„Erwartung und Erfüllung in der Geschichte der Lutherkirche“ (Schriftlesung aus Sach 9,9f )
Liebe Festgemeinde!
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Alle, die dieser Verheißung Gottes vertrauten, waren offen für Gottes Hilfe und hatten eine genaue Vorstellung davon, wie Gott seinem Volk Hilfe schicken könne. Sie erwarteten, dass Gott durch einen mächtigen Retter, durch einen König wie David, durch einen Messias mit Macht und Ehren Not und Leid wenden, Hilfe und Rettung bringen würde.
Große Erwartungen
Eine bestimmte erwartungsvolle Haltung war es auch, die all jene erfüllte, die vor 75 Jahren diese Lutherkirche einweihten. Bei der Grundsteinlegung am 21.Juli 1935 endete die Rede von Pfarrer Kramer mit den Worten: „Mit dem alten Luthergeist und Glauben lasst uns getrost der Zukunft entgegengehen im Dienst des Reiches Gottes zum Heil und Segen für unser Volk.“ In diesen Worten spiegelt sich die erwartungsvolle Haltung jener Zeit wider - ebenso in der Architektur dieses Kirchenbaus mit ihrer klaren, am archaisch Heldischen orientierten Formensprache. Und als dann am 1. Advent des Jahres 1936 bei der Einweihung dieser Kirche durch Landesbischof Kühlewein die Tore der Kirche geöffnet wurden mit jenem Psalmwort „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe“, kündete eine übergroße Hakenkreuzfahne am Turm der Lutherkirche von der erwarteten glorreichen Zukunft für diese Gemeinde, diese Stadt und das deutsche Volk.
Große Erwartungen also begleiteten die Einweihung dieser Kirche. Aber wie schnell lösten sie sich auf im Pulverdampf des 2. Weltkrieges, im Bombenhagel der amerikanischen Luftwaffe, der am 1. März 1945 die Stadt Bruchsal traf und auch diese Kirche in Schutt und Asche legte. Das Dach und die Ausstattung verbrannten, die Außenwände und auch das monumentale, großflächige Altarbild mit der Darstellung der Auferstehung Christi blieben in großen Teilen erhalten. Aber wie viele Erwartungen wurden damals im Bombenhagel des 2. Weltkriegs zerstört. Hatte Gott sein Volk verlassen? So werden sich viele damals gefragt haben. Worauf sollten Sie in dieser neuen Stunde Null ihre Hoffnung setzen?
Mühsam war der Wiederaufbau der Kirche. Gottesdienste fanden zunächst im Luftschutzkeller des Krankenhauses statt, später wurde der Kindergarten zur Notkirche, ehe ab Juli die unzerstörte Kirche des ehemaligen Frauengefängnisses mitbenutzt werden konnte. Fünf Jahre dauerte es, bis am 26. Februar 1950 schließlich die Kirche von Landesbischof Bender wieder eingeweiht wurde, und weitere Elf Jahre, bis im Jahr 1961 der Einbau der Steinmeyer-Orgel erfolgen konnte. Wir können uns vorstellen, wie viele enttäuschte Erwartungen be- und verarbeitet werden mussten, ehe das Werk des Wiederaufbaus vollendet werden konnte. (...)
Gott kam nicht zum Volk Israel in der Gestalt des erwarteten mächtigen Messiaskönigs.
Gott kam nicht zu der evangelischen Gemeinde von Bruchsal, um ihre Erwartungen beim Bau dieser Kirche zu erfüllen.
...und wie Gott sie erfüllt
Mühsam war der Wiederaufbau der Kirche. Gottesdienste fanden zunächst im Luftschutzkeller des Krankenhauses statt, später wurde der Kindergarten zur Notkirche, ehe ab Juli die unzerstörte Kirche des ehemaligen Frauengefängnisses mitbenutzt werden konnte. Fünf Jahre dauerte es, bis am 26. Februar 1950 schließlich die Kirche von Landesbischof Bender wieder eingeweiht wurde, und weitere Elf Jahre, bis im Jahr 1961 der Einbau der Steinmeyer-Orgel erfolgen konnte. Wir können uns vorstellen, wie viele enttäuschte Erwartungen be- und verarbeitet werden mussten, ehe das Werk des Wiederaufbaus vollendet werden konnte.
Wie die gläubigen Menschen im alten Israel musste auch die evangelische Gemeinde an diesem Ort die Erfahrung machen, dass Gott menschliche Erwartungen nicht einfach erfüllt:
Gott kam nicht zum Volk Israel in der Gestalt des erwarteten mächtigen Messiaskönigs.
Gott kam nicht zu der evangelischen Gemeinde von Bruchsal, um ihre Erwartungen beim Bau dieser Kirche zu erfüllen.
Gott erfüllt nicht unsere Erwartungen, wohl aber seine Verheißungen. So sind Gottes Erfüllungen nicht immer eindeutig. Sie kleiden sich oft in eine Gestalt, die sie schwer erkennbar oder verwechselbar macht:
Der vom Gottesvolk erwartete Messias hüllte sich in die unscheinbare Gestalt des Jesus von Nazareth, der in Jerusalem auf einem Esel einzog.
Die Hilfe Gottes für diese Gemeinde geschah nicht in der Erfüllung großdeutscher Phantasien, sondern in einem Gemeindelebens, das nicht immer mit eindrucksvollen Zahlen protzen konnte und das doch unzählig vielen Menschen Trost und Geborgenheit in dieser Kirche vermittelt hat:
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche einen Ort der Stille gefunden?
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche geklagt angesichts einer Not, die sie betroffen hat?
Wie viele Menschen haben dieses Haus Gottes lieb gewonnen?
Wie viele Menschen haben Geborgenheit gefunden in der Weite dieses mächtigen Kirchenraumes?
Wie oft wurde Gottes Wort tröstend Menschen zugesprochen, die an diesem Ort ihrer Verstorbenen gedachten - oder Mut machend und wegweisend jungen Eltern, die ihre Kinder zur Taufe brachten?
Wie oft baten Ehepaare hier um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg?
Wie oft wurden Menschen hier an ihre Taufe erinnert?
"Gottes Erfüllungen verhüllen sich. Nicht jedes Auge kann sie als Gottes Hilfe erkennen."
Ja, nicht das vor Augen Liegende ist es, worin sich Gottes Verheißungen erfüllen. Und auch nicht das, was wir an Erwartungen gegenüber Gott formulieren. Gottes Erfüllungen verhüllen sich. Nicht jedes Auge kann sie als Gottes Hilfe erkennen:
Mit den Augen des Glaubens erkennt Varenka hinter den Schneeflocken, die ihr Haus bedecken, Gottes rettendes Tun.
Mit den Augen des Glaubens erkennen Menschen seit 2000 Jahren in Jesus von Nazareth den Retter der Welt.
Mit den Augen des Glaubens entdecken Menschen seit 75 Jahren in dieser Lutherkirche hinter enttäuschten Erwartungen Gottes tröstendes und rettendes Wort. So ist diese Lutherkirche mit ihren monumentalen Ausmaßen zugleich ein Zufluchtsort zu Gott, eine „feste Burg in den Nöten, die uns betroffen haben“ und ein Mahnmal gegen alle menschlichen Erwartungen, die sich ausschließlich auf die Verwirklichung menschlicher Möglichkeiten richten. Solche Mahnmale gegen menschlichen Größenwahn brauchen wir dringend in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen zu Schöpfern des Lebens stilisieren, in der Leben immer stärker dem Wahn des Machbaren ausgesetzt ist und in der nationalistische Phantasien terroristische Gewalt in unserem Land freisetzen. Eine Kirche, gerade eine Kirche, die sich nach Martin Luther benennt, muss den Blick immer wieder weglenken von unseren Erwartungen, die wir formulieren. Muss die Augen öffnen für den gläubigen Blick auf Gottes Verheißungen und Erfüllungen. Für mich ist der Andachtsraum, den Sie für Ihre Kirche planen, Ausdruck einer solchen Haltung: Den Blick weglenken von falschen Erwartungen, die sich auf die Verwirklichung eigener Möglichkeiten konzentrieren, und den Blick und das Herz öffnen für Gott und seine Möglichkeiten - das ist es, worauf es ankommt. Das schenkt dem Jubiläum dieser Lutherkirche am Ende eines ideenreich gestalteten Jubiläumsjahrs seinen adventlichen Glanz. Amen.
