Freuet euch, der Herr ist nahe

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Phil 4,4 / 2 Kor 1,20 (Gottesdienst zum 150jährigen Jubiläum der Stadtkirche Walldorf, 4. Advent, 18.12.20

Liebe Gemeinde,
der heutige 4. Advent ist für Ihre Gemeinde ein Tag der Freude. Sie feiern den 150. Geburtstag Ihrer Stadtkirche.(...) Dazu passt in wunderbarer Weise der Wochenspruch für diese letzte Adventswoche. Wir finden ihn im 4. Kapitel des Briefes des Apostels Paulus an die Gemeinde von Philippi: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“

Aufforderung zur Freude

Gleich zweimal hintereinander fordert Paulus die Adressaten seines Briefes zur Freude auf. Ganz so, als wäre ihm die Freude als Grundzug christlichen Glaubens ganz besonders wichtig. Und in der Tat gründet sich unser Glaube auf das Evangelium. Und „Evangelium“ heißt nichts anderes als Freudenbotschaft. Allerdings würden wir das Evangelium völlig missverstehen, wenn wir die Aufforderung „Freuet euch im Herrn allewege“ als Aufruf zu immerwährender guter Laune begriffen. Nein, die Freude des Evangeliums, von der Paulus hier spricht, ist nicht zu verwechseln mit dem oberflächlichen Spaß einer Fun-Gesellschaft, die sich zu Tode amüsiert, indem sie jeden Abend neue Comedy-Serien im Fernsehen anschaut. Die Freude, von der Paulus spricht, ist eine tiefe Freude, eine Haltung des Herzens unabhängig von Stimmungslagen und äußerlichen Misslichkeiten.

Stellen wir uns nur kurz einmal vor, in welcher Situation Paulus seine Aufforderung zur Freude an die Gemeinde von Philippi schreibt. Paulus ist elend dran. Er sitzt im Gefängnis und muss täglich mit seiner Verurteilung zum Tode rechnen. In seinem Kerker brennt kein Adventskranz. Das Weihnachtsfest wird ihm keinen Lichterbaum und keine Geschenk bringen. Er ist am Ende. Es ist Nacht um ihn her. Er ist einer erbarmungslosen Staatsmacht ausgeliefert, die ihn vernichten will. All seine Pläne muss er aufgeben. Er wird die von ihm gegründete und geliebte Gemeinde von Philippi nicht mehr wiedersehen. Und er muss im Kerker seine größte Hoffnung begraben, die Hoffnung nämlich, den Jüngsten Tag, die Wiederkunft Christi noch persönlich zu erleben. Wenn Gott es will, wird er vor dem Jüngsten Tag sterben. Paulus ist übel dran. Und dennoch sagt er: „Freuet euch! Freuet euch!“ Und damit meint er eben nicht nur seine Vorfreude auf das nahende Martyrium, mit dem er zu seinem Herrn kommen wird, sondern viel umfassender ist seine Aufforderung zur Freude gemeint. Es ist eine Aufforderung zur Freude, die eine Ausrichtung auf Zukunft hin hat: Auf das Kommen Christi am Ende aller Zeiten.

"Wie viel besser sähe es in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche aus, wenn wir uns von Paulus anstecken ließen zu einer tiefen Lebensfreude! Wenn wir uns - mit Paulus - klar machen würden, dass wahre Freude eben nicht abhängig ist von inneren Stimmungen oder äußeren Lebensbedingungen."

Diese Aufforderung zur Freude spricht auch uns heute an diesem 4. Advent des Jahres 2011 an, eines Jahres, das so wenig erfüllt war von Freude. Aber gerade in einem Jahr, in dem viele Menschen in unserem Land in ihrer Sorge angesichts der Reaktorkatastrophe von Fukushima, angesichts der großen Eurokrise und angesichts einer immer bedrohlicher werdenden Krise des Klimas dieser Erde die Freude zu verlieren drohen, ist es nötiger denn je, auf den Ruf des Paulus zu hören „Freuet euch im Herrn allezeit, denn der Herr ist nahe.“ Wie viel besser sähe es in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche aus, wenn wir uns von Paulus anstecken ließen zu einer tiefen Lebensfreude! Wenn wir uns - mit Paulus - klar machen würden, dass wahre Freude eben nicht abhängig ist von inneren Stimmungen oder äußeren Lebensbedingungen.

"Mit jedem Entzünden einer weiteren Kerze am Adventskranz rufen wir: „Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein!“"

Wovon aber hängt die wahre Freude der Christenmenschen ab? Grund unserer Freude ist die Zukunft, auf die wir zugehen. Das Kommen unseres Herrn, seine Nähe ist es, die uns Freude des Lebens schenkt - jederzeit. „Freuet euch allewege, denn der Herr ist nahe!“ Wir öffnen doch die Türen an unseren Adventskalendern nicht nur, um uns der Nähe des Weihnachtsfestes zu vergewissern. Bei jedem Öffnen einer neuen Tür wird uns gesagt: Er ist nahe, der Heiland der Welt. Wenn wir singen „Tochter Zion“, dann verkündigen wir damit zugleich: „Der Sieger steht vor der Tür.“ Mit jedem Entzünden einer weiteren Kerze am Adventskranz rufen wir: „Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein!“ Der Herr ist nahe - das ist die Kernbotschaft der Bibel. Der Herr ist nahe - das ist der Schlüssel zum ganzen Evangelium. Es ist wahr: Der Herr ist nahe. Er umgibt uns von allen Seiten. Er kommt aus der Vergangenheit zu uns als unser Bruder, als der, der sich für uns dahin gegeben hat. Er kommt aus der Zukunft auf uns zu als der Herr der Welt, der diese Welt richten, das heißt: zurecht bringen wird. Er kommt uns täglich nahe durch sein Wort und durch seine Sakramente, durch Geschwister in seiner Gemeinde; er kommt uns täglich nahe im Gebet. Der Herr ist nahe, er ist nahe unseren Herzen und Sinnen. Er ist nahe unserer Welt - rettend und richtend, helfend und heilend. Der Herr ist nahe - dies zu wissen, das ließ schon Maria jubelnd singen (Lk 1,46-55). Der Herr ist nahe - dies zu wissen ließ Paulus schreiben „Freuet euch im Herrn allezeit!“ Der Herr ist nahe - dies zu wissen ist Grund zur adventlichen Freude.

Auf 150 Jahre gottesdienstlichen Lebens in dieser Kirche schauen Sie heute zurück. Aber zugleich kommen Sie als evangelische Gemeinde hier in Walldorf aus einer Vergangenheit, die viel länger ist. (...) Sie kommen her aus einer Vergangenheit, die zurückreicht bis in die Zeit der uralten Erfahrungen des Volkes Israel mit seinem Gott, bis in die Zeit der Verheißungen, die er den Stammvätern und -müttern unseres Glaubens zugesprochen hat und an die gerade in den Wochen des Advents immer wieder erinnert wird. Als christliche Gemeinde an diesem Ort gründen Sie auf diese uralte Vergangenheit des Gottesvolkes und nehmen - gegründet auf diese Vergangenheit - die Zukunft in den Blick.

Ja und Amen

In dem eigentlich für den heutigen 4. Advent vorgesehenen Predigttext aus dem 2. Brief des Paulus nach Korinth ist diese Verankerung in der Vergangenheit und diese Perspektive auf die Zukunft kurz und bündig in folgende Worte gefasst: „Auf alle Gottesverheißungen ist in Christus das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen.“ Ja, so ist es: Es gäbe keine Gemeinde an diesem Ort, wenn diese Gemeinde nicht gründen würde in einer Vergangenheit, die auf die Zukunft hin ausgerichtet ist. Menschen haben an diesem Ort die Verlässlichkeit Gottes erfahren seit seinen ersten Verheißungen. Sie haben das große „Ja“ erfahren, das Gott in Jesus Christus auf seine Verheißungen gesprochen hat. Menschen feiern Gottesdienst an diesem Ort, weil sie immer wieder dieses große „Ja“ Gottes mit ihrem „Amen“ beantworten wollen. Diese Kirche wurde vor 150 Jahren gebaut, um an diesem Ort „Ja“ und „Amen“ zu sagen. In dieser Kirche soll sich die Gemeinde die Verheißungen Gottes in Erinnerung rufen, sich des „Jas“ Gottes in Christus auf all diese Verheißungen vergewissern und zu diesem „Ja“ Gottes ihr „Amen“ sprechen kann. Seit 150 Jahren vergewissert sich Gemeinde in diesem Gotteshaus der Verheißungen Gottes und weiß sich gestärkt in der Hoffnung, dass Gott seine Verheißungen einmal endgültig erfüllen wird, wenn unser Herr wiederkommt. In dem großen Spannungsbogen von den Verheißungen Gottes, die in alter Zeit gesprochen wurden, über das „Ja“ Gottes in Jesus Christus bis hin zur Zukunft des kommenden Herrn lebt christliche Gemeinde, feiert sie Gottesdienst Sonntag für Sonntag.

Ein Atem beraubender Spannungsbogen ist dies, in den das 150jährige Jubiläum Ihrer Kirche eingezeichnet ist. Sie haben diesem Jubiläum ein sehr schönes Leitwort gegeben: „Wo aus Steinen Glaube wächst“. Ja, wo in einem steinernen Gotteshaus Glaube wächst, da wird christliche Gemeinde als lebendig erfahren. Da wird sie selbst zu einem „Haus der lebendigen Steine“ - gegründet auf das Fundament der Verheißungen Gottes, gegründet auf das „Ja“ Gottes in Jesus Christus und lebendig in der Hoffnung auf die Vollendung aller göttlichen Verheißungen, wenn unser Herr kommt. Das Fundament des Hauses der Kirche sind Gottes Verheißungen. Fundament dieser Kirche ist Jesus Christus selbst, dieses unverrückbares „Ja“ Gottes zu uns Menschen, das den Hirten auf den Feldern von Bethlehem zugesprochen wurde ebenso wie den Menschen unter dem Kreuz von Golgatha. Gründend auf dieses Fundament feiern Sie das Jubiläum Ihrer Kirche als eine Gemeinschaft lebendigen Glaubens und Hoffens. Und wie lebendig Gemeinde an diesem Ort ist, das wissen Sie besser als ich.

"Sie sind Teil des weltweiten Volkes Gottes, das zu diesem „Ja“ Gottes immer und immer wieder bekennend sein „Amen“ spricht."

Dabei dürfen Sie nie vergessen: Sie sind mit Ihrem Glauben, der in der Geschichte Gottes mit seinem Volk gründet und der auf die Zukunft des kommenden Herrn ausgerichtet, Sie sind mit diesem Glauben an diesem Ort nicht allein. Sie können in Ihrem Glauben und Hoffen lebendig sein, indem Sie sich wahrnehmen und verstehen als Teil des weltweiten Volkes Gottes, das sich gemeinsam gründet auf das „Ja“ Gottes, das er in Jesus Christus auf alle seine Verheißungen gesprochen hat. Sie sind Teil des weltweiten Volkes Gottes, das zu diesem „Ja“ Gottes immer und immer wieder bekennend sein „Amen“ spricht. Sie sind Teil des weltweiten Volkes Gottes, das gemeinsam voller Freude wartet auf die Vollendung aller Verheißungen Gottes, auf das Kommen seines Herrn am Ende der Zeiten. „Der Herr ist nahe!“ In das Lob dieses weltweiten Gottesvolkes stimmen wir ein, indem wir singen: „Nun singe Lob, du Christenheit, dem Vater, Sohn und Geist, der allerorts und allezeit sich gütig uns erweist.“ Amen.