Wanderung durch die Bilderwelt der Bibel (über die Leitbilder der Evangelischen Landeskirche in Baden; Gottesdienst in Offenburg, 22.01.2012)

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Gemeinde,
heute breche ich mit Ihnen auf zu einer Wanderung. Zu einer Wanderung durch die Bildwelten der Bibel. Durch die Bildwelten unserer Evangelischen Landeskirche. Nicht „Bilder einer Ausstellung“ sondern „Bilder einer Wanderung“ will ich mit Ihnen betrachten.

Wanderndes Gottesvolk

Auf dem ersten Bild sehen wir ein wanderndes Gottesvolk. Wir sehen Menschen, die unterwegs sind. Aus Wertheim und Mosbach kommen sie, aus Heidelberg und Sinsheim, aus Karlsruhe und Offenburg, aus Lörrach und Konstanz. Sie alle sind auf der Wanderschaft ihres Lebens und auf der Wanderschaft durch die Zeiten. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod wandern sie. Herkommend von den Anfängen der Geschichte Gottes mit seinem Volk bis hin zu seinem verheißenen ewigen Reich wandern sie. Und viele von ihnen ahnen, dass für sie noch eine Ruhe vorhanden ist, eine Ruhe jenseits des Todes, bei Gott. Sie ahnen, dass sie schon gerettet sind durch das, was Jesus Christus für sie getan hat, und zugleich glauben sie, dass ihre endgültige Erlösung noch vor ihnen liegt; dass sie auf ihrem Weg in Gottes Reich begleitet werden von Jesus Christus, der verheißen hat, bei ihnen zu bleiben bis ans Ende der Welt. Sie alle wandern in dem Bewusstsein, hier keine bleibende Stadt zu haben, sondern die zukünftige zu suchen, die Stadt Gottes in seinem ewigen Reich. Unter dem großen Bogen der ewigen Verheißungen Gottes wandern sie miteinander durch ihr Leben und durch die Zeiten.

"Wir wollen etwas davon spüren, dass dieses Wir-Gefühl gedeiht in einem Klima des Vertrauens. Wir wollen an diesen Orten erleben, dass in einem ermutigenden Miteinander das Priestertum aller Getauften so überzeugend gelebt wird, dass immer mehr Menschen gern zu unserer Wandergruppe hinzu stoßen."

Irgendwo entdecken wir uns auch selbst auf diesem ersten Bild: Wie all diese Menschen sind auch wir noch nicht am Ziel. Sind irgendwie ruhelos. Und dennoch brauchen wir alle in der großen Wandergruppe unserer Kirche Stationen, an denen wir ruhen und rasten können, Orte des Ausruhens. Wir brauchen auf der Wanderung durch die Zeiten Orte der Heimat, um immer neu aufbrechen zu können auf dem Weg zur ewigen Heimat in Gottes Reich. In unserem Unterwegssein brauchen wir Heimat auf Zeit. Brauchen wir Orte, an denen wir als Wandernde Gemeinschaft und liebende Zuwendung erfahren. Orte, an denen wir uns der Begleitung Gottes in Gottesdiensten vergewissern können. Bunt und lebendig, vielfältig in den Formen der Verkündigung und in ihrer musikalischen Gestaltung sollen diese Gottesdienste sein. Denn Menschen jeden Alters sollen hier gestärkt werden, sollen dort Lebensorientierung finden und in Berührung kommen mit Gott. Als Mitglieder des wandernden Gottesvolkes wollen wir an den Orten unserer Kirche ein evangelisches Wir-Gefühl erfahren, das gespeist ist aus der Leidenschaft für das Wort Gottes. Wir wollen etwas davon spüren, dass dieses Wir-Gefühl gedeiht in einem Klima des Vertrauens. Wir wollen an diesen Orten erleben, dass in einem ermutigenden Miteinander das Priestertum aller Getauften so überzeugend gelebt wird, dass immer mehr Menschen gern zu unserer Wandergruppe hinzu stoßen. So finden wir uns selbst wieder auf diesem ersten Bild vom wandernden Gottesvolk. Mit vielen anderen, die unterwegs sind, erfahren wir in unserer evangelischen Kirche vorläufige Beheimatung auf unserem langen Wanderweg in die ewige Heimat bei Gott.

Haus der lebendigen Steine

Auf unserer Wanderung durch die Bilderwelt der Bibel entdecken wir als zweites das Bild eines Hauses. Es ist kein normales Haus, wie wir es aus Stein, Beton oder Holz bauen. Es ist ein geistliches Haus und trägt den eigenartigen Namen Haus der lebendigen Steine.

Sein Fundament ist ein lebendiger Stein, der einstmals von den Menschen verworfen wurde, dann aber an Ostern zum Eckstein wurde: Jesus Christus, der Auferstandene. Von weitem schon sehen wir, dass das Haus der lebendigen Steine ein buntes Haus ist, bunter noch als so manches Hundertwasser-Haus. Treten wir näher heran, dann entdecken wir, was die Buntheit dieses Hauses ausmacht: Menschen unterschiedlichster Prägung und Berufung leben in diesem Haus zusammen und bringen ihre Gaben ein, um das Zusammenleben in diesem Haus zu gestalten. Da gibt es die Pfarrerinnen und Pfarrer, ausgestattet mit ganz unterschiedlichen Begabungen. Sie spielen eine wichtige Rolle in diesem Haus der lebendigen Steine. Aber was wäre ihr Tun ohne die bunte Vielfalt der anderen beruflich in der Kirche Mitarbeitenden und vor allem der ehrenamtlich in diesem Haus Tätigen; ohne die Mitarbeit all jener, die viel Phantasie und Kreativität, viel Zeit und Energie einsetzen, um Leben in dieses Haus der lebendigen Steine zu bringen! Und dann sind die Steine dieses Hauses ganz unterschiedlich geformt. Da gibt es kleine Ortsgemeinden mit wunderbaren, tausend Jahre alten Kirchen wie in Urphar oder in Sulzburg. Da gibt es in Mittelzentren wie in Offenburg ganze Häuserfassaden, die sich aus hervorragend kooperierenden Gemeinden mit jeweils unterschiedlichen Profilen zusammensetzen. Da finden wir etwa in Freiburg und Heidelberg auch Personalgemeinden mit ganz eigenen Prägungen und an vielen Orten Gemeinden, die sich um diakonische Einrichtungen und kulturelle Zentren herum bilden. Da entdecken wir in diesem Haus Türme, die wie Leuchttürme weit hinausstrahlen in das badische Land: Das Bildungszentrum sanctclara in Mannheim und die Klosterkirche von Lobenfeld etwa mit ihren großartigen Angeboten spiritueller Bildungsarbeit oder die Bibelgalerie von Meersburg, die jährlich Tausende Besucherinnen und Besucher anlockt. Ja, das Haus der lebendigen Steine, unsere Landeskirche ist ein wunderbar buntes Haus mit lebendigen geistlichen Orten.

"Aus den Fenstern dieser Zentren strahlt Licht aus, das Menschen anlockt und wärmt. Nicht auch uns?"

Und irgendwo in diesem Haus der lebendigen Steine haben auch wir unseren Platz. Hier in dieser Gemeinde wie in vielen Ortsgemeinden unserer Landeskirche erfahren Menschen verlässliche Lebensbegleitung an wichtigen Stationen ihres Lebens. Aber immer mehr Menschen orientieren sich - gerade in den Städten - ganz anders. Suchen geistliche Orte auf, die nicht in ihrer Ortsgemeinde liegen. Suchen an anderen Orten im Haus der lebendigen Steine ein Zimmer, das ihren Ansprüchen genügt. So lebt das Haus der lebendigen Steine in unserer Landeskirche davon, dass es in den Großstädten und auch in den Mittelzentren nichtparochiale Gemeindeformen gibt, die sich um profilierte Zentren herum bilden. Aus den Fenstern dieser Zentren strahlt Licht aus, das Menschen anlockt und wärmt. Nicht auch uns?

Teil des weltweiten Leibes Christi

Wir wandern weiter in der Bilderwelt der Bibel und treffen auf das dritte Bild - ein Bild, das der Apostel Paulus gleich zweimal in seinen Briefen ausführlich gemalt hat, das Bild vom Leib Christi. Dies Bild ist den meisten von uns sehr vertraut, beziehen wir es doch gern immer wieder auf die Vielfalt von Begabungen in unseren Gemeinden. Ich möchte mich mit Ihnen diesem Bild heute etwas anders nähern. „Solchermaßen in sich einig und mit allen Christen in der Welt befreundet“, formuliert die Unionsurkunde von 1821 programmatisch das Selbstverständnis unserer evangelischen Landeskirche. Seit ihren Anfängen begreift also unsere Kirche die ökumenische Orientierung als etwas ihr Wesensgemäßes und sie Bereicherndes. Evangelisch in Baden ist nicht anders als ökumenisch zu denken. Darum gilt für unsere Landeskirche: Wir werden ihre Zukunft nicht gestalten können, ohne uns bewusst als Teil einer ökumenischen Lerngemeinschaft, einer Lerngemeinschaft der weltweiten Kirche Jesu Christi zu begreifen. Das gilt für das Miteinander mit Kirchen anderer Konfessionen im eigenen Land ebenso wie mit Kirchen an anderen Orten der Welt. Dabei weiß unsere Kirche um die Vielfalt ihrer auch vorreformatorischen Quellen, aus denen sich ihr Kirchesein speist, sie weiß aber auch um das eigene evangelische Profil. Sie bringt die Schätze der eigenen Tradition selbstbewusst ein - so etwa wenn im nächsten Jahr der Verkündigung des Heidelberger Katechismus vor 450 Jahren gedacht wird.

"Wir werden auf Dauer das Christliche in unserer Gesellschaft nur lebendig erhalten können, wenn wir als Kirche wie als einzelne Christenmenschen lern- und dialogfähig sind."

Wo kommen wir selbst in diesem Bild vor? Statt immer wieder die Wichtigkeit oder Andersartigkeit einzelner Glieder im weltweiten Leib Christi zu betonen, sollten und könnten wir viel mehr darauf schauen, wo wir uns als Glieder des Leibes Christi ergänzen und bereichern können. Wir können lernen voneinander - von der katholischen Kirche in unserem Land ebenso wie von den vielen Kirchen, die in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Baden-Württemberg zusammengeschlossen sind, von unseren Partnerkirchen in Kamerun und Ghana, in Südkorea, Indonesien und Südafrika und von den Diasporakirchen, die wir mit unserem Gustav-Adolf-Werk begleiten, ebenso wie von der Gemeinschaft im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland. Und vergessen wir nicht: Viele Ehen in unserem Land sind selbst ökumenische Lerngemeinschaften. In der gemeinsamen Erinnerung an die Taufe haben wir für unser ökumenisches Lernen eine verlässliche Basis, in Diakonie und Caritas, im gottesdienstlichen Handeln, vor allem aber in der Bildungsarbeit reiche Betätigungsfelder. Wir werden auf Dauer das Christliche in unserer Gesellschaft nur lebendig erhalten können, wenn wir als Kirche wie als einzelne Christenmenschen lern- und dialogfähig sind. Gründend auf die Botschaft der Bibel und unter Aufnahme unserer Tradition müssen wir das Gespräch mit Mitgliedern anderer Kirchen suchen. Und besonders herausgefordert sind wir auch, unsere ökumenische Lernfähigkeit im Gespräch mit Angehörigen anderer Religionen zur interreligiösen Lernfähigkeit zu erweitern.

Salz der Erde

Mit unserer Wanderung durch die Bilderwelt der Bibel kommen wir zum vierten und letzten Bild, das der Bergpredigt Jesu entnommen ist, zum Bild vom Salz der Erde. Über Jahrhunderte haben sich Wirkung und Einsatz von Salz nicht wesentlich verändert. Salz ist dafür da, Speisen schmackhaft zu machen und Wunden zu reinigen. Mit der Anwendung des Bildes vom Salz auf die Kirche wird deutlich, dass Kirche nur dann ihren Auftrag erfüllt, wenn sie auch „Kirche für andere ist.“ Als Evangelische Landeskirche in Baden haben wir Anteil an dem Auftrag, die „Bot­schaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen 6) und damit für Gottes gnädige Ge­rechtigkeit in allen Bereichen des Lebens einzutreten. Als evangelische Kirche sollen wir heilend, versöhnend und wegweisend in der Gesellschaft wirken und Räume zur Gestaltung des Lebens in Frieden und Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung eröffnen. Kirche ist nicht von der Welt, aber sie hat Verantwortung für diese Welt. Ich bemühe einen bildhaften Vergleich: Wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird, so bilden sich im Wasser konzentrische Kreise um den Einschlagspunkt herum. Mit dem Bild vom Salz der Erde erreichen wir den äußersten Kreis kirchlichen Handelns. Dieser nimmt seinen Ausgang an jenem Ort, an dem der Stein ins Wasser fiel. Ohne Bild gesprochen: Die Weltverantwortung der Kirche hat ihren Ursprung in der Liebe Gottes zu dieser Welt, in der Menschwerdung Gottes in Christus. Und diese Liebe Gottes will Kreise ziehen - hinaus über die Gottesdienste der christlichen Gemeinde, hinaus über die geistlichen Orte, an denen diese Gemeinde ihr Leben gestaltet, hinaus über Einrichtungen in der ökumenischen Lerngemeinschaft, hinaus in alle Welt. Hier kommt Gottes Liebe an ihr Ziel.

"...aus diesem Glauben heraus nehmen wir Verantwortung wahr für diese Welt."

Ob wir es als Kirche und als Christenmenschen mit der Welt zu tun bekommen, ist also keine Frage kirchlicher Prioritätensetzung, sondern ist schlicht und ergreifend die Wahrnehmung unseres Auftrags. Wenn Sie sich hier für einen menschengerechten und sozial verträglichen Ausbau der Bundesbahntrasse engagieren, wenn Gemeinden am Kaiserstuhl vor genau 40 Jahren begannen, den Widerstand gegen den Bau des Kernkraftwerks Wyhl zu organisieren, wenn ich in der Ethik-Kommission der Bundesregierung „Sichere Energieversorgung“ mitgearbeitet habe, dann ist dies alles etwas, was zum christlichen Glauben elementar dazu gehört. Aus unserem Glauben an Gott, der diese Welt erschaffen und der sich in Jesus Christus ganz auf diese Welt eingelassen hat, aus diesem Glauben heraus nehmen wir Verantwortung wahr für diese Welt. Wenn wir diesen prophetischen Auftrag an der Welt vergessen, hören wir auf, Salz der Erde zu sein, verleugnen wir den Auftrag unseres Herrn.

Vier Bilder haben wir kennen gelernt bei unserer Wanderung durch die Bilderwelt der Bibel, durch die Bilderwelt unserer Landeskirche. Diese Bilder konfrontieren uns mit Fragen: Schaffen wir es, im wandernden Gottesvolk den Menschen vorläufige Beheimatung insbesondere im gottesdienstlichen Leben unserer Kirche zu bieten? Können wir im Haus der lebendigen Steine geistliche Orte mit großer Ausstrahlung gestalten und eine Vielfalt von Gemeindeformen entwickeln? Schaffen wir es, im weltweiten Leib Christi in ökumenischer Lerngemeinschaft eine umfassende Dialogfähigkeit zu entwickeln? Und nehmen wir als Salz der Erde unsere Weltverantwortung wahr? Keine harmlosen Fragen sind dies. Aber wann hat uns unser Herr je Harmlosigkeit versprochen? Auch nicht beim Wandern. Amen.