Fürbitte öffnet Türen

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Kol 4,2-4

Liebe Gemeinde,
der heutige Sonntag trägt nach altkirchlicher Tradition den Namen Rogate, zu deutsch „Betet“. An einem Sonntag mit diesem Namen das Jubiläum einer Kirche zu feiern, ist sehr angemessen. Denn was kennzeichnet einen Kirchenraum mehr als dieses, dass er ein Raum des Gebets ist? Hier in dieser Kirche von Köndringen haben 150 Jahre lang Menschen ihre Gebete vor Gott gebracht - ihre Stoßgebete vor anstehenden Herausforderungen, ihre Dankgebete nach Rettung aus Not, ihre Bittgebete in Zeiten der Krankheit, ihre Klagegebete im Schatten des Todes. Wer diese Kirche betritt, betritt den Lebens- und Glaubensraum einiger Generationen. Viele Menschen vor uns haben diesen Kirchenraum mit ihren Gebeten gefüllt. Haben in dieser Kirche geklagt angesichts einer Not, die sie getroffen hat. Haben betend Geborgenheit gefunden in der Weite des Kirchenraumes. Haben hier ihrer Verstorbenen gedacht, klagend und weinend. Haben Trost gefunden im Gebet. Haben um Gottes Segen gebetet für ihren gemeinsamen Eheweg oder für ihre getauften oder konfirmierten Kinder. Haben Gott gedankt nach Bewahrung in schwerer Not, zurückschauend auf lange Wegstrecken des Lebens. Dieser Kirchenraum als Lebensraum der vielen Generationen vor uns ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum. Wenn wir ihn betreten, treten wir ein in die Gemeinschaft der Heiligen, zu der die Gläubigen unserer Generation ebenso gehören wie jene, die uns im Glauben vorangegangen sind. 150 Jahre Kirche in Köndringen - das sind also 150 Jahre des Betens an diesem Ort.

Im Beten entdecken wir neue Spielräume des Lebens

Kirche in Köndringen - das sind also 150 Jahre des Betens an diesem Ort.
Jedes Beten ist Ausdruck menschlicher Gottzugewandtheit. Wenn wir beten, dann öffnen wir uns Gott, dann tasten wir uns zu ihm vor. Im Beten suchen und finden wir Ahnung und Gewissheit der heilvollen Gegenwart Gottes. Im Beten tun sich uns neu Türen auf, die wir bisher für verschlossen hielten. Im Beten entdecken wir neue Spielräume des Lebens. Im Beten ereignet sich das, was der Psalmist einmal so in Worte gefasst hat: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ So ist das Beten eine Kraftquelle des Lebens. Indem wir uns betend Gott zuwenden, bekommen wir einen neuen Blick für unsere Probleme. Einen neuen Blick auf unser Leben und auf das Leben unserer Mitmenschen, einen neuen Blick auf diese Welt. Im Beten werden wir uns dessen bewusst, dass wir nicht auf uns selbst angewiesen sind, sondern Menschen, die von Gott her Kraft zur Gestaltung und Veränderung des Lebens geschenkt bekommen. Beten ist Warten, ist Vertrauen darauf, dass Gott uns in Bewegung setzt auf Menschen zu, auch auf solche, die in scheinbar hoffnungsloser Lage sind, auch auf gesellschaftliche Situationen zu, die zu bearbeiten scheinbar unmöglich ist. So ist Beten Grundlage und Voraussetzung eines kraftvollen Tätigseins.

Diese Erfahrungen mit dem Beten im Hintergrund hören wir auf den kurzen Predigttext zum heutigen Sonntag Rogate aus dem 4. Kapitel des Kolosserbriefes:
„Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“

Liebe Gemeinde, drei Aussagen über das Gebet werden hier gemacht: Das Gebet soll beharrlich geschehen. Es soll geschehen im Zustand einer wachsamen Dankbarkeit und es soll ein fürbittendes Beten für andere sein. Wer beharrlich ist, ist ganz auf die Gegenwart hin ausgerichtet, ist ganz geistesgegenwärtig. Wer Erfahrenes in seinem Leben wachsam wahrnimmt, vergisst nicht den Dank für Erfahrenes; aus dem Rückblick auf die Vergangenheit erwächst ein wachsames Wahrnehmen des geschenkten Lebens, ein dankbares Beten. Wer sich im Gebet fürbittend anderen Menschen und ihrem Geschick zuwendet, öffnet sich der Zukunft dieser Menschen und ihren Veränderungsmöglichkeiten. So sind im Gebet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen.

Ans Herz gelegt

In den Mittelpunkt meiner Predigt will ich das fürbittende Gebet stellen, also das Gebet, das in besonderer Weise die Zukunft in den Blick nimmt, die Zukunft eines anderen Menschen, die Zukunft eines Gemeinwesens, die Zukunft der Welt. Wenn wir jemanden auffordern, für einen anderen Menschen zu beten, dann legen wir ihm ein Anliegen ans Herz. Dann bitten wir ihn, sich die Sache eines anderen Menschen zu eigen machen. Sich dieses Menschens anzunehmen, an seinem Ergehen Anteil zu nehmen. Kirche Jesu Christi ist eine Gemeinschaft derer, die anderen etwas ans Herz legen und denen etwas ans Herz gelegt wird. Von diesem gegenseitigen Ans-Herz-Legen lebt Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, lebt auch die Gemeinde hier in Köndringen. Was mir ans Herz gelegt ist, betrifft mich im Innersten. Was mir auf dem Herzen liegt, bringe ich vor Gott. In der Fürbitte bitte ich Gott für alles, was mir ans Herz gelegt ist, für alle, die mir ans Herz gelegt sind. Genau das ist Fürbitte: Zu Gott sagen „Dies leg ich dir ans Herz“. In der Fürbitte öffne ich mich zu anderen Menschen hin. Meine Fürbitte weitet meinen Blick auf die Welt. Sie verändert die Perspektive, aus der ich diese Welt und die in der Fürbitte bedachten Menschen sehe. Und meine Fürbitte verändert mein Verhältnis zu anderen. Wo mir jemand ans Herz gelegt wurde und ich ihn Gott ans Herz gelegt habe, da werde ich auch im Alltag sorgsamer mit ihm umgehen. Einem Feind, für den ich gebetet habe, sehe ich anders ins Gesicht und kann ihm nicht mehr ins Gesicht schlagen. So geschieht in der Fürbitte ein Anteilnehmen und Anteilgeben, das für die Zukunft neue Perspektiven eröffnet. In der Fürbitte legen wir unserem Gott Menschen ans Herz, machen ihre Not zu unserer Not, machen unsere Not zu Gottes Not und helfen so mit, Not zu lindern und dadurch Zukunftsperspektiven zu gewinnen.

"Es gibt keinen Gebetsautomatismus. Alle, die regelmäßig beten, wissen dies aus eigener Erfahrung."

Um das Gewinnen neuer Zukunftsperspektiven also geht es in der Fürbitte. Es geht um das, was das Wort aus dem Kolosserbrief so ausspricht: „Betet, auf dass Gott uns eine Tür auftue“. Diese Aussage wäre missverstanden, wenn wir meinten, mit unserem Gebet Gott zu einer Veränderung der Zukunft nötigen zu können. Es gibt keinen Gebetsautomatismus. Alle, die regelmäßig beten, wissen dies aus eigener Erfahrung. Durch unser Gebet bekommen wir Gott nicht in den Griff. Gott bleibt Herr allen Geschehens. Über all unserem Beten muss deshalb die Bitte des Vaterunsers stehen „Dein Wille geschehe!“ Aber so wie uns das Beten immer neue Räume erschließt, uns immer wieder Türen zu bisher nicht Gedachtem, nicht Erprobtem, nicht Erfahrenem öffnet, so dürfen wir auch daran glauben, dass unser Gebet für andere Menschen Räume öffnet und Türen auftut und dass in solchem Öffnen Gott selbst als handelndes Subjekt am Werke ist. Darum gilt: „Betet für andere Menschen. Dann werden ihnen durch Gottes Hilfe irgendwie Türen aufgetan.“

Dein Reich komme!

Was so allgemein für unser fürbittendes Beten gilt, wird nun im Kolosserbrief auf eine konkrete Situation bezogen, wenn es heißt: „...auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“ Die erbetene Öffnung der Tür meint hier den Zugang der Predigt des Apostels zu den Heiden. Die Adressaten des Kolosserbriefes werden also aufgefordert, fürbittend die Missionstätigkeit des Apostels zu begleiten, auf dass sich eine Tür zu denen auftue, denen das Geheimnis Christi bisher noch verschlossen ist. So sehr damit eine bestimmte Missionssituation in den Anfängen des Christentums angesprochen ist, so aktuell finde ich dieses Fürbittanliegen. Erkennen wir doch immer deutlicher, dass wir in Deutschland auch am Beginn des 3. Jahrtausends vor völlig neuen missionarischen Herausforderungen stehen. Vielen Menschen ist das Evangelium von Jesus Christus unbekannt geworden, verschlossen wie ein Geheimnis. Wir müssen viel Phantasie investieren für neue missionarische Verkündigung. All dies werden wir wirkungsvoll aber nur können, wenn wir uns bei unserem Weg zu den Menschen leiten lassen von unserer betenden Hinwendung zu Gott. Die von uns heute neu verlangte missionarische Hinwendung zu den Menschen muss zu allererst eine Gebetsbewegung sein, bei der wir nicht nachlassen zu beten: „Dein Reich komme.“ Wenn das Kommen des Reiches Gottes zu allen Menschen uns ein Gebetsanliegen wird, dann wird es auch unser Handeln leiten. Darum brauchen wir, um heute als Kirche in unserem Land, als Gemeinde missionarisch wirken zu können, das sehnsüchtige Gebet um das Kommen des Reiches Gottes und das fürbittende Gebet für alle missionarisch wirkenden Glaubenden, auf dass uns Gott in unserem Land eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können.

"Fürbitte ist kein Luxus, auf den die Gemeinde Jesu Christi verzichten könnte. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um die Zukunft in den Blick zu bekommen und sie mit Gottes Hilfe zu verändern. "

Liebe Gemeinde, beim Jubiläum Ihrer Kirche schauen Sie nicht nur zurück, sondern zugleich voraus. Zu diesem Blick voraus in die Zukunft gehört sorgfältiges Planen der Gemeindearbeit natürlich unverzichtbar hinzu. Aber all diese Zukunftsplanung wäre vergeblich, wenn sie nicht begleitet würde von ständiger Fürbitte. Fürbitte ist kein Luxus, auf den die Gemeinde Jesu Christi verzichten könnte. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um die Zukunft in den Blick zu bekommen und sie mit Gottes Hilfe zu verändern und mitzugestalten. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern aneinander Anteil zu nehmen und Anteil zu geben. Christliche Gemeinde braucht die Fürbitte, um die Tür zu anderen Menschen geöffnet zu bekommen und damit missionarische Kraft zu entwickeln. Christliche Gemeinden ist betende Gemeinde, ist Gemeinde, die sich in ihren Gottesdiensten fürbittend der Not der Welt annimmt und diese vor Gott trägt, nicht nur die Not der fernen Welt, sondern auch die der kleinen Gemeindewelt. Christliche Gemeinde nimmt sich fürbittend derer an, die belastet sind durch Krankheit und Trauer. Sie nennt ihre Namen und legt sie Gott ans Herz. So eröffnet sie Zukunft.

„Rogate - Betet“, das ist mehr als ein Name für einen Sonntag. „Rogate“ - das ist eine Einladung an Sie, liebe Festgemeinde, das fürbittende Gebet und seine Zukunft erschließende Kraft neu zu entdecken. „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür auftue.“ Amen.