Sehr geehrte Damen und Herren,
im Juli des vergangenen Jahres haben wir Michael Nüchtern zu Grabe getragen. Mit seinem Tod hat unsere Landeskirche einen höchst wert geschätzten Bruder und Kollegen im kirchenleitenden Amt und ich einen langjährigen Begleiter und lieben Freund verloren. Wenn ich heute aus kirchenleitender Perspektive auf das 12jährige Wirken Michael Nüchterns im Kollegium des Evangelischen Oberkirchenrats zurückschaue, dann knüpfe ich an bei dem, was ich in meiner Beerdigungsansprache in Auslegung eines Wortes aus der uns bekannten Jakobsgeschichte gesagt habe: „Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: ‚Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.’“ Das war der Konfirmationsspruch von Michael Nüchtern. Ein ungewöhnlicher Konfirmationsspruch - und doch wie passend!
Denn er fand im Leben und in der Theologie Michael Nüchterns eine reiche Entfaltung. Die Geschichte von Jakobs Traum in Bethel wurde in wesentlichen Teilen Michael Nüchterns Geschichte. Jakob erkennte Gott an einem Ort, wo niemand ihn vermutet. Dort, wo niemand Gottes Anwesenheit ahnt, da entdeckt Jakob Gottes Gegenwart. Dort, abseits der großen Zentren der Welt baut er Gott einen Altar, um an Gottes Gegenwart an diesem Ort zu erinnern.
„Meister des zweiten Blicks“.
Diese Jakobserkenntnis ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, wie Michael Nüchtern Theologie getrieben hat. Genau so hat Michael Nüchtern sich als Theologe verstanden. So hat er uns im Kollegium, so hat er vielen Menschen in unserer Kirche die Augen geöffnet für Gottes Gegenwart an scheinbar säkularen Orten. Michael Nüchtern hat immer die Welt in den Blick genommen, die Welt der Kultur ebenso wie die des Sports, die des Reisens ebenso wie die der Wissenschaft. Er hat sich in seinem theologischen Denken wie in seinen Lebensvollzügen ganz und gar eingelassen auf die Welt. Aber er hat sich niemals mit der Vordergründigkeit der Welt abgefunden. So wie Jakob erst noch einmal im Traum genau hinschauen musste, um Gottes Gegenwart zu entdecken, so war Michael Nüchtern ein „Meister des zweiten Blicks“.
Wie oft hat er uns im Kollegium damit überrascht, dass er vordergründig Plausibles mit einem zweiten Blick in Frage stellte und uns damit zwang, Dinge nochmals zu bedenken und gründlicher hinzuschauen. Mit seinem zweiten Blick zwang er uns, in unserem kirchenleitenden Handeln nicht im Ziehen schneller Schlüsse übermütig zu werden. Mit seinem zweiten Blick lehrte er uns, immer neu die Demut des Zweifels und der Fraglichkeit einzuüben. Und mit seinem zweiten Blick öffnete er uns immer wieder auf überraschende Weise die Augen, indem er hinter so vielen scheinbar säkularen Phänomen unserer Zeit die heimlichen religiösen Sehnsüchte von Menschen aufspürte; indem er Gott da entdeckte, wo man es nicht vermutet. Mit seiner Fähigkeit zum zweiten Blick wurde er uns und wurde er vielen zu einem geistlichen Pfadfinder, zu einem, der neue Pfade hin zum Erkennen der Gegenwart Gottes in dieser Welt fand.
Worin hatte diese Fähigkeit zum zweiten Blick ihre Wurzel? Ganz gewiss zunächst in der großen analytischen Begabung, die Michael Nüchtern in seiner langjährigen Tätigkeit als Leiter der Evangelischen Akademie in Baden und als Leiter der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen entwickelte und in zahlreichen Publikationen immer wieder unter Beweis stellte. Michael Nüchterns Fähigkeit zum zweiten Blick gründete aber auch in einer theologischen Grundentscheidung, nämlich indem er die von Dietrich Rössler entwickelte Theorie von der dreifachen Gestalt des Christentums in der Moderne als Grundlage seinem theologischen Denken basiert. Zugrunde legte. Roessler unterscheidet zwischen
- dem kirchlichen Christentum im Leben der Gemeinden und im Handeln der kirchlichen Institutionen,
- dem kulturellen Christentum in vielen Erscheinungsformen der Kultur
- und dem individualisierten Christentum in unterschiedlichsten Gestalten privater Frömmigkeit.
Alle drei Gestalten des Christentums wollte Michael Nüchtern kirchenleitend immer wieder in den Blick nehmen und damit einer Verengung kirchenleitenden Handelns wehren, die aus einer Fokussierung auf das bloß kirchliche Christentum leicht resultieren kann. So war es Michael Nüchtern wichtig, immer wieder nach Erscheinungsformen des Christlichen in der Kultur zu fragen, etwa wenn er Literatur und Film, Theater und Bildende Kunst, aber auch die politische Kultur unseres Landes theologisch deutete. Aber auch für das individualisierte Christentum in unterschiedlichsten Gestalten privater Frömmigkeit entwickelte er eine besondere Sensibilität. So weitete er unsere kirchenleitende Perspektive, indem er Spurenelemente des Christlichen in der scheinbar säkularen Kultur und nicht institutionelle Formen der Frömmigkeit aufspürte.
Theologie der Kasualien
Besonders fruchtbar gemacht hat er seinen Blick für die dreifache Gestalt des Christentums in seiner Theologie der Kasualien, die er unserer Landeskirche als sein Vermächtnis hinterlassen hat und die ich in meinem Bericht vor der Landessynode im April 2010 entfaltet habe. In dieser Theologie der Kasualien hat er die strategische Bedeutung der Kasualien für kirchliches Handeln und menschliche Biografien verdeutlicht. Er hat darauf hingewiesen, dass die Resonanz auf Kasualgottesdienste eine Stärke kirchlichen Handelns und eine oft unterschätzte Form privater Frömmigkeit zeigt. Er hat die hohe Bedeutung der Kasualien für die Kirchenbindung und das Verhältnis zum christlichen Glauben unterstrichen und eine im wahrsten Sinne des Wortes ansprechende Kasualpraxis als die Zukunftsaufgabe für das zweite Jahrzehnt dieses Jahrhunderts erkannt. Er hat eindringlich darauf hingewiesen, das Kasualgottesdienste eine spürbare und anregende Beziehung zum „Strom des Lebens“ haben müssen, um als wichtige Haftpunkte für das familiale Leben wirken zu können. Dabei dürften sich aber die Kasualien der Kirche nicht einfach am Strom des Lebens der bürgerlichen Normalfamilie ansiedeln, wenn die Kirche nicht die Beziehung zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen verlieren will. Vielmehr müssten gerade die Kasualien uns als Kirche lehren, die Welt differenziert zu sehen und darauf zu reagieren.
Michael Nüchtern hat auf das Fundamentale hingewiesen, dass Kasualien ein ungeheures Vergewisserungs- und Orientierungspotential für Menschen „im Strom des Lebens“ besitzen. Kasualien sind verbunden mit Lebensereignissen, die zu Staunen und Dank, Bitte und Klage führen. Indem in Kasualien die Unverfügbarkeit und Bedürftigkeit des Lebens angezeigt und diese auf den das Leben bergenden Gott bezogen werden, können Kasualien anlässlich konkreter Ereignisse Vergewisserung vermitteln, Neuorientierung schenken und Geängstete trösten. Zugleich haben Kasualien auch einen ethischen Sinn, insofern sie Menschen den Eintritt in eine besondere Verbindlichkeit zumuten und in den ihnen zugeordneten Lebenslagen zu einem verantwortlichen Handeln ermutigen und ermächtigen.
Mit einem geschärften Blick auf die sich pluralisierende Lebenswirklichkeit der Menschen nahm Michael Nüchtern die einzelnen Kasualien unter die Lupe und entdeckte im Wunsch der Menschen nach einem Gottesdienst „im Strom des Lebens“ vier meist unausgesprochene Erwartungen:
- Hilf mir zum Fest!
- Zeig mir etwas Schönes und Hilfreiches!
- Schließ mich durch den Stil deiner Frömmigkeit nicht aus!
- Lass mich erfahren, dass mein Leben eine Bedeutung hat!
Mit seiner Mahnung, diese Erwartungen wahr- und ernst zu nehmen, verband er die Warnung vor falschen Alternative, als würde etwa das Verständnis der Taufe als einer „unverbindlichen“ Familienfeier einen Gegensatz zum „verbindlichen“ Bekenntnisakt zu Kirche und Glaube bilden. Im Blick auf die einzelnen Kasualien ermunterte Michael Nüchtern, als Reaktion auf die Pluralisierung familaler Lebensverhältnisse Anlässe für Tauffeste zu schaffen, die Konfirmation als eine Tauferinnerung für Eltern und Paten ernst zu nehmen und die Trauung als ein Vergewisserungsfest, als eine „Konfirmation“ zur Bestätigung und Befestigung einer bereits bestehenden Ehe zu begreifen; und er mahnte, auf die Veränderungen der Bestattungskultur als Kirche flexibel und undogmatisch zu reagieren.
Michael Nüchtern hat uns ferner den Blick geschärft für neue Kasualien und er hat uns den Kernritus von Kasualien verständlich gemacht, nämlich jene Akte, in denen sich der Sinn der Amtshandlung verdichtet: die Aufstellung um den Taufstein, den Einzug der Konfirmandinnen und Konfirmanden in die Kirche, die Einsegnung vor dem Altar, die Handauflegung und den Ringwechsel sowie den Gang zum Grab, die „Familiensaufstellung“ am Grab und die Übergabe der Verstorbenen in Gottes Hand. Mit alledem hat Michael Nüchtern unseren „kasuellen Blick“ geschärft und Freude an der Qualität von Kasualien geweckt. Damit hat er unserer Kirche geholfen, noch viel offensiver und kreativer Gottesdienste im Kirchenjahr mit konkreten Ereignissen im Strom des Lebens zu verbinden und die seelsorgliche, liturgische, kommunikative, und nicht zuletzt organisatorische Qualität kasueller Gottesdienste zu verbessern.
Ich halte dies für einen seiner wichtigsten Dienste, den er in kirchenleitender Verantwortung unserer Kirche getan hat, und zwar sowohl unserer badischen Landeskirche wie auch der Evangelischen Kirche in Deutschland. Manche Einleitungen zu neuen Agendenwerken tragen ebenso Michael Nüchterns Handschrift wie auch zahlreiche Veröffentlichungen, mit denen er das kasuelle gottesdienstliche Handeln der evangelischen Kirche gestärkt und die Qualität dieses Handelns nachhaltig verbessert hat. Es ist von daher nicht zufällig, dass wir als Evangelische Landeskirche in Baden in unserem Kirchenkompassprozess und als Evangelische Kirche in Deutschland in dem durch die Schrift „Kirche der Freiheit“ angestoßenen Reformprozess der Qualitätsverbesserung von Kausalgottesdiensten höchste Priorität eingeräumt haben. Dies verdanken wir ganz wesentlich den Impulsen von Michael Nüchtern, der sich als Meister des „zweiten Blicks“ und mit der Aufnahme der Theorie von der dreifachen Gestalt des Christentums als ein menschennaher und undogmatischer, den pluralisierten Lebensverhältnissen der Gegenwart Rechnung tragender Theologe in kirchenleitender Verantwortung erwiesen hat.
Das kirchenleitende Wirken von Michael Nüchtern
Dabei war er - und wurde mit zunehmenden Alter immer mehr - ein Schüler Daniel Friedrich Schleiermachers. Ihm und seiner Theologie hat er sich vor allem seit den 90er Jahren immer mehr angenähert. Als praktischer Theologe hat er sich an Schleiermachers Kurzer Darstellung des Theologischen Studiums von 1810 bzw. 1830 orientiert, indem er - wie von Schleiermacher gefordert - „kirchliches Interesse“ und „wissenschaftlichen Geist“ miteinander verband (§ 258). Schleiermachers Beschreibung der Aufgabe der Kirchenleitung, des „Kirchenregiments“, scheint mir ein wichtiger weiterer Schlüssel zum Verständnis des kirchenleitenden Wirkens von Michael Nüchtern zu sein.
Ich zitiere aus Schleiermachers kurzer Darstellung:
- § 312 Da jedes geschichtliche Ganze nur durch dieselben Kräfte fortbestehen kann, durch die es entstanden ist: so besteht das evangelische Kirchenregiment aus zwei Elementen, dem gebundenen…und dem ungebundenen…
- § 313 Beide (Elemente) können nur denselben Zweck haben, die Idee des Christentums nach der eigentümlichen Auffassung der evangelischen Kirche in ihr immer reiner zur Darstellung zu bringen und immer mehr Kräfte für sie zu gewinnen. Das organisierte Element aber, die kirchliche Macht oder richtiger Autorität, kann dabei ordnend oder beschränkend auftreten, das nicht organisierte oder die freie geistige Macht nur aufregend und warnend.
- § 328 Da das ungebundene Element des Kirchenregimentes, welches wir durch den Ausdruck freie Geistesmacht in der evangelischen Kirche bezeichnen, als auf das Ganze gerichtete Tätigkeit einzelner eine möglichst beschränkte Öffentlichkeit, in welcher sich der einzelne äußern kann, voraussetzt: so findet es sich jetzt vornehmlich in dem Beruf des akademischen Theologen und des kirchlichen Schriftstellers.
Dies von Schleiermacher Ausgeführte sehe ich in Michael Nüchterns Wirken in vielfacher Weise umgesetzt, denn Michael Nüchtern hat beide Elemente der Kirchenleitung in seiner Person verbunden: Als Mitglied des Kollegiums des Evangelischen Oberkirchenrats hat er „ordnend und beschränkend“ gewirkt. Nie aber hat er dabei seine freie Geistesmacht gebändigt, mit der „aufregend und warnend“ gewirkt hat. Gebunden war er durch das Eingebundensein in kirchenleitende Entscheidungsprozesse, gleichzeitig blieb er ungebunden als akademischer Theologe und als kirchlicher Schriftsteller. Nichts hat er so gern getan, wie anregende und aufregende Texte zu schreiben und damit seine freie Geistesmacht zur Entfaltung kommen zu lassen. Auch in der Einbindung in das gebundene Element der Kirchenleitung blieb er ungebunden und frei. In den Monaten vor seinem Tod hat er öfter zu mir gesagt, seine beste Therapie sei es, nachdenkend Texte zu verfassen.
Eine schöne Frucht dieser Tätigkeit ist sein Buch „Schöne Verweltlichungen“, das seine Frau postum herausgegeben und vielen Menschen zum Geschenk gemacht hat. Die Darstellung biblischer Gestalten in der Literatur - von Adam und Eva über Joseph und Hiob bis hin zu Maria und Jesus - zeigt ihn als akademischen Theologen und kirchlichen Schriftsteller, insofern als einen, der das Kirchenregiment ungebunden ausübte. Zugleich zeigt es Michael Nüchtern nochmals als einen Meister des zweiten Blicks, wenn er uns lehrt: „Die Gestalten der Bibel leben nicht nur in der Verkündigung der Kirchen fort, sondern auch in der Kultur…Die Bibel ist nicht nur Glaubensurkunde, sondern auch Bildungsgut. Sie liegt nicht nur als Heiliges Buch auf dem Altar einer Kirche, sondern steht auch im Bücherregal.“
Hinsichtlich des gebundenen Elements des Kirchenregiments lehrte uns Michael Nüchtern die Begrenzung des Ordnenden und Beschränkenden. Gern beschränkte er sich - wie von Schleiermacher gefordert - in seinem kirchenleitenden Handeln auf das Formulieren und Anwenden von „Kunstregeln“ (§ 265) und widerstand beharrlich jeder kasuistischen Regelungswut. Er wusste, dass ein zu großes Maß des Ordnens und Beschränkens der pluralen Wirklichkeit des Lebens nicht gerecht wird und die Freiheit von Menschen einschränkt. Er lehrte uns, kirchliches Leitungshandeln in der rechten Balance von Mut und Demut wahrzunehmen. Geschieht nämlich Kirchenleitung durch das Wort Gottes, so kann es nie ein immer aktives Geschehen sein. Dann muss es immer auch ein passives Element enthalten, nämlich ein Geleitetwerden durch das Wort Gottes. Zu viel Aktivität grenzt die Freiheit des Wortes Gottes ein. Kirchenleitung kann deshalb nur in der Balance von Mut und Demut gelingen, wenn Kirche wirklich als eine Kirche der Freiheit erfahren werden soll.
Man könnte es auch so ausdrücken: Kirchlichem Leiten und Führen, Planen und Ordnen ist eine Grenze gesetzt durch die Zeugnisorientierung (Diakonia, Leiturgia, Koinonia) der Kirche und durch die Ausrichtung an dem der Kirche gegebenen Auftrag. Das zwingt zur Demut. Dieser Zeugnisorientierung bzw. Auftragsperspektive muss korrespondierend die Zugangsvielfalt zur Seite gestellt werden, die das Leben bereit stellt. Das eröffnet Spielräume mutigen Handelns in der Kirchenleitung, eröffnet zugleich Spielräume zu vielfältiger Gestaltung kirchlichen Leben. Da es das Leben aus der Taufe in vielerlei Gestalt gibt, kann auch kirchliches Leben in wechselnden historischen und kulturellen Situationen zeitbezogen gestaltet werden. Die Offenheit für die Zugangsvielfalt zum Evangelium und für die Zeitbezogenheit kirchlichen Handelns macht die Freiheit der Kirche aus. Um es mit einem Zitat aus „Kirche der Freiheit“ zu sagen, das ein Wort Michael Nüchterns gewesen sein könnte: „Für die äußere Ordnung der Kirchen hat jede Generation ihre spezifische Verantwortung. Bleibender Maßstab für diese Ordnung ist, dass sie die Aneignung des Evangeliums nicht erschwert oder gar verstellt, sondern für möglichst viele Menschen ermöglicht“.
Deshalb gilt: „Es gibt keine mit Heiligkeit versehene äußere Ordnung der Kirchen…In der äußeren Gestalt der Kirche sollen sich ihr Geist und ihr Auftrag widerspiegeln (Barmen III), andererseits dürfen Organisationsfragen als solche nicht dogmatisch überhöht werden, sondern sind für unterschiedliche Gestaltungen offen. Diese theologische Entlastung des Kirchenverständnisses eröffnet den Raum für eine aktive Gestaltung der kirchlichen Strukturen nach den jeweiligen sachlichen Erfordernissen“ (S.33). Unschwer erkennen wir in einer solchen Haltung eine Maxime wieder, die Schleiermacher in seiner Praktischen Theologie formuliert und die Michael Nüchtern immer wieder gern zitiert hat: „Es ist also auch gar nicht so schwer die Kirche zu gestalten, wenn man nur nicht zuviel gestalten will, wenn man nur darin zum klaren Bewusstsein gekommen und einverstanden ist, was das Maß der Einheit und Freiheit der evangelischen Kirche sei“ (S.636).
Das ist schließlich Michael Nüchterns Vermächtnis an uns, im Hören auf Gottes Wort und im achtsamen Wahrnehmen der Lebenswirklichkeit das rechte Maß kirchenleitender Gestaltung zu finden, das die Freiheit des Wortes Gottes ebenso achtet wie die Freiheit der Menschen. Leiten und Führen in der Balance von Mut und Demut ist die einer Kirche der Freiheit angemessene Wahrnehmung kirchenleitender Verantwortung.
(Landesbischof Dr. Ulrich Fischer)
