Umkehr in die Zukunft

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu 1 Kor 15, 51-58; Ökumenischer Gottesdienst in Breisach, 24.05.2012

Wir werden alle verwandelt durch den Glauben an Jesus Christus (1 Kor 15, 51-58)

Liebe Schwestern und Brüder,
der Katholikentag von Mannheim liegt hinter uns. Über mehrere Tage haben wir im geschwisterlichen ökumenischen Miteinander erlebt, dass uns viel mehr verbindet als trennt. Wir haben beim gemeinsamen Feiern von Gottesdiensten und bei Veranstaltungen verschiedenster Art erfahren, wie uns das ökumenische Miteinander verwandeln kann. Und eine solche Verwandlungserfahrung wünsche ich uns auch heute bei unserem ökumenischen Gottesdienst in diesem wunderbaren Münster von Breisach.

Aus der Vergangenheit in die Gegenwart in die Zukunft

Wir feiern diesen Gottesdienst - gemeinsam von Ostern herkommend. Bei dem Blick zurück auf Ostern lenke ich unseren Blick noch einmal auf Maria von Magdala, über deren Verwandlung zur Auferstehungszeugin wir beim Katholikentag in Mannheim gemeinsam nachgedacht haben. Die Katastrophe des Karfreitags hatte Maria in eine Depression gestürzt. Am Ostermorgen sucht sie ihren Herrn - als Leichnam, als Objekt der Erinnerung. Aber sie bleibt nicht stehen bei ihrer rückwärtsgewandten depressiven Trauer. Maria wendet sich um. Weg vom Grab. Sie wird in ihrer Trauer aktiv. Aus einer depressiv trauernden wird eine in ihrer Trauer aktiv suchende Frau. Mit dieser ersten Verwandlung beginnt Auferstehungsglaube. Maria geht offensiv das Gespräch mit dem ersten Menschen an, auf den sie trifft. Sie hält ihn für den Gärtner. Dieser fragt sie: „Frau, wen suchst du?“ Und mit dieser Frage meint er: „Suchst du deinen toten oder deinen lebendigen Herrn? Willst du dich eingraben in der Erinnerung an die Endgültigkeit des Getrenntseins von deinem Herrn? Oder willst du dich nach vorne erinnern? Willst du leben aus der Hoffnung auf Leben, die dir durch Jesus geschenkt wurde?“

"Hier geschieht ihre zweite Verwandlung - die Abwendung von der Erinnerung an den verloren geglaubten Jesus und die Hinwendung hin zum Auferstandenen, der sich als Lebendiger zu erkennen gibt."

Noch ist Maria ganz auf den irdischen Jesus fixiert. Es bedarf eines neuen Impulses, um aus Marias suchender Trauer einen lebendigen Auferstehungsglauben werden zu lassen. Es bedarf der Anrede „Maria!“ Auf diese Anrede hin wendet sich Maria um. Hier geschieht ihre zweite Verwandlung - die Abwendung von der Erinnerung an den verloren geglaubten Jesus und die Hinwendung hin zum Auferstandenen, der sich als Lebendiger zu erkennen gibt. Maria erkennt den Auferstanden an seiner Stimme, die ihren Namen ruft.

So wird Maria in ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen ein letzter Erkenntnisschritt zugemutet, der Abschied von ihrem lieb gewordenen Jesusbild. Vor den Augen Marias reißt ein Schleier auf. Jetzt erkennt Maria den Auferstandenen wirklich, und sie wendet sich ein drittes Mal um und geht zu ihren Brüdern, um ihnen zu verkündigen, was sie vom Auferstandenen gehört hat. So kommt es zu Marias dritter Verwandlung. Indem sie sich vom Auferstandenen ab- und den Jüngern zuwendet, wird sie zur Auferstehungszeugin, zur apostola apostolorum, zur Apostelin der Apostel.

Zunächst musste Maria umkehren aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Und als sie die festhalten wollte, wurde sie vom Auferstandenen zur Umkehr in die Zukunft gerufen. Jetzt kann Maria im Grab das Vergangene zurücklassen. Nun ist sie erfüllt von der Hoffnung auf Leben, die nur wachsen kann, wenn Menschen nicht am Überkommenen festhalten, sondern sich der Anrede Gottes öffnen und sich verwandeln lassen.

Osterglaube verwandelt

An Maria sehen wir, wie Osterglaube Menschen verwandeln kann - auch uns. Wie werden wir durch unseren Osterglauben verwandelt? Wie werden wir gelöst aus dem Festhalten am Vergangenen? Wie können wir uns befreien aus festgelegten Verhaltenmustern? Wie können wir neue Aufbrüche wagen in unseren Kirchen, in unserem ökumenischen Miteinander? Beim Nachdenken über den österlichen Glauben der Maria von Magdala wurde mir deutlich, dass dieser Osterglaube es ist, der bis heute verwandelnde Auferstehungskräfte freisetzen kann. Angesteckt von diesem österlichen Glauben gibt es kein „Weiter so“ in den tödlichen Sicherheiten des Lebens. Das gilt für die Gestaltung unseres eigenen Lebens ebenso wie für unser ökumenisches Miteinander und für die Mitgestaltung unserer Gesellschaft.

Marias Osterglaube kann uns alle beflügeln, Aufbrüche aus Sackgassen des Lebens zu wagen. Er ermutigt uns, für uns selbst und für die ganze Menschheitsfamilie Gottes Sieg über den Tod zu bezeugen. So kann Marias Osterglaube kann auch Verwandlungen in unserem ökumenischen Miteinander bewirken. Und diese Verwandlungen sind schon im Gange. Wer hätte sich noch vor wenigen Jahrzehnten vorstellen können, dass die Gemeinden hier in Breisach, diesem geprägten katholischen Ort, einmal eine ökumenische Rahmenvereinbarung unterzeichnen würden, in der sie alljährlichen Kanzeltausch, die Mitwirkung des evangelischen Pfarrers beim katholischen Stadtpatrozinium, die Feier des evangelischen Reformationsgottesdienstes im Breisacher Münster, die wechselseitige Beteiligung an der Feier der Osternacht und vieles mehr vereinbaren.? Welche wunderbare Verwandlung des ökumenischen Klimas an diesem Ort!

Und ich lenke unseren Blick von Breisach weg hin nach Europa. Die Ordnung für die diesjährige Gebetswoche für die Einheit der Christen wurde von einer ökumenischen Arbeitsgruppe im zutiefst katholischen Polen erarbeitet. Auch dies wäre vor längere Zeit noch undenkbar gewesen. In einem Text dieser ökumenischen Arbeitsgruppe heißt es: „Wenn wir um die sichtbare Einheit der Kirche beten und diese aufrichtig anstreben, werden wir und unsere kirchlichen Traditionen verändert werden, verwandelt und Christus ähnlicher…Die Einheit erfordert auch den Willen, sich auf einen Wettbewerb einzulassen und dabei auch etwas abzugeben. Wir müssen uns im Geben und Nehmen füreinander öffnen.“ Ja, österliche Verwandlung, die zur Zukunft hin öffnet, ist eben auch ein schmerzlicher Prozess. Das hat nicht nur Maria von Magdala erfahren müssen. Aber ohne einen solchen Prozess ist eben Aussöhnung nicht möglich. Das haben wir erlebt bei der Aussöhnung unseres Landes mit Polen, das erleben auch die Polen in ihrem eigenen Land. Hier ist ein erstaunlicher Versöhnungsprozess im Gange, Verwandlung, die im österlichen Glauben gründet. Und wir hoffen alle, dass wir bei der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft etwas davon spüren können, dass das versöhnte Polen inzwischen in der Europäischen Gemeinschaft angekommen ist - eine erstaunliche Verwandlung fürwahr.

"„Sicher ist nur der Tod!“ - diese Binsenweisheit gilt nicht mehr. Sicher ist nun das Leben aus dem Tod."

Und noch einmal ein Blick in die weite und doch so nahe Welt. Mit Ihnen allen, liebe Schwestern und Brüder, habe ich im vergangenen Jahr das Erschrecken über die Atomkatastrophe von Fukushima geteilt. Und ich habe mich gefragt: Wie ist Leben möglich, wenn sich alles auflöst, was scheinbar so sicher schien? Können wir einfach so weitermachen wie bisher? Ist das Gesetz des „Immer größer, immer höher, immer weiter, immer schneller, immer mehr“ im Erdbeben, in den Fluten des Tsunami und in der nachfolgenden Reaktorkatastrophe nicht endgültig zerbrochen? Während ich dies dachte, fiel mir Maria Magdalena ein. Am Ostermorgen erfährt sie, dass vermeintlich unverrückbare Regeln des Lebens hinfällig werden. Der scheinbar Ohnmächtige ersteht aus dem Grab und erscheint ihr. „Sicher ist nur der Tod!“ - diese Binsenweisheit gilt nicht mehr. Sicher ist nun das Leben aus dem Tod. Maria erlebt die Verwandlung zur österlichen Freude. Und von ihrem österlichen Glauben will ich mich anstecken lassen, indem ich das tödliche Lied des „Immer weiter so“ und die deprimierende Melodie des „Forschritt um jeden Preis“ nicht mitsinge und indem ich mithelfe, scheinbare Sicherheiten in Frage zu stellen. Ich will meinen österlichen Glauben leben, indem ich mich aufwecken lasse, selbst nun für das Leben einzustehen gegen menschengemachte Todesrisiken, die letztlich nicht beherrschbar sind. Indem ich mich befragen lasse von Gott, dem Schöpfer des Lebens, und von Jesus Christus, dem aus dem Tod Erstandenen, wie ich durch meinen eigenen Lebensstil dazu beitragen kann, schonender mit Gottes Schöpfung umzugehen. So war es letztlich österlicher Glaube, der mich motiviert hat, in der Ethik-Kommission „Sichere Energieversorgung“ der Bundesregierung mitzuarbeiten. Marias Osterglaube beflügelte mich.

Kraft für die Verwandlungen in dieser Welt

So werden wir - angesteckt von der österlichen Verwandlung einer Maria von Magdala - in unserem Glauben befähigt, selbst Verwandlungsprozesse anzustoßen. Dabei wissen wir zugleich, dass wir alle auf die eine große Verwandlung zugehen, von der der Apostel Paulus so überschwänglich in seinem Brief an die Gemeinde von Korinth schreibt. Das ist die große Verwandlungshoffnung der ganzen Christenheit, von der wir vorhin in der Schriftlesung gehört haben: Es wird gesät verweslich und auferweckt unverweslich; es wird gesät armselig, und auferweckt herrlich; es wird gesät schwach und auferweckt stark; es wird gesät ein irdischer Leib und auferweckt ein überirdischer, geistlicher Leib. Am Jüngsten Tag, wenn Christus wiederkommen wird, werden wir alle verwandelt, die Toten wie die Lebenden. Dann geschieht die letzte große Verwandlung des Vergänglichen in die Unvergänglichkeit, des Sterblichen in die Unsterblichkeit.

Vorausschauend auf diese letzte große Verwandlung kann Paulus seine Spottlied über den Tod anstimmen: „Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel“. Wer vom österlichen Glauben erfüllt ist, weiß: Tod und Sünde mögen sich noch so aufblähen, mögen uns noch so viel Angst einjagen. Aber sie haben ihre Macht längst verloren. Tod und Sünde sind ohnmächtig, sie wüten noch wie böse Hunde an der Kette (D. Bonhoeffer), aber sie können uns nichts mehr anhaben; denn Jesus hält sie fest. Er ist der Sieger geblieben. Daran glauben wir gemeinsam, Christenmenschen aller Konfessionen. Von diesem Glauben lassen wir uns Kraft schenken, für Verwandlungen in dieser Welt einzutreten. Von diesem Glauben erfüllt hoffen wir, dass wir einst alle verwandelt werden zum ewigen Leben. „Dank sei Gott, der uns den Sieg geschenkt hat durch unseren Herrn Jesus Christus“. Amen.