Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wozu feiern wir Weihnachten?
Wozu ist Gott in dieser Welt erschienen? Wozu ist erschienen der Sohn Gottes? Würden wir diese Frage heute den Menschen auf der Straße oder in unseren Gemeinden stellen, dann würden sicherlich viele verständnislos reagieren. Jene aber, die mit dieser Frage etwas anfangen könnten, würden Antworten geben wie diese: Jesus Christus ist erschienen, um diese Welt zu verändern. Er ist gekommen, um Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen. Er ist gekommen, um uns mit Gott zu versöhnen. Er ist gekommen, um Liebe zwischen den Menschen zu stiften.
Vorhin haben wir in der Schriftlesung zum heutigen 1. Christtag eine andere Antwort gehört: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er uns rette, damit wir Erben des ewigen Lebens würden. Also Weihnachten ein Rettungsfest. Das ist die Botschaft der Weihnacht, die uns der Verfasser des Titusbriefes zuruft: In Christus ist erschienen die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, damit wir gerettet werden! An Weihnachten erweist sich Gott als Menschenfreund, als Philanthrop. Gott zeigt uns seine freundliche Seite, wird unser Freund. Und mit diesem Freundschaftserweis Gottes beginnt seine Herrschaft in dieser Welt. Das ist die gute Botschaft der Weihnacht. Mit der Geburt Jesu Christi begann die Errettung der Menschen. Gottes Menschenfreundlichkeit hat eine rettende Kraft, das haben damals die Hirten verkündet bekommen, das haben dann im Leben und Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi viele erfahren, die Jesus Christus begegnet sind. In seinem Wirken wurde die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes konkret erfahrbar als eine rettende Wende des Lebens. Und diese Rettung findet ihr Ziel, indem wir als Kinder, als Freundinnen und Freunde Gottes „Erben des ewigen Lebens“ werden.
Weihnachten ein Rettungsfest
Weihnachten ein „Rettungsfest“ Wovon müssen wir Menschen denn errettet werden? Der Verfasser des 1. Johannesbriefes sagt es kurz, knapp und doch so missverständlich und der Kantatendichter nimmt dies im Eingangschor unserer Kantate auf: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ Mit dieser Antwort sind wir kaum klüger als zuvor. Wer rechnet heute schon noch mit dem Teufel? Wem ist heute noch plausibel zu machen, dass Errettung der Menschen mit der Zerstörung der Werke des Teufels beginnt?
Wenn wir genauer hineinsehen in den 1. Johannesbrief, dann entdecken wir, dass als beispielhaftes Werk des Teufels der Mord Kains an seinem Bruder Abel genannt wird, also der Hass und die Feindschaft zwischen den Menschen. Dieser teuflischen Wirklichkeit des Hasses setzt der Verfasser des 1. Johannesbriefes die göttliche Botschaft der Liebe entgegen, wenn er schreibt: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch….Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ Und dann folgert er: „Also lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.“
Jetzt werden uns die Worte seines Briefes, die dem Eingangschor unserer Kantate zugrunde liegen, verständlicher: Die Zerstörung der Werke des Teufels beginnt mit der Liebe Gottes, die er uns im Kommen Jesu Christi erwiesen hat. Und die Zerstörung der Werke des Teufels hat seine Mitte darin, dass wir durch Gottes Liebe befreit werden zur Liebe, die allen Hass überwindet.
Wie aktuell eine solche Botschaft ist in einer Welt, in der hasserfüllte Konflikte nicht enden wollen, das spüren wir alle doch zu genau. Da müssen wir gar nicht erst auf den Hass zwischen Palästinensern und Israelis schauen oder auf den Bruderzwist in etlichen arabischen Ländern, da müssen wir gar nicht erst die hasserfüllten kriegerischen Auseinandersetzungen im Kongo oder in Mali in den Blick nehmen. Wie sehr Feindschaft und Hass das Zusammenleben der Menschen oft zur Qual machen, das kennen wir auch aus unserem engsten Lebensbereich: Wie viel Hass zerstört Familien und macht gar Kinder zu Waisen? Wie viel Hass treibt Rechtsradikale auf die Straßen und verleitet sie zu schlimmsten Untaten! Und auch ein Blick in unser eigenes Herz lohnt sich: Nicht immer ist es uns möglich, unsere Abneigung gegenüber anderen Menschen in den Griff zu bekommen. Da bedarf es schon immer wieder einer Überwindung, einer Zerstörung der teuflischen Werke des Hasses.
So ist die Botschaft des 1. Johannesbriefes, die Johann Sebastian Bach im Eingangschor seiner Kantate aufgenommen hat, keineswegs überholt. Der kämpferische Ruf der Hörner, den wir am Schluss des Gottesdienstes noch einmal hören werden, signalisiert den Sieg Christi über den Teufel. Im feierlichen Klang der Hörner und Oboen wird die Rettung der Welt durch Christus besungen. Im dann folgenden Rezitativ wurde mit den Worten „Das Wort ward Fleisch und wohnet in der Welt“ dieser Sieg Christi direkt mit der Menschwerdung Gottes verknüpft. Der Sieg über den Teufel, die Überwindung des Bösen geschieht dadurch, dass Gott sich in Jesus Christus zu uns Menschen herablässt. Es kommt zum „fröhlichen Wechsel“, wie Martin Luther dies genannt hat: Der große Gottessohn wird ein kleines Menschenkind, der König wird ein Untertan, der Herr ein Knecht. Und nachher werden wir singen: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein! Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein!“
Gottes Liebeshandeln an Weihnachten
Ja, die Befreiung des Menschen zu wahrer Liebe des Nächsten wie des Feindes beginnt mit Gottes Liebeshandeln an Weihnachten. Und dieses befreiende Liebeshandeln Gottes an uns hat Wirkungen. Nicht nur, dass wir frei werden zur Nächsten- und Feindesliebe, nein: Bei uns stellt sich auch weihnachtliche Freude ein über dieses Geschenk der Befreiung. Von dieser Freude wird in unserer Kantate gleich in drei Chorälen überschwänglich gesungen:
„Christus bringt Freud“ heißt es im ersten Choral. Dann wird gesungen vom Eingang in den „Saal der Freuden“, und am Ende schließlich wird vom Chor, später dann auch von der Gemeinde, eingestimmt in den Weihnachtsjubel „Freude, Freude über Freude, Christus wehret allem Leide.“ Ja, wir können uns freuen über Gottes weihnachtlichen Sieg über den Teufel. Wir können uns freuen über die Beziehungsfähigkeit Gottes. Wir können uns freuen darüber, dass Gott in der Geburt Christi zu uns in Beziehung tritt und uns beziehungsfähig macht. Wir können uns freuen über Gottes Sieg über alle Ich-Bezogenheit, die das Grundübel menschlichen Zusammenlebens ist.
Von diesem Sieg über alles Böse kündet der 2.Teil der Kantate in eigenartig archaischen Bildern. Die nach der Predigt folgenden Stücke sind geprägt vom Motiv der Schlange. Wir erinnern uns: In der Erzählung vom Sündenfall im 1. Buch der Bibel ist es eine Schlage, die Adam und Eva zum Bösen verführt. Bis heute ist im umgangssprachlichen Gebrauch bei uns die Schlange ein Symbol der Verschlagenheit. Am Ende der Sündenfallgeschichte heißt es in der Rede Gottes. „Ich will Feindschaft setzen zwischen deinen Nachkommen und dem Nachkommen Evas; der soll dir den Kopf zertreten.“ Christliche Auslegung sah darin seit vielen Jahrhunderten einen Hinweis auf den Eva-Nachkommen Jesus. Auch zu Bachs Zeit deutete man die Menschwerdung Gottes und die Wiederkunft Christi als das Zertreten der Schlange, als Überwindung alles Bösen. In einem recht bekannten Weihnachtschoral aus der Feder von Johann Sebastian Bach heißt es:
„Er hat erlöset uns vom Tod und wieder bracht zu Gnad bei Gott;
er heilet der gift‘gen Schlangen Biss, den wir bekamen im Paradies.
Lob, Preis und Dank sei Gott bereit für solche Gnad in Ewigkeit.“
Von daher verstehen wir den kämpferischen Ton in der Bass-Arie, wo in blutvoller Dramatik ein Triumphgesang über die „höllische Schlange“ angestimmt wird.
Von daher verstehen wir, dass die Altstimme davon singen kann, dass durch die Geburt des Heilands der bösen Schlange alles Gift genommen sei.
Von daher verstehen wir, dass ein Choral angestimmt werden kann, der den Sieg über die Schlange besingt - als Sieg über alle Sünde.
Bei aller Fremdheit der Bilder: Hier wird ein einziger Jubelgesang angestimmt auf die Rettungstat Gottes, die er an Weihnachten mit dem Sieg über alles Böse vollbracht hat. Und so kann die Kantate ausklingen mit festlichen, jubelnden Freudenklängen. In der Arie des Tenors kann der Komponist gar nicht genug bekommen von immer neuen kunstvollen Vertonungen der Rufes „Freuet euch!“. Und im Schlusschoral endet die Kantate in purer Weihnachtsfreude.
Liebe Gemeinde, zu solcher Weihnachtsfreude will die Musik uns heute Morgen anstecken. Dann kommt die Weihnachtsbotschaft wirklich bei uns an, wenn wir uns anstecken lassen vom unbedingten Liebeswillen Gottes. Dann kommt die Weihnachtsbotschaft wirklich bei uns an, wenn wir uns freuen darüber, dass wir befreit sind von aller Ich-Bezogenheit.
Wozu ist erschienen der Sohn Gottes? So habe ich eingangs gefragt. Am Ende der Kantate ist die Antwort klar: Dazu ist er erschienen, dass die Menschen befreit werden zu einer Liebe, die vom andern her denken und handeln lernt. Dazu ist er erschienen, dass Gottes Sieg über alles Böse unser Leben reich macht und uns einstimmen lässt in jubelnde Freude. „Freude, Freude über Freude, Christus wehret allem Leide.“
(Landesbischof Dr. Ulrich Fischer)
