Liebe Synodengemeinde,
innehalten ist angesagt bei dieser Tagung der Landessynode. Morgen werden wir miteinander Rückschau halten auf all das, was wir in den zurückliegenden Jahren im Rahmen unseres Kirchenkompassprozesses geplant und durchgeführt haben. Die Leitbilder dieses Prozesses werden uns noch einmal vor Augen geführt, diese Bilder, die stärken und Mut machen, die auf Ziele hin ausrichten und Hoffnung stiften. Diese Bilder vom wandernden Gottesvolk und vom Haus der lebendigen Steine, vom Leib Christi und vom Salz der Erde. Wir werden nachdenken über das, was gelungen und was unerledigt geblieben ist. Dabei wird unser Blick zunächst zurückgehen in die Vergangenheit der letzten Jahre, mehr noch aber voraus in die Zukunft unserer Landeskirche. Und wir werden uns wieder auf den Weg machen, die Zukunft unserer Kirche zu planen, in der gebotenen Balance von Mut und Demut.
Ein "menschlicher" Gott
In Momenten des Innehaltens ist es gut, sich zu vergewissern, was sich auf dem Weg von der Vergangenheit in die Zukunft als tragend erweist. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich für meine Predigt ein Wort der Bibel ausgewählt, das uns Vergewisserung und Orientierung schenken kann. Es steht im Buch Jesaja und ist ein Wort jenes Propheten, der in der düsteren Zeit des babylonischen Exils seinem Volk Mut machende Perspektiven für die Zukunft eröffnet hat. Nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier, nach der Vertreibung aus der Heimat, nach dem Verlust der staatlichen Souveränität, nach der Zerstörung des Tempels fühlte sich das Volk Israel verlassen von Gott. Gott war ihnen fragwürdig geworden: Kein liebender Gott mehr, sondern ein zorniger Gott. Kein freundlich zugewandter Gott, sondern ein abwesender Gott. In dieser Situation ermöglicht der Prophet seinem Volk einen ermutigenden Blick in die Zukunft, indem er im Namen Gottes spricht: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht Gott, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht Gott, dein Erbarmer.“
"Der Zorn verraucht, die Gnade Gottes aber bleibt ewig."
Diese Worte kommen mir vor wie ein Fenster, durch das wir ins Herz Gottes sehen können. Wir sehen Gott hier als einen leidenschaftlichen Liebhaber, als einen Gott voller Gefühle und Emotionen. Es ist, als hätte im Herzen Gottes ein Kampf stattgefunden, bei dem die Liebe mit dem Zorn gerungen und ihn überwunden hätte. Dem Zorn wird nur ein Augenblick zugestanden, der Liebe aber eine Ewigkeit. Der Zorn verraucht, die Gnade Gottes aber bleibt ewig. So wird der momentanen Resignation des Volkes eine ewige Hoffnung entgegengesetzt, dem stummen Leiden Gottes Leidenschaft für das Leben.
Es ist ein sehr menschlicher Gott, der hier spricht. Hier spricht einer, der sein Herz öffnet für die Menschen. So liebevoll ist seine Beziehung zu den Menschen, dass sie hindurch trägt durch Fehler und Irrungen, Unstimmigkeiten und sogar Untreue aushält. In dieser allzu menschlich-göttlichen Liebesbeziehung wächst Vertrauen, in dem sich Gott und der Mensch ändern, „bessern“ und weiterentwickeln können. So wie wir es brauchen, dass sich ein Mensch nach Zeiten des Zornes uns wieder zuwendet, so brauchen wir diesen menschlichen Gott, der zu uns spricht wie ein liebender Ehemann zu seiner Frau, wie ein Vater oder eine Mutter zu ihrem Kind.
So menschlich ist unser Gott. Deshalb vergleicht der Prophet Gottes Beziehung zu seinem Volk mit der Liebesbeziehung eines Mannes, der seiner Geliebten verzeiht, obwohl sie ihn betrogen hat. Obwohl Israel sich von seinen Geboten abgewandt und anderen Göttern zugewandt hatte, obwohl das Volk die Gottvergessenheit für einen Dauerzustand hielt, kündigt der Prophet das Unglaubliche an: Du wirst nach Hause heimkehren! Denn Gott spricht zu Dir: „Mit zärtlicher Liebe will ich dich wieder sammeln; mit „ewiger Gnade“ will ich mich deiner erbarmen.“
Wenn alles zusammenbricht
Diese Botschaft einer zärtlichen Liebe, die getragen ist von „ewiger Gnade“ verdeutlicht der Prophet mit einem besonders eindrucksvollen Bild: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.“ Welch eine Kraft geht von dieser Zusage aus und von den starken Bildern, die der Prophet hier verwendet: Selbst Berge können weichen und Hügel können hinfallen. Die durch ihre Gesetze verlässliche Natur mit ihren Bergen und Hügeln ist ein Kartenhaus im Vergleich zu Gottes ewigem Ja. Die Gebirge aus Granit sind wie Sand gegen das beständige Ja Gottes, aus dem wir Kraft schöpfen können. Eigentlich können wir uns das nicht vorstellen, dass Berge weichen und Hügel hinfallen. Vielmehr flößen uns Berge Ehrfurcht ein. Scheinbar unverrückbar stehen sie da. Wer je in den Bergen gewandert ist, kennt diese Ehrfurcht vor diesen riesigen Zeugen der Schöpfermacht Gottes. „Ja“, sagt der Prophet im Namen Gottes: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, dass so ein Berg von der Stelle weicht. Und doch ist es wahrscheinlicher, als dass Gottes Gnade von euch weicht!“ Was für eine starke Zusage!
"Alles kann zusammenstürzen, aber hinter allem Zerbrechlichen gibt es doch etwas Tragendes, Unerschütterliches: die gnädige Zuwendung Gottes zu uns, seinen verlässlichen Bund des Friedens."
Selbst das in unserem Leben Stabilste kann zerbrechen. Selbst Berge. Gerade erst im Februar mussten wir es miterleben, als in Japan Berge und Hügel wankten und einen zerstörerischen Tsunami auslösten. Und gerade erfahren wir, wie scheinbar sicher geglaubtes zerbricht: Unser vereintes Europa droht hinzufallen, weil die Finanzkrise den Euro ins Schwanken bringt. Und wie sicher schien alles noch vor wenigen Jahren. Auch unsere Marktwirtschaft unerschütterlich schien sie, bis das Beben an den Börsen sie erschütterte. Und dann denken wir an uns selbst: Wie leicht gerät doch das Bild, das wir von uns selbst haben und das unserem Leben Stabilität verleiht, ins schwanken; oder unsere Ehe und Familie, die uns so viel Sicherheit zu bieten scheint, sie wird erschüttert durch Krankheiten oder durch Untreue. Und zuletzt: Welche Prognosen über die Zukunft unserer Kirche sind schon zerbrochen durch Beben verschiedenster Art, mögen sie nun demographischer Wandel oder Finanzkrise, Wiederentdeckung des Religiösen oder Sinnkrise der Gesellschaft heißen. Ja, das in unserem Leben Stabilste kann zerbrechen. Alles kann zusammenstürzen, aber hinter allem Zerbrechlichen gibt es doch etwas Tragendes, Unerschütterliches: die gnädige Zuwendung Gottes zu uns, seinen verlässlichen Bund des Friedens, der verlässlich ist wie ein ewiger Ehebund.
"Der hier liebend seine Gnade zusagt, sagt sie nicht nur dem Volk im Exil zu, sondern aller Welt."
Aber dürfen wir eigentliche jene liebende Zusage Gottes, die in eine ganz bestimmte Situation des Volkes Israel hinein gesprochen wurde, so einfach auf uns heute beziehen, so wie ich es jetzt getan habe? Wir dürfen! Schon beim Lesen des Textes haben wir gehört, dass der Prophet erinnert an den Bund, den Gott einst mit Noah geschlossen hat. Und wer von uns erinnert sich nicht sogleich an die Zusage dieses Bundes: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Indem der Prophet an den Noahbund erinnert, weitet er die Gnadenzusage Gottes gewaltig aus: Der hier liebend seine Gnade zusagt, sagt sie nicht nur dem Volk im Exil zu, sondern aller Welt. Der hier an den Bund seines Friedens erinnert, der spricht nicht nur für die nahe Zukunft, sondern für alle Zeit. Der hier spricht ist derselbe, der später einmal durch seinen Christus sagen wird: „Siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.“ Gottes Gnade - sie gilt aller Welt und aller Zeit. Und deshalb kann sie auch uns,
Hoffnung schenken in allem Verzagtsein,
Stärkung, wo wir uns überfordert fühlen,
glaubendes Vertrauen, wo unsere Erfahrungen uns anderes lehren wollen,
und Frieden unseren Herzen in aller Friedlosigkeit.
Unerschütterliche Gnade
„Ewige Gnade“ - damit geht Gottes Beziehung zu uns schließlich weit über menschliche Beziehungen hinaus. „Ewige Gnade“ - kein Mensch kann das einem anderen versprechen und das ist auch gut so: Wir würden einander „gnaden-los“ überfordern! „Ewige Gnade“ dürfen wir nur von Gott erwarten. Aber von ihm dürfen wir es auch! Ihm dürfen wir glauben, dass er unsere Welt nicht mehr untergehen lassen will, wie er es zu Zeiten Noahs geschworen hat. Also müssen auch wir die Welt nicht verloren geben, sondern können das Unsere dazu beitragen, dass Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verwirklicht werden. Und auch uns selbst müssen wir nicht verloren geben, auch nicht unsere Kirche! Die Zusage der ewigen Gnade Gottes weckt in uns Hoffnung, Hoffnung auf eine Zukunft mit Gott. Zu Gott dürfen wir kommen mit unseren Sorgen um die Zukunft, mit unserem erfolgreichen wie vergeblichen Bemühen, mit unserem Planen und Denken. Wir können uns darauf verlassen, dass Gottes Gnade und Treue zu uns stärker ist als unsere Fehler.
"Was wir an Vergeblichem erfahren, ist nur von kurzer Dauer angesichts des uns von Gott Verheißenen."
Damit werden nicht etwa unsere Erfahrungen von Scheitern und Vergeblichkeit, von fehlerhaftem und gottvergessenem Tun einfach überspielt. Nein! Aber diesen Erfahrungen wird der Glaube an Gottes gnädige Zuwendung entgegengesetzt. Und damit werden unsere Erfahrungen in ihre Grenzen gewiesen: Was wir an Vergeblichem erfahren, ist nur von kurzer Dauer angesichts des uns von Gott Verheißenen. Wo wir nur wackligen Boden unter den Füßen verspüren, da gibt es doch einen tragenden Grund. Wo wir uns hilflos und überfordert fühlen, da bleibt doch Gottes Hand für uns ausgestreckt - helfend und unterstützend. Wo wir geplagt sind vom Gefühl des Vergeblichen, da hat Gott seinen Bund des Friedens schon erneuert. Auch in Zeiten gefühlter Vergeblichkeit trägt uns die geglaubte Gnade Gottes. Im Glauben und Vertrauen auf diese unerschütterliche Gnade Gottes planen wir die Zukunft unserer Kirche: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.“ Amen.
