Liebe Festgemeinde,
mit den wunderbaren Klängen der Musik von John Rutter wurde in diesem Gottesdienst das Lob Gottes angestimmt. Und eben gipfelte dieser Lobgesang in den Worten „Quoniam tu solus sanctus, tu solus dominus, tu solus altissimus, Iesu Christe, cum sancto spiritu in gloria dei patris. Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.“ So wurde Gott besungen als der Höchste, als der Heilige. Als der Heilige, als der ganz Andere. Nicht als der Bruder, dem wir distanzlos auf die Schulter klopfen können. Nicht als Wohnzimmergott. Gott wurde besungen als der Höchste, als der Heilige.
Der Lobpreis der Größe und der Heiligkeit Gottes schützt vor menschlicher Selbstüberschätzung und mahnt zur Selbstbescheidung. Indem wir von der Größe und Heiligkeit des dreieinigen Gottes singen, wird alles menschliche Tun relativiert, wird uns bewusst, dass menschliche Macht eine begrenzte ist und dass kein von Menschen proklamierter Wert absolut gesetzt werden darf. Indem wir von der Größe und Heiligkeit des dreieinigen Gottes singen, lösen wir uns von der Fixierung auf einengende Lebenserfahrungen, die uns manchmal eher die Kehle zuschnüren. Wie vieles in der Welt bietet keinerlei Anlass zum Singen! Persönliches Leid ebenso wie furchtbare Nachrichten über Untaten in Syrien, Sorgen um die Zukunft des Euro ebenso wie Angst um die Zukunft der Schöpfung. Im Singen aber bleiben wir nicht fixiert auf unsere Lebenserfahrungen. Im Singen öffnen wir uns für Gott und für sein Heil! Tiefster Grund für das Singen in der jüdisch-christlichen Tradition ist das, was Paul Gerhardt in einem seiner Lieder so ausgedrückt hat: „Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.“ Glaubendes Singen öffnet sich für den heiligen Gott. Indem Gott als der Höchste und Heilige besungen wird, erscheint unsere irdische Wirklichkeit in einem anderen Licht. Erhalten unsere Lebenserfahrungen einen neuen Ort in Gottes Welt, die weiter ist als unsere Lebenswelt. Im Singen werden wir verbunden mit Gottes Welt. So ist das Singen nicht nur eine irdische, sondern auch eine himmlische Angelegenheit.
Solch ein zu Gott hin geöffnetes Singen ist in gewissem Maße zweck- und absichtslos. Und die höchste Form solchen Singens ist die Anbetung Gottes. Solche Anbetung Gottes steht im Zentrum jedes eucharistischen Gottesdienstes. Festlich und fröhlich, lobend und dankend singen wir: „Du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist zur Ehre Gottes des Vaters“. Und mit diesem Lobgesang Gottes stimmen wir als irdische Gemeinde ein in einen himmlischen Lobgesang, in den Lobgesang der Engel, in den Lobgesang der ganzen Schöpfung. Der Lobgesang für Gott, den Höchsten und Heiligen, lässt uns eine grenzübergreifende, weltumspannende Gemeinschaft ahnen. Mit uns singen alle, die an anderen Orten dieser Erde ihren Glauben leben: Unsere Geschwister aus Südafrika und Griechenland, aus den USA und Kolumbien, aus Frankreich und Russland. Unsere Geschwister aus den evangelischen Kirchen ebenso wie aus der römisch-katholischen Kirche und aus der orthodoxen Glaubensfamilie. All diese Grenzen werden im gemeinsamen Gotteslob überwunden. Sogar die Grenzen des Todes werden im singenden Lobpreis überschritten, denn in die Gemeinschaft des Lobpreises sind auch alle einbezogen, die uns im Glauben vorangegangen sind, also auch unsere Verstorbenen. So erweitern wir in der singenden Anbetung Gottes unseren menschlichen Horizont. Nicht darin hat auch das Chorsingen seinen letzten Zweck, dass der Chor einen guten Auftritt hinbekommt, sondern darin, dass mit dem Chorgesang Gott angebetet, das Ohr und das Herz geöffnet wird für Gott.
Die Anbetung Gottes durch die Musik kann ganz vielseitig geschehen. Den dreieinigen Gott als den Höchsten und Heiligen besingen - das kann genauso geschehen durch einen Rap wie durch einen Choral, durch Gesänge aus Taizé wie durch Gospel, durch liturgische Gesänge, wie wir sie vor allem aus der katholischen oder orthodoxen Tradition kennen, oder auch durch eine Messe von John Rutter. Der Stil der Anbetung ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die singende Anbetung Gottes Menschen für das Geheimnis der göttlichen Welt aufschließt. Weil dieses Geheimnis aber letztlich ein unergründliches ist, ist auch das Singen von Gottes Größe und Heiligkeit immer unabgeschlossen und vorläufig. Wenn wir von der Dreifaltigkeit Gottes singen, dann geht es uns letztlich so wie dem Kirchenvater Augustin: Einst wandelte er am Strand des Meeres, tief versunken in seine Gedanken über das Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes. Er schrieb gerade ein Buch darüber. Er traf auf einen kleinen Jungen, der mit seinem Löffel das Meer in eine Muschel zu schöpfen versuchte. Er blieb stehen: „Was macht du denn da?“ „Ich schöpfe mit meinem Löffel das Meer in diese Muschel“, antwortete der Junge. „Das wird dir nicht gelingen“, meinte Augustin, „das Meer ist viel zu groß und zu tief, als dass du es in eine Muschel schöpfen könntest!“ Darauf der Kleine: „Wenn du das unergründliche Geheimnis Gottes und seiner Dreieinigkeit zwischen zwei Buchdeckel fassen kannst, dann kann ich auch das Meer in meine Muschel schöpfen.“
Ich füge hinzu: „So wenig du das Meer in eine Muschel schöpfen kannst, so wenig kannst Du das unergründliche Geheimnis der Größe und der Heiligkeit Gottes zwischen zwei Buchdeckel fassen. Aber Du kannst davon singen: „Quoniam tu solus sanctus, tu solus dominus, tu solus altissimus, Iesu Christe, cum sancto spiritu in gloria dei patris. Denn du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.“
