Liebe Gemeinde,
in diesem Jahr 2012 blicken wir zurück auf eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art, auf 60 Jahre Baden-Württemberg. Für uns in Baden und besonders hier in Karlsruhe ist aber auch noch ein zweites Jubiläum in diesem Jahr von großer Bedeutung. Dieses steht deshalb im Mittelpunkt unseres heutigen Gottesdienstes. Wir feiern diesen Gottesdienst gemeinsam mit Vertretern des Hauses Baden und der Erzdiözese Freiburg, weil uns eine Jahrhunderte lange Geschichte verbindet. Wir blicken heute zurück auf eine 900jährige gemeinsame Geschichte in Baden. Seit 1112 trägt das Adelsgeschlecht, das unserem Landstrich seinen Namen gegeben hat, den Namen „von Baden“. Über 400 Jahr herrschten die Markgrafen von Baden in ihren Territorien, ehe es im Jahr 1535 zur Teilung der Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach kam. Mit der Einführung der Reformation im Jahr 1556 wurde die konfessionelle Spaltung Europas auch im Hause Baden offenkundig, ehe im Jahr 1771 Markgraf Karl-Friedrich beide Markgrafschaften wieder zusammenführte. Als im Jahr 1806 das Großherzogtum Baden entstand und sich das Territorium des Hauses Baden damit enorm erweiterte, regierte Markgraf Karl-Friedrich gemäß seinem Wahlspruch „Maß und Vernunft“. Dieser Wahlspruch fand auch in der Art seinen Ausdruck, in der er als evangelischer Herrscher sein mehrheitlich katholisches Volk regierte: Mit Maß und Vernunft gestaltete er das Zusammenleben von Evangelischen und Katholiken. Toleranz der Andersgläubigen, das zeichnete sein Wirken wie auch das der meisten Großherzöge von Baden aus. Allerdings soll auch nicht verschwiegen werden, dass sich die katholische Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts in schweren Auseinandersetzungen mit dem Großherzog Rechte erkämpfen musste. Immerhin waren die Großherzöge von Baden bis zu ihrer Abdankung am 22. November 1918 Schutzherren und Landesbischöfe der evangelischen Kirche in Baden. Schließlich führten auch die Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche zu einer weiteren Liberalisierung und Demokratisierung im badischen Land.
Wenn wir uns all diese Daten vergegenwärtigen, dann ist es sicherlich kein Zufall, dass sich in Baden jene Liberalität entwickelte, die bis heute sowohl im kirchlichen Miteinander wie im politischen Alltag so segensreich erfahren wird.
In vielerlei Hinsicht war das Wirken der Markgrafen und später der Großherzöge von Baden für Deutschland wegweisend: Schon im Jahr 1783 wurde in Baden die Leibeigenschaft aufgehoben,
in Karlsruhe wurde die erste deutsche technische Hochschule gegründet,
die badische Verfassung von 1818 und die Gemeindeordnung von 1831 galten als die liberalsten Ordnungen im Deutschland dieser Zeit,
die Freiheits- und Demokratiebewegung des Jahres 1848 nahm von Baden ihren Ausgang,
im Jahr 1849 wurde in Baden das erste demokratische deutsche Landesparlament überhaupt gebildet;
im Jahr 1862 gewährte Baden als erster deutscher Staat die vollständige Gleichstellung der Juden
und in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches war Baden eine Hochburg der Liberalen und der Zentrumspartei.
Wenn wir uns all diese Daten vergegenwärtigen, dann ist es sicherlich kein Zufall, dass sich in Baden jene Liberalität entwickelte, die bis heute sowohl im kirchlichen Miteinander wie im politischen Alltag so segensreich erfahren wird. Und es ist auch kein Zufall, dass sich gerade in Baden unter der Regierung eines badischen Großherzogs im Jahr 1821 die Reformierten und Lutherischen zur Evangelischen Landeskirche in Baden vereinigten und dabei sogar einen Konsens über ihre evangelische Lehre erzielten.
Wie passt nun der geschichtliche Rückblick zum Grundmotiv dieses 6. Sonntags nach Trinitatis „Leben aus der Taufe“?
Wenn wir heute mit Recht sagen können, dass wir hier in Baden in einem besonders milden ökumenischen Klima leben,
wenn wir uns an vielen Orten an einem ökumenischen Miteinander erfreuen können, um das wir in weiten Teilen Deutschlands beneidet werden,
dann ist dies gewiss nicht losgelöst zu sehen von der großen und langen Geschichte des Hauses Baden und vom politischen und kirchenpolitischen Wirken seiner Markgrafen und Großherzöge.
Aber was politisch vernünftig war, war eben zugleich auch theologisch höchst bedeutsam: Die eine Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes verbindet uns über alle Grenzen der Konfessionen hinweg. Sie war in Baden das Band der Ökumene auch schon in Zeiten, als es eine ökumenische Bewegung noch nicht gab und als Abgrenzung von anderen Konfessionen wichtiger war als ökumenische Verständigung.
Mit großer Umsicht haben sie Gestaltungsräume geschaffen und erhalten, die ein friedliches Zusammenleben in größtmöglicher Freiheit und Toleranz zuließen. In der Rückschau entdecke ich aber auch noch eine andere Perspektive, die Perspektive einer fundamentalen Verbundenheit aller Konfessionen, für die der Grund in der Taufe auf den dreieinigen Gott gelegt ist. In der Gewissheit des gemeinsamen Fundaments, das in der Taufe auf den dreieinigen Gott gelegt ist, lassen sich Differenzen aushalten und gestalten. Wer sich des Gemeinsamen vergewissert, kann Trennendes umso besser gestalten. Wer um das weiß, was unverbrüchlich über alles Trennende hinweg trägt und gilt, kann Fremdes tolerieren und akzeptieren. Natürlich war die Integration von Lutheranern und Reformierten unter dem badischen Großherzog vorrangig eine Maßnahme zur Staatsintegration. Natürlich war die Toleranz gegenüber den Katholiken Ausdruck einer klugen Politik. Es lässt sich eben besser regieren, wenn es in einem Saat nur eine evangelische Kirche gibt, deren Oberhaupt man ist. Und sicherlich war es politisch einfach vernünftig, der katholischen Bevölkerungsmehrheit ein Leben in Freiheit unter einer evangelischen Obrigkeit zu ermöglichen. Aber was politisch vernünftig war, war eben zugleich auch theologisch höchst bedeutsam: Die eine Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes verbindet uns über alle Grenzen der Konfessionen hinweg. Sie war in Baden das Band der Ökumene auch schon in Zeiten, als es eine ökumenische Bewegung noch nicht gab und als Abgrenzung von anderen Konfessionen wichtiger war als ökumenische Verständigung.
Im Missionsbefehl Christi, den wir vorhin als Schriftlesung gehört haben, heißt es: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geiste und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Diese Worte sind uns von Taufgottesdiensten her sehr vertraut. Aber eigentlich hat Martin Luther an dieser Stelle etwas unscharf übersetzt. Eigentlich müsste es heißen: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft und indem ihr sie lehrt, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Wichtigstes Wort im Missionsbefehl ist der Imperativ „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Das soll geschehen durch Taufe und Lehre. Taufe und Lehre erscheinen als die beiden Seiten derselben Medaille, die den Prägestempel „Jüngerschaft Christi“ trägt. Das Taufen und das Lehren sind nichts anderes als die Art und Weise, wie Menschen das neue Leben in der Jüngerschaft Jesu zugeeignet wird.
Wir haben heute entdeckt, das Gemeinsame in der Lehre zu betonen und wir haben gerade auch im Religionsunterricht zu neuen Formen der konfessionellen Kooperation gefunden. Auch dies ist eine schöne und wertvolle Frucht eines Miteinanders der Konfessionen hier in Baden. Taufen und Lehren gehören untrennbar zusammen, und hier in Baden geschehen sie evangelisch und katholisch in Verwiesenheit aufeinander.
Das Taufen bedarf seiner Ergänzung durch das Lehren im Glauben. Taufe ist der Beginn einer Lebens- und Lerngemeinschaft des Glaubens. Eine Lebens- und Lerngemeinschaft, bei der wir im Gegenüber zu Christus ein Leben in seiner Nachfolge einüben und in der wir lernen, was es heißt, an Jesus Christus zu glauben. In früheren Zeiten waren nahezu alle Menschen in Baden durch ihre Taufe eingetaucht in ein neues Leben mit Jesus Christus. Und nun galt es, sie im Glauben zu lehren. Über etliche Jahrhunderte geschah dies in scharfer Abgrenzung der Konfessionen voneinander. Durch die jeweilige Lehre im Religions-, im Kommunion- und im Konfirmandenunterricht wurden Menschen in ihrer jeweiligen Kirche beheimatet. Evangelischer und katholischer Religionsunterricht war deshalb in seinem Nebeneinander und über Jahrhunderte auch in seinem Gegeneinander ein Kennzeichen kirchlichen Lebens. Und als mit der Bildung des Großherzogtums Teile der Kurpfalz und von Vorderösterreich an Baden fielen, verfügte Baden plötzlich über zwei der bedeutendsten deutschen Universitäten: An der vormals kurpfälzischen Universität Heidelberg war die evangelische Theologie beheimatet, an der ehemals vorderösterreichische Universität Freiburg die katholische Theologie. Damit erhielt das theologische Lehren in Baden erstmals universitäres Niveau. Wir haben heute entdeckt, das Gemeinsame in der Lehre zu betonen und wir haben gerade auch im Religionsunterricht zu neuen Formen der konfessionellen Kooperation gefunden. Auch dies ist eine schöne und wertvolle Frucht eines Miteinanders der Konfessionen hier in Baden. Taufen und Lehren gehören untrennbar zusammen, und hier in Baden geschehen sie evangelisch und katholisch in Verwiesenheit aufeinander.
Und wenn wir Karl-Friedrichs Wahlspruch beherzigen, und all dies mit „Maß und Vernunft“ tun, werden viele Menschen entdecken können, wie es sich im milden ökumenischen Klima Badens gut leben lässt und wie hier reichlich Früchte des Glaubens gedeihen.
Heute stehen wir als Kirchen in Baden gemeinsam vor der Aufgabe, unseren Ort neu zu bestimmen in einer immer pluralistischer werdenden Gesellschaft. Gemeinsam sind wir herausgefordert, der Welt gegenüber Zeugnis unseres Glaubens zu geben und uns auch im Gespräch mit anderen Religionen zu bewähren. Dabei können wir zurückgreifen auf viele Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, die weit über die Reformationszeit hinausreicht. Wir können zurückgreifen auf das, was uns in der Taufe miteinander verbindet. Wir können zurückgreifen auf das, was wir an gemeinsamer Glaubenslehre gerade in den letzten 50 Jahren seit dem 2. Vatikanischen Konzil miteinander entwickelt haben. Und bei alledem können und sollen wir den Menschen, die in diesem wunderbaren badischen Land in versöhnter Verschiedenheit miteinander leben, vom christlichen Glauben erzählen. Und wenn wir Karl-Friedrichs Wahlspruch beherzigen, und all dies mit „Maß und Vernunft“ tun, werden viele Menschen entdecken können, wie es sich im milden ökumenischen Klima Badens gut leben lässt und wie hier reichlich Früchte des Glaubens gedeihen. Amen.
