Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den 15. Sonntag nach Trinitatis steht im Galaterbrief des Apostels Paulus. Dort lesen wir: „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid, und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Alle aber sollen das eigene Werk prüfen; und dann werden sie allein auf sich selbst ihren Ruhm gewinnen und nicht gegenüber andern. Denn alle werden ihre eigene Last tragen.“
Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in der Kraft des Heiligen Geistes!
Eine ungewohnte Anrede für eine Gemeinde? Vielleicht. Aber eine angemessene. Denn wir würden heute nicht Gottesdienst feiern, wenn wir nicht Menschen wären, denen Gott seinen kraftvollen Geist geschenkt hätte. Wir sind getauft auf den Namen des dreieinigen Gottes. In der Taufe wurde uns der Geist Gottes verliehen. Wir leben aus der Kraft des Heiligen Geistes. Seit unserer Taufe sind wir begeisterte und darum begeisterte und vielleicht auch begeisternde Menschen. Sind wir Menschen, denen viele hoffentlich abspüren, dass sie erfüllt sind von Liebe und Freude, von Friede und Geduld, von Freundlichkeit und Güte und von jener Sorglosigkeit, von der wir im Eingangsteil des Gottesdienstes gehört und gesungen haben.
Seit unserer Taufe sind wir begeisterte, aber nicht unangefochtene Menschen. Wir haben den Heiligen Geist nicht wie einen Besitz. Immer wieder dringt Geistloses ein in unser Leben. Immer wieder geschieht es, dass wir unsere Bestimmung als geisterfüllte Menschen verfehlen. Weil Paulus um unsere Anfechtungen weiß, mahnt er: „Wenn wir aus dem Geist leben, dann lasst uns auch im Geiste wandeln. Lasst uns nicht prahlen, nicht einander herausfordern und beneiden.“ Das ist zunächst einmal eine Aufforderung zu einem geistvollen Umgang miteinander, zu einem geistvollen Umgang mit unseren Stärken und Schwächen. Da unsere Stärken nichts anderes sind als Gaben des Geistes, verbietet sich jede Prahlsucht. Wenn es um unsere Stärken geht, dann ist nicht Prahlsucht gefragt, sondern Mitfreude in der Kraft des Heiligen Geistes. Und umgekehrt: Wenn wir unsere Schwächen erkennen, dann ist nicht vergiftender Neid gefragt, sondern gegenseitiges Anteilnehmen und Anteilgeben in der Kraft des Heiligen Geistes.
Wo solches Anteilnehmen und Anteilgeben in der Kraft des Heiligen Geistes geschieht, da wachsen wunderbare Früchte des Geistes, auch in unserem Leben. Denken wir doch bitte nicht ständig so gering von uns. Gott hat uns reich beschenkt. Deshalb haben wir auch etwas zu bieten: Früchte des Geistes. Und die sind sicherlich wichtiger als so manche Frucht, von der wir uns täglich ernähren. Drei dieser Früchte nennt Paulus in dem von uns betrachteten Briefabschnitt:
Zunächst nennt er die Frucht der Sanftmut: „Wenn ein Mensch von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid, und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“ Mit dem Blick auf uns selbst fängt die Sanftmut an. Nicht mit dem stolzen Blick der Unangefochtenen, sondern mit dem selbstkritischen Blick, der die eigenen Grenzen, die eigenen Versuchlichkeiten, die eigenen Schwächen anschaut. Mit diesem Blick werden wir feststellen, dass wir selbst immer auch in der Gefahr stehen, Fehltritte zu begehen. Niemand von uns geht unangefochten durchs Leben. Wir alle sind unter Umständen darauf angewiesen, dass andere unsere Schwächen mittragen, unsere Fehler ausbügeln, uns Schuld vergeben. Zu gern halten wir uns für etwas Besseres. Erheben uns über Fehltritte anderer. Sind schnell mit Schuldzuweisungen bei der Stelle. Wer schuldig geworden ist, braucht aber nicht unsere Be- oder Abwertung. Er braucht unsere sanftmütige Zuwendung. Im Geist Christi muss jedes Aufdecken von Verfehlungen einhergehen mit mildem Zurechtbringen dessen, dem Verfehlungen vorgeworfen werden oder nachzuweisen sind. Und es muss gelingen, bei einem solchen Zurechtbringen eines Gestrauchelten immer zugleich an die eigene Versuchlichkeit zu denken und diese in Rechnung zu stellen. Paulus jedenfalls nimmt hier warnend Jesu Wort auf „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Ja, der Blick auf uns selbst, zeigt uns, wie gefährdet wir sind, schuldig zu werden. Wenn wir bisher von Fehltritten verschont geblieben sind, ist dies nicht unbedingt unser Verdienst, sondern oft einfach nur Glück oder ein Geschenk Gottes.
Damit komme ich zur zweiten Frucht des Geistes, die Paulus nennt: „Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Wie oft haben wir dies Wort schon gehört, wie oft schon predigend ausgelegt. Vor allem wird es gern von Brautleuten gewählt, wenn sie ihren Eheweg geistlich bedenken. Aber nicht bei jeder kirchlichen Trauung wird auch immer bedacht, dass dieses Wort in engstem Zusammenhang zur vorangehenden Mahnung steht. Die Lasten, um die es hier geht und deren gegenseitiges Tragen Paulus einfordert, sind vor allem die Lasten, die aus der Schwachheit anderer resultieren. Menschen mit Schwächen oder Verfehlungen sind darauf angewiesen, dass andere sie mittragen. „Ein jeder und eine jede trage das Belastende, das andere verursachen, trage jene, die lästig werden können.“ Das ist die zweite Frucht des Geistes: Das Mittragen anderer Menschen, die lästig sein können. Das Mittragen dieser Menschen ist Erfüllung des Liebesgebotes Jesu. Darum gilt: „Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Indem wir einander helfen, die Last der Verfehlungen zu tragen, erfüllen wir in aller Sanftmut das Gesetz des sanftmütigen Christus. Aus seiner Sanftmut leben wir, darum sollen und dürfen wir zu anderen Menschen sanftmütig sein. Wir leben davon, dass er die Last unseres Lebens ans Kreuz getragen hat, darum sollen und können wir einander Lasten tragen.
Die dritte Frucht des Geistes entfaltet Paulus in der Form einer scharfen Ermahnung: „Wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Alle aber sollen das eigene Werk prüfen; und dann werden sie allein auf sich selbst ihren Ruhm gewinnen und nicht gegenüber andern. Denn alle werden ihre eigene Last tragen.“ Das also ist die dritte Frucht des Geistes: Demütige Sachlichkeit und Selbstbescheidung. Soll das Wandeln im Geist Christi gelingen, müssen sich alle Beteiligten immer wieder die Kontrollfrage stellen: Bin ich selbstkritisch? Stehe ich in der Gefahr, mich zum Richter oder auch zur Richterin über andere zu erheben? Setze ich mich durch auf Kosten anderer? Geht es mir wirklich vorrangig um die Sache oder doch um die Durchsetzung eigener Interessen? Stelle ich meine eigene Person, meine Stellung und auch meine Macht zu sehr in den Mittelpunkt meines Denkens? Paulus fügt seine scharfe Mahnung zur Selbstbescheidung nicht umsonst an sein Wort vom „Gesetz Christi“ an. Letztlich geht es darum, dass das Wandeln im Geist nur möglich ist auf der Spur der Selbstbescheidung Jesu. Hat Jesus Christus sich denn erniedrigt, damit ich möglichst hoch herauskomme?
Drei Früchte des Geistes nennt Paulus. An ihnen konkretisiert er, was es heißt, im Geist zu wandeln. Wie ein roter Faden zieht sich durch diese drei Beispiele ein Gedanke: Das Wandeln im Geist kann nicht gelingen, wenn ständig das Spiel des Sichvergleichens gespielt wird. Wenn der eigene Wert aus der Differenz zu anderen abgeleitet wird. Wir verspielen unsere Freiheit, wenn wir um uns selbst kreisen. Wenn wir vergessen, dass sich unser Selbstbewusstsein nicht auf eigenes Können gründet, sondern auf die befreiende Tat Christi. Nicht „Adel verpflichtet“, wohl aber „Freiheit verpflichtet“ in der Gemeinschaft jener, die im Geist Christi leben und in diesem Geist auch wandeln wollen.
Mit dem achtsamen Blick auf uns selbst fängt die Sanftmut an. Und dieser achtsame Blick auf uns selbst macht uns achtsam für andere und ihre Angefochtenheit. Indem wir achtsam auf uns selbst und unsere Begrenztheit schauen und uns dann achtsam jenen zuwenden, denen aufgeholfen werden muss, lernen wir das Mittragen anderer, leben wir in der Nachfolge Christi. In der Nachfolge dessen, von dem es beim Einzug in Jerusalem heißt „Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig“ und der von sich selbst sagt „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“
Christusnachfolge geschieht in einer Haltung der Sanftmut, in der Tat des Mittragens und in demütiger Selbstbescheidung. Leben aus der Taufe geschieht, indem wir uns anstecken lassen von der Sanftmut Christi, die nicht verwechselt werden darf mit ständigem Liebsein. Die gewiss auch Härte mit einschließen kann, die aber immer getragen ist vom achtsamen Blick auf uns selbst und vom achtsamen Blick für andere, die darauf warten, dass ihnen jemand mit sanftmütigem Geist zurechthilft. Im sanftmütigen gegenseitigen Aufhelfen erfüllen wir, was Christus uns aufgetragen hat. Das ist die Bestimmung aller Getauften. Wir sind getauft auf den Namen eines sanftmütigen und demütigen Herrn, der uns trägt. Als Getaufte können wir Früchte seines Geistes ernten. Können wir zu sanft- und demütigen Lastenträgern für andere werden. Und dann bekommt das alte Wort „Einer trage des andern Last“ nochmals einen neuen Klang, etwa so:
Ein altes Wort, hast du gehört?
Nach tausend Jahren lebt es fort,
was Schwache stärkt und Starke stört,
und ist von Gott für uns verfasst:
Einer wage, einer trage des andern Last.
Gehst du allen, so geh ich mit.
Im Dunkel singen wir zu zwein
und geben Acht auf unsern Schritt,
dass keiner seinen Weg verpasst.
Einer wage, einer trage des andern Last. Amen.
