"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"

Ordinationspredigt in der Peterskirche (Universitätskirche) Heidelberg zur Ordination von Miriam Jakob, Juliane Kleibert, Gerda Motzkus und Stefanie

Liebe Ordinierte, liebe Festgemeinde!
“Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, das wusste nicht nur Hermann Hesse, als er sein Gedicht „Stufen“ schrieb; „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, das spüren Sie heute Morgen alle. Der Zauber des Anfangs prägt diesen Ordinationsgottesdienst, den wir feiern - der Zauber des Anfangs, den Sie, liebe Ordinierte, in diesen Wochen und Monaten so herrlich und irritierend erleben:
Zweites Theologisches Examen und Abschluss einer langen Ausbildung,
kirchliches Übernahmeverfahren und Eintritt in einen Beruf mit großen Chancen und Belastungen,
Vorbereitung auf die Ordination bei einer Rüste mit geistlichem Gewinn und viel Anlass zur Freude,
Zuweisung der Stelle für den Probedienst und für manche von Ihnen Umzug an einen neuen Ort
und nun die Freude des heutigen Tages mit der feierlichen Verpflichtung und der Mut machenden Einsegnung - all dies fast zuviel des Zaubers des Anfangs.

Schon kündet sich ein neuer Anfang mit seinem Zauber an: der Einsatz in der ersten Gemeinde. Wie zauberhaft der Anfang mit einer Gemeinde sein kann, hören wir heute aus dem ältesten Text des Neuen Testaments, aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Thessalonich. Paulus selbst hat diese Gemeinde unter großen Mühen gegründet. Und nun schreibt er - wohl um das Jahr 50 herum - an sie einen Brief. Einen fast zärtlichen, einfühlsamen Liebesbrief, der mit einem geradezu euphorischen Dank beginnt, ja mit einem Lobpsalm auf die noch junge Gemeinde. Jeder Zeile dieses Lobpsalms spüren wir förmlich den Zauber ab, der über dem Anfang dieser Gemeinde schwebt. Hören wir: „Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserem Gebet und denken ohne Unterlass vor Gott, unserem Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Beharrlichkeit in der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus. Liebe Geschwister, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem heiligen Geist und in großer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen. Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn, indem ihr das Wort aufgenommen habt in großer Bedrängnis mit Freude im heiligen Geist. So seid ihr ein Vorbild geworden für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, so dass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen. Denn überall berichten die Leute davon, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.“
Was muss das für eine wunderbare Gemeinde gewesen sein! Was muss das für eine vorbildliche Gemeinde gewesen sein - damals in Thessalonich, dass Paulus so ins dankbare Schwärmen gerät! Dabei bot - äußerlich betrachtet - die Wirklichkeit dieser Gemeinde überhaupt keinen Anlass zur Dankbarkeit. In der Großstadt Thessalonich bildete die christliche Gemeinde mit ihren höchstens 70 Mitgliedern eine winzige Minderheit. Diese Gemeinde war gefährdet durch Bedrohungen von außen und durch Zweifel und Streit im Inneren. Und dennoch dankt Paulus mit so überschwänglichen Worten für die Vorbildlichkeit dieser Gemeinde. Sieht Paulus denn nicht, wie kümmerlich sich diese Gemeinde ausnimmt inmitten der heidnischen Umwelt? Sieht er nicht die Schäden der Gemeinde? Doch Paulus sieht dies. Aber er sieht noch etwas anderes. Er sieht, dass hinter der kümmerlichen Fassade dieser Gemeinde Großes geschieht. Er sieht, dass Menschen in dieser Gemeinde die entscheidende Abkehr von den Götzen ihrer Zeit vollzogen und sich ganz dem in Jesus Christus erschienenen Gott zugewandt haben. Er sieht, dass in dieser Gemeinde Menschen die entscheidende Wandlung ihres Lebens erfahren haben.

Er sieht, dass in dieser Gemeinde Glaube, Liebe und Hoffnung eine geradezu zauberhafte Kraft entwickeln durch Werke im Glauben, durch Arbeit in der Liebe und durch Beharrlichkeit in der Hoffnung. In dieser Gemeinde entfaltet sich die Fülle christlicher Existenz in einem tätigen Christsein. Dafür dankt Paulus überschwänglich. Er dankt in der Form eines Gebetes. Er dankt Gott für alles, was er in dieser kümmerlichen Gemeinde durch seinen Heiligen Geist wirkt. Er dankt Gott dafür, dass er Menschen verwandelt und ihnen Kraft geschenkt hat, andere zu verwandeln. Er dankt Gott dafür, dass sich in dieser Gemeinde Jesus Christus so tief eingeprägt hat, dass Menschen sein Vorbild nachahmen, dass sie Mimen Christi werden, wie es wörtlich an dieser Stelle heißt. Paulus dankt Gott dafür, dass diese Menschen selbst nun zu Vorbildern des Glaubens, zu Typen des Glaubens für andere werden.

So also beginnt Paulus seinen ersten Brief, den er an eine Gemeinde schreibt. Er beginnt, indem er dankt für all das Gelingende, Positive im Leben der Gemeinde. Heute würden wir sagen: Paulus beherrscht die Methode, aus best-practice-Beispielen zu lernen. Zugleich beschämt er uns zutiefst, denn wir sind es gewohnt, von Defizit-Erfahrungen her zu denken und zu reden. Und das macht uns dann blind zu sehen, welche Werke im Glauben, welche Arbeit in der Liebe, welche Beharrlichkeit in der Hoffnung Gott auch heute in unseren Gemeinden wirkt. Paulus öffnet uns die Augen, gelebtes Christentum in unseren Gemeinden zu entdecken -
Werke im Glauben bei jenen, die sich zur Kirche bekennen und die sich nicht scheuen, über ihren Glauben zu sprechen und für ihn einzutreten,
Werke im Glauben bei jenen, die den Götzen unserer Zeit absagen und bereit werden zu einem Leben in der Nachfolge Christi,
Arbeit in der Liebe bei jenen, die unermüdlich kranke und alte Menschen pflegen,
Arbeit in der Liebe bei jenen, die sich rückhaltlos anderer Menschen annehmen und sich ehrenamtlich engagieren,
Beharrlichkeit in der Hoffnung bei jenen, die nicht müde werden in ihrem Einsatz für ein menschliches Gesicht dieser Gesellschaft,
Beharrlichkeit in der Hoffnung bei jenen, die sich standhaft einsetzen für Frieden und Gerechtigkeit in einer bewahrten Schöpfung.

„Seht Ihr diese Menschen, diese Nachahmer, diese Mimen Christi?“ so fragt uns Paulus. „Seht Ihr diese Vorbilder, diese Typen des Glaubens, auf die Ihr in der Gestaltung Eures Glaubenslebens so angewiesen seid? Seht Ihr das? Oder seht Ihr nur, was wieder einmal schief läuft, was in der Gemeinde nicht klappt, was an Strukturen zu verbessern wäre?“ Manchmal denke ich, dass wir die falsche Brille aufhaben, wenn wir das Leben in unserer Kirche betrachten. Und weil wir die falsche Brille aufhaben, kommen wir über Kritik und Nörgelei, über Klagen und Beschwerden nicht hinaus. Das ist es wohl, was uns das Zusammenleben in der Kirche oft so unglaublich schwer macht, dass wir nicht - wie Paulus - wirklich hinschauen auf die von Gott gewirkten Werke im Glauben, die Arbeit in der Liebe und die Beharrlichkeit in der Hoffnung.
Dabei gäbe es im Leben einer Gemeinde und im Leben einer Pfarrerin so viel Anlass, dankbar zu sein: Auch heute erschallt das Wort Gottes, es verändert und prägt Menschen, ruft sie in die Nachfolge Christi und macht sie zu Vorbildern des Glaubens. Auch heute kommt das Evangelium im Heiligen Geist zu Menschen, auf ganz unerwartete und rätselhafte Weise, aber so, dass es verändernde Kraft im Glauben, Lieben und Hoffen entfaltet. Auch heute erfahren Menschen ihre Erwählung durch Gott - in der Taufe, in der Gott bedingungslos sein Ja zu ihnen spricht. Auch heute gibt es in der Gemeinde Freude im Heiligen Geist, die Begeisterndes zustande kommen lässt. Und immer wieder - wie damals in Thessalonich - ist in solchem Geschehen Gott selbst am Werk. Ist das kein Grund, Gott zu danken für allen Reichtum des Glaubenslebens in einer Gemeinde? Ist dies nicht Anlass genug, immer wieder neu, Dankgebete zu sprechen und Dankpsalmen zu singen wie Paulus es getan hat? Und habe ich als Pfarrer oder Pfarrerin nicht auch immer wieder Grund genug, Gott dafür zu danken, dass ich sein Wort hören kann? Jede Predigtvorbereitung beginnt ja mit einem solchen Hören auf sein Wort. Habe ich nicht Grund genug, Gott dafür zu danken, dass er mich auf meinem Glaubensweg so begleitet hat, dass mein Leben eine Richtung erhalten hat? Solch ein Danken für das, was Gott im Leben einer Gemeinde und in meinem eigenen Leben wirkt, solch ein Danken macht nicht blind für das, was verbesserungsbedürftig ist in einer Gemeinde. Im Gegenteil: Es schenkt eine andere Sicht der Gemeinde und meines Lebens und setzt Potentiale der Veränderung frei.

Liebe Ordinierte, liebe Gemeinde,
“jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ - das stimmt. Aber nicht immer ist Anfang, und nicht immer ist das Leben einer Pfarrerin in einer Gemeinde zauberhaft. Der Zauber des Anfangs weicht oft der Ernüchterung des Abbruchs. Was wird, wenn die Begeisterung des Anfangs verflogen ist? Es bleibt der offene Blick für Gottes Wirken auch in nüchternen Zeiten. Es bleibt die Möglichkeit, auch in aller Bedrängnis empfänglich und aufnahmebereit zu bleiben für die Freude, die Gottes Wort ins Herz senkt. Und es bleibt die Möglichkeit, sich im dankbaren Gebet all dessen zu vergewissern, was Gott immer wieder wirkt an nachahmenswerten Werken im Glauben, an vorbildlicher Arbeit in der Liebe und an prägender Beharrlichkeit in der Hoffnung. Das dankbare Gebet für die Gemeinde ist darum ein wichtiger Teil pfarramtlichen Tuns: Es öffnet die Augen für viel Verborgenes in den Gemeinden und es stärkt im Dienst als Pfarrerin und Pfarrer. Das dankbare Gebet für die Gemeinde wird so zu Kraftquelle des Dienstes.

Lasst uns beten:
Ich danke Dir, Gott, dass Du Menschen Fähigkeiten schenkst, mit ihrem Glauben, mit ihrer Liebe und mit ihrer Hoffnung andere anzustecken.
Ich danke Dir, Gott, dass ich durch Menschen in dieser Gemeinschaft etwas von der Absage an die Götzen unserer Zeit erfahren kann.
Ich danke Dir, Gott, für alle Menschen, die mir durch die Gestaltung ihres Lebens zu Vorbildern werden.
Ich danke Dir, Gott, für alle verborgenen und offenen Zeichen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, die mir Mut machen, in der Nachfolge Christi zu leben. Amen.