„Suchet der Stadt Bestes“ (zu Jer 29,7; Gottesdienst zum Jubiläum 150 Jahre Stadtmission Heidelberg, Heiliggeistkirche, 22.06.2012)

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Festgemeinde!
„Suchet der Stadt Bestes“ - auf vielfache Weise erklingen diese Worte in diesem Gottesdienst: Im Gesang der Kinder, in der für den heutigen Anlass komponierten Kantate von Oskar Gottlieb Blarr und in der Schriftlesung aus dem Buch des Propheten Jeremia, die wir eben gehört haben. „Suchet der Stadt Bestes“ - das sind nicht einfach Worte einer längst vergangenen Zeit, das ist zugleich so etwas wie ein Grundsatzprogramm für das Leben evangelischer Kirche in der Stadt. Und seit 150 Jahren orientiert sich die Arbeit der Evangelischen Stadtmission an diesen Worten.


Ungeheuerlich ist die Botschaft Jeremias an die Exilierten in Babel: „Nicht morgen geht eure Knechtschaft zu Ende, nein sie dauert 70 Jahre. Lasst euch nieder! Versöhnt euch, betet gar für die Sieger, anstatt Zäune zu ziehen und heilige Bezirke zu errichten! Sucht den Schalom dieser bösen Stadt und betet für sie! Engagiert euch, denkt mit und bringt euren Glauben mit ins Spiel!“

Geschrieben wurden sie vor etwa 2500 Jahren vom Propheten Jeremia. In seinem „Trostbüchlein“ wendet er sich an seine jüdischen Glaubensgeschwister, die in der Verbannung in Babel lebten - entwurzelt und ohne Heimat. Fern von allem, was ihnen lieb und heilig war, abgeschnitten von Gott, allein auf fremdem, unheiligem Boden. Babel - das war der Ort der Gottesferne. Jerusalem aber, die hoch gelobte Stadt - der Ort, an dem Gott wohnte, mitten unter seinem Volk - dieser Ort war fern. Ungeheuerlich ist die Botschaft Jeremias an die Exilierten in Babel: „Nicht morgen geht eure Knechtschaft zu Ende, nein sie dauert 70 Jahre. Lasst euch nieder! Versöhnt euch, betet gar für die Sieger, anstatt Zäune zu ziehen und heilige Bezirke zu errichten! Sucht den Schalom dieser bösen Stadt und betet für sie! Engagiert euch, denkt mit und bringt euren Glauben mit ins Spiel!“ Einen nüchternen Ruf zur Diesseitigkeit mutet Jeremia seinen Landsleuten zu.


Wohnt in Babel und hofft auf Jerusalem! Lebt richtig und bewusst da, wo ihr jetzt seid, aber vergesst nicht, woher ihr kommt! Ihr sollt in Babel leben, aber Jerusalem im Herzen tragen.

Doch lässt es der Prophet nicht bewenden bei diesem nüchternen Realismus. Er predigt nicht einfach Anpassung. Er sagt nicht nur: „Wohnt in Babel!“ Er sagt auch: „Hofft auf Jerusalem! Hofft auf die Stadt, in der Gottes Schalom zu Hause ist! Wohnt in Babel und hofft auf Jerusalem! Lebt richtig und bewusst da, wo ihr jetzt seid, aber vergesst nicht, woher ihr kommt! Ihr sollt in Babel leben, aber Jerusalem im Herzen tragen. Ihr habt noch eine andere Bestimmung, eine größere Hoffnung, als hier zu bauen, zu pflanzen, zu leben. Lebt alltäglich in und mit Babel, aber bewahrt euch trotz allem Jerusalem in euren Herzen, die Sehnsucht nach der Heimat, die Sehnsucht nach einem letzten Heilwerden!“ So mahnt Jeremia die Deportierten, ganz diesseits und jetzt zu leben, sich aber darin nicht zu erschöpfen.

Das uns Eigene ist doch das uns von Gott Zugesagte und Geschenkte. Und wir haben es empfangen, um es nicht für uns zu behalten, sondern in dieser Welt zu bewähren. Nicht die Berührung mit dem Fremden raubt uns eine missionarische Ausstrahlung, sondern das ängstliche Verkriechen hinter den eigenen Mauern.

„Suchet den Schalom der Stadt“ - eine Stadtmission, die sich an diesen Worten des Propheten orientiert, ist aufgefordert, sich auf die Stadt einzulassen, in der sie wirkt, auch wenn Heidelberg natürlich nicht gleichzusetzen ist mit dem gottlosen Babel. „Suchet den Schalom der Stadt“ - in diesen Worten steckt die Aufforderung, sich auf die Um- und Mitwelt einzulassen, wie säkular auch immer sie ihr Leben gestaltet. Nicht innere oder äußere Emigration aus der Stadt ist angesagt, sondern Dienst am Gemeinwohl! Nicht vornehme oder verbitterte Zurückhaltung ist gefordert, sondern Mitarbeit an einem Stadtklima, in dem es menschlich zugeht. Eine Stadtmission, die ihrem Namen und ihrem Anspruch gerecht werden will, muss sich einlassen auf die Stadt. Mit ihrem Schalomdienst leistet eine Stadtmission nicht nur einen wichtigen diakonischen Beitrag an Bedürftigen, sondern auch an der Stadt, sie lebt eine städtische Gesellschaftsdiakonie. Dies kann sie nur, wenn sie keine Berührungsängste entwickelt gegenüber jenem, was ihr fremd ist. Wenn sie sich ohne alle Berührungsängste auf Fremdes und Fremde einlässt und nicht immer ängstlich fragt, ob sie bei solchen Berührungen etwa das ihr Eigene verlieren könnte. Das uns Eigene ist doch das uns von Gott Zugesagte und Geschenkte. Und wir haben es empfangen, um es nicht für uns zu behalten, sondern in dieser Welt zu bewähren. Nicht die Berührung mit dem Fremden raubt uns eine missionarische Ausstrahlung, sondern das ängstliche Verkriechen hinter den eigenen Mauern. Eine Stadtmission, die sich auf Fremdes einlässt - wie sie dies hier in Heidelberg etwa vorbildlich in der Plöck, der Straße der Diakonie tut - eine solche Stadtmission sucht den Schalom der Stadt.


Ganz diesseitig leben und dennoch ganz auf den künftigen Schalom Gottes hoffen, das gilt es einzuüben.

Aber bei diesem ganz irdischen Geschäft gilt es eben die Sehnsucht nach Gottes letztem Schalom zu bewahren. Immer zu wissen, dass „wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen“ (Hebr 13,8). Hier ganz realistisch leben, und sich doch nicht einschließen lassen durch die gesellschaftliche Realität - darauf kommt es an. Planen und bauen, arbeiten und beten, aber nicht den weiten Horizont der Hoffnung vergessen. Ganz diesseitig leben und dennoch ganz auf den künftigen Schalom Gottes hoffen, das gilt es einzuüben. Ganz an der Überwindung von Leid und Not mitarbeiten - wissend, dass es nie von Menschen ganz überwunden werden kann - und dennoch bedingungslos darauf vertrauen, dass am Ende alles, wirklich alles heil wird in Gottes Schalom, das macht den Schalomdienst einer Stadtmission aus. Ganz Zeitgenossenschaft leben und doch ganz ausgerichtet auf Gottes Heil - damit nimmt eine Stadtmission ihren diakonischen Auftrag an der Welt in prophetischer Weise wahr.
Je intensiver in einer Stadtmission nach dem Heil Gottes gesucht wird, das in Jesus Christus offenbart wurde und dessen Vollendung durch ihn verheißen ist, desto mehr Kraft hat eine Stadtmission schalomstiftend zu wirken. Wenn sie sich immer wieder auf das Wort Gottes besinnt, gewinnt sie Kraft, „Kirche für andere“ zu sein. Wer nahe an der Bibel ist, wird auch nahe bei den Menschen sein. Eine Stadtmission wirkt in diesem Sinne politisch. Sie wirkt in der Stadt, in der polis: Von der Besinnung auf das Wort Gottes her lernt sie immer neu buchstabieren, wo und wie sie sich in das Leben dieser Polis einmischen, nach ihrem Schalom suchen und ihren Schalom stiften kann - ganz auf diese Stadt konzentriert und zugleich voller Sehnsucht auf das verheißene Jerusalem, auf den Schalom Gottes, den er dieser Welt verheißen hat.

Blarr-Kantate, Teil 2: 2 Kor 12,9 und Lk 1,52
Predigt: Teil 2 über 2 Kor 12,9

Den Alleskönnern gegenüber setzt Paulus zu einem Selbstlob der besonderen Art an, zu einem Lob der eigenen Schwäche, das gipfelt in der Zusage Gottes an ihn: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Von der Losung der Stadtmission gehe ich - der Kantate von Oskar Gottlieb Blarr folgend - nun einen Schritt weiter zur Losung für dieses Jahr 2012. Und wir werden sehen, wie mit diesem Schritt die Losung der Stadtmission eine Zuspitzung und Konkretisierung erfährt. Wir alle haben die Losung dieses Jahres wohl schon oft gehört: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Nicht so bekannt dürfte der Zusammenhang sein, in dem diese Worte stehen. In seinem zweiten Brief an die Gemeinde von Korinth setzt sich der Apostel Paulus mit Menschen auseinander, die Stärke demonstrieren und mit ihren Fähigkeiten zu imponieren versuchen. Paulus selbst war ein kläglicher Redner. Zudem litt er unter einer unheilbaren Krankheit. Wahrscheinlich war es eine Form der Epilepsie, die ihn fürchterlich plagte. Den Alleskönnern gegenüber setzt Paulus zu einem Selbstlob der besonderen Art an, zu einem Lob der eigenen Schwäche, das gipfelt in der Zusage Gottes an ihn: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dieses in Jesus Christus gesprochene Ja Gottes zur Schwachheit, dieses gnädige Wort Gottes ist es, von dem Paulus lebt und das ihm in seinem Leiden persönlich zugesprochen wird. Dieses gnädige Wort Gottes ist es, das soviel Kraft hat, dass es auch heute Menschen aufhelfen kann in all den Schwachheiten des Lebens.

Paulus also rühmt sich seiner Schwachheit, um die Gnade Gottes zu preisen, die ihn in seiner Schwachheit Kraft schenkt. „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mit diesen Worten sagt Gott sein großes Ja zur Schwachheit des Apostels. Und dieses Ja Gottes weist zurück auf das Wort, das er in Jesus Christus für alle Welt gesprochen hat: Unscheinbar und schwach hat es begonnnen - im Stall von Bethlehem, in Dreck und Armseligkeit. Dann das Auftreten Jesu, ohne Macht und Einfluss, aber mit wachem Blick für Arme und Kranke, Bedürftige und Besessene. Den Schwachen in der Welt hat er sich zugewandt. Er hat sich ganz der Welt ausgeliefert, wurde schwach, ließ sich ans Kreuz nageln. So hat Gott sein gnädiges Ja zur menschlichen Schwachheit gesprochen. Und am Ende steht sein großer Sieg über den Tod, der alles überstrahlt. An Ostern hat sich die Kraft erwiesen, die im Schwachen mächtig ist. Dieses in Jesus Christus gesprochene Ja Gottes zur Schwachheit, dieses gnädige Wort Gottes ist es, von dem Paulus lebt und das ihm in seinem Leiden persönlich zugesprochen wird. Dieses gnädige Wort Gottes ist es, das soviel Kraft hat, dass es auch heute Menschen aufhelfen kann in all den Schwachheiten des Lebens.


Menschen in der Nachfolge Christi haben einen besonderen Blick für die Schwachen in dieser Welt. Aber sie wissen zugleich um die Kraft, die diesen Schwachen durch die Gnade Gottes zuwachsen kann.

Das also ist ein wesentlicher Inhalt des Schalomdienstes einer Stadtmission für eine Stadt wie Heidelberg. In ihrem Schalomdienst hat die Stadtmission immer wieder den Blick für die Schwachen in dieser Stadt zu öffnen: für die an Krankheiten Leidenden ebenso wie für die materiell Bedürftigen, für die an einer Sucht Zerbrechenden ebenso wie für Pflegebedürftige und Alte. Menschen in der Nachfolge Christi haben einen besonderen Blick für die Schwachen in dieser Welt. Aber sie wissen zugleich um die Kraft, die diesen Schwachen durch die Gnade Gottes zuwachsen kann. Eine Stadtmission, die sich an Jesus Christus, diesem schwach gewordenen Wort Gottes, orientiert, richtet ihr Bestreben darauf, dass in ihrem Wirken Christus Gestalt annimmt. Und dieser Christus ist eben kein Strahlemann und Alleskönner, sondern der gekreuzigte, misshandelte, schwache, gebeugte Christus. Im gekreuzigten, schwachen Christus spricht Gott sein Ja zu dieser Welt. Auf dieses Ja Gottes antwortet eine Stadtmission, indem sie sich in besonderer Weise der Schwachen annimmt. Und indem sie dies tut, sucht sie den Schalom der Stadt.
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Dieses Wort hat Gott selbst verbürgt durch Jesus Christus, sein schwach gewordenes Wort. Und dieses Wort spricht Gott auch heute noch. Er spricht es, indem er Schwache immer wieder gnädige Zuwendung erfahren lässt. Eine Zuwendung, die Kraft gibt und stark macht. Mit ihrem Ja zu den Schwachen, mit der stärkenden Zuwendung zu den Schwachen ist die Stadtmission eine Zeugin der Gnade Gottes in dieser Stadt. Und mit diesem Zeugendienst für die stärkende Gnade Gottes sucht sie in der Tat seit 150 Jahren der Stadt Bestes. Welch ein Segen! Amen.