„Es ist vollbracht!“ Ein für allemal.

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Hebr 9,15.26-28: Gottesdienst zu Karfreitag, Karlsruhe 06.04.2012

"Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: „Frau, siehe das ist dein Sohn!“ Danach spricht er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet.“ Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: „Es ist vollbracht!“ und neigte das Haupt und verschied." (Joh 19,25-30)

Liebe Gemeinde,
schon erstaunlich, was wir da hören: Fürsorgend spricht der Gekreuzigte zu seiner Mutter und zu seinem Jünger, den er lieb hat! „Er nahm alles wohl in Acht in der letzten Stunde“. Er spricht nicht wie einer, der um sein Leben fürchtet, sondern wie einer, der den Seinen ein Vermächtnis hinterlässt.
Und dann die letzten Worte „Es ist vollbracht“. Nicht verzweifelt klingt dies, sondern getrost, geradezu hoheitsvoll. Es klingt, als hätte hier jemand seinen eigenen Plan zu Ende gebracht, seinen Plan und den seines himmlischen Vaters. „Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich auf Erden wie im Himmelreich.“

Ein für allemal

Nein, in der Johannespassion wird kein elendes Sterben geschildert, sondern ein Sieg über all das Quälende und Zerstörerische, über all das Üble und Vernichtende, das Menschen anderen antun. Hier wird ein Sieg verkündet, ein Sieg über die Sünde, die Menschen voneinander und von Gott trennt. Im Mittelpunkt dieses Passionsberichts steht nicht das elende Leiden Jesu, sondern die Erlösungstat, die Gott selbst am Kreuz erwirkt. Gott selbst stirbt am Kreuz. Er wird ein Leidensgefährte der Menschen. Er schlägt sich auf die Seite der Opfer, indem er sich selbst zum Opfer machen lässt. So wird das Kreuz von Golgatha zur Brücke zwischen Gott und Mensch. Zum Zeichen eines neuen und ewigen Bundes zwischen Gott und uns Menschen. „Es ist vollbracht!“ Ein für allemal. Von nun an haben wir ungehinderten Zugang zu Gott. Über dem Kreuz von Golgatha tut sich uns Menschen der Himmel auf.

Diese Deutung des Todes Jesu, die wir aus der Johannes-Passion hören, ist in der Bibel nicht einzigartig. Der Verfasser des Hebräerbriefes teilt diese Deutung des Todes Jesu, wenn er schreibt: „Nun aber, am Ende der Zeiten, ist Christus ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und so wie die Menschen einmal sterben, bevor das Gericht ansteht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünde vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er ohne Bezug zur Sünde zum Heil denen erscheinen, die auf ihn warten.“

Ein neuer Bund

Geheimnisvoll klingt dies und in der Tat schwer verständlich. Wir müssen uns kurz den jüdischen Hintergrund verdeutlichen, vor dem diese Worte geschrieben sind. Im Glauben des Gottesvolkes galt Gott von jeher als heilig, als absolut unnahbar. Dem heiligen Gott zu nahe zu kommen, galt als geradezu bedrohlich. Nur am großen Versöhnungstag durfte sich der Hohepriester im Tempel von Jerusalem im Allerheiligsten Gott nähern. Er brachte dort Gott Tieropfer, Sündenböcke dar und erlangte so für das Volk Erlösung von aller Schuld. An diese Tradition des großen Versöhnungstages knüpft der Verfasser des Hebräerbriefes an, wenn er den Tod Jesu am Kreuz von Golgatha deutet. Er sagt: Wie früher der Hohepriester jedes Jahr neu, so hat Christus am Kreuz ein für allemal die Sünde weggeschafft, um den Zugang zu Gott zu eröffnen. Mit seinem Tod am Kreuz hat Jesus Christus einen neuen Bund zwischen Gott und Mensch gestiftet. Hat er den Zugang zum heiligen Gott geöffnet. Am Kreuz hat er seine Arme so ausgestreckt, als wolle er eine Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns Menschen schlagen. Von nun an sind keine alljährlichen Opfer mehr nötig, um Gott zu gefallen. Endgültige Erlösung ist angesagt.

"Wir wissen doch, wie sehr wir durch Schuld und Sünde getrennt werden können von anderen. Wir wissen doch um unseren Drang, für alles und jedes Schuldige zu finden, Sündenböcke und Opfer."

Schütteln wir nicht zu früh den Kopf über dieses fast archaische Verständnis des Versöhnungshandelns Gottes. Wir kennen doch unser ständiges Bemühen, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wir kennen doch unsere Versuche, uns selbst und unser Leben selbst zu inszenieren. Wir kennen doch unsere Gottvergessenheit. Wir wissen doch, wie wir ständig um uns selbst kreisen. Wir wissen doch um unsere Sünde der kurzatmigen Selbstverwirklichung auf Kosten anderer. Wir wissen doch, wie sehr wir durch Schuld und Sünde getrennt werden können von anderen. Wir wissen doch um unseren Drang, für alles und jedes Schuldige zu finden, Sündenböcke und Opfer. Und wie oft machen wir andere Menschen zu Opfern unseres Durchsetzungswillens oder zu Sündenböcken für unsere Verfehlungen. Wie oft opfern wir andere auf dem Altar unseres Ehrgeizes oder opfern gar unser eigenes Ich für angeblich höhere Zwecke. Auch produzieren wir durch menschliches Fehlverhalten ständig Opfer - sei es im Straßenverkehr oder in Fukushima, sei es durch den von uns verursachten Klimawandel oder durch unverantwortliches Konsumverhalten. Wie groß die Sucht nach Opfern ist, haben wir gerade erst vor wenigen Tagen in Emden miterleben müssen. Schlimm genug, dass die 11jährige Lena Opfer eines Sexualverbrechens wurde. Genauso schlimm aber, dass schnell ein Sündenbock her musste und dass ein 17jähriger Unschuldiger zum Opfer rachgieriger Menschen wurde.

Wie kommen wir mit Gott ins Reine?

Sage niemand, dass wir das Sündenbockdenken und den Drang, Opfer zu produzieren, überwunden hätten. Und wenn wir genau in uns hinein horchen, dann wissen wir genau, wie sehr uns solches immer wieder neu von Gott trennt. Wir kennen das Gefühl, mit uns selbst eben nicht im Reinen zu sein. Uns unrein und schmutzig zu fühlen. Und manchmal ekeln wir uns dann vor uns selbst, weil wir spüren, dass wir nicht so leben, wie es uns und den anderen Menschen gut tun würde. Und wie schmerzhaft es dann ist, wieder zu uns selbst zu finden, zu eigener Schuld zu stehen und mit dieser Schuld vor Gott zu treten.

"Gott wird nie mehr Nein sagen zu uns, seit er Ja gesagt hat zu Jesus, dem Gekreuzigten."

Wie kommen wir heraus aus der Knochenmühle der Sünde? Wie können wir mit Gott ins Reine kommen? Wie können wir mit unserer Unfertigkeit, mit unserer Schuld zurecht kommen angesichts der Heiligkeit Gottes? Opfertiere, Sündenböcke haben wir nicht mehr - wie im alten Israel - auf die wir unsere Unreinheit und Schuld übertragen könnten! Wie gut tut es dann zu wissen: Gott selbst hat alle Schuld und Sünde, alle Unheiligkeit und Unreinheit ans Kreuz von Golgatha getragen. In dem Gekreuzigten hat sich Gott selbst zum Opfer gemacht. Und so wurde das Kreuz zum Ort der Gegenwart des himmlischen Gottes auf der Erde. Zum Ort, an dem der heilige Gott und der unheilige Mensch sich nahe kommen. Das Kreuz wird zur Brücke zwischen Himmel und Erde. Zum Ort, an dem alles aus der Welt geschafft ist, was uns sündige Menschen vom heiligen Gott trennt. Der Weg zu Gott ist offen - ein für allemal. Gott wird nie mehr Nein sagen zu uns, seit er Ja gesagt hat zu Jesus, dem Gekreuzigten. Ab jetzt heißt es: Keine Opfer mehr, um Gott zu gefallen. Alles Entscheidende ist getan. „Es ist vollbracht!“

Natürlich werden wir weiterhin erleben, dass wir zurückfallen in alte Denk- und Verhaltensmuster. Aber wir sind befreit aus dem Teufelskreis kaputt machender Selbstinszenierung, verletzenden Sündenbockdenkens und tödlicher Opferproduktion. Wir brauchen uns nur gefallen zu lassen, was Gott für uns am Kreuz von Golgatha getan hat. Gott hat am Kreuz von Golgatha auch unsere Sünden weggenommen. Befreit von der Macht der Sünde können wir leben und getrost jenem Tag entgegengehen, an dem Christus zum zweiten Mal kommen wird zu unserem Heil.
„Ach Herr, lass dein lieb Engelein,
am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoss tragen.
Der Leib in seim Schlafkämmerlein
gar sanft ohn alle Qual und Pein ruh bis zum Jüngsten Tage.
Alsdann vom Tod errette mich, dass meine Augen sehen dich
in aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und Gnadenthron.
Herr Jesu Christ, erhöre mich, erhöre mich.
Ich will dich preisen ewiglich.
Amen