Liebe Gemeinde,
wunderbar werden wir eingestimmt auf das Weihnachtsfest - mit einer Hirtenmusik. Ein Hirtenton zieht sich durch die Kantate aus J.S. Bachs Weihnachtsoratorium. Flöten und Oboen erinnern an Hirtenschalmeien. Ihr Klang entführt uns auf die Hirtenfelder von Bethlehem. Dennoch ist das, was wir hier hören, mehr als reine Hirtenmusik. Hier geht es um ein himmlisch-irdisches Geschehen. Wir werden wir hinein genommen in ein wechselseitiges Musizieren von Engeln und Hirten. In schwingenden Rhythmus der Sinfonia verbindet sich die göttliche Dreiheit, die Welt der Engel, mit der irdischen Vier, der Hirtenwelt, die durch vier Oboen dargestellt wird. So werden wir angerührt von einer himmlischen Vision. Und ohne es vielleicht näher begründen zu können, spüren wir bei dieser Musik: „Da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns.“
Die Welt gerät aus den Fugen
Aber wo ist der Ort dieser Berührung von Himmel und Erde? Es ist nicht die Schaltzentrale des Kaisers Augustus in Rom. Es ist nicht die Burg des Statthalters Cyrenius in Jerusalem. Es ist nicht der Palast des Herodes. Es ist das Hirtenfeld von Bethlehem. Nicht wahr, das ist doch eigenartig: der mächtige Kaiser Augustus, der gewalttätige Statthalter Cyrenius, der brutale Herrscher Herodes - sie alle kommen im Stall von Bethlehem nicht vor. An diesen Herren geht die Geburt unseres Herrn vorbei. Nicht ihnen wird ein himmlischer Gesang angestimmt, sondern den Hirten, den Vergessenen der Weltgeschichte. Die Herren der Welt haben bei der Geburt Gottes im Stall von Bethlehem nichts verloren - außer dass sie sich diesem Geschehen mit Gewalt widersetzen. Hirten sind es, die durch himmlische Botschafter herausgerissen werden aus ihrer Bedeutungslosigkeit. Sie werden für würdig erachtet, als erste die himmlische Botschaft von Gottes Kommen in dieser Welt zu hören. So gerät die Welt an Weihnachten aus den Fugen. Nicht menschliche Hoheit und Macht ist gefragt, sondern Bedürftigkeit, die um ihr Angewiesensein auf die „Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes“ weiß.
"Vieles, was bis vor kurzen so mächtig erschien, entpuppte sich als ohnmächtig und bedürftig."
So sind die Orte, an denen sich Himmel und Erde berühren, vor allem all jene Orte, an denen Menschen sich ihrer Bedürftigkeit bewusst werden und sich dem Himmel Gottes öffnen. Viele Zentren der Macht, die wir vor wenigen Monaten noch für unangreifbar hielten, haben in diesem Jahr ihre Bedürftigkeit schmerzlich erkennen müssen: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima ließ so manche hochfliegenden Träume von der Beherrschung der Kernenergie durch Menschen platzen und führte in unserem Land zu einem demütigen Umdenken in einer Energiewende. Machthaber im Nahen Osten büßten in wenigen Monaten ihre so sicher geglaubte Macht ein: In Tunesien und Ägypten, in Libyen und im Jemen, bald auch in Syrien? Und wie schnell zerfiel in diesem Jahr die Macht des Euro in einer gigantischen Schuldenkrise: Regierungen in Europa stürzten und täglich neu wurde uns eher die Ohnmacht der Regierenden vor Augen geführt als deren Gestaltungskraft. Vieles, was bis vor kurzen so mächtig erschien, entpuppte sich als ohnmächtig und bedürftig.
Unscheinbar und ganz unten
Wie tröstlich ist auf diesem Hintergrund die Botschaft, die einst auf den Hirtenfeldern von Bethlehem von Engeln verkündet wurde: Gott kommt an einen unscheinbaren Ort zu unscheinbaren Menschen. Er kommt an all jene unscheinbaren Hirten-Orte, die er uns in unserem Leben zuweist. Deshalb ist es so gut, einen Weihnachtsgottesdienst mit einer himmlischen Hirtenmusik zu beginnen. Denn dies erinnert uns daran, dass die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung des himmlischen Gottes allen gilt, die sich ihre Bedürftigkeit, ihre Ohnmacht eingestehen. Ganz besonders allen, die in dieser Welt all zu oft benachteiligt oder an den Rand gedrängt fühlen. Und von ihnen gibt es auch in unserem Land sehr viele. Von zunehmender Armutsgefährdung in unserem Land konnten wir gerade erst vor wenigen Tagen Beunruhigendes lesen.
"Kürzer und prägnanter, eindrucksvoller und Mut machender kann die Botschaft der Weihnacht gar nicht vermittelt werden. Gottes Kraft erscheint in einem schwachen Kind."
„Da berühren sich Himmel und Erde“, dieser Grundton bestimmt die ganze Kantate aus Bachs Weihnachtsoratorium. Besonders schön erstrahlt dieser himmlische Grundton in dem Choral „Brich an, du schönes Morgenlicht!“ Mit diesem Choral wird uns allen die himmlische Botschaft der Weihnacht so zugesungen, dass helles Licht im Dunkel anbricht, Trost und Freude unser Herz erfüllen. Dabei könnte die Quelle dieses Lichtes, der Grund dieses Trostes und jener Freude unscheinbarer nicht sein: Die Geburt eines schwachen Knäbeleins, der Satan besiegt und letztlich Frieden bringt. Strahlend und hell wurde davon gesungen. Kürzer und prägnanter, eindrucksvoller und Mut machender kann die Botschaft der Weihnacht gar nicht vermittelt werden. Gottes Kraft erscheint in einem schwachen Kind. Deshalb dürfen wir uns an Gottes Gnade genügen lassen, denn „seine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, wie es die Jahreslosung für das kommende Jahr 2012 prägnant und treffend auf den Punkt bringt. Gott begibt sich an die tiefsten Orte der Erde, um Menschen an diesen Orten zu ermächtigen und groß zu machen. „Ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß.“ Wo der Himmel so auf die Erde kommt, wo Gott sich in einem Kind ganz klein macht, da werden Kleine groß gemacht und Ohnmächtige ermächtigt.
Wie wunderbar ist dies in der Musik von Johann Sebastian Bach abgebildet! Bei den Worten „und in einer Krippe liegen“, läßt er den Engelsboten auf einem tiefen Ton enden. Und bei dem anschließenden Choral „Schaut hin, dort liegt im finstern Stall“ erreichen wir den harmonischen Tiefpunkt der ganzen Kantate. Tiefer kann Gott nicht hinabsteigen. In einem finsteren Stall kommt er ans Ziel. So weit erniedrigt sich Gott, um Menschen aus ihrer Erniedrigung herauszuhelfen. Welch eine ermächtigende, befreiende, Freude stiftende Botschaft!
Weihnachten setzt in Bewegung
Freude aber setzt in Bewegung. Wie Kummer und Schmerz unsere Glieder bleischwer machen, so macht Freude die Beine schnell. Und so werden die Hirten in der geradezu halsbrecherischen Arie des Tenors auf den Weg geschickt: „Eilt, ach eilet!“ Ja, die frohe Botschaft der Weihnacht macht Beine. Sie kann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Aufbruch ist angesagt, schneller Aufbruch, wo Gottes Ruf mich trifft. Nachfolge ist angesagt, schnelle Nachfolge - nicht langes Verharren. „Geht, die Freude heißt zu schön!“ Weihnachten setzt in Bewegung. In Bewegung hin zu den Orten der Niedrigkeit. In Bewegung hin zu Menschen, die bedürftig sind. In Bewegung hin zu Hirten-Orten, in die hinein Gott selbst sich erniedrigt hat.
Aber immer nur Eilen und Laufen, das überfordert. Darum erklingt in herrlichem Kontrast zur Hirten-Arie jene wunderbare Schlummerarie, die dem Kind in der Krippe gilt. Im Grunde ist es ein vorweggenommenes Schlaflied, denn noch sind die Hirten gar nicht an der Krippe angekommen. Noch einmal wird ihr Lauf zur Krippe gestoppt. Wie ein meditierendes Innehalten voller Zärtlichkeit klingt es, wenn die Altstimme ihr Schlaflied „Schlafe, mein Liebster“ singt, das auf den Höhepunkt der Kantate hinführt. Diesmal wird es dem Chor vergönnt sein, in erregter, fast rauschhafter Weise das Gotteslob „Ehre sei Gott in der Höhe“ zu singen, ehe er verhalten und still den „Frieden auf Erden“ besingen und bei den Worten „und den Menschen ein Wohlgefallen“ die Spannung zwischen himmlischem Lobpreis Gottes und Sehnsucht nach irdischem Frieden musikalisch auflösen wird. Wie großartig ist hier zu erleben, dass das Lob Gottes und der Wunsch nach irdischem Frieden und Wohlgefallen Gottes zwei Seiten derselben Medaille sind. Nur wer für den Frieden auf Erden eintritt, hat das Recht jubelnd das „Ehre sei Gott in der Höhe“ anzustimmen.
"Denn weil Gott sich für uns erniedrigt hat, wird das Niedere und Bedürftige seinen Platz bei Gott haben - für immer."
Noch einmal werden im Schlusschoral himmlischer und irdischer Gesang zusammengeführt, wenn das ganze Heer der Musizierenden in höchsten Tönen und aus aller Kraft Gott Lob, Preis und Ehr singen wird. Das Musizieren der Engel und Menschen verschmilzt. Menschen- und Engelsgesang werden eins, und wir bekommen einen Vorgeschmack auf das, was uns einst erwartet, wenn Gottes himmlisches Reich anbricht für immer. Welche Musik dort erklingen wird, wissen wir nicht. Aber gewiss werden Hirtenklänge dabei sein. Denn weil Gott sich für uns erniedrigt hat, wird das Niedere und Bedürftige seinen Platz bei Gott haben - für immer. Amen.
