Liebe Gemeinde!
Die schönen Tage des goldenen Oktobers sind vorüber. Das fallende Laub kündet in diesen trüben und dunklen Novemberwochen von der Vergänglichkeit des Lebens. Am Ende des Kirchenjahres richten wir unsere Gedanken häufiger als sonst auf das Ende des Lebens. Wir gehen zu den Gräbern unserer Verstorbenen. Wir gedenken der Toten der Kriege. Wir erleben und bedenken die Grenzen des Lebens. Und wir fragen uns: Wie geht es am Ende einmal aus mit unserem Leben? Wie geht es am Ende einmal aus mit unserer Welt? Wird am Ende alles gut, wie wir es für uns und unsere Welt hoffen? Wird am Ende das gnädige Ja Gottes stehen, seine grenzenlose Barmherzigkeit, auf die wir vertrauen, die wir jeden Tag neu erfahren und die wir Woche für Woche verkündigen? Ende gut, alles gut? Ist das die Botschaft der Bibel für unser Leben, für unsere Welt?
Abgerechnet wird zum Schluss
Das Evangelium zum heutigen Sonntag und die Kantate von Johann Sebastian Bach sagt anderes: Da wird ein Bild vom Ende gemalt, das uns zugleich hoffen, aber auch erschrecken lässt. Von Himmel und Hölle wird da gesprochen, von ewigem Heil und ewiger Verdammnis - und vor allem: von Gottes Gericht über alle Menschen am Ende der Zeit. Kein „Alles wird gut!“ wird hier verkündigt, vielmehr wird uns der Ernst des Gerichtes Gottes vor Augen gemalt - gerade so wie wir es von zahllosen Gemälden mittelalterlicher Kathedralen und Kirchen kennen: Verlockend süß und schön ist da das himmlische Paradies dargestellt, in das die Gerechten am Ende gelangen werden - in scharfem Kontrast dagegen grausam und brutal die ewige Verdammnis der Sünder.
Wie gehen wir um mit der hier dargestellten Erwartung eines doppelten Ausgangs am Ende des Lebens, am Ende der Welt? Legen wir sie beiseite als eine überholte Phantasievorstellung aus längst vergangenen Zeiten? Oder stellen wir uns dieser biblischen Botschaft, die in Johann Sebastian Bachs Kantate so eindrucksvoll aufgenommen worden ist:
Hier die Rettung der Gerechten - dort die Verwerfung der Sünder.
Hier die Schafe zur Rechten - dort die Böcke zur Linken.
Hier das Ererben des Reiches Gottes - dort das ewige Feuer des Teufels.
Hier die Hoffnung der erwählten Gotteskinder, einst zu den Auserwählten gezählt zu werden - dort die Besorgnis der verstockten Sünder, für das Ende der Welt nicht hinreichend gerüstet zu sein.
Hier die wahre Freude - dort das ew’ge Herzeleide.
Hier das himmlische Eden - dort die offene Pforte der Hölle.
Hier der Mut machende Zuruf an die Gerechten „Zaget nicht!“ - dort die eindringliche Mahnung an die Sünder „Es ist letzte Zeit“.
Hier die Zuversicht auf einen ewigen Erquickungstag mit Stille und Lust in Fülle - dort der mahnende Weckruf „schlage, knalle, letzter Schlag“.
Und wohin werden wir gelangen?
Das letzte Wort
Ja, liebe Gemeinde, das Ende des Lebens ist nicht das, was wir sehen, wenn wir von einem Menschen am Grab Abschied nehmen. Das Ende der Welt ist nicht das, was Experten prognostizieren. Am Ende des Lebens, am Ende der Welt erwarten wir Gottes Gericht über unser Leben und über die Welt. In diesem Gericht wird zurecht gebracht, was in unserem Leben und in unserer Welt in Unordnung war. Im Spruch für diese vorletzte Woche des Kirchenjahres ist dies kurz und bündig mit den Worten des Apostels Paulus ausgesprochen: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Niemand von uns weiß, wie es am Ende einmal mit dem eigenen Leben ausgeht. Wir sind aber gewiss, dass es eine letzte Verantwortung für alle Menschen vor dem Richterstuhl Christi gibt.
„Zu wissen, dass das letzte Urteil über unser Leben Gott allein vorbehalten ist, muss uns vorsichtig und nachsichtig machen im Urteil über andere.“
Diese Gewissheit setzt zunächst und vor allem unserem eigenen Richten eine Grenze. Wie gern spielen wir uns zu Richtern über andere auf! Meinen, ihr Tun, gar ihr Leben beurteilen zu können. Zu wissen, dass das letzte Urteil über unser Leben Gott allein vorbehalten ist, muss uns vorsichtig und nachsichtig machen im Urteil über andere. Wie entlastend ist es etwa, beim Abschied von einem Menschen, kein abschließendes Urteil über sein Leben sprechen zu müssen, sondern ihn dem gerechten Gericht Gottes anvertrauen zu können. Der Glaube an ein letztes Gericht Gottes macht barmherzig im Urteil über andere. Wenn Gott das letzte Urteil fällen wird, müssen wir es nicht sprechen. Wie entlastend!
„Denn auf dem Richterstuhl am Ende der Zeiten wird Christus sitzen. Das Angesicht des Richters wird das Angesicht des Gekreuzigten sein.“
Das Wissen um Gottes Gericht am Ende des Lebens, am Ende der Welt hilft ferner, der Belanglosigkeit des Lebens zu wehren und die Verantwortlichkeit in allem Tun zu stärken. Das Wissen um eine letzte Rechenschaft, die wir ablegen müssen vor dem Richterstuhl Christi, verleiht unserem Glauben einen letzten Ernst und erfüllt ihn zugleich mit großer Hoffnung. Denn auf dem Richterstuhl am Ende der Zeiten wird Christus sitzen. Das Angesicht des Richters wird das Angesicht des Gekreuzigten sein. Sein Blick auf unsere Sünden wird der Blick dessen sein, der alle Tiefen des Menschseins selbst durchlebt hat. Der Blick des richtenden Christus wird ein gerechter Blick sein, aber kein gnadenloser. Es wird ein strenger Blick sein, aber kein unbarmherziger. Ein Blick, der um die Sündhaftigkeit des Menschen weiß, aber auch um alles Bemühen, in Gottes bewahrter Schöpfung ein Zusammenleben in gerechtem Frieden zu gestalten. Durch die Brille einer gnädigen Gerechtigkeit wird Christus Gericht halten über uns und unsere Welt. Und wir werden befragt werden, was wir in unserem Leben getan haben an all unseren geringsten Schwestern und Brüdern, in denen uns Jesus Christus selbst begegnet ist - an den Hungrigen und Durstigen, an den Fremden und Bedürftigen, an den Kranken und Gefangenen. Vor ihm wird dann auch all das offenbar werden, was wir vor anderen Menschen und auch vor uns selbst verstrecken: Unsere heimlichen Wünsche und unsere geträumten Gemeinheiten, aber auch all das, was wir im Verborgenen segensreich wirken, ohne dass es öffentliche Anerkennung findet. Nicht nur das, was vor Augen liegt, sondern auch die verborgenen Seiten unseres Lebens, die dunklen wie die hellen, werden offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.
So ist der Glaube an Gottes Gericht am Ende des Lebens, am Ende der Welt nichts, was uns Angst einjagen oder Furcht bereiten muss. Wohl aber ist dieser Glaube an Gottes Gericht eine wertvolle Anleitung zu einem gewissenhaften Leben, zu einem Leben in Verantwortung vor Gott. Dietrich Bonhoeffer hat es auf den Punkt gebracht: „Du stehst vor dem Angesicht Gottes. Gottes Gnade waltet über dir, du stehst aber zum andern in der Welt, musst handeln und wirken, so sei bei deinem Handeln eingedenk, dass du unter Gottes Augen handelst.“ Wir wissen nicht, wie es ausgehen wird mit unserem Leben. Aber das Leben jeden Tag neu in Verantwortung vor Gott zu führen und in Erwartung seines Gerichts, das schenkt eine unglaubliche Freiheit von allem Beurteiltwerden durch Menschen. Jeden Tag neu unter Gottes Augen zu handeln, das ermutigt zur wachen Hinwendung zu anderen Menschen und zur Welt. „Wachet auf“ ruft uns die Stimme Christi, unseres Richters. Amen.
