Liebe Gemeinde,
der heutige Festgottesdienst bietet Anlass zu großer Freude. Für einen Landesbischof gibt es kaum schönere Aufgaben, als eine renovierte Kirche wieder in Dienst zu nehmen. Angestoßen durch unser landeskirchliches Projekt „Kirchenräume als Glaubenzeugnisse nutzen und gestalten“ haben Sie sich hier in Sachsenhausen auf den Weg gemacht, Ihre Kirche neu zu gestalten:... All dies ist Grund genug, heute in diesem Gottesdienst jubelnde Loblieder anzustimmen. Und in diesen freudigen Jubelklang scheint sich der Predigttext für diesen Sonntag nahtlos einzufügen. Von der Güte des Herrn wird da gesungen, von seiner unendlichen Barmherzigkeit, die alle Morgen neu ist, von Gottes großer Treue, von seiner Freundlichkeit und von dem köstlichen Geschenk der Geduld und der Hoffnung. Ein Freudenlied in Dur - so richtig passend zu diesem freudigen Ereignis.
So scheint es. Aber da gibt es an diesem Tag doch auch andere Töne. Klänge in moll, die so gar nicht zu diesem freudigen Ereignis zu passen scheinen. ...wie übrigens kaum eine Kirchenrenovierung konfliktfrei abläuft, geht es doch um die Gestaltung eines Gotteshauses, das Menschen in seiner überkommenen Gestalt vertraut geworden ist. In diesem so gewordenen Gotteshaus fühlen sich Menschen geborgen. Jede Veränderung schafft Irritationen, und Geborgenheit muss sich erst neu einstellen.
Klage und Zuversicht
So werden auch Töne in moll in unserem Psalm angeschlagen. Da spricht der Beter vom Joch, das er in seiner Jugend tragen muss, von Einsamkeit und Schweigen, vom Verstoßen Gottes und vom Betrüben. Seine Töne in moll zeigen an, dass Leben eben doch mehr ist als ein immer währendes Freudenfest. Mehr als ein „Immer-spaßig-und-lustig-Sein“. Leben ist viel widersprüchlicher, als dass wir in ihm immer nur Jubellieder in Dur singen könnten.
Gemeinsam mit seinem Volk hatte er die Tragödie der Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels erlebt. Große Teile seines Volks lebten im babylonischen Exil. An den Flüssen Babylons saßen sie und weinten. Alle Hoffnungen waren zerbrochen. In dieser Zeit dichtete er sein Klagelied und begann es mit den Worten: „Ich bin der Mann, der Elend sehen muss.“ Vom Weg in die Finsternis spricht er dann, von Gottes Gewalt, der er sich hilflos ausgesetzt fühlt. Er fühlt sich wie eingemauert. Sein Lebensweg erscheint ihm verbarrikadiert. Er fühlt sich von allen verlassen. Ein Mensch am Ende aller seiner Möglichkeiten. Und dann plötzlich diese Worte: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Eben noch die eindringliche Klage des in tiefste Depression Versunkenen und nun diese Zuversicht auf Gottes Güte. Dieses Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Dieses Bekenntnis zur Treue Gottes. Inmitten aller Niedergeschlagenheit bricht das Lob des Schöpfers auf.
In Krisen und dennoch getragen
Das sind die Widersprüchlichkeiten des Lebens, die der Beter erfahren hat. Wenn wir den Psalm genauer anschauen, so sind es drei Widersprüchlichkeiten. Die erste nenne ich „in Krisen und dennoch getragen“. Gegen die Krise seines Volkes bekennt der Beter die Treue Gottes. Mitten in der Angst des Verlassenseins bekennt er die Nähe des Gottes, dessen Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist. Fast scheint es so, als hätte der Beter schon etwas Abstand gewonnen von seinen schlimmen Lebenserfahrungen. Als wäre er schon dabei sie zu verarbeiten wie ein Joch, das er in der Jugend tragen musste, das er nun aber dank der Hilfe Gottes ablegen kann. Wie von einem sicheren Ort des Vertrauens aus scheint er zurückzublicken auf all das, was ihn niedergedrückt hat. Er bewältigt sein Leiden, indem er ihm die Gewissheit entgegensetzt, bewahrt zu sein. So wird sein Psalm zum Lied von der großen Treue Gottes in den Brüchen des Lebens. In Krisen und dennoch getragen, betrübt und dennoch dankbar für Gottes Treue - wer diese Widersprüchlichkeit aushält, der wird fähig, das Dunkle im eigenen Leben auch wirklich anzuschauen und zur Sprache zu bringen, statt es schweigend zu verdrängen. Und der lernt neu auf das eigene Leben zu schauen. Anstatt immer nur zu fragen, warum uns dies oder jenes Bedrückendes widerfährt, lernen wir das staunende Fragen, warum wir in all den Krisen, die wir durchleben, uns immer gehalten wissen dürfen von Gottes Treue und Barmherzigkeit.
In allem Zweifel voller Hoffnung
Dann die zweite Widersprüchlichkeit. Ich nenne sie „in allem Zweifel voller Hoffnung“. Wir spüren es förmlich, wie schwer es sich der Beter beim Formulieren seiner Worte macht. Er springt hin und her in seinen Gedanken, verheddert sich dabei auch in der Grammatik. Hier spricht ein Mensch, der voller Fragen ist, voller Zweifel über das, was sein Leben sinnvoll macht. Aber gegen allen Zweifel hat der Beter Grund zur Hoffnung. Die Kraft zu solcher Hoffnung schöpft er aus der Erinnerung an all das, was Gott in der langen Geschichte seines Volkes an Gütigem und Barmherzigem getan hat. Die Kraft zu seiner Hoffnung schöpft er aus dem Staunen über die Größe Gottes des Schöpfers, der jeden Morgen neu Leben erschafft. Liebe Gemeinde, angesichts all dessen, was uns immer wieder zweifeln lässt in unserem Leben - schauen wir nur in diesen Tagen nach Ostafrika, wo sich eine Hungerkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes abspielt, oder auf die verzweifelte Situation vieler Menschen im Norden Afrikas und im Heiligen Land - angesichts all unserer Zweifel läge es nahe, ängstlich zu verstummen. Vor solchem ängstlichen Verstummen kann uns die Erinnerung an Gottes Güte in unserem eigenen Leben bewahren und das Staunen über seine Barmherzigkeit, die jeden Morgen neu ist. Solches Erinnern und Staunen öffnet den Mund, so dass wir bei allem Zweifel Worte der Hoffnung finden für unser Leben.
Gegen Gott an Gott glauben
Und dann die dritte Widersprüchlichkeit. Ich nenne sie „gegen Gott an Gott glauben“. Der Beter unseres Psalms setzt auch das Böse in seinem Leben in Beziehung zu Gott. Das Böse hat keine Eigenmacht, ist nicht etwas, mit dem Gott etwa nicht fertig würde. Nein: Auch das Böse, das ihm widerfährt, sieht der Beter begründet in Gott. Und dennoch wendet er sich nicht etwa von Gott ab, sondern macht dem unverständlichen Gott eine Liebeserklärung - ihm selbst zum Trotz. Das ist wohl die schwierigste Widersprüchlichkeit des Lebens. Gott bewahrt uns nicht vor dem Bösen, er bewahrt uns in dem Bösen. Er bewahrt uns nicht vor der Gefahr, er bewahrt uns in der Gefahr. Während uns diese Widersprüchlichkeit im Psalm des Beters dargelegt wird, entdecken wir am Horizont das Bild Gottes, das wir Christenmenschen später in Jesus Christus erkannt haben: Das Bild eines Gottes, der im Kreuz Jesu die Abgründe des Lebens selbst durchschritten hat und der uns damit Wege eröffnet hat, unser eigenes Leben mit seinen Abgründen anzunehmen. Der Gott, dessen Güte jeden Morgen neu ist, ist ein Gott, der das Böse in unserem Leben mit trägt. Der gütige und mit uns leidende Gott erspart uns nicht den Weg durch Abgründe des Lebens, aber er bleibt uns in diesen Abgründen treu. Er mutet uns auch Böses zu, aber er lässt uns auch im Bösen seine Güte und Treue entdecken. „Denn der Herr verstößt nicht auf ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“
Ohne diese Widersprüchlichkeiten des Lebens, ohne diese Dur-moll-Färbung können wir nicht ehrlich Gottesdienst feiern. Aber indem wir diese drei Widersprüchlichkeiten hinein nehmen in unser Singen, wird der jubelnde Klang unseres Singens zu einem wahrhaft fröhlichen Klang: „In Krisen und dennoch getragen - in allem Zweifel voller Hoffnung - gegen Gott an Gott glaubend“ - so singt christliche Gemeinde ihre fröhlichen Lieder.
Genau das soll in dieser Kirche immer wieder geschehen: Menschen sollen hier ihre Lebenslieder wirklich fröhlich singen können. Sie sollen in den Brüchen ihres Lebens Begleitung erfahren. Sie sollen hier mit ihren Zerbrechlichkeiten angenommen, also in Krisen getragen werden. An diesem Ort soll jeden Morgen neu Gottes Güte in kleiner Münze ausgezahlt werden, damit Menschen Hoffnung schöpfen in allem Zweifel. In diesem Gotteshaus soll durch die Verkündigung des Wortes Gottes Menschen die Barmherzigkeit Gottes so zugesprochen werden, dass sie ermutigt werden, in allen bösen Lebenserfahrungen gegen Gott an Gott zu glauben. Diese Kirche ist ein Ort der Wegbegleitung in den Widersprüchlichkeiten des Lebens. Einen wichtigeren, aber auch einen schöneren Ort gibt es nicht. Denn an diesem Ort werden Menschen fröhlich, so dass sie singen können: „Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Amen.
