Liebe Gemeinde,
Am 1. Oktober 1911 predigte Stadtpfarrer Hoff bei der Einweihung dieser Kirche über ein Wort Christi aus dem Johannesevangelium, das auch heute im Mittelpunkt der Predigt stehen soll.
Nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums wendet sich Jesus unmittelbar vor seiner Passion in einer Abschiedsrede an seine Jünger. Er kündigt seinen Abschied an mit den Worten: „Wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.“ Der Jünger Thomas antwortet fragend: „Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?“ Darauf dann die Antwort Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“
Orientierungsfrage
Wir dürfen diesen kurzen Wortwechsel zwischen dem Thomas und Jesus nicht missverstehen als Frage und Antwort nach einem Ortswechsel, der mit Tod und Auferstehung Jesu erfolgen wird. Nein, das Wort des Thomas ist vielmehr eine grundsätzliche Frage nach der Orientierung des Lebens. „Wohin gehst du? Wohin sollen wir gehen, Jesus?“ Und die Antwort Jesu ist von ebenso grundsätzlicher Bedeutung. Sie ist keine Ortsangabe für das eigene Lebensziel. Jesu Antwort meint vielmehr: „Verlasst euch in allen Wohin-Fragen des Lebens auf mich. Ich selbst bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Ich selbst bin die Antwort auf die Wohin-Fragen eures Lebens.“
Das ist das Vermächtnis Christi an diese Kirche, die mit seinen Worten eingeweiht wurde und die seitdem seinen Namen trägt. Das ist das Vermächtnis Christi an diese Christuskirche: Immer neu Menschen zu helfen, inmitten ihrer vielen Wohin-Fragen des Lebens Orientierung an Jesus Christus zu finden. Dieses Vermächtnis hat in der Architektur dieses Gotteshauses Gestalt gewonnen, denn diese Architektur legt Zeugnis von jenem Christus ab, der Weg, Wahrheit und Leben ist:
Die übermächtige Kreuzigungsgruppe im Altarraum zeigt den gekreuzigten Christus als den Weg zum Vater.
Die vier Rundbilder in der Decke zeigen Christus als den Strafenden und Lehrenden, als die Wahrheit, die er Menschen zumutet; und sie zeigen ihn als den Vergebenden und Heilenden, als das Leben, das er erschließt.
Die Kirchenfenster in den Rundungen tragen Medaillons mit einer fortlaufenden Darstellung des Lebens Jesu und richten damit auf Christus hin aus.
Schließlich tragen drei der fünf Glocken dieser Kirche die Botschaft jenes Wortes Jesu aus seinen Abschiedsreden hinaus in die Stadt. Woche für Woche verkündigen sie das Vermächtnis Christi, die b-Glocke verkündet „Ich bin der Weg“, die c-Glocke „Ich bin die Wahrheit, die es-Glocke „Ich bin das Leben“.
Orientierendes Zeugnis geben
Und denken wir dann an das Christuszeugnis, das in dieser Christuskirche in den 100 Jahren ihres Bestehens immer wieder abgelegt wurde. Die 1946 von Max Schmechel initiierte „Geistliche Woche“ hatte in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg große Bedeutung weit über diese Kirche hinaus. Bischöfe wie Julius Bender, Hans Lilje und Otto Dibelius haben hier vor Tausenden von Zuhörenden ihr Christuszeugnis abgelegt und Menschen zur Orientierung an Christus als dem Weg, der Wahrheit und dem Leben ermutigt.
Und vergessen wir nicht das große Christuszeugnis der Kirchenmusik an dieser Kirche. Bedeutende Kirchenmusiker haben an dieser Kirche gewirkt, Arno Landmann, der Gründer des Bach-Chors, Oskar Deffner, der geistige Vater des Bach-Chors, Heinz-Markus Göttsche, der Gründer des Kammerchors, Hermann Schäffer und Johannes Michel, mit dem zusammen wir heute diesen Festgottesdienst gestalten. Die Kirchenmusik ist für viele Menschen das wichtigste Fenster zum Glauben. Vielen, die sonst die Botschaft der Kirche nicht verstehen, erschließt sich durch die Musik das Zeugnis von Christus, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.
Dass das orientierende Zeugnis von diesem Christus allerdings nicht immer leicht zu haben ist, war an dieser Christuskirche erfahrbar. Pfarrer Friedrich Wilhelm Weber, der von 1933-1958 an dieser Kirche wirkte, war als Leiter des volksmissionarischen Amtes in Mannheim und als Mitglied des Bruderrats eine der exponiertesten Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche. Stark hatte er unter Anfeindungen zu leiden. Durch eine Abhöranlage, die in dieser Christuskirche installiert war, wurde er überwacht. Hausdurchsuchungen, Beschlagnahme von Schriften und fingierte Postzusendungen erzeugten eine Atmosphäre permanenter Bedrohung. Etwa 40 Verhöre musste er über sich ergehen lassen. Seiner Verhaftung entging er durch glückliche Umstände.
Pfarrer Webers Grundsatz lautete „allein Jesus Christus, der Gekreuzigte!“ Mit dieser Betonung des Solus Christus stand er in der Tradition der Bekenntnissynode von Barmen. Die Partei der „Deutschen Christen“ hatte mit ihrer nationalsozialistischen Ideologie die Grundlagen der evangelischen Kirche in fundamentaler Weise in Frage gestellt. Sie wollte Adolf Hitler als quasi messianische Gestalt bezeugen, sein Wirken als Quelle göttlicher Offenbarung deuten. Jesus Christus sollte als alleiniger Herr der Kirche relativiert werden. Der nationalsozialistische Staat sollte als umfassende Ordnung des Lebens anerkannt werden. In dieser Situation höchster Anfechtung drohte die Zerstörung evangelischen Bekenntnisses und damit der evangelischen Kirchen in Deutschland. Dem galt es im Glauben zu widerstehen. Deshalb wurde im Mai des Jahres 1934 zu einer Bekenntnissynode nach Wuppertal-Barmen geladen.
"Wer heute auf das Wort Jesu aus seiner Abschiedsrede hört, darf diesen Aufruf zur Konzentration auf Jesus Christus, diesen Aufruf zum mutigen Bekennen nicht überhören."
Die 1. These der Barmer Theologischen Erklärung beginnt genau mit jenen Worten, mit denen diese Christuskirche eingeweiht wurde: „Jesus Christus spricht: ‚Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.’“ Dann fährt sie fort: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ Wer heute das 100jährige Jubiläum dieser Christuskirche begeht und dabei auf das Wort Jesu aus seiner Abschiedsrede hört, darf diesen Aufruf zur Konzentration auf Jesus Christus, diesen Aufruf zum mutigen Bekennen nicht überhören. Diesen Aufruf, der damals von Barmen hinaus in unser Land erging und der an dieser Christuskirche im Dienst von Pfarrer Weber Aufnahme fand.
Alleiniger Grund der Kirche
Das Jubiläum dieser Christuskirche können wir nur recht feiern, wenn wir uns in dieser Tradition von Barmen ganz auf Jesus Christus als den Grund der Kirche konzentrieren. Er allein ist - wie es in den Bibelworten zu den einzelnen Thesen heißt - „der Weg, die Wahrheit und das Leben“; die „Tür zum Leben“; das eine Wort Gottes, „das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Er ist der eine Herr der Kirche, der „Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden“ und zugleich „Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“ ist.
"Von der Kirche kann nur richtig geredet werden, wenn zunächst von Jesus Christus geredet wird. Alles Feiern kann nur dem einen dienen, Christus vor aller Welt zu bezeugen als den Weg, die Wahrheit und das Leben angesichts der zahllosen Wohin-Fragen des Lebens."
Von Jesus Christus als dem alleinigen Grund der Kirche her haben wir heute die Maßstäbe für die Gestaltung der Kirche zu gewinnen. Eine Gestalt der Kirche zu finden, die diesem Grund gemäß ist, das ist unsere Aufgabe. Grund und Gestalt der Kirche dürfen nicht voneinander getrennt werden. Von der Kirche kann nur richtig geredet werden, wenn zunächst von Jesus Christus geredet wird. Darum verbieten sich aller Selbstruhm und aller falscher Stolz. Der Kirche darf es nie in erster Linie um ihre Selbsterhaltung gehen, sondern immer vorrangig und zuerst um die Bezeugung ihres Grundes, um das Zeugnis von Jesus Christus. Darum darf auch das Jubiläum dieser Kirche kein frommer Selbstzweck sein. Die Gemeinde an der Christuskirche feiert sich an diesem Tag und in diesem Jubiläumsjahr nicht selbst. Alles Feiern kann nur dem einen dienen, Christus vor aller Welt zu bezeugen als den Weg, die Wahrheit und das Leben angesichts der zahllosen Wohin-Fragen des Lebens.
Ausrichtung an Christus
So führt am Ende das Jubiläum dieser Kirche weit über uns hinaus. Hinaus über die Gemeinde an dieser Kirche, hinaus über die Bewunderung für einen großartigen Kirchbau. Hinaus zu den Menschen, die angesichts ihrer Wohin-Fragen Orientierung an Jesus Christus als des Wegs, der Wahrheit und des Lebens suchen. Was das heißen kann, will ich abschließend an einem höchst aktuellen gesellschaftspolitischen Thema konkretisieren. Die PID-Debatte der letzten Monate hat uns vor Augen geführt, welch dramatische Entwicklungen sich derzeit im Bereich der Lebenswissenschaften vollziehen. Einerseits werden uns faszinierende Einblicke in Entstehung und Zusammenhänge menschlichen Lebens ermöglicht und Therapien schwerer Krankheiten eröffnet, andererseits droht menschliches Leben zu einer Ware zu verkommen. Fundamentale Fragen nach dem, wohin der Mensch eigentlich gehen soll, was er soll und was er nicht darf, stellen sich neu. Ohne die Ausrichtung an Christus, der als Weg herausführt aus Sackgassen menschlichen Machbarkeitswahns,
ohne die Ausrichtung an Christus, der eine Wahrheit zumutet, die über eine bloß zweckorientierte Ausrichtung des Lebens hinausführt,
ohne die Ausrichtung an Christus, der in seiner Auferstehung die Dimension ewigen Lebens erschließt,
ohne diese Ausrichtung an Christus liefern wir Menschen uns an uns selbst aus, versuchen unser eigener Gott zu werden und zerstören die Würde des Menschen.
Fragen wir in dieser Hinsicht nach dem Wohin des Lebens, so haben wir dem bloß naturwissenschaftlichen Begriff vom Leben das viel umfassendere christliche Lebensverständnis ergänzend an die Seite und kritisch gegenüber zu stellen. Jesu Worte helfen uns, einem zunehmend unter materialistischen Gesichtspunkten gesehenen Lebensentwurf heilsam entgegenzutreten.
So führt uns am Ende das Jubiläum dieser Christuskirche weit hinaus zu den Wohin-Fragen der Menschen in dieser Stadt. Und es führt uns hin zum Zeugnis für Christus in dieser Welt. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ Ohne das Wachhalten eines so umfassenden Lebenssinnes ersticken Menschen an der kurzsichtiger Verzweckung des Lebens. Daran kann und soll diese Christuskirche immer wieder erinnern. Amen.
