Predigt über Gen 2,4-9.15
Liebe Gemeinde,
an einem Sonntag im Sommer am Bodensee einen „Schöpfungstag“ zu feiern und dabei mit wunderbarer Musik eines Vocal- und eines Brassensembles sowie der Orgel beglückt zu werden - was gibt es Schöneres! Die ganze Schöpfung ist voll Gesang an diesem Schöpfungstag:
„Nun danket alle Gott“,
„Lobe den Herrn, mein Gott, du bist sehr herrlich“,
„Ehre sei dir Gott gesungen“,
„Ich singe dir mit Herz und Mund“,
„Du, meine Seele, singe“
- es ist, als wollte das Lob des Schöpfers gar kein Ende nehmen.
In diesen Lobpreis des Schöpfers und diesen Dank für die wunderbare Schöpfung mischt sich nun mit dem Predigttext ein nachdenklicher Ton. Und das ist auch ganz sachgemäß, denn ein Danken ohne Nachdenklichkeit ist gedankenlos. Hören wir also Worte aus dem 2. Kapitel des 1. Mosebuches:
„Zur Zeit, da Gott Erde und Himmel machte, gab es auf der Erde noch keine Sträucher und wuchsen noch keine Pflanzen, denn Gott hatte noch nicht regnen lassen auf die Erde, und es gab noch keinen Menschen, der das Land bebaute; aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und feuchtete alles Land. Da formte Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies ihm den Lebensatem in seine Nase. Und so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Und Gott legte in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Und Gott ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte.“
Viele werden es wissen: Die eben gehörten Worte bilden den Beginn des so genannten „zweiten Schöpfungsberichts“. Eigentlich handelt es sich bei diesem „zweiten Schöpfungsbericht“ um eine Erzählung, die viel älter ist als der noch bekanntere Bericht von den sieben Schöpfungswerken Gottes. Unsere Schöpfungserzählung nimmt gar nicht die ganze Weltschöpfung in den Blick. Vielmehr wird hier ganz aus der Perspektive des Menschen erzählt. Der Mensch erscheint wie der Mittelpunkt eines Kreises, um den sich alles dreht. Tiere gibt es noch nicht, auch Pflanzen nicht. Die Schöpfung wird dargestellt wie ein großer Acker oder Garten, in den der Mensch von Gott gesetzt wird. Hätte ich noch weiter gelesen, dann wäre die bildhafte, lustvolle Art dieses Erzählens noch deutlicher geworden. Aber hier wird keine Geschichte aus grauer Vorzeit erzählt. Nein: Fast märchenhaft wird etwas erzählt, das bedeutsam ist für das Heute wie für die Zukunft der Menschheit. Grundlegende Aussagen werden getroffen über den Menschen, seinen Ort in der Schöpfung, sein Verhältnis zur Welt und zu Gott. Statt uns allzu lange an dem Bildhaften dieser Erzählung aufzuhalten, will ich mich zwei zentralen Aussagen über den Menschen zuwenden:
1. Der Mensch ist nicht Gott. Er ist Gottes Geschöpf. „Gott formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies ihm den Lebensatem in seine Nase. So war der Mensch ein atmendes Wesen.“ Welch wunderbare Töne menschlicher Atem hervorbringen kann, das hören wir heute in diesem Gottesdienst überreich. Unvergängliche, überirdische Musik - hervorgebracht durch das atmende Wesen Mensch. Und dennoch: Der Mensch ist ein vergängliches, irdisches Wesen. „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden.“ So sagen wir es, wenn wir Menschen zu Grabe tragen. Und diese Erfahrung der Vergänglichkeit des Menschen gehört zum Grundlegenden, mit dem Menschen sich gestern, heute und morgen auseinandersetzen müssen. Zwar weiß auch der Verfasser unserer Erzählung, dass der Mensch nicht einfach eine leblose, aus Erde geformte Masse ist. sondern ein Lebewesen voller Geist und Lebendigkeit. Aber eben doch nur ein Geschöpf Gottes, mit ihm verbunden durch den ihm eingehauchten Atem Gottes. Ein Kuss Gottes ruft den Menschen ins Leben, und seine letzte Bestimmung ist es, das Leben auszuhauchen und wieder zu Erde zu werden. Nichts und niemand kann diese Hinfälligkeit des Menschen aufheben.
"Wir, die wir meinen, alles in der Hand zu haben, wir werden wieder auf den Boden der Wirklichkeit geholt: Wir sind nicht Gott."
In unserem Bibeltext wird diese irdische Bestimmung des Menschen durch ein Wortspiel nachhaltig ausgedrückt. Der Mensch heißt auf Hebräisch „adam“, der Ackerstaub „adama“. Menschsein bedeutet also: Ackerstaub sein. Ins Deutsche übertragen könnten wir sagen: Der von der Erde genommene und zur Erde zurückkehrende Mensch ist nichts anderes als ein „Erdling“. Eine provozierende und doch so wichtige Aussage angesichts des Hochmuts, den wir Menschen entwickelt haben, wenn wir uns gern an die Stelle Gottes setzen. Wir, die wir meinen, alles in der Hand zu haben, wir werden wieder auf den Boden der Wirklichkeit geholt: Wir sind nicht Gott. In unserer irdischen Vergänglichkeit, in unserem Angewiesensein auf den Lebensatem Gottes sind wir bezogen auf Gott, aber um Ewigkeiten unterschieden von ihm.
Daran gilt es zu erinnern, wenn Menschen meinen, sich am Lebensanfang wie am Lebensende zu Herren über das Leben aufschwingen zu können. Wenn sie menschliches Leben am Lebensanfang meinen manipulieren oder selektieren zu dürfen. Wenn sie sich an Experimente mit embryonalen Stammzellen wagen. Wenn sie mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik genetische Auffälligkeiten identifizieren und bestimmte genetische Veranlagungen verhindern wollen. Wenn sie eigenmächtig werdendes Leben töten. Wenn sie - wie schon bald möglich - durch einfache Bluttests Behinderungen feststellen wollen und damit den Druck auf Eltern, die sich für ein behindertes Kind entscheiden, enorm verstärken. Wenn sie Menschen nicht in Würde sterben lassen. Wenn sie Beihilfe zur Selbsttötung als menschliches Recht einfordern. Überall, wo dies geschieht, wird vergessen, dass wir nicht selbst Gott sind, sondern irdische Geschöpfe Gottes - von Erde genommen und dazu bestimmt, wieder zu Erde zu werden.
2. Das hebräische Wortspiel von adam und adama führt zur zweiten zentralen Aussage über den Menschen in unserer biblischen Erzählung: Wenn der Mensch aus dem Staub der Erde geformt wurde und wieder zu Staub wird, dann gibt es eine schöpfungsgemäße Verbundenheit des Menschen mit der Erde. Der Mensch, der adam, ist nicht nur von der Erde, der adama, genommen, er hat auch einen Auftrag an ihr. Die Erde ist für den Menschen da, und der Mensch ist dazu bestimmt, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Der Mensch ist in seinem Leben, ganz besonders in seiner Arbeit, an die Erde gewiesen und die Erde ist auf die Arbeit des Menschen angewiesen. Ohne all das, was die Erde an Früchten oder Rohstoffen hervorbringt, wäre menschliches Leben nicht möglich. Aber auch das andere gilt: Eine vom Menschen nicht kultivierte Erde wäre kein Lebensraum für den Menschen.
Mit seiner Erschaffung aus der Erde hat der Mensch sogleich von Gott einen Auftrag an der Erde, ein Mandat zum Bebauen und Bewahren übernommen. Auch wenn in unserer Erzählung die Schöpfung wie ein Garten dargestellt ist, so darf dieser Auftrag des Menschen an der Schöpfung nicht reduziert werden auf landwirtschaftliches Tun. Schon gar nicht darf die als Garten Eden bezeichnete Schöpfung als ein Paradiesgarten missverstanden werden. Nein: Die Erde war nie und ist nicht für den Menschen ein Paradies, sondern sie ist der Bewährungsort seines tätigen irdischen Menschseins. Indem wir Menschen bebauend und bewahrend an der Erde arbeiten, erfüllen wir den Schöpfungsauftrag Gottes. Erfüllen wir die Grundbestimmung unseres Lebens.
"Die Arbeit des Menschen in all ihren Möglichkeiten entspricht dem Schöpfungswillen Gottes."
Jede menschliche Arbeit kann Anteil haben am Bebauen und Bewahren der Schöpfung. Die Arbeit des Menschen in all ihren Möglichkeiten entspricht dem Schöpfungswillen Gottes. Die Arbeit, ja: jedes menschliche Tun ist ein Mandat Gottes. Die Arbeit gehört zum Menschsein, weil der Lebensraum der Erde diese Arbeit erfordert. So gehört Arbeit zur Bestimmung des Menschen, wie ihn Gott geschaffen hat. Kultur und Zivilisation erhalten von daher ihre Würde, dass sie auf dem Auftrag Gottes an den Menschen beruhen.
Abhängigkeit des adam und der adama
Daran gilt es zu erinnern, wenn Menschen einem falschen Fortschrittsglauben verfallen oder sich in Technikbesessenheit verrennen. Wenn sie einen maßlosen Lebensstil pflegen, der verheerende Auswirkungen auf das Klima hat. Die Verhandlungen von Rio +20 in den vergangenen Wochen mit ihren kläglichen Ergebnissen haben uns doch wieder vor Augen geführt, welche hohe Verantwortung der adam für die adma, der Mensch für die Erde hat. Und sie haben uns beschämend vor Augen geführt, wie wenig der Mensch seiner Verantwortung gerecht wird. Der Erde geht allmählich der Atem aus, weil Menschen zuviel dieses Atems verbrauchen. Weil sie nicht bereit sind, den Energieverbrauch drastisch einzuschränken und den CO²-Ausstoß deutlich zu reduzieren. Weil sie nicht bedingungslos auf regenerierbare Energien setzen, sondern auf die Ausbeutung fossiler Brennstoffe. Weil sie weiter besinnungslos Regenwälder abholzen oder Kinderarbeit tolerieren, um Produktionskosten zu senken. Weil sie sich nicht beschränken auf die Veredelung von Pflanzen, sondern massiv ihr genetisches Material verändern. Weil sie meinen, die Erde ausbeuten zu können, statt die wechselseitige Abhängigkeit des adam und der adama bewusst zu halten.
So führt uns das Nachdenken über jene altertümliche Erzählung von der Erschaffung des Menschen an diesem „Schöpfungstag“ vor eine ganz entscheidende Frage. Nämlich vor die Frage, was wir - jeder an seinem, jede an ihrem Ort - tun können, unserer schöpfungsgemäßen Verbundenheit mit der Erde gerecht zu werden Wie können wir als irdische Menschen das Leben mit der Erde gestalten und das Überleben gemeinsam mit ihr sichern? Bei der Beantwortung dieser Frage geht es nicht zuerst um politische Entscheidungen und Maßnahmen - das auch -, sondern vor allem um die Ernsthaftigkeit unseres Glaubens an Gott den Schöpfer. Wenn wir wirklich glauben, dass Gott uns ein Mandat für seine Schöpfung gegeben hat, dann werden wir nach Möglichkeiten suchen, wie wir dieses Mandat wahrnehmen können. Und wir können diese Möglichkeiten wahrnehmen in der tröstlichen Gewissheit, dass Gottes Leben schaffender Geist uns immer wieder neu beatmen wird, damit wir Kraft bekommen, den Garten seiner Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Amen.
