Liebe Ordinierte, viel Ermutigendes erfahren Sie am heutigen Tag: Menschen, die Ihnen an verschiedenen Stationen Ihres Lebens wichtig geworden sind, begleiten Sie in Ihren Pfarrdienst.
Ihnen wurde der Segen Gottes zugesprochen und die Gemeinde hat Sie durch ihre Fürbitte gestärkt. So erfahren Sie viel Ermutigendes.
Eigentlich sollte auch die Predigt zu Ihrer Ordination eine Ermutigungspredigt sein, aber nun ist uns als Wort der Bibel für den heutigen Sonntag Reminiszere ein Abschnitt aus dem Jesajabuch gegeben, der so gar nicht ermutigend klingt. (...) Das uns gegebene Wort der Bibel ist kein gesprochenes, sondern ein gesungenes. Ein Lied. Das Lied vom Weinberg und seinem Freund, das der Prophet Jesaja einst anstimmte. Ein Lied von Gott und seinem Volk. Und das klingt so:
„Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.
Und er grub ihn um und entsteinte ihn
und pflanzte darin edle Reben.
Er baute einen Turm darin und grub eine Kelter
und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte;
aber er brachte schlechte.
Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas,
zwischen mir und meinem Weinberg!
Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg,
das ich nicht getan habe an ihm?
Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht,
während ich darauf wartete, dass er gute brächte?
Wohlan, ich will euch zeigen,
was ich mit meinem Weinberg tun will!
Sein Zaun soll weggenommen werden.,
dass er verwüstet werde.
Ich will ihn brach liegen lassen,
dass er nicht beschnitten noch gehackt werde,
sondern Disteln und Dornen darauf wachsen,
und will den Wolken gebieten,
dass sie nicht darauf regnen.“
Welch ein Lied! Ein Lied voller Leidenschaft, aber auch voller Misstöne. Was hat Gott nicht alles eingebracht an Zuwendung und Liebe - und nichts kann er ernten in seinem Volk! Gott hat sein Herz gehängt an die Pflege seines geliebten Weinbergs - aber all seine Erwartungen wurden enttäuscht. Davon singt dieses Lied, und es zeigt uns einen Gott, der zerrissen scheint in seinem Zorn, in seiner enttäuschten Liebe. Ein zorniges, ein grässliches Lied - nicht ohne Traurigkeit und Melancholie. Wir erschrecken beim Hören dieses Liedes. Wir erschrecken über den entsetzlichen Zerstörungswillen Gottes. So sehr scheint Gott gekränkt, dass er den Zaun einreißen will, der um seinen Weinberg herum errichtet ist. Allen Schutz will er seinem Weinberg nehmen, weil dieser ihn enttäuscht hat. Gott will seinen Weinberg wüst liegen lassen. Sogar den Wolken will er gebieten, nicht mehr zu regnen. Wie tief muss der Schmerz sitzen, wie tief die Enttäuschung Gottes!
Enttäuscht
Irgendwie können wir diese Enttäuschung nachempfinden. Denn auch wir kennen dies, wenn Mühe nicht belohnt, Liebe nicht erwidert wird. Wir kennen dies, wie Zorn in uns aufsteigt und Enttäuschung alles zu ersticken droht. Wir kennen dies, und wir kennen auch die Lieder der enttäuschten Liebe, die wir dann singen: Da haben wir uns größte Mühe gegeben mit unseren Kindern. Haben unglaublich viel Liebe in ihre Erziehung investiert - und dann geraten sie so ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Da stellen wir gute Anlagen bei ihnen fest, und sie können diese Anlagen nicht nutzen. Auch Drohungen, die wir aussprachen, scheinen nichts zu bewirken. Da haben wir viel getan, um eine Beziehung lebendig zu halten, haben viel Liebe verschwendet, viel Sorgfalt auf ihre Pflege verwendet. Und dann zerbricht diese Beziehung. Enttäuschung pur. Welche Lieder singen wir dann? Und manchmal frage ich mich selbst: Bin ich wirklich anders als dieser Weinberg, von dem der Prophet singt? Hat Gott nicht auch an mich viel Liebe und Sorgfalt verschwendet? Hat er nicht auch mir seine Güte so grenzenlos zugewandt, wie der Himmel ist? Und bringe ich die Frucht, die er von mir erwartet? Enttäuschung pur. Welches Lied singt Gott über mich?
Aber vielleicht kommen uns bei diesem Lied noch andere Gedanken. Hat der Weinbergbesitzer das ihm Mögliche für seinen Weinberg getan? Trifft den Weinberg wirklich die ganze Schuld an seiner Missernte? Hat Gott wirklich genug getan, um Wachstum zu ermöglichen? Diese Empörung gegen Gott liegt nahe und ist doch so gefährlich. Denn sie lenkt ab von eigener Verantwortung. Vom Weinbau wissen wir, dass es die höchste Tugend des Winzers ist es, Geduld zu haben und zu warten. Solch ein Warten, solch eine Geduld erscheint als Passivität, aber es ist die rechte Form der Fürsorge. Übrigens wissen wir auch aus der Erziehung von Kindern, dass es nicht immer das intensive Einwirken auf sie ist, das Gutes bewirkt, sondern dass häufig Geduld gefragt ist, die wachsen lässt.
Vernichtendes Urteil?
Schließlich eine letzte Beobachtung zu jenem Lied von der enttäuschten Liebe, das der Prophet angestimmt hat. Er fügt diesem Lied eine kurze und knappe Deutung hinzu, die alle Dissonanzen dieses Liedes auf die Spitze treibt: „Des Herrn Zebaoth Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, siehe, da war Schlechtigkeit.“ Die Enttäuschung Gottes sitzt so tief, dass ein scheinbar vernichtendes Urteil über seinen Weinberg, über sein Volk gesprochen wird. Dieses Volk hat keine guten Früchte gebracht - statt Rechtsspruch nur Rechtsbruch, statt Gerechtigkeit nur Schlechtigkeit. Was soll Gott mit einem solchen Volk noch anfangen: Aus! Vorbei! Hier gibt es nichts mehr zu diskutieren. Hier gibt es nur noch etwas zu beweinen.
"Sie sollen in Ihrem Amt der Wortverkündigung nicht nur Wunden heilen, sondern Sie müssen auch - im Hören auf Gottes Wort - wachrüttelnd und drohend predigen."
Ermutigend ist dies nicht, was Sie bei der Betrachtung des Liedes von Gottes Weinberg bis jetzt hören mussten. Und es schließt sich natürlich die Frage an: Welche Lieder werden Sie in Ihrem Dienst singen? Natürlich werden viele Menschen von Ihnen vor allem Lieder des Trostes und der Ermutigung an wichtigen Schnittstellen ihres Lebens erwarten - bei der Taufe kleiner Kinder ebenso wie bei der Konfirmation junger Menschen, bei Eheschließungen ebenso wie beim Abschied von Verstorbenen. Das Amt der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung ist vor allem ein priesterliches, ein Trostamt. Und dennoch gibt es auch die andere, die prophetische Seite dieses Amtes. Wie die Propheten der Bibel werden auch Sie bisweilen grässliche Lieder anstimmen müssen. Lieder, in denen Gottes Gericht und seine Strafen angedroht werden. Sie werden Drohlieder singen müssen, um Menschen zur Umkehr von bösen Wegen zu bewegen. Freilich dürfen Sie solche bösen Lieder nicht leichtfertig anstimmen. In der Tat gibt es ein fahrlässiges Predigen des Gerichts Gottes. Aber wenn Sie eine Situation sorgfältig analysiert haben, wenn Schuld klar identifiziert ist, dann muss Schuld auch beim Namen genannt, muss zur Umkehr gerufen werden. Muss Gottes Gericht verkündigt werden. Sie sollen in Ihrem Amt der Wortverkündigung nicht nur Wunden heilen, sondern Sie müssen auch - im Hören auf Gottes Wort - wachrüttelnd und drohend predigen. Und das gehört gewiss zum Schwersten im Dienst der öffentlichen Wortverkündigung.
Noch nicht das letzte Wort
Aber seien Sie vorsichtig mit einem allzu schnellen „Aus! Vorbei!“ Was in unserem Weinberglied so klingt wie ein abschließendes Urteil über das Volk Gottes, das war dann doch nicht Gottes letztes Wort über sein Volk. 150 Jahre nachdem der Prophet Jesaja sein Weinberglied von der enttäuschten Liebe Gottes gesungen hatte, trat ein anderer Prophet auf, dessen Worte ebenfalls im Jesajabuch aufbewahrt sind. Er hat die Katastrophe der Zerstörung Jerusalem miterlebt. Er hat mit seinem Volk gelitten, das in die Gefangenschaft nach Babylon geführt wurde. Er hat miterlebt, dass sein Volk schwer gebüßt hatte für seine Schuld. In dieser Situation größter Niedergeschlagenheit fand er einen neuen Zugang zum Herzen Gottes. Er entdeckte Gottes Erbarmen mit seinem Volk. Und er verkündigte, dass Gott seinen Weinberg immer noch liebt. Dass Gott von seinem Volk nicht lassen kann. Und so sang er neue Lieder für sein Volk, Lieder des Trostes und der Ermutigung.
"Sie werden zur rechten Zeit das zornige Wort Gottes wagen müssen, um dann wiederum zur rechten Zeit zu trösten. Dabei dürfen Sie sich dessen erinnern, dass Gott seinen Weinberg eben nicht für immer aufgegeben hat."
Liebe Ordinierte, genau darauf kommt es an in Ihrem Dienst zu erspüren, wann Worte des Drohens und der Mahnung von Ihnen gefordert sind. Wann Sie Worte des Gerichts sprechen müssen, um Menschen zur Umkehr von Rechtsbruch und Schlechtigkeit zu bewegen. Wann sie grässliche Lieder singen müssen, aufdeckende Lieder. Darauf kommt es an: zu erspüren. wann es an der Zeit ist, zu trösten und Menschen neu der Liebe Gottes zu vergewissern. Wann es an der Zeit ist, liebliche Lieder zu singen, die der Seele gut tun. Mit Ihrer Verkündigung der drohenden und der tröstlichen Worte Gottes tragen Sie dazu bei, dass der Weinberg Gottes gepflegt wird. Sie arbeiten selbst im Weinberg Gottes, indem Sie immer neu Gottes Wort diesem Weinberg zusprechen. Sie werden zur rechten Zeit das zornige Wort Gottes wagen müssen, um dann wiederum zur rechten Zeit zu trösten. Dabei dürfen Sie sich dessen erinnern, dass Gott seinen Weinberg eben nicht für immer aufgegeben hat. Nein, er hat ihn weiter gepflegt durch Zeiten schlimmster Enttäuschungen hindurch. Er hat sein Volk immer wieder getröstet - bis heute.
Eine Frucht des Weinbergs, die nicht Menschen, sondern die Gott in seinem Weinberg hat heranwachsen lassen, dürfen wir immer neu in unseren Gottesdiensten schmecken: „Der Kelch des Heils“ - eine Frucht des Weinbergs für uns. In dieser Frucht des Weinbergs erfahren wir Gottes Liebe und Gottes Treue zu seinem Volk. In dieser Frucht des Weinbergs erfahren wir Gottes große Ermutigung und seinen Trost, so wie er ihn in Zeiten großer Traurigkeit seinem Volk zugesungen hat.
Amen.
