Bericht über die Reise nach Bangladesch vom 4. bis 9. März 2012

Teil III: Von Khulna in die Sundarbans und zurück nach Dhaka

Am Mittwoch, dem 7. März, starten wir gegen 7:30 Uhr zu einer außerordentlich langen und anstrengenden Fahrt in die Sundarbans. Nach einer etwa zweistündigen Fahrt legen wir einen Zwischenhalt in der Stadt Shatkira ein, einer unerträglich lauten staubigen Stadt, um einen süßen Tee zu trinken. Anschließend geht die Fahrt durch riesige Polderflächen mit Reisanbau. Immer wieder sehen wir von den Bauern errichtete Pumpen, mit denen Grundwasser in die Reisflächen gepumpt wird. An unserem Zielort nahe der indischen Grenze und an der Grenze zu den riesigen Mangrovenwäldern, der Lebenswelt der bengalischen Tiger, besichtigen wir ein Dorfentwicklungsprogramm, das von CCDB gefördert wird.

 

Hilfsmaßnahmen gegen Hochwasser

In zwei verschiedenen Gruppen bekommen wir sehr intensiven Kontakt mit der Dorfbevölkerung. Eine Gruppe der männlichen Dorfbevölkerung zeigt, wie ihnen im Rahmen dieses Projektes Instrumente zur Risikoanalyse für ihr Dorf vermittelt worden sind, um die am meisten gefährdeten Häuser und Teile des Dorfes zu ermitteln. Ziel dieses Projektes ist es, dass Hilfsmaßnahmen gegen Hochwasser, die durch Zyklone entstehen, nicht denen zugute kommen, die am meisten Geld haben oder den größten Einfluss im Ort, sondern jenen, die am bedürftigsten sind. Hintergrund dieser Maßnahme ist, dass die Dämme, mit denen das Dorf gegen das Hochwasser des vorbei fließenden Ganges geschützt ist, in den letzten 7 Jahren 2mal überschwemmt wurden, zunächst durch den Zyklon Aila im Jahr 2007 und im Jahr 2009 durch den Zyklon Sidr. Jeweils stand das Wasser 1,50 m über der Deichkrone, so dass das gesamte Dorf vernichtet wurde.

 

Shrimpzucht statt Reisanbau

Eine andere Gruppe, der ich mich anschließe, hat intensive Gespräche mit der Frauengemeinschaft des Dorfes. Viel wirde erzählt über den mühsamen Alltag. Früher wurde in diesem Dorf Reis angebaut. Wegen der Übersalzung ist dies nicht mehr möglich. Die traditionelle Shrimpzucht wurde ausgedehnt. Wichtig für die Shrimpzucht ist auch die Shrimp-Larvensuche, die im Fluss gehend mit Netzen vorgenommen wird. Bangladesch ist einer der größten Weltexporteure für Shrimps. In der sonstigen Landwirtschaft gehen die Erträge zurück, z. B. bei Kürbis und Bohnen. Eine weitere Einkunftsmöglichkeit ist das Fischen mit zum Teil abenteuerlichen Booten und selbstgebauten Netzen. Durch das Ausdehnen der Shrimpzucht sind die Arbeitsplätze vor allem für Frauen deutlich zurückgegangen, denn die Shrimpzucht ist wenig arbeitsintensiv. Über die Ausdehnung der Shrimpzucht gibt es in Bangladesch eine heftige politische Debatte. Einerseits bieten die früher fruchtbaren Ackerflächen durch die Übersalzung keine Möglichkeit mehr zu sonstigen landwirtschaftlichen Erträgen, andererseits verdrängt die Shrimpzucht durch ihre enorme Ausdehnung die Landwirtschaft aus vielen Flächen. Dieser Vorgang wird politisch äußert kontrovers diskutiert. Die Einkommen der Dorfbevölkerung sind äußerst gering. Eine Frau erzählte, dass sie ihr Geld als Haushaltshilfe verdient und im Monat 250 Taka - das sind 2,50 Euro - erhält. Von diesem Geld hat sie ihre behinderte Tochter und sich selbst zu ernähren. Ihr Mann ist gegangen wie viele Männer, die angesichts der schwer erträglichen Lebensbedingungen ihr Glück in anderen Regionen Bangladeschs suchen.

Das Dorf wird durch Süßwasser aus einem Tümpel in vier Kilometer Entfernung versorgt. Dieses ist nur möglich, weil der dortige Besitzer den Dorfbewohnern die Entnahme des Wassers kostenlos genehmigt. Nach dem Zyklon Aila war auch dieses Wasser kontaminiert und zwei Jahre lang musste das Dorf durch Hilfsorganisationen mit Wasser versorgt werden. Besonders beeindruckend bei diesen Gesprächen ist die Nähe, die die Gäste den Besuchern gewähren, insbesondere den beiden Frauen in unserer Besuchergruppe, die sich in sehr intensive Gesprächen hineinfinden, die von einer Dolmetscherin geleitet werden. Die CCDB hat in diesem Dorf Hilfe geleistet einerseits durch Häuserbau, bei dem die Häuser höher gelegt wurden, durch die Anpflanzung von Baumsetzlingen, durch die Anschaffung von Öko-Herden, durch die Reparatur von Wasserstellen und durch das Erlernen des Frühwarnsystems mit der Analyse besonders gefährdeter Stellen im Dorf.
Nach diesem äußerst intensiven, beeindruckenden aber hinsichtlich der Perspektivlosigkeit des Lebens auch deprimierenden Besuch geht es weiter mit einer Schiffsfahrt durch die Sundarbans entlang an den üppigen Mangrovenwäldern. Auf einem ausgebauten Naturpfad können wir einige 100 m in die Sundarbans vordringen. Tiger treffen wir nicht, dafür verschiedene Affenrassen und tropische Vögel. Mit dem Schiff gehte es dann Richtung Norden und in einer äußerst strapaziösen vierstündigen Autofahrt zurück nach Khulna, wo wir kurz vor 22 Uhr eintreffen. Ein ungemein informativer und schöner aber auch äußerst anstrengender Tag geht zu Ende.

 

Zyklonenschutzhaus für 1200 Einwohner

Am Donnerstag, dem 8. März steht der Besuch der Gemeinde Rajeshwar in den Sundarbans auf dem Programm. Dies ist ein Dorf mit etwa 3000 Einwohnern, das im Jahr 2009 vom Zyklon Sidr vollständig vernichtet wurde. Damals starben im Dorf 28 Menschen. Wir besichtigen ein Projekt von Brot für die Welt in Zusammenarbeit mit Nabolog, und zwar ein neu erbautes Zyklonenschutzhaus in bunkerähnlichem Stil in den Abmessungen von 25 auf 14 m und einer Gesamthöhe von 8 ½ m. Dieses Gebäude ist auf Stelzen gebaut, die etwa 3 ½ m hoch sind, und bietet für 1.200 Einwohnerinnen und Einwohner während eines Zyklons für einige Wochen einen Zufluchtsort. Nach dem Zyklon Sidr wurde dieses Haus im Jahr 2009 von Brot für die Welt und Nabolog erbaut mit Gesamtkosten von 85.000 Euro, wobei das Gelände von der Gemeinde und von Privatpersonen zur Verfügung gestellt und sehr viel Eigenarbeit von der Dorfbevölkerung erbracht wurde.

Die Gemeinde Rajeshwar ist in starkem Maße von Zyklonen gefährdet. Sie liegt etwa 500 m entfernt von einem Gangesarm. Im Fall eines Zyklons steigt der Wasserspiegel des Ganges um viele Meter, so dass ein Zufluchtsort etwa 6 m über dem Meeresspiegel des Gangesarms errichtet werden musste. Die Fensteröffnungen dieses Raums sind gegen den Sturm, der bis zu 200 oder 250 km/h erreichen kann, mit Metallfensterläden zu verschließen. Glasscheiben fehlen, weil diese vom Sturm eingedrückt würden. In der zyklonenfreien Zeit gilt dieses Schutzhaus als Grundschule für den Ort. Ein Katastrophenmanagement-Team sorgt für die Pflege des Gebäudes, für die Evakuierungspläne für den Fall eines Zyklons, für die Trinkwasserversorgung im Schutzbau, für die medizinische Versorgung der Bevölkerung, für die Sicherheit von Frauen und Kindern und für die elektrische Versorgung des Schutzbaus und ist auch verantwortlich für das Sammeln von Regenwasser. Zusätzlich zur Errichtung des Schutzbaus wurden im Ort 5 Pondsand-Filter (PSF), also Teichsandfilter errichtet, denn nach dem Zyklon Sidr war das Wasser im Gemeindegebiet stark versalzen. Nun wird aus Teichen Monsunwasser über einen Sandfilter gereinigt und damit Trinkwasserqualität erreicht. Die Trinkwasserknappheit ist ein neues Phänomen in diesem Ort, denn bevor die Zyklonen dieses Gebiet trafen, reichte der Monsunregen aus, um die Gemeinde mit Trinkwasser zu versorgen. Durch die Zyklonen wird aber eine solche Menge an Meerwasser in den Ganges und durch die Überschwemmungen auf die Felder gebracht, dass dieses Wasser als Trinkwasser nicht mehr geeignet ist. Die PSF haben eine Leistung von 1.500 l pro Tag. Das Wasser wird mit einer Handpumpe aus einem Teich hoch gepumpt, dann mit einem Sandfilter gereinigt. Von den 5 erbauten PSF sind derzeit 3 intakt, 2 sind repariert worden und wieder defekt, weil das Teichwasser so stark verschmutzt ist, dass der Filter keine Filterleistung mehr erbringen kann.

 

Verschiedene Ursachen für Versalzung der Böden

In den Gesprächen mit der Dorfbevölkerung erfahren wir, dass es sehr unterschiedliche Ursachen für die Versalzung der Böden gibt. Zum einen sind es falsche Dämme, die das Salzwasser daran hindern, wieder abzulaufen, zum anderen sind es einmalige Ereignisse wie Tsunamis oder Zyklone oder auch ein Dauereintrag von Salzwasser durch den Meerwasseranstieg. 500.000 ha in Bangladesch sind extrem versalzt, so dass keine landwirtschaftliche Nutzung mehr möglich ist. Die Versalzung des Bodens in Rajeshwar hat mit dem Zyklon Aila im Jahr 2007 begonnen. Allmählich nimmt die Versalzung wieder ab. Dennoch musste die Landwirtschaft beträchtlich umgestellt werden. Gemüseanbau ist nicht mehr möglich, es werden nun Sonnenblumen und Linsen angebaut. Es ist festzustellen, dass sich der Boden 2 Jahre nach einem Zyklon wieder von der Versalzung erholt. Aber der nächste Zyklon kommt bestimmt!
In Rajeshwar besuchen wir dann noch einen bengalischen Bauernhof und sprechen mit der Familie und dem Management-Team des Ortes. Hierbei wird noch einmal der Wert der PSF betont. Früher mussten die Dorfbewohner einen halben Kilometer zu Wasserstellen gehen, nun ist der Aufwand wesentlich geringer geworden. Allerdings ist das Wasser aus den PSF noch immer leicht salzhaltig. Sehr erschütternd sind Gespräche mit Überlebenden des Zyklons Sidr. Zwei recht stark traumatisierte Männer berichteten, wie sie ihre Frau und Kinder bzw. ihre Eltern und ihre Kinder in den Fluten des Zyklons verloren. Diese Gespräche lösen in unserer Gruppe große Ratlosigkeit aus, zumal bei der Unklarheit der religiösen Bindung der Dorfbewohner ein irgendwie gearteter liturgischer Abschluss etwa durch das Sprechen eines Gebetes oder eines Segens nicht möglich erscheint.

Auf der Rückfahrt nach Khulna besuchen wir noch in Nalbunia ein Haus, das von Brot für die Welt und Nabolog neu errichtet wurde, indem es einen stabilen und höher gelegten Betonsockel erhielt und Außenwände, die im Fall eines Zyklons leicht zusammenfallen, ohne zu einem Zusammensturz des gesamten Hauses zu führen und ohne die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses zu verletzen.- Eine touristische Komponente bildet der Besuch einer berühmten Moschee aus dem 16. Jahrhundert auf dem Heimweg nach Khulna, ehe der Abend mit einem kurzen Kulturprogramm im Hotel abschließt.

Freitag, der 9. März, der letzte Tag der Reise, ist geprägt von der Rückreise. Zunächst geht es in einer 2 ½stündigen Fahrt nach Jessore zum Flughafen und von dort mit einem Inlandsflug nach Dhaka. Nach einer kurzen Auffrischung im Hotel stehen auswertende Gespräche mit einheimischen Experten auf dem Programm. Es gilt in diesen Gesprächen Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen der letzten Tage zu ziehen. In einer internen Auswertungsrunde wird noch einmal betont, dass diese Reise die Bandbreite von Problemen im Kontext des Klimawandels hat erkennen lassen, zugleich aber auch die hohe Komplexität der Probleme, die monokausale Begründungen nicht zulässt.