Das Magnificat Marias - eine Widerstandsbewegung gegen die Hoffnungslosigkeit
Predigt zum 3. Advent von Landesbischof Dr. U. Fischer in Freiburg, Lk 1,46-55
Liebe Gemeinde, in diesem Gottesdienst erklingt eine Musik, die uns alle wohl besonders anrührt und bewegt. Eine Musik, die Johann Sebastian Bach im Jahr 1723 komponiert hat. Ihm zugrunde aber liegt ein anderes Stück Musik, eines der schönsten und aufregendsten, welches die Bibel überliefert hat. Vorhin haben wir dieses Stück Musik bereits gesungen und miteinander gebetet, nämlich den Lobgesang Marias, wie er im 1. Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist.
Denn es lohnt sich, Maria für uns neu zu entdecken als eine Frau, von deren Glauben wir vieles lernen können. Kein Text der Bibel spricht so eindrucksvoll vom Glauben der Maria wie ihr Lied, das sie in Erwartung der Geburt ihres Kindes anstimmt.
Zu Unrecht gehört Maria in der evangelischen Kirche zu den Vergessenen. Denn es lohnt sich, Maria für uns neu zu entdecken als eine Frau, von deren Glauben wir vieles lernen können. Kein Text der Bibel spricht so eindrucksvoll vom Glauben der Maria wie ihr Lied, das sie in Erwartung der Geburt ihres Kindes anstimmt. In der Vorbereitung auf die Geburt Jesu ist dieses Lied ein Adventslied, freilich ein merkwürdiges. Es handelt von Gottes Reich der Gerechtigkeit, das in der Geburt Jesu bei den Menschen ankommt. Seinen Namen „Magnificat“ hat dieses Lied erhalten durch seinen lateinischen Textanfang „Magnificat anima mea = Meine Seele erhebt den Herrn.“ So wie es uns im Lukasevangelium überliefert ist, ist es das Lied, das Maria nach ihrer Begegnung mit Elisabeth, der Mutter Johannes‘ des Täufers, anstimmt. Aber schon ein erster Blick auf dieses Lied zeigt, dass es ganz im Stil alttestamentlicher Psalmen abgefasst ist. Und wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir, dass dieses Adventslied der Maria jenem Lobpsalm nachgebildet ist, den im 1. Buch Samuel Hanna nach der Geburt ihres Sohnes Samuel anstimmt.
Mit dem „Magnificat“ also drücken Maria und alle, die mit ihr dies Lied singen, ihre Not aus, aber eben auch ihre Hoffnung auf Gottes gerechte, verändernde Kraft. Das „Magnificat“ besingt die Hoffnung auf radikale Veränderung der sozialen Lage der Armen, die Hoffnung auf eine gute Zukunft bei Gott.
In seinem Inhalt ist das „Magnificat“ ein typisches Beispiel der Armenfrömmigkeit der Bibel. Wie oft schreien die von den Reichen und Mächtigen ausgebeuteten Armen in den Psalmen klagend zu Gott! Und wenn diesen Armen das Heil zugerufen wird „Selig seid ihr, denn das Reich Gottes ist euer“, dann wissen sie, dass sie in ihrer Niedrigkeit angesehen sind, dass ihnen die Königsherrschaft Gottes zugesprochen ist. Sie vertrauen darauf, dass ihr gegenwärtiges Leiden durch Glück im Reich Gottes ausgeglichen wird. Umgekehrt wird gegenwärtigem Glück künftige Entbehrung folgen. Nicht Strafe soll die Reichen treffen, sondern Ausgleich. Das gegenwärtige Leben wird als die eine Hälfte des Geschicks der Menschen angesehen und die Zukunft Gottes als die andere Hälfte. Durch Gottes Gerechtigkeit kommt es zur Umkehrung der gesellschaftlichen Rangordnung. Mit dem „Magnificat“ also drücken Maria und alle, die mit ihr dies Lied singen, ihre Not aus, aber eben auch ihre Hoffnung auf Gottes gerechte, verändernde Kraft. Das „Magnificat“ besingt die Hoffnung auf radikale Veränderung der sozialen Lage der Armen, die Hoffnung auf eine gute Zukunft bei Gott.
In der Geburt Jesus beginnt die Zukunft. Jetzt will Gott nicht nur die Niedrigkeit seiner Magd Maria ansehen, sondern er will allen in dieser Welt zu kurz Gekommenen zu ihrem Recht verhelfen. Mit dem Erbarmen über Maria hat die Erfüllung der Verheißungen Gottes begonnen.
In den Kreisen armer Menschen ist das „Magnificat“ als ein Lobpsalm entstanden. In den Gottesdiensten der Armen wurde es gesungen. Auch Maria selbst hatte in diesen Kreisen ihren Platz. Mit den Armen ihrer Zeit zusammen singt sie von dem Gott, der Gewalt übt, der die Hoffärtigen zerstreut, der die Gewaltigen vom Thron stößt, der die Niedrigen erhebt, der die Hungrigen mit Gütern füllt, der die Reichen leer ausgehen lässt, der seinem Knecht Israel aufhilft. Indem dieses Lied der Maria, dieser Psalm der Armen, nun vom Evangelisten Lukas eingefügt wird in die Kindheitsgeschichte Jesu, wird der Psalm Marias zu einem Adventslied. Wird die Sehnsucht der Armen in Beziehung gesetzt zur Geburt Jesu: Gottes einmalige Erbarmungstat in der Geburt Jesu bringt endgültiges Heil für die Armen aller Zeiten. Gottes Handeln in Jesus bewirkt, dass Hungrige satt und Demütige erhöht werden, während Mächtige, Hochmütige und Reiche ihre Macht und ihren Reichtum verlieren. All dies geschieht in der Geburt des Retters Jesus, des Messias. Diese Geburt ist die revolutionäre Erbarmungstat Gottes, der Anfang der Herrschaft Gottes, die die Not der Armen beendet. In der Geburt Jesus beginnt die Zukunft. Jetzt will Gott nicht nur die Niedrigkeit seiner Magd Maria ansehen, sondern er will allen in dieser Welt zu kurz Gekommenen zu ihrem Recht verhelfen. Mit dem Erbarmen über Maria hat die Erfüllung der Verheißungen Gottes begonnen.
Genau darin ist das „Magnificat“ das Lehrstück für den Lobgesang der christlichen Gemeinde geworden. Das „Magnificat“ ist damit weit mehr als nur ein Adventslied. Vielmehr ist es ein Lied, mit dem die christliche Gemeinde jeden Tag neu das Anbrechen der Herrschaft Gottes lobend besingt. Deshalb verwundert es nicht, dass das „Magnificat“ in den kirchlichen Tagzeitengebeten, in der sogenannten „Vesper“ seit mehr als 1500 Jahren täglich gesungen wird. Und es verwundert auch nicht, dass das „Magnificat“ in der Geschichte der Kirche immer wieder große Bedeutung gefunden hat. Im Mittelalter wurde dieses Lied beim Faschingsgottesdienst gesungen: An diesem Tage spielten die Knechte König und Herren. Sie erschienen in der Kirche mit Tiermasken und als Gaukler. Höhepunkt des Festes war der Lobgesang der Maria „Er stürzt die Mächtigen vom Thron.“
Bis heute findet das „Magnificat“ besondere Beachtung überall dort, wo Arme und Unterdrückte ihre Rolle im Lichte des Evangeliums zu deuten beginnen. Welch eine Hoffnung liegt für diese Menschen in dem Leitmotiv vom gerechten Gott, der die Niedrigen erhöht! Welch eine Kraft entfaltet für die Armen der Gedanke, dass in Marias Geschick eine gesellschaftliche Umwälzung begonnen hat, die in Gottes Reich einmal umfassend Wirklichkeit werden wird! Und umgekehrt: Wie sehr muss dieses Lied die Mächtigen dieser Erde zittern lassen! Der „revolutionäre Keim“ des „Magnificat“ soll schon den russischen Zaren in Schrecken versetzt haben und spricht heute unmittelbar hinein in die soziale Not vieler Christenmenschen in der sog. Dritten Welt.
Maria, die an sich selbst die Umkehrung der Werte erfahren hat, wird zum Urbild der Magd, die auf Befreiung wartet. Sie wird zur Frau, die von einer verlässlichen Stärke spricht, die sie erfahren hat. Sie wird zu einer mutigen Frau, die Kraft findet, ihre äußerlich betrachtet jämmerliche Situation mit Gottes Hilfe in etwas Starkes zu verwandeln.
Auch dort, wo Frauen über die Geschichte ihrer Unterdrückung nachdenken, kommt Marias „Magnificat“ in den Blick und entfacht unter Frauen eine subversive Leidenschaft für Gerechtigkeit. Maria, die an sich selbst die Umkehrung der Werte erfahren hat, wird zum Urbild der Magd, die auf Befreiung wartet. Sie wird zur Frau, die von einer verlässlichen Stärke spricht, die sie erfahren hat. Sie wird zu einer mutigen Frau, die Kraft findet, ihre äußerlich betrachtet jämmerliche Situation mit Gottes Hilfe in etwas Starkes zu verwandeln. So ist das „Magnificat“ zum Hoffnungslied für alle geworden, die nach gleichberechtigter Teilhabe am Leben hungern und dürsten.
Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Nicht die Schadenfreude über die Entthronung der Machtbesessenen, sondern die Freude darüber, dass die Gedemütigten aufrecht gehen lernen, bestimmt das Lied der Maria.
Bis heute ist Marias Lied ein Lied der Ermutigung aller Gedemütigten. Ein Lied, das uns lehrt, nach den Wurzeln vieler Übel zu fragen und Armut und Erniedrigung nicht als unveränderliches Schicksal hinzunehmen. Ein Lied, das uns schützt vor hündischer Kriecherei. Der im „Magnificat“ beschriebene Umbruch ist darin aber von allen bisherigen revolutionären Umstürzen der Weltgeschichte unterschieden, dass hier nicht nur Unterdrücker und Unterdrückte ihre Plätze wechseln. Dass Gott die Erniedrigten erhöht, heißt, dass er sie an seiner Herrschaft beteiligt. Nicht die Schadenfreude über die Entthronung der Machtbesessenen, sondern die Freude darüber, dass die Gedemütigten aufrecht gehen lernen, bestimmt das Lied der Maria. Gott gibt den Machtlosen Anteil an seiner Herrschaft. Er lässt seine Kraft in den Schwachen mächtig werden, wie unsere Jahreslosung es sagt. Er macht aus Opfern der Geschichte handelnde Subjekte in der Gegenwart, die sie Hoffnung zukünftigen Lebens in sich tragen – so wie Maria mit Jesus schwanger ging. Aber der Herrschaftswechsel, den Gott herbeiführt, geschieht nicht im Zeichen der geballten Fäuste, sondern im Zeichen der durchbohrten Hände des Gekreuzigten. Das macht das Revolutionäre dieses Liedes aus, dass es nicht aufruft zur Gewalt, sondern dass es ermutigt zu einer Widerstandsbewegung gegen die Hoffnungslosigkeit.
In diesem Sinne ist und bleibt das „Magnificat“ ein Revolutionslied Gottes, das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied, wie Dietrich Bonhoeffer es nannte. In diesem Sinn ist es das Lied der Glaubenden, die Gottes Barmherzigkeit am eigenen Leib erfahren haben.
Wie singen wir das „Magnificat“ heute als Adventslied? Wir singen es als ein schrilles Lied, indem es gegen jede adventliche Gemütlichkeit die anstößigen Fragen unserer Zeit unbarmherzig markiert: Wo sind wir schwach? Wo erfahren wir Ohnmacht? Wo wird Schwäche als Machtinstrument eingesetzt? Wie können wir Erniedrigte auf ihre Würde und auf ihren Wert aufmerksam machen und sie ehren? Auf welche Weise bin ich in der Lage, meine eigene Hoffnung auf Gerechtigkeit für die Armen zu leben? Aber wir singen das „Magnificat“ auch als ein wohlklingendes Adventslied, d.h. auf einem Grundton, auf den sich alles bezieht: Gott erhebt die Niedrigen, nicht wir. In Jesus kommt er in diese Welt, um ihr sein revolutionäres Erbarmen zu erweisen. In Jesus kommt er, um sein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten. Nicht ein menschliches Reich ist im Kommen, sondern es gilt: „Dein Reich komme!“ In diesem Sinne ist und bleibt das „Magnificat“ ein Revolutionslied Gottes, das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied, wie Dietrich Bonhoeffer es nannte. In diesem Sinn ist es das Lied der Glaubenden, die Gottes Barmherzigkeit am eigenen Leib erfahren haben. So singen wir das „Magnificat“ heute als unser Adventslied - schrill und zugleich wohlklingend. Die Machtverhältnisse in dieser Welt in Frage stellend und zugleich auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen. So singen wir dieses Adventslied - angestiftet von Maria, dieser Frau, die in ihrer Armut zugleich Mutter unseres Glaubens an das Erbarmen Gottes ist. Amen.
