Die Risiken menschlicher Freiheit - Gottesdienst zur Erinnerung an den Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl vor 40 Jahren

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Gen 3,1-24

Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Gedenktag ist keiner wie jeder andere. Vor 40 Jahren haben Menschen den Mut gefasst, sich gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie zur Wehr zu setzen. Der Widerstand gegen den Bau des Kernkraftwerks Wyhl wurde zum Fanal für die Anti-Atom-Bewegung. Wer von den damals Protestierenden, wer von uns hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass nun das Ende der Nutzung der Kernenergie in unserem Land tatsächlich gekommen ist? Am Anfang stand Wyhl, am Ende Fukushima, am Anfang der Bürgerprotest und der Widerstand christlicher Gemeinden, am Ende die Arbeit der Ethikkommission und der Beschluss der Bundesregierung zur Energiewende. Sie mögen es mir, der ich in der Ethik-Kommission intensiv mitgearbeitet habe, nicht verübeln, dass ich diesen Zusammenhang heute bewusst nenne und nicht ohne ein gewisses Maß an Genugtuung, dass der vor 40 Jahren mutig beschrittene Weg diesen besonnenen Abschluss gefunden hat.

"All diese Fragen sind in der einen Frage zusammenzufassen: Warum ist der von Gott geschaffene Mensch ein von Tod, Leid und Mühe begrenzter Mensch? Warum ist sein Leben so widersprüchlich?"

Aber dieser Tag ist kein Tag zum Jubeln, zu viele Probleme gibt es auf dem Weg zu einer sicheren Energieversorgung ohne Kernkraft noch zu lösen. Dieser Tag ist kein Tag zum Jubeln, denn nicht das Rechthaben der Protestierenden von damals feiern wir, sondern die gemeinsam errungene Umkehr von einem Irrweg menschlichen Handelns bedenken wir. Wir bedenken, was eigentlich geschieht, wenn Menschen in dieser Weise - wie in unserem Land über Jahrzehnte hinweg - meinen, Gefährdungen des Lebens in Gottes Schöpfung um gewiss großer Ziele wegen in Kauf nehmen zu können oder zu müssen. Beim Nachdenken über diese Frage will ich mich leiten lassen von jener archaischen Geschichte aus dem 1. Buch der Bibel in Gen 3,1-24. Diese Erzählung gehört zu jenen in den ersten 12 Kapiteln des 1. Mosebuches, mit deren Hilfe Menschen sich rätselhafte Erscheinungen des Lebens erklärten. Erscheinungen, die immer schon menschliches Leben bestimmt haben und dies wohl auch künftig tun werden. All diese Urgeschichten wollen den Sinn menschlicher Existenz erklären. Vom Glauben geprägte erklärende Weltdeutung - das ist die Absicht dieser Urgeschichten. Die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies gibt auf mehrere Menschheitsfragen zugleich Antwort:
Warum bereitet die elende Arbeit dem Menschen schweißtreibende Mühe?
Warum haben Frauen bei Geburt und Schwangerschaft Schmerzen?
Warum haben Frauen Lust nach dem Mann, auch wenn sie zugleich von ihm beherrscht werden?
Warum schämen sich Menschen voreinander und warum haben sie Furcht vor Gott?
Warum gibt es die ekligen Schlangen, die dem Menschen feindlich begegnen?
Warum müssen Menschen sterben und wieder zu Erde werden, von der sie genommen sind?
All diese Fragen sind in der einen Frage zusammenzufassen: Warum ist der von Gott geschaffene Mensch ein von Tod, Leid und Mühe begrenzter Mensch? Warum ist sein Leben so widersprüchlich?

 

Die Risiken menschlicher Freiheit

Die biblischen Erzähler hätten sich die Antwort leicht machen können, wenn sie geantwortet hätten: Genau so habe Gott den Menschen erschaffen, Von Gott verfügtes Schicksal also sei es, dass das Leben des Menschen so voller Widersprüche steckt. Statt dieser einfachen Antwort hat die Bibel mit der Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies eine Antwort gewählt, durch die Gott freigesprochen wird von der Verantwortung für all das Leid und die Mühsal des Menschen. Stattdessen erzählt diese Geschichte von den Risiken menschlicher Freiheit. Dem Menschen ist ein Gebot gegeben und damit auch die Freiheit, dieses zu befolgen oder ihm zuwider zu handeln. Der Mensch hat die Freiheit, auf Gottes Gebot zu reagieren. Er kann es halten oder auch nicht. Mit seinem Verhalten gegenüber dem Gebot Gottes steht der Mensch in einer Verantwortung vor Gott, die er nicht leugnen kann. Jeder Mensch, jeder Adam ist selbst verantwortlich für sein Tun. Der mit Vernunft und Entscheidungsfreiheit ausgestattete Mensch überschreitet die ihm von Gott gesetzte Grenze. Er will grenzenlos werden wie Gott. In diesem grenzüberschreitenden Tun ist er selbst verantwortlich für seinen Missbrauch der Freiheit und deren Folgen.

Das ist die uralte und zugleich hoch aktuelle Botschaft dieser Urgeschichte. Die großen Negativitäten, die jedes Leben zu einem gebrochenen machen, sind nicht von Gott gewollt, sondern sind verschuldete, vom Menschen verschuldete Negativitäten. Sie haben ihren Ursprung darin, dass der Mensch seine ihm von Gott anvertraute Freiheit nicht in den Griff bekommt. So ist die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies eine Geschichte von der missbrauchten Freiheit des Menschen. Indem der Mensch die Grenzen seiner Entscheidungsfreiheit überschreitet, wird aus der Schöpfung das Chaos gestörten Lebens. Die vielfältigen Störungen im Leben -
die Störungen im zwischenmenschlichen Bereich, die in der Scham ihren Ausdruck finden,
die Störungen im Miteinander der gesamten Schöpfung, für die der Kampf zwischen Schlange und Mensch beispielhaft steht,
die Störung des menschlichen Verhältnisses zu Gott, die in der Furcht vor Gott gipfelt -
all diese vielfältigen Störungen des Lebens haben ihren Grund darin, dass der Mensch in Überschreitung seiner Freiheit die ihm von Gott gesetzte Grenze nicht anerkennt.

"So erleben wir unsere menschliche Freiheit zum Erkennen des Guten und Bösen als eine große Bürde, wie eine Vertreibung aus dem Paradies."

Wie ungeheuer aktuell die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies mit dieser Analyse ist, erkennen wir, wenn wir den Anlass des heutigen Gottesdienstes in den Blick nehmen. Der Konflikt um die Kernenergie gipfelt doch - und das hat die Arbeit der Ethik-Kommission in starkem Maße geprägt - in der Frage: Welche Möglichkeiten darf der Mensch im Gebrauch der ihm gewährten Freiheit nutzen? Wann überschreitet er das Maß des Verantwortlichen, weil die Risiken seines Handelns unbeherrschbar und unkalkulierbar werden? Um die Risiken der Freiheit geht es also im Letzten, wenn wir über die Nutzung der Kernenergie debattieren oder gegen deren Nutzung protestieren. Ja, wir Menschen sind mit ungeahnten Möglichkeiten ausgestattet. Unsere technischen Errungenschaften und die Naturwissenschaften haben uns weiter gebracht und unglaubliche Fortschritte beschert. Denken wir nur an die Heilbarkeit vieler Krankheiten. Zugleich aber haben sie den Wahn in uns gesteigert, alles beherrschen zu können - auch die Kräfte der Natur. In der Freiheit des Denkens und Forschens gelingt es uns, immer neue Grenzen zu überschreiten. Aber jeder Erkenntnisgewinn führt uns zugleich hinein in neue Widersprüchlichkeiten. In fast jedem Fortschritt menschlichen Denkens ist Lebensdienliches unentwirrbar mit Lebenszerstörendem verbunden. Erweitertes Wissen ist oft zugleich ein „Verschlimmerungswissen“, das uns ratlos fragen lässt: Was ist wirklich gut, was wirklich böse? Was dient wirklich dem Leben, was ist schädlich? Und wo überschreiten wir die uns von Gott gesetzten Grenzen in selbstherrlicher Weise? Die Geschichte der Nutzung der Kernenergie, die noch immer sehr viele als Erfolgsgeschichte beschreiben, ist mit den Katastrophen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima ein Lehrstück über den Mangel menschlicher Demut und den Wahn menschlicher Grenzüberschreitungen, die nicht ungestraft bleiben. So erleben wir unsere menschliche Freiheit zum Erkennen des Guten und Bösen als eine große Bürde, wie eine Vertreibung aus dem Paradies.

 

Untreue und Treue

Eigentlich müssten wir angesichts solch schonungsloser Analyse verzagen, wenn es da nicht noch jenen anderen Grundzug in der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies gäbe, der diese Geschichte letztlich nicht als eine Strafgeschichte, sondern als eine tröstliche Bewahrungsgeschichte erscheinen lässt. Denn das ist doch das Überraschende dieser Erzählung, dass die von Gott dem Menschen angedrohte Todesstrafe nicht vollzogen wird. Gott lässt den schuldig gewordenen Menschen am Leben. Nicht nur das: Am Ende der Geschichte wird sogar davon berichtet, dass Gott selbst dem Menschen Röcke von Fellen machte und sie ihnen anzog, um ihnen ihre Scham zu nehmen. Er vertreibt ihn aus dem Paradies. „Jenseits von Eden“ darf der Mensch weiterleben, vergänglich zwar und unter Mühen und Leiden, aber geschützt von Gott. So endet die Geschichte von der Vertreibung ausdem Paradies zwar in tiefer Trauer: Der Mensch, der im Paradies ganz umgeben hätte sein können von Gottes Fürsorge hat sich in seinem Freiheitsdrang dieser Fürsorge Gottes selbst entzogen. In seiner Lebenswirklichkeit erfährt er sich fern von Gott. Aber dennoch wird die Trauer dieser Geschichte erhellt durch einen tröstlichen Schimmer: Die Untreue des Menschen ist letztlich umschlossen von der Treue Gottes.

"Jenseits von Eden leben wir alle als Schuldiggewordene, an der Pforte zum Paradies stehen wir alle als auf Vergebung Angewiesene."

Weiter noch reicht der Trost, wenn wir diese Geschichte weiter lesen hinein ins Neue Testament. Besonders in der bald beginnenden Passionszeit fragen wir, warum menschliches Leben gebrochen und mühevoll ist. Und wir stoßen auf die menschliche Schuld als Grund dieses Gebrochenseins. Am Ende der Passionszeit werden wir unseren Blick auf den lenken, der an Karfreitag und Ostern die Befreiung des Menschen von der Macht der Schuld für uns gewirkt hat: Jesus Christus. Durch ihn wurde uns der Zugang zum Paradies, zum ewigen Leben neu eröffnet. Zwar gibt es seit Ostern weiterhin den Adam, den Menschen. Zwar gibt es weiterhin die Gebrochenheit menschlicher Existenz. Weiterhin gibt es den Missbrauch menschlicher Freiheit und das Überschreiten der von Gott gesetzten Grenzen. Und es gibt bei jenen, die solche Freiheitsüberschreitungen frühzeitig erkannt haben, die Sünde vermeintlicher Irrtumslosigkeit. Niemand kann von sich behaupten, nicht angewiesen zu sein auf die vergebende Gnade Gottes - die Nutzer der Kernenergie ebenso wenig wie die Protestierenden von Wyhl und von Gorleben. Die vergebende Gnade Gottes allein ist es, die den Zugang zum Leben neu eröffnet. So steht am Ende der Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies für uns nicht die Trauer über Verlorengegangenes und die Resignation angesichts menschlicher Schuld, sondern am Ende dieser Geschichte steht für uns das Lob der Gnade Gottes, der wir auch die 40jährige Geschichte anvertrauen können. Dieser Gnade Gottes befehlen wir alle menschliche Hybris an, aber auch all jenes an, mit dem Menschen einander im Kampf um die Kernenergie verletzt haben. Jenseits von Eden leben wir alle als Schuldiggewordene, an der Pforte zum Paradies stehen wir alle als auf Vergebung Angewiesene. Amen.