Bericht über die Reise nach Bangladesch vom 4. bis 9. März 2012

Teil 2: Von Dhaka nach Khulna

Am Dienstag, dem 6. März ist eine lange Busfahrt bis ins Ganges-Delta vorgesehen. Sie beginnt morgens um 7:30 Uhr in der Hauptstadt Dhaka, wo inzwischen 15 Millionen Menschen leben. Täglich kommen 2.000 Inlandsmigranten hinzu. Die Busfahrt durch die Stadt dauert 1 ½ Stunden und ist durch ein für unsere Verhältnisse unvorstellbares Verkehrschaos gezeichnet. Radfahrer und Rikschas, Autos und Busse teilen sich die Fahrspuren, die je nach Bedarf von 2 auf 4 erhöht werden. Über große Strecken ist es ein Stop and Go-Verkehr mit riskanten Überholmanövern, bei denen nicht selten ein Auto oder eine Rikscha an den Rand gedrängt werden. Dieses Fahrverhalten kennzeichnet die ganze 9stündige Busfahrt des Tages. Im Außenbereich der Stadt sehen wir riesige Ziegeleien, in denen der lehmhaltige Schwemmsand aus den Flüssen Brahmaputra und Ganges zu Ziegeln verarbeitet wird.

 

Geringer Lohn, hohe Mieten in den Slums

Der Lehmtagebau im Schwemmland von Ganges und Brahmaputra geschieht in Handarbeit. Die gebrannten Ziegel werden zum großen Teil für den Straßenbau zerkleinert und zerstoßen. Auch die Häuser werden in Ziegelbauweise erstellt. Zu sehen sind abenteuerliche Gerüste, die an den Häusern angebracht sind und auf denen sich die Bauarbeiter artistisch entlang hangeln. Weit außerhalb der Stadt dominiert dann die landwirtschaftliche Produktion, nämlich Reis-, Gemüse- und Maisanbau. Auch sehen wir viele freilaufende Ziegen und Rinder, die allerdings vor Beginn der Monsunzeit sehr abgemagert sind.- Zu sehen sind auf der Fahrt aus der Stadt heraus auch Textilfabriken. Eine Textilarbeiterin verdient bei einer 12stündigen Arbeitszeit täglich 2.000 Taka im Monat, das entspricht einem Monatslohn von 20 Euro. Die Miete für Wellblechhütten in den Slums von Dhaka alleine beträgt 1.000 – 1.500 Taka, also 10 bis 15 Euro. Wenn man noch die lange Anfahrtszeit zu den Fabriken mit hinzu rechnet, sind die Frauen täglich 16 Stunden unterwegs, um ihre Arbeit zu verrichten.

Einen besonderen Höhepunkt der Fahrt bildet - hinter dem Zusammenfluss von Ganges und Brahmaputra - die Fahrt mit der Fähre über den Padma, einen schätzungsweise 2 km breiten Fluss. Bei dieser Gelegenheit ist zu sehen, dass die Sedimentablagerungen im Fluss in den letzten Jahren bedeutsam zugenommen haben. Dies ist eine Folge des Staudammbaus in Indien am Oberlauf von Ganges und Brahmaputra. Durch diesen Staudammbau ist die Fließgeschwindigkeit des Flusses stark herabgesetzt und es bilden sich immer größere Sandbänke. Die Fahrrinne für die Fähre muss ständig ausgehoben werden, sonst wäre ein Fährverkehr nicht mehr möglich.


Bei einem Zwischenhalt lernen wir an einer Station ein Mikrokreditprogramm der CCDB kennen. Die Mikrokredite im Umfang von etwa 5.000 – 10.000 Taka (50 – 100 Euro) werden für wirtschaftliche Vorhaben, geschäftliche Unternehmungen oder Privatinvestitionen gewährt. Anders als in anderen Mikrokreditprogrammen geschieht die Fondsverwaltung nicht durch eine Bank der CCDB sondern durch Frauen in den Genossenschaften. Der Zinssatz ist auf 15 % der ursprünglichen Kreditsumme festgelegt und wird bis zur Abzahlung des Kredites in gleicher Höhe beibehalten, so dass sich ein Realzins von 30 % ergeben kann, sofern der Kredit nicht zügig zurückgezahlt wird. Dieser hohe Zinssatz dient als Ansporn zum schnelleren Zurückzahlen des Kredites.- Angemerkt sei, dass wir bei dem Besuch an dieser Station wunderbare Kokosmilch aus gerade geernteten Kokosnüssen trinken können.

 

Versalzung des Grundwassers und der Böden durch ansteigenden Meeresspiegel

Bei einem längeren Aufenthalt besuchen wir dann ein CCDB-Projekt in der Nähe von Gopalganj. Nach einem köstlichen Mittagessen wird uns das Projekt durch einen Mitarbeiter präsentiert und es wird durch den Leiter von CCDB, Joyanta Adhikari, in die Zielsetzung des Projektes eingeführt. Diese Gegend im Süden des Ganges-Deltas ist eine der ärmsten Regionen Bangladeschs. Das Hauptproblem dieser Region ist die zunehmende Versalzung des Wassers seit etwa 10 Jahren durch den ansteigenden Meeresspiegel. Auch ist das Grundwasser dieser Region zunehmend salzig kontaminiert. Brunnen werden bis zu einer Tiefe von 300 m gebohrt, und dennoch ist das dort vorfindliche Grundwasser salzhaltig. Diese Region im Süden von Bangladesch steht 6 Monate eines Jahres unter Wasser. Dieses Monsunwasser kann aber nicht mehr vollständig ablaufen wegen des ansteigenden Meeresspiegels. Es kommt zunehmend zu einer Vermischung des Wassers und damit zu einer Versalzung der Böden. Dem begegnen die Dorfbewohner durch den Anbau salzresistenter Reis-Sorten und durch die Entwicklung von Entenzucht, einer hochwassertauglichen Tierhaltung. Auch im Fischfang sind umfangreiche Veränderungen notwendig.

 

Schwimmende Gärten in Tungipara

Im Dorf Tungipara besichtigen wir einen großen Wasserspeicher, in dem Süßwasser für die Dorfbevölkerung gespeichert wird, und wir lernen die Methode der schwimmenden Gärten kennen. Auf der Grundlage von Wasserhyazinthen bildet sich ein nährstoffreicher Boden, der auf der Wasseroberfläche schwimmt. Bei Ansteigen des Hochwassers steigt auch der Garten hoch und die darauf gepflanzten Pflanzen können weiter wachsen.

Noch zwei Bemerkungen zum Besuch dieses Dorfes. Auch in diesem Dorf darf ein Cricketplatz für die Dorfjugend nicht fehlen, der allerdings nur 6 Monate im Jahr zu nutzen ist, da er in den anderen Monaten unter Wasser steht. Ferner sehen wir etliche Häuser, die auf einem erhöhten Betonsockel gebaut wurden, damit sie bei Überflutungen nicht vom Hochwasser erreicht werden, und wir sehen, dass die Bewohner zum Kochen den anfallenden Kuhdung verwenden, den sie wie auf einen Grillspieß aufbringen, trocknen und dann entzünden. Besonders hervorzuheben ist, mit welch unglaublicher Freundlichkeit und Herzlichkeit wir von den Dorfbewohnern begrüßt werden. Wir alle erhalten eine aus Blumen geflochtene Kette, und die Frauen sind auffallend hübsch gekleidet und geschminkt.

Der Tag endet mit einem Meeting im neu erbauten Khulna City Inn Hotel, in dem wir vom Bürgermeister der Stadt begrüßt werden, eine Begegnung mit der Organisation Nabolog, einem Partner von Brot für die Welt, haben und einen kurzen Vortrag eines Professors von der Khulna University hören. Der Wissenschaftler spricht die Deichbauprogramme von Bangladesch an, die zum Teil fehlerhaft durchgeführt wurden mit zum Teil verheerenden Wirkung für das Land. Jahrhunderte lang hatte die Dorfbevölkerung saisonale Deiche gebaut. Zum Schutz gegen das eindringende Salzwasser wurden Deiche aus Lehm errichtet, die dann mit Beginn der Monsunzeit niedergerissen wurden, damit das Monsunwasser (Süßwasser) ablaufen konnte. Später wurde ein von der Weltbank finanziertes und von amerikanischen Beratern entwickeltes Deichbauprogramm durchgeführt: Nun wurden große stabile Deiche errichtet mit der Wirkung, dass das die Deiche überschwemmende Salzwasser kaum noch ablaufen kann. Dies führte in den riesigen Polderflächen zur Versalzung des dortigen Wassers.