Liebe Schwestern und Brüder,
mit vielen Eindrücken und Bildern im Kopf kommen wir heute in diesen Gottesdienst. Galeriespaziergänge haben uns Beispiele gelingenden Miteinanders von Generationen vor Augen gestellt. Wir sind auf Menschen getroffen, die - gemäß dem Thema der diesjährigen „Woche für das Leben“ - engagiert sind für das Leben mit allen Generationen. Wir haben ein Dorf kennen gelernt und haben neu die Chancen eines Dorfes als Vorbild für das Zusammenleben von Generationen entdeckt. Und ich persönlich komme natürlich mit dem Bild meines eigenen familiären Zusammenlebens in diesen Gottesdienst, denn das Miteinader von drei, manchmal auch vier Generationen ist mein Alltag seit etlichen Jahren.
Die Hoffnungsbilder gelingenden Zusammenlebens der Generationen vor Augen und die ernüchternden gesellschaftlichen Realitäten im Kopf frage ich: Was motiviert uns eigentlich, uns für das Leben mit allen Generationen zu engagieren? Woher nehmen wir die Kraft, in einer Gesellschaft zunehmender Singlehaushalte die Utopie eines gelingenden Miteinanders der Generationen lebendig zu halten?
Mit all diesen schönen und bereichernden Bildern eines Zusammenlebens von Generationen kommen wir in diesen Gottesdienst – und zugleich wissen wir um unsere gesellschaftliche Situation, die doch so ganz anders ist: Nachlassende Geburtenraten - zunehmende Vereinsamung im Alter - Verinselung des Lebens - Gefährdung familiären Lebens durch zunehmende Individualisierung und Pluralisierung, durch Mobilitätsdruck und ökonomische Notwendigkeiten - das sind Stichworte, die ich hier nenne.
Die Hoffnungsbilder gelingenden Zusammenlebens der Generationen vor Augen und die ernüchternden gesellschaftlichen Realitäten im Kopf frage ich: Was motiviert uns eigentlich, uns für das Leben mit allen Generationen zu engagieren? Woher nehmen wir die Kraft, in einer Gesellschaft zunehmender Singlehaushalte die Utopie eines gelingenden Miteinanders der Generationen lebendig zu halten? Wenn wir uns diese Frage stellen, ist es gut, bei den Propheten des Alten Testaments in die Schule zu gehen. Gerade in Zeiten, in denen Hoffnungen keine Konjunktur hatten, in denen gegenwärtige Zustände nichts Gutes erwarten ließen, haben sie im Vertrauen auf Gott Bilder der Hoffnung in die Köpfe der Menschen gemalt - als Gegenbilder gegen die ernüchternde Wirklichkeit.
Einer dieser Propheten war Sacharja. Als er wirkte, hatte das Volk Israel die größte Katastrophe seiner Geschichte hinter sich, die Zerstörung Jerusalems und die Wegführung ins babylonische Exil. Jerusalem lag in Trümmern. Der Tempel mit dem Allerheiligsten war eine Ruine, als das Volk die Erlaubnis erhielt, in die Heimat zurückzukehren. Die Ermüdung war groß, die Hoffnungen waren klein. Sicher haben sich die Alten nicht mehr auf den mühsamen Weg zurück in die Heimat gemacht, und Kinder gab es auch nicht sehr viele zu jener Zeit. Sacharja, der Priester und Prophet, gehörte zu jenen, die sich mit großem Eifer an den Wiederaufbau Jerusalems und vor allem seines Tempels machten. Er entwickelte eine Vision der neuen Stadt Jerusalem. Verkündete die Rückkehr Gottes zum Zion. Malte das Bild von der Heimkehr Gottes in seine Stadt, auf seinen heiligen Berg. Mit seinen Prophezeiungen nahm er die alten Hoffnungen und Sehnsüchte auf, die sein Volk seit den Zeiten Davids und Salomos erfüllten. Jerusalem - Stadt ewigen Friedens. Jerusalem - Ort der Wallfahrt der Völker. Die Sehnsucht nach der unverbrüchlichen Gegenwart Gottes - die war es, die sich mit Jerusalem und dem Zion verband. Die Sehnsucht nach einem Ort ohne Bedrohung, in dem Gott unter seinem Volk wohnt. Dieser Gott, den Sacharja als Herrn der Heere, als Herrn Zebaoth glaubte und verkündigte. Die Rückkehr in dieses Jerusalem, an diesen Erfüllungsort aller Hoffnungen und Sehnsüchte verkündigte Sacharja.
Und dann malte er ein ganz ungewöhnliches Hoffnungsbild von diesem Jerusalem, indem er schrieb: „So spricht der Herr der Heere: Alte Männer und Frauen werden wieder auf den Plätzen Jerusalems sitzen; jeder hält wegen seines hohen Alters einen Stock in der Hand. Die Straßen der Stadt werden voll Knaben und Mädchen sein, die auf den Straßen Jerusalems spielen. So spricht der Herr Zebaoth: Seht, ich werde mein Volk befreien aus dem Land des Sonnenaufgangs und aus dem Land des Sonnenuntergangs. Ich werde sie heimbringen und sie werden in Jerusalem wohnen. Sie werden mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein, unwandelbar und treu.“
Die Straßen und Plätze von Jerusalem gehören nicht mehr Reitern und Kriegern, sondern den Kindern und Alten. Das ist eine Vision mit menschlichem Maß. Keine Tore und Straßen aus Edelsteinen und Gold, sondern einfach nur ein Platz zum Verweilen und Spielen.
Wenn wir bedenken, wie selten alte Menschen in den Worten der Propheten zum Thema gemacht werden, dann überrascht dieses Prophetenwort besonders. Aber welch eine Kraft hat diese prophetische Vision! Einem durch den Krieg entwurzelten verstörten Volk, das sich sehnlichst Frieden und Zukunft für seine Kinder wünscht, diesem Volk wird verheißen: Deine Kinder werden nicht mehr Opfer der Gewalt. Sie müssen nicht mehr an Hunger oder an Krankheiten sterben. Sie dürfen leben. In der großen Gemeinschaft der Stadt Jerusalem dürfen sie ihre Neugier auf ein Leben im Frieden teilen mit jenen, die auf ein erfülltes Leben zurück blicken. Die Straßen und Plätze von Jerusalem gehören nicht mehr Reitern und Kriegern, sondern den Kindern und Alten. Das ist eine Vision mit menschlichem Maß. Keine Tore und Straßen aus Edelsteinen und Gold, sondern einfach nur ein Platz zum Verweilen und Spielen.
Ein Platz ist in der Stadt- und Dorfarchitektur ein öffentlicher Ort. Da werden Waren und Meinungen ausgetauscht. Neuigkeiten machen die Runde. Man zeigt sich und schaut, wer da alles vorüber läuft. Wer den Platz besetzt - im wörtlichen Sinne - besetzt die Mitte der Stadt. Und das ist das eigentlich Kühne an Sacharjas Vision: Den Mittelpunkt des Gemeinwesens, den Mittelpunkt jenes Ortes, an dem Gott bei seinem Volk ist, bilden die beiden Enden der Altersskala: Die Kinder, die manches „noch nicht“ und die Alten, die manches „nicht mehr“ können. Im Mittelpunkt stehen jene, die des Schutzes und der Sorge bedürfen und die einfach nur „da sind“: Die Alten sitzen müßig herum, die Kinder sind selbstvergessen ins Spiel vertieft. Sie zeigen, was Mensch sein bedeutet.
Das heißt: Kinder und Alte bestimmen ganz selbstverständlich das Bild dieser Hoffnungs- und Sehnsuchtsstadt. Sie sind sich freundlich zugetan, aber sie verzwecken sich nicht gegenseitig. Das ist doch in der heutigen Diskussion um den Generationenvertrag die Gefahr, dass nach der Nützlichkeit gefragt wird. Die Jungen sind dann „unsere Zukunft“, wenn es um die Rente geht, die Alten sind als „junge Alte“ willkommen, die konsumieren und vielleicht noch fürs Gemeinwohl tätig sind. Dabei geht es doch um das, was Sacharja sagt: eine offene Begegnung zwischen allen Generationen, bei der jede zu ihrem Recht kommt.
Wo Menschen sich begegnen können, die nicht grenzenlos mobil sind, die Überschaubarkeit und kurze Wege brauchen. Leben findet nach Sacharja da statt, wo Menschen einfach so da sind, sich ihres Daseins freuen können, ohne sich dafür durch Konsumkraft, Arbeit oder Nützlichkeit legitimieren zu müssen. Und diese Art Leben präsentieren für Sacharja die ganz Kleinen und die ganz Alten.
Von den „Plätzen“ Jerusalems spricht der Prophet, also von öffentlichen Orten, von überschaubaren Zentren. Wir würden sie heute „Quartiere“ nennen. Wenn wir an diesem Hoffnungsbild Maß nehmen, dann lernen wir die Überschaubarkeit dörflicher Plätze neu schätzen, wo ganz alltägliche Begegnungen möglich sind. Wo Menschen sich begegnen können, die nicht grenzenlos mobil sind, die Überschaubarkeit und kurze Wege brauchen. Leben findet nach Sacharja da statt, wo Menschen einfach so da sind, sich ihres Daseins freuen können, ohne sich dafür durch Konsumkraft, Arbeit oder Nützlichkeit legitimieren zu müssen. Und diese Art Leben präsentieren für Sacharja die ganz Kleinen und die ganz Alten.
Wenn wir an Sacharjas Hoffnungsbild Maß nehmen, dann werden wir motiviert, uns zu engagieren für die Einrichtung solcher „Plätze“ des Zusammenlebens, mögen sie heute Familienzentren heißen oder Mehrgenerationenhäuser;
dann werden wir motiviert, auch in unserer Kirche nach „Plätzen“ zu suchen, die das Miteinander der Generationen fördern,
sei es in neuen Gottesdienstformen, die generationsübergreifende Gottesdiensterfahrungen ermöglichen,
sei es im Aufbau quasi familiärer Netzwerke in unseren Gemeinden,
sei es durch neue Senior-Junior-Modelle oder den Aufbau diverser Aktivpatenschaften,
sei es durch die Entwicklung intergenerativer Lerngemeinschaften auf Zeit
oder durch die Weiterentwicklung unserer Gemeindehäuser zu „Häusern der Generationen“.
Die Vision Sacharjas, die Orientierung an Jerusalem, dem Hoffnungs- und Sehnsuchtsort des Lebens motiviert uns zum Engagement für das Leben mit allen Generationen. Und wenn wir solche Plätze hätten für die Kinder und die Alten, dann wären wir dem Sehnsuchtsort Jerusalem schon etwas näher. Sacharjas Vision verhilft uns zum Träumen von solchen Plätzen, und sie hilft uns, für solche Plätze einzutreten, an denen im Miteinander der Generationen Lebensfreude und Lebenssinn erfahren werden. An solchen Orten erfüllt sich Gottes Verheißung: „Sie werden mein Volk sein, und ich werde ihr Gott sein, unwandelbar und treu.“ Amen.
