Sich anstecken lassen vom Advent Gottes

Predigt zum 2. Advent von Landesbischof Dr. U. Fischer in Murg: 50 Jahre Evangelische Christuskirche Murg (Jes 35,3-10)

Liebe Gemeinde,
der heutige 2. Advent ist ein Festtag für diese Gemeinde. Ereignisse in Murg-Rickenbach haben in den zurückliegenden Monaten Zeitungen gefüllt, sogar in unserer Lokalzeitung im Rhein-Neckar-Kreis war von Ihrer Gemeinde oft zu lesen, allerdings nicht von Ihrem schönen Jubiläum, zu dem Sie mich eingeladen haben. Sie feiern das 50jährige Jubiläum Ihrer Christuskirche. Sie feiern 50 Jahre Beheimatung für die evangelischen Christenmenschen in Murg-Rickenbach, und auch in Herrischried.


Wir feiern Ihr Kirchenjubiläum am 2. Advent. Nach alter kirchlicher Ordnung ist das jener Adventssonntag, an dem unser Blick ganz weit in die Zukunft gelenkt wird, hin zum endgültigen Advent Gottes, zur Vollendung der Welt im Kommen Gottes zum Gericht. Davon haben wir vorhin bereits im Evangelium gehört, davon künden auch die Prophetenworte, die uns als Predigttext zum heutigen Adventssonntag gegeben sind. Der Prophet, der diese Worte sprach, lebte in einer sehr dürftigen Zeit; in einer Zeit, in der das Volk Israel weit verstreut im persischen Reich leben und auf seine Heimkehr nach Israel warten musste; in einer Zeit, in der die großen Weissagungen der alten Propheten zum Teil noch immer auf ihre Erfüllung warteten. In dieser dürftigen Zeit erinnerte er sich der großen Prophezeiungen des Jesaja und schrieb folgende Worte:
„Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Sagt den Verzagten: 'Habt Mut! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!' Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf. In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen. An dem Ort, wo jetzt die Schakale sich lagern, gibt es Gras, Schilfrohr und Binsen. Eine Straße wird es dort geben; man nennt sie den Heiligen Weg. Kein Unreiner darf ihn betreten. Er gehört dem, der auf ihm geht. Unerfahrene gehen nicht mehr in die Irre. Es wird keinen Löwen dort geben, kein Raubtier betritt diesen Weg, sie sind dort nicht zu finden. Dort gehen nur die Erlösten. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz und Seufzen entfliehen.“

 

Welch eindrucksvolle Bilder des Kommens Gottes! Welch wunderbare Bilder des Advents! Endlich wieder eine Zukunftsperspektive in dürftiger Zeit!

Wir müssen uns das vorstellen: Da waren die alten Verheißungen der großen Propheten enttäuscht worden. Da hatte man sich darauf eingestellt, dass eigentlich nichts Großes mehr geschehen würde. Da war die Müdigkeit an jeder Straßenecke zu spüren, auf jeder öffentlichen Veranstaltung und in jedem Gottesdienst. Hinein in diese Müdigkeit ruft nun einer: „Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie. Sagt den Verzagten: 'Habt Mut! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!' Er selbst wird kommen und euch erretten.“ Und dann erinnert er sich an die Worte alter Propheten und schildert das Kommen Gottes in buntesten Farben, so bunt, dass auch uns die Bilder des Kommens Gottes faszinieren. Ja, fast wird einem schwindelig angesichts der Fülle dieser wunderbaren Bilder. Gott kommt zur Rettung - höchst anschaulich und konkret: Menschen werden geheilt, die schlimmsten körperlichen Gebrechen verschwinden. Wüsten fangen an zu blühen, wüstes Land wandelt sich zum Garten Eden, zum Paradies. Und für Menschen in der Zerstreuung tut sich ein Weg auf zum Zion, ein heiliger Weg, der sie zu Gott führt. Welch eindrucksvolle Bilder des Kommens Gottes! Welch wunderbare Bilder des Advents! Endlich wieder eine Zukunftsperspektive in dürftiger Zeit!

 

Noch gibt es die grausame Wirklichkeit des Krieges im Kongo und in Syrien, die Not der Menschen in Afghanistan und die Sorgen um den Frieden im Nahen Osten.

Liebe Gemeinde, Sie merken schon, dass die Bilder dieses prophetischen Textes wunderbar hineinpassen in die Hochstimmung des heutigen Festtages. Aber Achtung! Zu leicht könnten diese Bilder uns dazu verleiten, den Alltag zu verdrängen. Die prophetische Schwärmerei steht in der Gefahr, zur wirklichkeitsfremden Träumerei zu werden. Denn noch gibt es nicht nur die Hochstimmung des Festes, sondern auch die müde machende Routine des Gemeindealltags. Noch gibt es körperliche Gebrechen, die Menschen quälen. Noch gibt es Leiden, das nicht geheilt werden kann. Noch leben wir nicht im Paradies. Noch sind wir dabei, die Welt immer mehr durch übermäßigen Energieverbrauch zu verwüsten. Noch gibt es die grausame Wirklichkeit des Krieges im Kongo und in Syrien, die Not der Menschen in Afghanistan und die Sorgen um den Frieden im Nahen Osten.

Und mit Recht sehen wir Christenmenschen im Kommen Jesu eine Teilerfüllung dieser großen prophetischen Verheißung. Mit Recht feiern wir seine Ankunft als wesentlichen Teil des Advents Gottes: „Seht, hier ist euer Gott. Er selbst wird kommen und euch erretten.“

Und dennoch will ich mich und Sie heute Morgen an die wunderbaren Bilder dieser prophetischen Verheißung erinnern. Will ich Ihnen und mir die wunderbaren Bilder des Advents Gottes vor Augen malen. Denn diese Bilder sind mehr als nur schöne Träume. So wie sich die Weissagungen der alten Propheten immer wieder in der Geschichte des Volkes Gottes in Teilen erfüllt haben, und wie sie dann doch wieder über jedes geschichtliche Ereignis hinauswiesen, so hat auch die Verheißung unseres Predigttextes in Teilen Erfüllung gefunden. Erinnern wir uns: Als Jesus gefragt wurde „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“, da antwortete er, indem er Bilder unserer prophetischen Verheißung aufnahm: „Seht, Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Und was Jesus hier sagte, das hat er mit Taten bestätigt, indem er Menschen heil machte und zu neuem Leben brachte. Und mit Recht sehen wir Christenmenschen im Kommen Jesu eine Teilerfüllung dieser großen prophetischen Verheißung. Mit Recht feiern wir seine Ankunft als wesentlichen Teil des Advents Gottes: „Seht, hier ist euer Gott. Er selbst wird kommen und euch erretten.“


Gott macht immer wieder Menschen bereit, die Gebrechen anderer zu heilen, Leben zu fördern. Und mancher oder manche hat auf wunderbare Weise an sich selbst Heilung von schwerer Krankheit erfahren.

Dieser Blick auf Jesus lässt uns fragen: Gibt es nicht auch heute für uns Teilerfüllungen von Verheißungen? Gott hat uns vor 23 Jahren in Deutschland und in Europa die Wende und den Fall des Eisernen Vorhangs geschenkt, er hat Erlöste heimkehren lassen. Gott hat uns bis heute vor der großen atomaren Bedrohung und damit vor der endgültigen Verwüstung der Welt bewahrt. Gott macht immer wieder Menschen bereit, die Gebrechen anderer zu heilen, Leben zu fördern. Und mancher oder manche hat auf wunderbare Weise an sich selbst Heilung von schwerer Krankheit erfahren. Und haben nicht in den 50 Jahren seit Bau dieser Kirche immer wieder Menschen an diesem Ort Gott gedankt dafür, dass er Verheißungen für ihr Leben hat in Erfüllung gehen lassen? Wird nicht jeder Gottesdienst in dieser Kirche gefeiert unter der großen Hoffnung, dass Gott einstmals bei seinem endgültigen Kommen am Ende aller Zeiten all seine Verheißungen endgültig erfüllen wird, so dass alle Tränen getrocknet und alle Schmerzen überwunden werden?

 

Wo Ihr die Bilder der Verheißungen Gottes betrachtet und auf die Worte prophetischer Verheißungen hört, da erlebt Ihr, dass Eure müden Hände gestärkt und Eure wankenden Knie fest gemacht werden.

Liebe Schwestern und Brüder, bis es soweit ist, liegt es an Euch, Euch anstecken zu lassen von den wunderbaren Bildern des Advents Gottes. Das Hinschauen auf seine wunderbaren Bilder stärkt Eure Füße und Hände, um anstehende Veränderungen in Euren Gemeinden kraftvoll zu gestalten, so dass von den Gottesdiensten in dieser Christuskirche auch in Zukunft kraftvolle Impulse ausgehen. Aber mehr noch: Das Hinschauen auf die wunderbaren Bilder des Advents Gottes macht Eure Augen frei zum ehrlichen Blick auf die Schmerzen der Menschen, auf die Wunden der Schöpfung, auch auf eigene Mut- und Tatenlosigkeit. Das Hören der prophetischen Verheißungen stärkt Euch, kleine und erste Schritte zu tun, heraus aus der Lähmung der Seelen. Wo Ihr die Bilder der Verheißungen Gottes betrachtet und auf die Worte prophetischer Verheißungen hört, da erlebt Ihr, dass Eure müden Hände gestärkt und Eure wankenden Knie fest gemacht werden. Da werdet Ihr befähigt, mitzuwirken an vielen Teilerfüllungen der Verheißungen Gottes.


Schenke uns Gott, dass wir offen werden für die Wahrheit seiner Verheißung und dass er unsere müden Hände stärke und unsere wankenden Knie fest mache.

Mag sein, dass wir uns dem Leiden und der Krankheit hilflos ausgesetzt fühlen, aber wir können leidenden Menschen beistehen mit unserem Trost und mit unserer Fürbitte, das habe ich gerade erst vor 10 Tagen bei meinem Besuch in Titisee-Neustadt erfahren.
Mag sein, dass wir auch in diesen Adventstagen ohnmächtig auf die Gewalt Rechtsradikaler in unserem Land schauen, aber wir können etwas tun gegen die Gewalt auf unseren Straßen, in unseren Schulen.
Mag sein, dass uns die Bilder von hungernden Menschen in den Dürregebieten dieser Erde auch in diesen Tagen wieder erschüttern, und unsere Spende für „Brot für die Welt“, die wir geben, wird sicher nicht die Wüsten der Welt zum Blühen bringen, aber sie kann zum Zeichen der Hoffnung werden für Menschen in den Dürregebieten unserer Erde.
Mag sein, dass wir uns hilflos fühlen angesichts des Flüchtlingselends in Afrika, aber wir können Menschen auf der Flucht vor Hunger, politischer Verfolgung oder sozialer Not, die zu uns kommen, aufnehmen und Bleiberecht und Heimat geben. Angesteckt von den Visionen der Propheten können wir mit gestärkten Händen und Füßen mitwirken an den Teilerfüllungen der großen Verheißungen Gottes.
So kommt es entscheidend darauf an, dass wir uns anstecken lassen von der Vision des letzten Advents Gottes. Solch ein Anstecken gelingt aber nicht nur über das Denken, es bedarf auch unserer Sinne. Deshalb will ich Ihnen am Ende meiner Predigt anschaulich verdeutlichen, wie mit kleinen Kräften eine Wüste zu blühen beginnen kann. Hier sehen Sie eine Wüstenpflanze. Man nennt sie „Rose von Jericho“. Sie ist hässlich, vertrocknet und braun. Ich werde nun etwas Wasser über diese vertrocknete Pflanze gießen, und am Schluss des Gottesdienstes oder nach dem Empfang werden Sie selbst sehen können, wie diese Pflanze sich entfaltet. Ich schenke Ihnen diese Wüstenpflanze und sie soll Sie immer erinnern an die Worte des Propheten: „In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen.“ Schenke uns Gott, dass wir offen werden für die Wahrheit seiner Verheißung und dass er unsere müden Hände stärke und unsere wankenden Knie fest mache. Amen.