Liebe Gemeinde,
es ist schon eine unheimliche Geschichte, die uns da als Wort der Bibel zugemutet wird. Eine unheimliche und aufregende Wundergeschichte - diese Erzählung aus dem 9. Kapitel des Markusevangeliums. Viele verschiedene Personen und Gruppen begegnen uns in dieser Geschichte: Eine Menschenmenge, die Jünger, ein Vater, ein Junge - und Jesus. Fast unübersichtlich diese Vielzahl der Personen mit unterschiedlichsten Beziehungen zueinander. Mit unterschiedlichen Auffassungen vom Glauben. Mit unterschiedlichen Positionen. Mit unterschiedlichen Beziehungen zu Jesus. Ein buntes Gemisch verschiedenster Menschen - wie in einer Gemeinde, wie in der Kirche. Keine gleichgeschalteten Menschen und Meinungen, sondern Stimmenwirrwarr und Meinungsvielfalt, gerade so wie in unserer badischen Landeskirche.
Worum es eigentlich geht
Worum geht es in dieser bunten Ansammlung von Menschen? Zunächst um die Krankheit und Heilung eines jungen Menschen. Genauer: um seine Epilepsie, die er seit seiner Geburt ertragen muss. Von epileptischen Anfällen ist dieser junge Mann geplagt - von Verkrampfungen hin und her gerissen, mit Schaum vor dem Mund, mit knirschenden Zähnen und starren Armen und Beinen. Vieles hat sein Vater schon versucht: Den Dämon, der nach seinem Glauben Ursache dieser Krankheit war, versuchte er ins Feuer zu werfen und mit Wasser zu ertränken. Die Jünger hatte er um Hilfe gebeten, sie aber hatten den Jungen nicht heilen können. Und nun wird der Junge zu Jesus gebracht. In seiner Gegenwart erleidet er nochmals einen epileptischen Anfall. Wie ein kundiger Arzt erhebt Jesus die Anamnese, indem er fragt: „Wie lange ist’s, dass ihm dies widerfährt?“ Dann bedroht er den Dämon: „Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!“ Zunächst liegt der Junge wie tot am Boden, ehe Jesus ihn bei der Hand ergreift und auf seine eigenen Füße stellt.
"Und wen würde Jesus heute meinen, wenn er unser Geschlecht, unsere Kirche, unser Volk mit der Vielgestaltigkeit der Menschen, Stimmen und Meinungen anschauen würde? Wie würde sein Urteil über die Menschenmengen in unserem Land lauten?"
Worum geht es in dieser bunten Ansammlung von Menschen? Vordergründig um die Krankheit und die Heilung eines epileptischen Jungen. Wenn wir aber näher hineinhören in diese Erzählung, dann geht es um den Glauben, den Jesus in der bunten Schar der Menschen scheinbar vergeblich sucht. Zornig ruft Jesus aus: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen?“ Wer so klagt, den packt Ungeduld und Wut. Was hat Jesus so wütend gemacht? In welcher der von ihm gescholtenen Personen finden wir uns wieder? In den unfähigen Jüngern? In dem scheinbar ungläubigen Vater? In der aufgebrachten Volksmenge mit ihren vielen verschiedenen Stimmen? Sie alle sind gemeint, wenn Jesus wütend ihren Unglauben beklagt. Und wen würde Jesus heute meinen, wenn er unser Geschlecht, unsere Kirche, unser Volk mit der Vielgestaltigkeit der Menschen, Stimmen und Meinungen anschauen würde? Wie würde sein Urteil über die Menschenmengen in unserem Land lauten?
Nur der Glaube?
Dann die kleingläubige Bitte des Vaters: „Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Wir spüren förmlich das Misstrauen, das aus diesen Worten spricht. „Wenn du etwas kannst, dann…“ Wer so fragt, unterstellt, dass der Gesprächspartner eigentlich nichts kann oder zumindest nicht viel. Und Jesus antwortet in einer Direktheit, die verblüfft. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Ein hoffnungsvoll stimmender und zugleich ein gefährlicher Satz. Wie leicht kann er so missbraucht werden: Du musst nur deinen Glauben festigen, dann ist Heilung möglich. Es liegt alles an dir und deiner Glaubensstärke, ob du wieder gesund wirst. Natürlich wissen wir, dass Heilung von Krankheit auch davon abhängig ist, ob Gegenkräfte des Glaubens mobilisiert werden können. Aber alles von der Glaubensstärke eines Menschen abhängig zu machen, kann zu einem gefährlichen geistlichen Leistungsdruck führen. In manchen charismatischen Gruppen wird solch ein Druck ausgeübt, wenn nämlich Heilungsgottesdienste angeboten werden und wenn bei nicht erfolgter Heilung der Grund für den Misserfolg beim mangelnden Glauben der Kranken selbst gesucht wird. Jesus wollte ganz gewiss gegenüber dem Vater nicht einen solchen geistlichen Leistungsdruck ausüben. Er sieht doch, wie dieser Vater am Ende ist nach all den Leidensjahren mit seinem Sohn. Der Vater ist ausgebrannt. Ihm noch ein schlechtes Gewissen zu machen, dass sein Glaube nicht groß genug sei, kann nicht die Absicht Jesu sein. Nein: Mit seiner wütenden Empörung über den menschlichen Unglauben will Jesus vielmehr den Blick auf die Kraftquelle des Glaubens lenken, auf Gott selbst.
"Der Vater gibt sich gar nicht erst die Mühe, die letzten Reste an eigener Glaubenskraft zusammenzukratzen nach dem Motto 'Not lehrt beten.'"
Und in der Tat lässt sich der Vater in einer Weise von Jesus provozieren, dass er den Weg zum Glauben findet. Er findet ihn mit Worten, die für mich das großartigste Glaubensbekenntnis der ganzen Bibel sind: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Der Vater gibt sich gar nicht erst die Mühe, die letzten Reste an eigener Glaubenskraft zusammenzukratzen nach dem Motto „Not lehrt beten.“ Er macht keinen seelischen Klimmzug, um noch irgendwie Glaubenskräfte zu mobilisieren. Er ist einfach am Ende und steht zu seinem Nicht-glauben-Können. Und dennoch sagt er „Ich glaube.“ Das kann er, weil er sich nicht auf seine eigenen Kräfte verlässt, sondern ganz auf Jesus schaut. Ihm traut er zu, was er von sich selbst nicht mehr erwartet. Wenn wir - wie der Vater - sagen „Ich glaube“, dann können wir dies nur im Vertrauen, dass Gott uns immer neu zum Glauben verhilft. Gott ist es, der den Glauben in uns wirkt. Er ist das Subjekt unseres Glaubens. Wenn wir dies wissen, können wir mit Jesus sagen „Alles ist möglich dem, der da glaubt.“ Was wir nicht fertig bringen, was uns in den Grenzsituationen des Lebens nur verzagen lässt, all das können wir von Gott erwarten. Jesus glaubt für uns, wo wir mit unserem Glauben am Ende sind.
"Wir sind zugleich Sünder und Gerechte, Ungläubige und Gläubige. Wir können groß denken von den Möglichkeiten des Glaubens, weil wir groß denken dürfen von Gott, und zugleich müssen wir klein denken von unserer eigenen Glaubenskraft."
Der Vater formuliert in einzigartiger Weise, wie in uns Glaube und Unglaube ineinander verwickelt sind. Unser Inneres ist die Stätte der Versuchung, wir selbst sind der Kampfplatz zwischen Glaube und Unglaube. Wir sind zugleich Sünder und Gerechte, Ungläubige und Gläubige. Wir können groß denken von den Möglichkeiten des Glaubens, weil wir groß denken dürfen von Gott, und zugleich müssen wir klein denken von unserer eigenen Glaubenskraft. Nicht unsere eigenen Kraftakte, unsere noch so großartigen Fähigkeiten sind es, die uns retten. Im Gegenteil, sie decken eher unsere Gottesferne auf. Wer aber seinen Zweifel zugeben kann, der bekommt heilenden Glauben geschenkt. Wer seiner Verzweiflung Raum gibt, gewinnt Hoffnung, darf die Erfahrung machen, dass Gott ihm Kräfte des Glaubens zukommen lässt.
Das eigentliche Wunder
Das also ist das Wunder, von dem der Evangelist Markus erzählen will: Das Wunder der Heilung des Kleingläubigen. Mit seinem Bekenntnis „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ Das eigentliche Wunder liegt in der Veränderung des Vaters, die er durch Jesus erfährt. wird er ohne Bedingungen offen auf Gottes Tun hin. Er erkennt, dass er im Blick auf sich selbst nur das Nichtglauben feststellen kann, im Blick auf Gott aber darf er grenzenlos vertrauen.
Liebe Gemeinde, es wäre nahe liegend, diese Wundererzählung nun aktualisierend in unsere Zeit zu übersetzen, indem ich über den Zusammenhang von Glauben und Heilung in Situationen der Krankheit sprechen würde. Ich will aber eine ganz andere Aktualisierung wagen:
„Wir glauben, Jesus Christus, hilf unserem Unglauben! Hilf uns in unserer Verzagtheit, denn Du weißt Wege für uns, wo wir keinen Pfad in die Zukunft entdecken können.“ Dann dieses Lied „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl“. Solche Worte erinnern an den, der Kraft zum Glauben gibt. Könnten Sie die Wundererzählung von der Heilung des kleingläubigen Vaters mit dem Mut machenden Wort Jesu „Alles ist möglich dem, der da glaubt“ nicht auch für sich in Anspruch nehmen? Als ein Wort, das Ihnen Kraft gibt, Durststrecken des Gemeindelebens durchzustehen? Als ein Wort, das Sie daran erinnert, dass die Zukunft unserer Kirche, die Zukunft Ihrer Gemeinde, auch die Zukunft Ihres eigenen Glaubenslebens nicht abhängt von dem, was Sie zustande bringen und einsetzen, sondern vom Herrn unserer Kirche, vom Subjekt Ihres Glaubens, von Jesus Christus. Auf ihn blicken, ihm vertrauen, sich ganz auf ihn verlassen, das öffnet Wege aus Ratlosigkeit und Verzagtheit. Also darauf kommt es an, nicht ständig die kleingläubige Frage nach den eigenen Fähigkeiten stellen, sondern sich im Bitten Gottes Hilfe öffnen. Dann wird die Geschichte von der Heilung des kleingläubigen Vaters zu Ihrer Geschichte. Und Sie können erfahren, was Jesus zusagt: „Alles ist möglich dem, der da glaubt“ und der sagen kann: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben! So wahr mir Gott helfe!“ Amen.
