Lieber Hans, liebe Gemeinde,
es ist das gute Recht glücklicher Menschen, an Festtagen den Mund etwas voll zu nehmen. An runden Geburtstagen bevorzugt, besonders an einem so schönen, wie ihn der Jubilar heute feiern kann. Viele, die heute über Tag schon gratuliert haben oder dieses nach diesem Gottesdienst tun werden, haben den Mund schon voll genommen oder werden dies nachher noch tun. Den Mund etwas voll nehmen – das gehört zu einem Festtag einfach dazu. Und so hast auch Du, Hans, heute den Mund etwas voll genommen, allerdings auf eine besondere, auf Deine Art. Denn Du hast Dir als Wort der Bibel für die Predigt in diesem Gottesdienst ein Wort des Paulus gewählt, das nur so strotzt von protziger Zuversicht. Ein Wort, bei dem wir schon beim ersten Hören denken müssen: Hier nimmt aber einen den Mund reichlich voll. Hören wir auf das, was Paulus zum Abschluss des 8. Kapitels seines Briefes an die Gemeinde von Rom schreibt:
„Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht.
Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.
Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes, Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: ‚Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.’ Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Den Mund ganz schön voll genommen
Wie protzig klingt das! Wie stolz! Wie unangreifbar!
Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Niemand!
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Niemand!
Wer will verdammen? Niemand!
Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Niemand!
Da nimmt einer wirklich den Mund sehr voll. Aber er kann dies auch. Denn er preist nicht sich selbst. Nicht seine eigene Stärke. Seine eigenen Fähigkeiten. Seine eigenen Verdienste. Er kann den Mund so voll nehmen, weil er weiß: In allem, was ihn stark und unangreifbar macht, verdankt er sich Gott. Dem Gott, der in Jesus Christus so Großes für ihn getan hat, dass er durch dieses Große nun selbst groß sein kann:
Er verdankt sich dem Gott, der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern für uns alle dahingegeben hat.
Er verdankt sich dem Gott, der uns Menschen gerecht macht.
Er verdankt sich dem Gott in Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist und der uns bei Gott vertritt.
Er verdankt sich dem Gott, von dem er sich unendlich geliebt weiß.
Ist es dann ein Wunder, wenn im Überschwang solcher Gottesgewissheit schließlich diese Worte gesagt werden können, die eigentlich zu viel des Guten sind. Die jedenfalls jede menschliche Erfahrung übersteigen, auch die Erfahrungen eines sechzigjährigen Lebens: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“
Ganz sicher
Lieber Hans, wenn Du zurückschaust auf die sechs Jahrzehnte Deines Lebens, dann werden Dir gewiss viele Situationen einfallen, in denen Du den Mund nicht so voll nehmen konntest. Situationen, in denen Du eher am Resignieren warst als voller Hoffnung. Situationen, in denen Du Dich – gerade auch in Deinem Dienst als Dekan – eher einsam fühltest als getragen von anderen. Situationen, in denen die Ohnmacht im Amt stärker zu spüren war als stärkender Beistand und solidarische Gemeinschaft. Und dennoch stimmst Du heute, an Deinem 60. Geburtstag ein in diesen protzigen Jubelgesang des Paulus. Nimmst den Mund einfach genauso voll wie er: „Gott ist für mich! Nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes!“
"Es ist ein durch Erfahrung gewachsenes und zugleich Erfahrungen übersteigendes Lied. Es ist ein ehrliches Lied, das nicht einfach über böse Lebenserfahrungen hinweg springt. Nein, inmitten böser Lebenserfahrungen, inmitten seiner Erfahrung von Ohnmacht und Resignation nimmt Paulus den Mund voll und singt sein Lied von der Liebe Gottes."
Paulus singt ja nicht etwa deshalb so, weil es ihm in seinem Leben stets gut gegangen wäre. Im Gegenteil: Schlimme Erfahrungen hat er machen müssen, viel schlimmere als ein Pfarrer, Dekan oder Bischof unserer Kirche sie wohl je machen kann. Krankheit und Trübsal mögen wir noch persönlich kennen, vielleicht auch bisweilen Angst. Aber Verfolgung ist doch eher schon selten in unserer Kirche ebenso wie körperliche Gefährdung oder gar Bedrohung durchs Schwert. Schließlich muss Hunger wirklich niemand leiden, der auf der Gehaltsliste unserer Landeskirche steht. Das alles aber hat Paulus persönlich erfahren und erlitten. Und dennoch nimmt er den Mund voll und singt sein protziges Lied von der Liebe Gottes. Es ist ein durch Erfahrung gewachsenes und zugleich Erfahrungen übersteigendes Lied. Es ist ein ehrliches Lied, das nicht einfach über böse Lebenserfahrungen hinweg springt. Nein, inmitten böser Lebenserfahrungen, inmitten seiner Erfahrung von Ohnmacht und Resignation nimmt Paulus den Mund voll und singt sein Lied von der Liebe Gottes. Er ist sich so sicher, dass Gott für uns Menschen Partei ergriffen hat und dass er mit Jesu Opfergang ans Kreuz jede Distanz zu uns überwunden, mit seiner Auferstehung das Fenster zum Leben für uns weit geöffnet hat, er ist sich der Liebe Gottes so sicher, dass er protzig und spottend jubilieren kann: „Wer will gegen uns sein? Wer will uns beschuldigen oder verdammen? Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“
Leise Liebe mit lauten Tönen
Es mag vieles gegen uns sprechen - Gottes Liebe spricht für uns in ihrer menschlichen Gestalt, die sie in Jesus Christus angenommen hat. Es ist keine Liebe, die in sichtbaren Machtbeweisen und Triumphen ihren Ausdruck finden. Es ist eine Liebe, die in ihrer Schwachheit missverständlich ist und die damals wie heute in einer Welt der Macht leicht übersehen, belächelt und verspottet wird. Paulus singt von dieser Liebe Gottes, die nicht wie mächtiger Kanonendonner über die Welt hinweghallt, sondern die leise gesprochen wird von Jesus Christus und von Menschen, die sich in seiner Nachfolge von dieser Liebe tragen lassen. Von dieser leisen Liebe Gottes singt Paulus mit lauten Tönen. Er nimmt den Mund voll und besingt jene zarte Liebe, mit der Gott leidenschaftlich Partei ergriffen hat für uns Menschen.
An Deinem 60. Geburtstag stimmst Du, Hans, mit den vielen, die heute mit Dir feiern, mit Deiner Familie und Deinen Freunden, mit der Gemeinde an diesem Ort, mit der ganzen Kirche dieses vollmundige Lied von der Liebe Gottes an. Damit nimmst Du all das, was diese 60 Jahre Dir beschert haben, mit hinein in dieses Jubellied. Nicht, um Schmerzen und Enttäuschungen zu überspielen, Schweres und Belastendes zu verdrängen, sondern um zu bezeugen: Vor und jenseits aller Erfahrung eines Lebens steht Gottes liebende Parteinahme für uns. Gott hat sich in seiner machtlosen, leisen Liebe auf unsere Seite gestellt. Damit können wir all unsere Lebenserfahrungen, die guten wie die bösen, im Licht dieser Liebe Gottes sehen. Und das gilt dann im Besonderen für Dich selbst. Deine Lebenserfahrungen sind umschlossen von der Liebe Gottes: Die Freude an Deiner lieben Frau und an Euren drei Kindern, die vielfältigen bereichernden Begegnungen in dieser Gemeinde in Sinsheim, die Freude an der Gestaltung des Lebens in dem von Dir geleiteten Kirchenbezirk – all dies wird in seiner Unscheinbarkeit ein Zeichen der Partei nehmenden Liebe Gottes. Andrerseits: Deine Fragen, Deine Zweifel, ob Du immer den Anforderungen des Amtes gerecht werden kannst, auch Deine Sorge um die Zerbrechlichkeit des Lebens– auch diese Erfahrungen sind umgriffen von der Liebe Gottes.
Gottes machtlose Liebe
Mit dem Jubellied des Paulus bezeugen wir in diesem Gottesdienst, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes. Gerade auch in Erfahrungen des Scheiterns erfahren wir Gottes machtlose Liebe. Gerade dort, wo von außen betrachtet Sinnloses geschieht, sind wir dem gekreuzigten Gott besonders nahe. Das hat Paulus erfahren, darum schrieb er sein protziges Jubellied von der Liebe Gottes und nahm dabei den Mund sehr voll. Das erfuhr vor 67 Jahren Dietrich Bonhoeffer in seiner Gefängniszelle. Deshalb schrieb er an der Schwelle zu einem neuen Jahr mit zarten Worten das Lied:
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend wie am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Gottes machtlose Liebe ist umfassender als unsere Erfahrungen. Durch diese befreiende Gewissheit werden wir aus dem Kerker unserer Fragen, Sorgen und Ängste in das Herz des uns liebenden Gottes geworfen. Er wird uns liebevoll halten, und alle Angst kann schweigen. Wenn wir dies glauben können, dann siegt die Hoffnung über alle Lebensangst. Dann können wir mit dem Jubilar in ein neues Jahr gehen -
bereit, uns der machtlosen Liebe Gottes anzuvertrauen und
bereit, diese machtlose Liebe in Wort und Tat zu bezeugen.
Denn wir wissen, dass auch im neuen Jahr uns nichts scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. Amen.
