"Deutsch-französische Standortbestimmung"

Grußwort zum Tag badischer und elsässischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Strasbourg am 10.10.2011

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schwestern und Brüder,

alle, die regelmäßig an den Tagen badischer Pfarrerinnen und Pfarrer teilnehmen, werden sogleich merken, dass mein heutiges Grußwort sich in zweierlei von den sonst üblichen unterscheidet. Zum einen wird es deutlich kürzer sein, weil andere Grußwortredner heute zu ihrem Recht kommen sollen, zum anderen spreche ich mein Grußwort für unsere Kirchenleitung geistlich und rechtlich in unaufgebbarer Einheit, also auch im Namen der verehrten Präsidentin unserer Landessynode, Frau Justizrätin Margit Fleckenstein. Also seien Sie heute kürzer und zugleich doppelt gegrüßt von mir.

Mit meinem Grußwort nehme ich heute Morgen eine deutsch-französische Standortbestimmung vor, indem ich zurückschaue in die jüngere deutsche Geschichte und vorausschaue auf gemeinsam für das nächste Jahr Geplantes: Das Datum dieses Pfarrertages ist ein besonderes. Gestern vor 22 Jahren, am 9. Oktober 1989 begann mit dem Montagsgebet in der Leipziger Nikolaikirche und mit der anschließenden Friedensdemonstration die friedliche Revolution, mit der die Teilung Deutschlands überwunden wurde. Noch immer erscheint es im Rückblick wie ein Wunder, dass die DDR-Staatsmacht an jenem 9. Oktober die Waffen schweigen ließ, überwältigt von einer friedlichen Demonstration. „Mit allem hatten wir gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebeten.“ So sprach später einer, der Regierungsverantwortung in der DDR trug.

Wundersam ist die Geschichte der deutschen Einheit weitergegangen – zunächst höchst kritisch begleitet von unseren französischen Nachbarn, schließlich aber begrüßt und heute wie selbstverständlich angenommen. Die Träume von den “blühenden Landschaften“ im Osten unserer Republik sind nicht aufgegangen, vielmehr leidet der östliche Teil unseres Landes immer noch unter dem Wegzug vieler junger Menschen in den Westen unserer Republik. Und die Prognosen für die Weiterentwicklung der evangelischen Kirchen in den neuen Bundesländern sind alles andere als Mut machend. Aber über diesen nachdenklich machenden Entwicklungen dürfen wir das Wundersame der deutschen Einigung nicht vergessen: Was einst Anfang der 80er Jahre in der Friedensbewegung der DDR-Kirchen begann, setzte in den Kirchen der DDR und in der Gesellschaft dieses Landes im Jahr 1989 Friedenskräfte frei, deren Dividende wir heute ernten können.
In drei Wochen - am Reformationsfest - wird in Eisenach Harald Bretschneider, einer der großen Pioniere der DDR-Friedensbewegung, mit der Luthermedaille der EKD ausgezeichnet. Harald Bretschneider war in den 80er Jahren sächsischer Landesjugendpfarrer. Er erfand die Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“, die viele vor allem junge Menschen in jenen Jahren trugen, um für eine Abrüstung gegenüber dem Westen einzutreten.

„Schwerter zu Pflugscharen“ - dieses der biblischen Botschaft Michas und Jesajas entnommene und dem sowjetischen Mahnmal an der UNO in New York nachempfundene Symbol wurde zum Markenzeichen der christlichen Friedensbewegung. Mit Harald Bretschneider wird ein Wegbereiter der friedlichen Revolution geehrt. Die Laudatio wird Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziére halten, bekennender evangelischer Christ und Cousin des letzten Ministerpräsidenten der DDR. Ein Bundesverteidigungsminister, zugleich Sohn des früheren Generalinspekteurs der Bundeswehr, ehrt eine führende Persönlichkeit der Friedensbewegung - auch dies ist ein Zeichen dafür, wie vielfältig Schwerter zu Pflugscharen verwandelt werden können.

Die Ehrung Harald Bretschneiders wird in der Eisenacher St. Georgenkirche stattfinden, in der Taufkirche Johann Sebastian Bachs. Damit wird zugleich - am Abend des Reformationsfestes - das Jahr der Kirchenmusik eröffnet, mit dem wir einen weiteren Weg hin zum Reformationsjubiläum des Jahres 2017 gehen werden. In diesem Jahr der Kirchenmusik wollen wir die Botschaft der Reformation auf vielfältigste Weise in allen Landeskirchen der EKD zum Klingen bringen. Schon heute ist faszinierend, in welcher Weise sich Gemeinden und Kirchenbezirke auf Konzerte und auf Gottesdienste mit besonderen kirchenmusikalischen Schwerpunkten in diesem Jahr der Kirchenmusik 2012 vorbereiten.

Einen besonderen Höhepunkt wird die Aktion 366+1 bilden, während welcher von A-Z, von Augsburg bis Zwickau, Kirchenkonzerte veranstaltet werden. Wie ein musikalischer Staffellauf ist diese Aktion geplant. Themenlieder werden die einzelnen Abschnitte dieses Staffellaufes prägen. Im Februar werden wir für etwa 10 Tage Gastgeber dieser Kirchenkonzerttournee sein. Eine Besonderheit sei genannt: Die Konzerte beginnen im Südbadischen, werden dann auf der Rheinschiene ankommen und auch ein Konzert in Straßburg beinhalten. Keine Angst: Wir wollen das Elsass nicht etwa badisch eingemeinden. Aber wir wollen unsere enge Verbundenheit mit unseren elsässischen Geschwistern auf diese Weise bekunden. Nach einer weiteren Schleife hinüber in die Pfalz endet die badische Kirchenmusiktournee am 26. Februar 2012 in der SAP-Arena von Mannheim. Schon heute herzliche Einladung zum Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“ von Dieter Falk. Mehr als 2.000 Sängerinnen und Säger aus der Pfalz und aus Baden freuen sich auf hoffentlich 15.000 Zuhörerinnen und Zuhörer.

So ist in meinem kurzen Rück- und Vorblick der Bogen geschlagen von der Bach-Stadt Leipzig der 80er Jahre über die Ehrung eines Friedensboten und die Eröffnung des Jahrs der Kirchenmusik in Bachs Geburtsstadt Eisenach hin zur badisch-elsässischen Weggemeinschaft hin zum Reformationsjubiläum 2017. Möge der heutige Tag badischer und elsässischer Pfarrerinnen und Pfarrer das gemeinsame Erinnern vertiefen und die Vorfreude auf das Kommende stärken.