Religion als Unterbrechung - Kulturkirche im ländlichen Raum

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu Jer 22,29; Festgottesdienst zum 450-jährigen Reformationsjubiläum, Unterschüpf, 31.10.2011

Liebe Gemeinde,
„Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Eindringlich, fast schrill dringt diese Aufforderung zum Hören an unser Ohr. „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ So hat der Prophet Jeremia sein Volk aufgerüttelt, um ihm das Ende der mehr als 400jährigen Königsdynastie Davids anzukündigen. „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Wie geradezu aufschreckend dieser Ruf zum Hören geklungen haben mag, wird noch deutlicher, wenn ich ihn auf Hebräisch wiederhole: Erez, erez, arez, schmi debar Adonaj! Wir spüren förmlich, wie dieser Weckruf die Menschen herausreißen sollte aus der Routine ländlichen Lebens. Herausreißen sollte aus der falschen Sicherheit einer vermeintlichen Idylle. Aufrütteln sollte, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Ein Weckruf. Ein Unterbrechungsruf. Inmitten des politischen Alltags mit einer sich anbahnenden politischen Katastrophe meldet sich Gott zu Wort. So kann Religion den Alltag unterbrechen. „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“

Weckrufe

Propheten von der Größe eines Jeremia gibt es heute nicht mehr. Aber sein Weck- und Unterbrechungsruf - er erklingt bis heute durch alle Lande. Manche Glocken unserer Kirchen tragen diese Inschrift „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Und jeder Glockenschlag ist bis heute ein Weckruf - manchmal ganz wörtlich zu nehmen -, ist ein Ruf zur Unterbrechung. Früher wurden mit dem Ruf der Glocken die bäuerlichen Familien zur Mittagspause gerufen und bis heute läuten sie Woche für Woche den Sonntag ein. Die Glocken erinnern daran, dass Leben mehr ist als nur Routine des Alltags. Mehr ist als stete Geschäftigkeit. Mehr ist als Gestaltung des politischen Lebens. Die Glocken mit ihrem Ruf „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ unterbrechen den Alltag und erinnern daran, dass wir Unterbrechungen des Lebens brauchen, um auf den zu hören, dem wir uns verdanken: dem dreieinigen Gott.

"Mit seinem Weck- und Unterbrechungsruf hat Martin Luther die mittelalterliche Papstkirche aufgeschreckt - wie Jeremia einstmals sein Volk. Und er hat - wie viele Reformatoren neben und nach ihm - die Reformation als eine Bewegung des Hörens auf Gottes Wort initiiert."

„Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Das hätte auch der Weck- und Unterbrechungsruf der Reformation gewesen sein können. Die Reformation begann mit Martin Luthers Hammerschlägen an die Schlosskirche von Wittenberg, mit denen er gegen die Verweltlichung der mittelalterlichen Papstkirche protestierte. Die Reformation begann mit Luthers aufrüttelnden Weckruf gegen den unwürdigen Ablasshandel, mit dessen Erlös der Bau des Petersdoms in Rom finanziert werden sollte. Religion drohte zu einem üblen Geschäft mit dem Seelenheil der Gläubigen zu verkommen. Da musste einer schreien „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Mit seinem Weck- und Unterbrechungsruf hat Martin Luther die mittelalterliche Papstkirche aufgeschreckt - wie Jeremia einstmals sein Volk. Und er hat - wie viele Reformatoren neben und nach ihm - die Reformation als eine Bewegung des Hörens auf Gottes Wort initiiert. Durch Martin Luthers Weck- und Unterbrechungsruf wurde die Reformation zu einer Sache des ganzen Landes. Alles Land sollte neu auf Gottes Wort hören.
Deshalb wurde die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt.
Deshalb wurden Lieder gedichtet und komponiert, durch welche alles Land mit der Botschaft der Bibel vertraut wurde.
Deshalb wurden Katechismen verfasst, damit alles Land das Wesentliche christlichen Glaubens erlernen konnte.
Deshalb wurden in die Gemeinden auf dem Lande Visitatoren gesandt, welche die Bildung der Pfarrer überprüften und zu ihrer Verbesserung Wesentliches beitrugen.
Deshalb betrieb Philipp Melanchthon unermüdlich den Aufbau eines Schulwesens und gründete Universitäten, damit in allen Landen Bildung am Maßstab des Wortes Gottes vermittelt werden konnte.

Hör-, Sing- und Bildungsbewegung

Die Reformation war eine durch einen Unterbrechungs- und Weckruf in Gang gekommene Bewegung des Hörens auf Gottes Wort. Sie war eine Hör- und Singbewegung. Und sie war - gerade auf dem Land - eine Bildungsbewegung. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Kultur unseres Landes ganz wesentlich bis heute durch die Reformation geprägt ist, die übrigens dann auch in der katholischen Kirche zu grundlegenden Veränderungen und Reformen geführt hat. Auch die katholische Kirche ist eine Kirche, die durch die Reformation gegangen ist. So wäre die im 2. Vatikanischen Konzil vorgenommene Rückbesinnung auf die Bibel als das entscheidende Wort Gottes wohl nicht erfolgt ohne die Konzentration der Reformation auf das Wort Gottes. „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Dieser Weckruf hat der katholischen Kirche geholfen das zu werden, was sie heute ist: eine von uns wert geschätzte Schwesterkirche.

„Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Wie sieht heute das Land aus, dem dieser Unterbrechungs- und Weckruf gilt? Zwiespältig ist die Situation auf dem Land: Einerseits ist klar: Wer hier lebt, lebt freiwillig und gerne hier. Schätzt den ökologischen und sozialen Mehrwert des Landes:
die gute Luft und die Berührung mit der Natur,
das Zusammenleben in enger Nachbarschaft mit verlässlichen und direkten Kontakten,
die Einbettung in familiäre Strukturen, die Geborgenheit und Nähe vermitteln und die den Kindern das Erlernen eines Grundvertrauens ermöglichen.
Auch wenn das Land keine heile Welt ist, so wird es doch als ein Schutzraum im Nahbereich erfahren, der so etwas wie „Heimat“ darstellt. So verwundert es nicht, dass auf dem Lande die Bindung an die Kirche bis heute deutlich größer ist als in der Stadt. Die Kirche wird bei Taufen und Konfirmationen, bei Trauungen und goldenen Hochzeiten, bei Beerdigungen und dörflichen Veranstaltungen als verlässliche Begleiterin an den verschiedensten Stationen des Lebens erfahren. Die Kirche wird für Seelsorge in Krisen und für diakonische Hilfe in Notsituationen in Anspruch genommen. Und - trotz mancher Ausdünnung von Pfarrstellen auch im ländlichen Raum - wird die Kirche mit ihrem verlässlichen Angebot gottesdienstlichen Feierns als etwas Konstantes in den vielen Wechselfällen des Lebens erfahren.

Und dennoch nimmt der Trend zum Wohnen auf dem Lande ab. Zwar sind die ländlichen Regionen auch in unserer Landeskirche hinsichtlich der Kirchenmitgliedschaft stabiler als die städtischen. Aber wir dürfen nicht übersehen: Vor allem junge Menschen verlassen das Land, fliehen. Überalterung der ländlichen Bewohnerschaft ist die Folge, ganz dramatisch übrigens in jenen Regionen Deutschlands, in denen Martin Luther einst als Reformator gewirkt hat. Jene sind weniger und älter geworden, die heute auf dem Lande den alten Weck- und Unterbrechungsruf hören können: „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“

Religion als Unterbrechung

Hier bei Ihnen erschallt dieser Unterbrechungsruf laut und deutlich. Religion als Unterbrechung, das erfahren Sie nicht nur durch das regelmäßige Glockengeläut an diesem Ort. Dieses Geläut mit seinem Ruf „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ weist hin auf das verlässliche gottesdienstliche Angebot, das für Unterbrechungen des Alltags im Rhythmus des Tages und der Woche, des Monats und des Jahres sorgt. In der Verlässlichkeit der täglichen und wöchentlichen Unterbrechungen ermöglicht Ihnen die geistliche Grundversorgung durch Gottesdienste bei allem Wandel des ländlichen Raums konstante und vertraute Begegnungen mit Gottes Wort. Darüber hinaus aber bietet die „Kulturkirche Schüpfergrund“ mehr: Mit außerordentlichen Angeboten, in Zusammenarbeit mit regionalen Künstlern und Musikerinnen kann diese Kulturkirche mit seinem vielfältigen und anspruchsvollen Programm auch unerwartete und heilsame Unterbrechungen in der Routine des Lebens, im Fluss des Alltags bewirken. Der Unterbrechungsruf einer Kulturkirche kann ganz wesentlich dazu beitragen, bei aller Bewahrung des ländlichen Raums wandelnde Kräfte freizusetzen. Die Kulturkirche Schüpfergrund kann reformierend und reformatorisch wirken, indem sie zum Wandel ermutigt durch ihren unerwarteten Weck- und Unterbrechungsruf „Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“

Gerade im kommenden Jahr kann die Kulturkirche Schüpfergrund wichtige Aufgabe wahrnehmen. Auf dem Weg zum 500jährigen Reformationsjubiläum im Jahr 2017 begehen wir im kommenden Jahr ein Jahr der Kirchenmusik. Im Kern geht es beim Hören der Kirchenmusik auch um das Hören des Wortes Gottes. Und viele Menschen finden durch die Musik besser einen Zugang zum Wort Gottes als durch Predigten. An vielen Orten in Deutschland wird im Jahr der Kirchenmusik das Wort Gottes singend und musizierend verkündet werden. Mein Wunsch am heutigen Reformationsfest ist es, dass viele Menschen im Jahr der Kirchenmusik zum Hören des Wortes Gottes angeregt werden. „Land, Land, Land, singe des Herrn Wort!“ Amen.