinde, lassen Sie mich noch einen Gedanken anschließen. Dieses Psalmwort ist nicht nur ein Wort, das die tiefe emotionale Bindung an eine Kirche auf den Punkt bringt, dieses Wort ist auch in anderer Hinsicht ein aufregend aktuelles Wort. Der Zusammenhang des ganzen 26. Psalms lässt erkennen, auf welche Weise der Beter zu seiner Liebeserklärung für das Haus Gottes gelangt. Der Psalmbeter ist auf der Flucht. Man hat ihn zu Unrecht schwer beschuldigt und angeklagt. Er schwebt in höchster Lebensgefahr. In dieser Not sucht er Zuflucht im Tempel. „Herr, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig!“ So ruft er zu Gott. Der Tempel wird dem Beter zum Zufluchtsort, zum Asyl. Der Beter trägt seine persönliche Not hinein in den Tempel. Der Altar wird zum Ort, wo er all das Bedrohliche seiner Gegenwart ablegen kann. Der Altar wird ihm zum Ort des Asyls.

Der Psalmbeter lehrt uns, die Liebe zu einem Kirchengebäude nicht zu trennen von den Herausforderungen der Gegenwart: Die Not der Gegenwart, die persönliche Not eines jeden Einzelnen und einer jeden Einzelnen, die Not einer Gemeinde und die vielen gesellschaftlichen Nöte unserer Zeit gehören hinein in den Raum der Kirche. Wir dürfen und sollen diese Nöte ausbreiten auf dem Altar Gottes. Wir dürfen und sollen mit all unserer Not Zuflucht suchen am Altar. Und wir sollen und dürfen dann für die Zuflucht all jener eintreten, die auf Frieden für ihr Leben hoffen. Wenn wir die Nöte der Gegenwart hinein nehmen in unsere Kirchen, dann erhält der Gottesdienst Bedeutung als Versammlung, Feier und Gebet der von Nöten Bedrohten und aus Nöten Bewahrten. Und wenn wir unsere Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt, werden von unseren Gottesdiensten Gottes heilende Kräfte hineinwirken in unseren Alltag. Darum gehören zur Liebe zum Haus Gottes auch die offenen Türen, durch welche die Not der Welt Eingang findet in den Kirchenraum und durch die Gottes heilendes Wirken hinausströmt in die Welt. Darum ist es wichtig, die Türen der Kirche hin zur Welt zu öffnen. Ich hoffe, dass künftig auch die Türen dieser Friedenskirche unter der Woche offen stehen für Menschen, die Frieden für ihr Leben suchen. Welch ein Zeugnis für die Welt wäre es, wenn Menschen die Möglichkeit hätten, während der Woche in dieser Kirche zu beten, Gott zu loben, fürbittend Kerzen für andere zu entzünden oder ganz einfach diese Kirche als einen Ort der Stille zu erfahren - als einen Ruhepunkt für ihre Seele in der Unrast des Lebens, als einen Lebensraum zum Aufatmen!

Menschen, die in einer Kirche Geborgenheit in der Nähe Gottes erfahren, können und dürfen sich nicht abschirmen vom Alltag der Welt mit seinen Freuden und Nöten. Darum gehören das Beten und das Tun des Gerechten so untrennbar zusammen. Der Friede, den Gott in diesem Kirchenraum unserer Seele schenkt, und der Friede in der Welt, für den wir uns einsetzen, gehören untrennbar zusammen. Die Verantwortung für Menschen, die sich in unserem Land nach Geborgenheit sehnen, gehört in den Kirchenraum. Die Verantwortung etwa für Menschen, die aus weiter Ferne zu uns gekommen sind, um hier eine neue Heimat zu finden wie in jüngster Zeit die Flüchtlinge aus Nordafrika und dem arabischen Raum. Haben auch all jene, die fliehen vor dem Unfrieden in ihrem Land, einen Platz im Haus Gottes, in der Friedenskirche?
Darin findet die Liebe zu einer Kirche seine Vollendung, dass diese Liebe den Kirchenraum zum Lebensraum für die vielen macht, die friedlos leben. Ich wünsche Ihrer Gemeinde, dass nach dieser Kircheneinweihung nicht nur Frieden in dieser Gemeinde einkehrt, sondern dass viele Menschen Ihre Kirche wirklich als eine Kirche des Friedens für sich erfahren. Amen.