Liebe Gemeinde, lieber Hendrik Stössel,
der Termin für diese Verabschiedung wurde nicht nach kirchenjahreszeitlichen Gesichtspunkten gewählt, sondern aus ganz praktischen Überlegungen heraus. Nach den Sommerferien wird Ihr Dekan eine wunderbare neue Aufgabe als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Melanchthonakademie in Bretten übernehmen, und so lag eine Verabschiedung vor den Sommerfreien nahe. Dass diese nun aber gerade am 6. Sonntag nach Trinitatis geschieht, ist eine besonders glückliche Fügung. Denn das Leitmotiv dieses Sonntags lautet: „Leben aus der Taufe“. Und damit wird sogleich ein Ton angestimmt, der für diese Verabschiedung ganz bedeutsam ist: Auch wenn viele heute von ihrem Dekan und Pfarrer Abschied nehmen, so steht über diesem Abschiednehmen die bleibende Verbundenheit miteinander über die Taufe. Wir begehen heute einen Abschied und wissen uns zugleich weiterhin verbunden als Menschen, die Gott in der Taufe zu seinen Kindern angenommen hat. Sozusagen also ein Abschied in Verbundenheit. Dies werden alle als tröstlich empfinden, die sich ihrem Dekan und Pfarrer in den 13 Jahren seines Dienstes innerlich verbunden gefühlt und gewusst haben.
Eine Schriftlesung zur Taufe aus dem Römerbrief haben wir vorhin gehört, ein Tauflied miteinander gesungen, und auch der Wochenspruch über den eben gepredigt wurde, ist uns aus dem Kontext der Taufe her sehr vertraut. Daran will ich anschließen mit drei Gedanken zum Predigttext für diesen 6. Sonntag nach Trinitatis, mit Gedanken zu der bekannten Erzählung von Philippus und dem Kämmerer aus Äthiopien.
Zunächst einmal: Philippus wurde dem Kämmerer zum Weggefährten auf seinem Heimweg nach Äthiopien. Er blieb nicht bei ihm, sondern entschwand wieder vor seinen Augen. Ja, Du, lieber Hendrik, warst in den zurückliegenden 13 Jahren für viele ein Wegbegleiter auf Zeit:
für all jene in der Gemeinde an der Christuskirche, die Du seelsorglich begleitet hast,
für Mitarbeitende im Kirchenbezirk, denen Du Ratgeber und auch Fürsprecher warst,
für Verantwortliche in der Stadt Pforzheim, mit denen zusammen Du der Stadt Bestes gesucht hast, und für Partner in der Ökumene, denen Du ein theologisch versiertes und engagiertes Gegenüber warst.
Philippus blieb beim Kämmerer für einige Stunden, Du bliebst hier in Pforzheim 13 Jahre, beide Male aber ging es um Wegbegleitung auf Zeit. Und wie der Kämmerer so haben wohl viele Menschen hier in Pforzheim Deine Wegbegleitung als hilfreich, als heilsam, vielleicht auch als wegweisend im wahrsten Sinne des Wortes erlebt.
Mein zweiter Gedanke zur Geschichte von Philippus und dem Kämmerer: Philippus hat dem Kämmerer bei der Wegbegleitung nicht geholfen, indem er einen small talk mit ihm führte. Nein, er half dem Kämmerer, indem er ihm die Heilige Schrift auslegte. Lieber Hendrik, small talk war auch Deine Sache nicht. Dir war wichtiger das engagierte, temperamentvolle, manchmal auch unerbittliche theologische Ringen um das rechte Verstehen des Wortes Gottes. Du bist ein leidenschaftlicher Theologe, und diese Leidenschaft hat viele fasziniert, sie hat aber auch ihre Schattenseiten, die Du am besten kennst. An manchen leidenschaftlichen Streit erinnere ich mich, aber genauso an Deine Fähigkeit, das im Überschwang Gesagte zurückzunehmen oder zurecht zu rücken. Mit Deiner theologischen Leidenschaft hast Du viele Anstöße gegeben und oft Nachdenklichkeit zur rechten Zeit erzeugt. Und immer warst Du bemüht, Fragen und Problemlagen theologisch verantwortlich zu lösen. Für diesen Philippus-Dienst danken Dir viele, und ich schließe mich dem Reigen der Danksagenden gern an.
Und schließlich mein dritter Gedanke: Der Kämmerer fuhr dahin in seiner Kutsche, vertieft in die Lektüre eines Textes, den er nicht verstand. Darin ähnelt er vielen Menschen unserer Zeit. Sie fahren durch die Zeit in ihren Lebenskutschen - vertieft in eine Lektüre, die sie überfordert. Das Leben erschließt sich ihnen nicht angesichts seiner Unübersichtlichkeit. Die Bibel erscheint ihnen als Buch mit sieben Siegeln. Sie warten auf Menschen, die sie fragen: „Verstehst du auch, was du liest?“ Sie warten auf Menschen, die ihnen die Texte ihres Lebens und die Texte der Bibel erschließen. Sie warten auf Menschen, die ihnen in der Unübersichtlichkeit des Lebens Orientierung geben. Viele Menschen unserer Zeit verstehen die Bibel und die Welt nicht und fragen wie der Kämmerer: „Wie kann ich verstehen, wenn mich niemand anleitet?“ Ich habe Dich, Hendrik, als einen Pfarrer und Dekan erlebt, dem es genau darum immer wieder ging, die Wirklichkeit unserer Zeit mit der der Bibel zu „versprechen“, also Texte der Bibel und Texte des Lebens zu entschlüsseln. Das Gespräch mit Fragenden, mit Zweifelnden, mit religiös Unmusikalischen hat Dich herausgefordert. Und Du hast dieses Gespräch geführt, indem Du Dich um verantwortliche Auslegung der Bibel bemüht hast. Du hast darum gerungen, die Auslegung der Bibel und die Auslegung des Lebens zusammenzuhalten. Das hat es nicht immer einfach gemacht, Dich zu verstehen, aber stets war zu spüren, wie sehr es Dir um ein theologisch verantwortliches Verstehen der Zeit und ihrer Probleme ging. Sicherlich hast Du damit vielen Menschen das Herz geöffnet - wie damals der Philippus dem Kämmerer. Und manche mögen nach Gesprächen mit Dir ihre Straße fröhlich gezogen sein.
Heute aber will ich die biblische Geschichte anders enden lassen: Ich wünsche Dir, dass Du nach 13 Jahren des Philippus-Dienstes hier in Pforzheim nun gemeinsam mit Deiner lieben Frau Deine Straße fröhlich ziehen kannst. Wer das Strahlen auf Deinem Gesicht in den letzten Monaten gesehen hat, seit Deine berufliche Zukunft geklärt ist, weiß, dass dies kein frommer Wunsch ist. So endet Dein Dienst in Pforzheim so wie die Geschichte des Kämmerers: „Er zog seine Straße fröhlich.“ Amen.
