
„Kraftvoll für die Schwachen“ - so lautet das Motto des diesjährigen Landesfestes. Wie treffend, dachte ich sogleich. Wie treffend gleich in doppelter Hinsicht. Denn viele evangelische Gemeinden in der Diaspora sind klein. Fühlen sich oft schwach. Haben keinen gesellschaftlichen Einfluss. Sind oft winzig kleine Zellen inmitten einer atheistischen oder einer katholischen Umwelt. Und dennoch: Bei meinem Besuch in Ungarn und in der Karpato-Ukraine vor 13 Jahren habe ich die Kraft dieser Gemeinden kennen gelernt. Habe erlebt, wie sie mit ihrer diakonischen und ihrer Bildungsarbeit hineinwirken in ihre Ortschaften und Regionen. Eindrücklich bleibt mir z.B. die Arbeit der reformierten Kirche in der Ukraine für die Gipsys, die Zigeuner, die Ärmsten der Gesellschaft. (Wie traurig, dass die Ukraine wegen einer Schiedsrichterfehlentscheidung aus der EM ausgeschieden ist; anders als einstmals Bundespräsident Lübke im Jahr 1966 sage ich: Der Ball war drin!). Zurück zum Motto dieses Landesfestes: „Kraftvoll für die Schwachen“ - das heißt zunächst für mich ein Doppeltes: Die GAW-Familie kann immer wieder kraftvoll schwache Gemeinden und Kirchen in der Diaspora unterstützen, und wie viel kraftvolle Hilfe konnte in Jahrzehnten bereits geleistet werden! Und andererseits: Viele der Diasporagemeinden und -kirchen wirken kraftvoll für die Schwachen in ihrem Umfeld.
„Ihr werdet eben auch erleben, dass Ihr als ganz Schwache auf Kräftigung durch andere angewiesen seid, auf eine Kraft, die Euch zukommt durch vertraute Personen… und auch durch das Gebet zu Gott.“
Aber noch in einer zweiten Hinsicht finde ich das Motto dieses Landesfestes treffend. In diesem Gottesdienst werden wir wieder viele jugendliche Freiwilligendienstlerinnen und -dienstler entsenden. Für ein Jahr werdet Ihr im Ausland ganz wichtige Erfahrungen für Euer Leben sammeln. Bei Eurem Friedensdienst im Ausland werdet Ihr Euch in eine fremde Kultur einleben und in einer Umwelt zurechtfinden müssen, in der Eure Muttersprache nicht gesprochen wird. Ihr werdet gefordert sein als Mitarbeitende in diakonischen Einrichtungen, in Gemeinden und Initiativen. Dieses Jahr wird Euch stärken in Eurer persönlichen Entwicklung. Aber Ihr werdet sicherlich auch mit Situationen konfrontiert, die Euch zu überfordern drohen. Ihr werdet Euch eben auch bisweilen als schwach erfahren - an der Grenze Eurer Kräfte und Möglichkeiten. „Kraftvoll für die Schwachen“ - das heißt für mich in dieser Hinsicht: Viel Kraftvolles werdet Ihr durch Euren Friedensdienst im Ausland bewirken, und dabei werdet Ihr selbst Kräfte für Euer Leben tanken können. Aber Ihr werdet eben auch erleben, dass Ihr als ganz Schwache auf Kräftigung durch andere angewiesen seid, auf eine Kraft, die Euch zukommt durch vertraute Personen in Eurem Einsatzort, durch Eure Eltern aus der Ferne, durch Unterstützergruppen, die Euch begleiten, und auch durch das Gebet zu Gott.
Das Motto dieses Landesfestes aufnehmend will ich in meiner Predigt über die Losung für dieses Jahr 2012 nachdenken, über das Wort Christi an den Apostel Paulus: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Zunächst müssen wir uns klar machen: Paulus war nicht der große unumstrittene Star des Urchristentums, als den wir ihn oft ansehen. Paulus war kein Meister der großen Worte, eher ein kläglicher Redner. Kein Superapostel, eher schwach in seinem Auftreten. Zudem litt er unter einer unheilbaren Krankheit. Wahrscheinlich war es eine Form der Epilepsie, die ihn fürchterlich plagte. Ferner war Paulus ein vom Judentum Abgefallener und darum Verfolgter. An vielen Orten wurde er ins Gefängnis geworfen. Oft entkam er dem Tode nur knapp. Auf seinen Missionsreisen fiel er unter die Räuber, litt auf seinen langen Märschen Durst, erlitt Widerstände bei seinen Hörern und auch in der Gemeinde von Korinth. Hier kam es zu einem schweren Konflikt, als Wanderprediger in die Gemeinde eindrangen, mächtige Redner, Superapostel. Sie prahlten mit großartigen, göttlichen Offenbarungen, die ihnen zuteil geworden waren, und verhöhnten den kläglichen Prediger Paulus. Gegen diese Männer musste sich Paulus zur Wehr setzen.
Er erkennt und bekennt seine ganze Schwachheit. Er findet ein Ja zu seiner Schwachheit und rühmt sie. Gerade dadurch, dass er sich seiner Schwachheit nicht schämt, wird er zum überzeugendsten Zeugen Christi, lebte er Kreuzesnachfolge mit seiner ganzen Existenz. Die Zusage Christi, die ihm in den Auseinandersetzungen mit den Superaposteln zugesprochen wurde, wurde zum Losungswort seines Lebens: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Und er tut es, nicht indem er auf seine großen geistlichen Erfahrungen verweist, sondern auf das, was er tragen muss: seine unheilbare Krankheit und erniedrigende Misshandlungen, seine lebensbedrohlichen Verfolgungen und Todesängste. Er erkennt und bekennt seine ganze Schwachheit. Er findet ein Ja zu seiner Schwachheit und rühmt sie. Gerade dadurch, dass er sich seiner Schwachheit nicht schämt, wird er zum überzeugendsten Zeugen Christi, lebte er Kreuzesnachfolge mit seiner ganzen Existenz. Die Zusage Christi, die ihm in den Auseinandersetzungen mit den Superaposteln zugesprochen wurde, wurde zum Losungswort seines Lebens: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ In seiner Schwachheit, in seiner Furcht, in seinem großen Zittern wurde Paulus ein Zeuge Jesu. Vom Christenverfolger wurde er zum Apostel, der Krankheit und Spott, Verfolgung und Gefangenschaft erleben musste. Trotz seiner eigenen Schwachheit bekam er die Kraft geschenkt, Jesus Christus als Herrn der Welt zu verkündigen. Mit dieser großen inneren Kraft wurde Paulus zum bedeutendsten Apostel der Urchristenheit. In seinem Wirken erwies Gott seine Kraft.
An Ostern hat sich die Kraft erwiesen, die im Schwachen mächtig ist. Dieses in Jesus Christus gesprochene Ja Gottes zur Schwachheit, dieses gnädige Wort Gottes ist es, von dem Paulus lebte und das ihm in seinem Leiden persönlich zugesprochen wurde. Dieses gnädige Wort Gottes ist es, das bis heute soviel Kraft hat, dass es auch uns aufhelfen kann in all den Schwachheiten unseres Lebens.
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mit diesen Worten hat Gott sein großes Ja zur Schwachheit des Apostels gesprochen. Und dieses Ja Gottes weist zurück auf das Wort, das er in Jesus Christus für alle Welt gesprochen hat: Unscheinbar und schwach begann es - im Stall von Bethlehem, in Dreck und Armseligkeit. Dann das Auftreten Jesu, ohne Macht und Einfluss, aber mit wachem Blick für Arme und Kranke, Bedürftige und Besessene. Den Schwachen in der Welt hat er sich zugewandt - ohne Pomp und Gloria. Er hat sich ganz der Welt ausgeliefert, wurde schwach, ließ sich ans Kreuz nageln. So hat Gott sein gnädiges Ja zur menschlichen Schwachheit gesprochen. Und am Ende stand sein großer Sieg über den Tod, der alles überstrahlt. An Ostern hat sich die Kraft erwiesen, die im Schwachen mächtig ist. Dieses in Jesus Christus gesprochene Ja Gottes zur Schwachheit, dieses gnädige Wort Gottes ist es, von dem Paulus lebte und das ihm in seinem Leiden persönlich zugesprochen wurde. Dieses gnädige Wort Gottes ist es, das bis heute soviel Kraft hat, dass es auch uns aufhelfen kann in all den Schwachheiten unseres Lebens.
Unser Glaube gründet allein in der Kraft, die Gott in uns wirkt.
Paulus machte an seinem eigenen Leib eine Erfahrung, die grundlegend ist für den christlichen Glauben: Unser Glaube hat seine Grundlage nicht in unseren Fähigkeiten und Stärken, unser Glaube ist nicht unser Werk, ist nichts, auf das wir uns etwas einbilden könnten. Ist nichts, das wir durch brillante Reden oder kluge Sätze herstellen oder begründen könnten. Nein: Unser Glaube gründet allein in der Kraft, die Gott in uns wirkt. Und als Menschen, die an Jesus Christus glauben, folgen wir dann auch nicht den Gesetzen der Stärke, an denen sich die Welt meist orientiert. Die Welt rechnet nur mit den menschlichen Möglichkeiten, nicht aber mit menschlicher Schwachheit. Sie rechnet nicht mit der Gebrochenheit und Vorläufigkeit menschlichen Lebens. Sie kennt nur die vermeintlichen Selbstheilkräfte des freien Marktes, die Machbarkeit allen Lebens, das persönliche Glück und die Sicherung von Wohlstand um jeden Preis, den Anspruch auf ein gelingendes Leben. Sie kennt aber nicht das Angewiesensein des Menschen auf die Gnade Gottes, die Schwache stark macht.
Unser Glaube gründet sich auf den gekreuzigten Gott. Der gekreuzigte Gott, der selbst in Jesus Christus ganz schwach war, dieser Gott hat einen besonderen Blick für die Schwachen, für die Ohnmächtigen, für die Gebrochenen.
Christlicher Glaube aber weiß um die Ohnmacht und Schwachheit des Menschen, denn sie weiß auch um die Ohnmacht Gottes. Sie weiß davon, dass Gott sich aus der Welt hat herausdrängen lassen ans Kreuz, dass er ohnmächtig und schwach in der Welt war und gerade so und nur so bei uns ist und uns hilft (D. Bonhoeffer). Unser Glaube gründet sich auf den gekreuzigten Gott. Der gekreuzigte Gott, der selbst in Jesus Christus ganz schwach war, dieser Gott hat einen besonderen Blick für die Schwachen, für die Ohnmächtigen, für die Gebrochenen. Dieser Gott, der selbst schwach war, nimmt sich der Schwachen gnädig an. Und so kann er kraftvoll für die Schwachen wirken. Kann er ihnen in aller Schwachheit ungeahnte Kräfte schenken.
Vor unserem Ja zu unserer Schwäche steht Gottes gnädiges Ja zu uns schwachen Menschen. Vor unserem Ja zu unserer Schwäche steht Gottes Zuspruch: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Nicht besondere Fähigkeiten und Qualitäten machen unser Leben als Christenmenschen aus, sondern die Fähigkeit, zur eigenen Schwäche Ja zu sagen. Sicher: Dieses Ja fällt uns unendlich schwer, weil wir bei diesem Ja unsere Masken fallen lassen müssen, hinter denen wir uns gern verstecken. Dabei wissen wir doch, wie wohltuend es ist, wenn wir erkennen, dass die anderen auch nicht alles können und wissen. Das Ja zur eigenen Schwäche ermöglicht doch erst echte Menschlichkeit. Und Gott hilft uns, Mut zum Ja zur eigenen Schwäche zu fassen. Wir müssen die Kraft zu diesem Ja nicht selbst entwickeln. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Dieses Wort hat Gott selbst verbürgt durch Jesus Christus, sein schwach gewordenes Wort. Und dieses Wort spricht Gott auch uns zu. Es begleitet uns an den Schwachpunkten unseres Lebens. Das von Gott gesprochene Ja zur Schwachheit befähigt uns, ein Ja zu unserer eigenen Schwachheit zu finden. Vor unserem Ja zu unserer Schwäche steht Gottes gnädiges Ja zu uns schwachen Menschen. Vor unserem Ja zu unserer Schwäche steht Gottes Zuspruch: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Daran erinnert Euch, liebe Schwestern und Brüder, wenn Ihr Euch wieder einmal in Eurer Diasporasituation schwach erlebt. Daran erinnert Euch, wenn Ihr bei Eurem Friedensdienst im Ausland an Eure Grenzen kommt. Ihr könnt Ja sagen zu Eurer Schwäche, weil Gott sein gnädiges Ja zu Euch längst gesagt hat. Und Gott wird Euch in aller Schwachheit gnädig seine Kraft schenken. Darauf lasst uns singen: „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesus Christ.“ Amen.
