"Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and're, neue Bindungen zu geben...
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." -
Mit diesen Worten beschreibt Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht „Stufen“ das, was wir heute miteinander bedenken: Vier junge Frauen erreichen eine neue Stufe ihres Lebens. Sie folgen einem Lebensruf und sind bereit zu Abschied und Neubeginn – hoffentlich tapfer und ohne Trauern. Sie durchschreiten Raum um Raum, brechen auf aus vertrauten Lebenskreisen und machen sich auf die Reise in einen großartigen Beruf.
Lebensräume
Liebe Gemeinde! Was wir heute mit diesen vier Ordinierten begehen, ist Sinnbild unseres eigenen Lebens. Unser Leben vollzieht sich in Lebensräumen, die wir betreten oder wieder verlassen. Hinein geboren werden wir in unsere Familie. Irgendwann ist uns dieser Kreis zu klein. Wir gewinnen den Freundeskreis als neuen Lebensraum hinzu. Und nicht wenige erfahren dort mehr Nähe als in der eigenen Familie. Darüber hinaus leben wir zugleich in anderen Lebensräumen: im vertrauten Dorf, in der geliebten Stadt, in der Kirchengemeinde. Landsmannschaftlich sind wir wiederum anderen Räumen verbunden: der Pfalz oder dem Rheinland, Baden oder auch Württemberg. Mit dem Lebensraum unseres deutschen Landes haben wir eher schon Mühe, nachdem der Begriff „Lebensraum für das Volk“ in schlimmster Weise in der deutschen Geschichte missbraucht wurde. Eher fühlen wir uns dann schon als Europäer oder als Weltbürgerinnen. Schließlich entdecken immer mehr junge Menschen das World-wide-web im Internet als einen für sie wichtigen Lebensraum.
"Zum menschlichen Leben gehören das Durchschreiten neuer Räume, Abschied und Neubeginn, das Freiwerden von jenem, was bisher Heimat bot, und das Eingehen neuer Bindungen..."
Menschen brauchen auf den verschiedenen Stufen des Lebens verschiedene Lebensräume. Und oft viele zugleich. Denn an der Enge eines Lebensraumes können sie ersticken, wie sie andrerseits auch in der Weite eines Raumes verloren gehen können. Und wer kennt nicht das dringende Bedürfnis nach Übersichtlichkeit in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt! Ohne überschaubare Lebensräume verliert menschliches Leben seine Orientierung. Ohne das Entdecken immer neuer Lebensräume verkümmert es. Zum menschlichen Leben gehören das Durchschreiten neuer Räume, Abschied und Neubeginn, das Freiwerden von jenem, was bisher Heimat bot, und das Eingehen neuer Bindungen, Aufbruch und Reise.
Das hat nicht erst Hermann Hesse entdeckt. Hören wir auf Worte aus dem 3. Kapitel des Markus-Evangeliums:
„Es kamen Jesu Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Um Jesus herum saß eine Volksmenge. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern sind draußen und fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Faszinierend und verstörend zugleich, wie Jesus hier verschiedene Lebensräume aufeinander bezieht und gegeneinander abgrenzt. Wir spüren in dieser kleinen Szene förmlich die Enge und die Weite verschiedener Räume im Leben Jesu. Das wohltuende Drinnen und das schmerzhafte Draußen. Wir erleben verletzende Ausgrenzung und liebevolle Einbeziehung. Um Jesus herum der Kreis der auf ihn Hörenden. Die Volksmenge, die an seinen Lippen hängt. Sie gehören offenkundig zu ihm. Liebevoll schaut er auf die, die um ihn herum im Kreis sitzen. Ihnen fühlt er sich vertraut. Innerlich verbunden. Es sind seine Wahlverwandten. Die auf das von ihm verkündigte Wort Gottes hören. Wie anders seine Mutter, seine Brüder und Schwestern! Sie stehen sozusagen draußen vor der Tür. Gehören nicht dazu. „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Eine verletzende Frage voller Missachtung. Ungehörig! In dieser kleinen Szene erleben wir, wie Lebensräume verlassen werden und wie sich neue Lebensräume des Vertrauens erschließen. Die leibliche Verwandtschaft verliert an Bedeutung. Die geistliche Verwandtschaft wird zum neuen Lebensraum, in dem Vertrauen wächst; in dem das für die Gestaltung des Lebens Wichtige ausgesprochen und gehört wird. Irritierend und zugleich orientierend, wie Jesus die für ihn wichtigen Lebensräume zuordnet: Was zählt schon die leibliche Verwandtschaft, wenn es um die geistliche Wahlverwandtschaft im Hören auf Gottes Wort geht?
Neue Räume betreten
Gewiss hören dies die Angehörigen unserer vier Ordinierten nicht ohne Schrecken. Wie klingt das von Jesus Gesagte in Ihren Ohren? Geben Sie etwa heute Ihre Tochter und Schwiegertochter, ihre Ehefrau und Schwester ab in einen geistlichen Beruf, in dem frühere familiäre Verbindungen nichts mehr zählen dürfen. Von Johannes Paul I. ist bekannt, dass er nach seiner Wahl zum Papst unsäglich darunter gelitten hat, nicht mehr zu seiner Familie zurückkehren zu dürfen. Vielleicht ist er auch daran zerbrochen. Nein, so soll es unter Euch nicht sein! Mit der Übernahme des geistlichen Amtes einer Pfarrerin entlassen Sie Ihre Tochter oder Ehefrau nicht aus dem Lebensraum Ihrer Familie. Und dennoch bricht sie heute auf, um neue Lebensräume zu betreten.
Die Ordinierten verlassen Ihre Lehrgemeinde oder Ihren bisherigen Wohnort, ziehen um an einen neuen Ort, von dem sie noch nicht wissen, was sie dort erwartet. Die neuen Räume ihres Wirkens werden sie mit Menschen zusammenführen, denen sie sich gewiss nach einiger Zeit in höchstem Maße innerlich verbunden fühlen. Geistlich verwandt. Und sie ahnen: Ihre Ordination wird ihnen in Ihrem Leben noch ganz andere Räume öffnen, hier in unserer Landeskirche, in der EKD, in der Gemeinschaft der weltweiten Ökumene. Wo immer sie auch einmal Ihren Dienst als Pfarrerinnen ausüben werden, sie werden in Ihren künftigen Lebensräumen auf Menschen stoßen, die mit Ihnen gemeinsam auf Gottes Wort hören und die versuchen, Gottes Willen zu tun. In den Lebensräumen, die sie mit Ihrem Beruf betreten werden, wird eine große Nähe zu anderen Menschen entstehen, die nicht zu Ihrer leiblichen Familie gehören. Und sicherlich werden sie sich manchmal die Frage stellen: Wer ist eigentlich meine geistliche Mutter? Wer sind meine geistlichen Geschwister? Diese Frage zu stellen bedeutet nicht, die eigene leibliche Verwandtschaft gering zu achten. Was sie Ihren Eltern und Geschwistern verdanken, das ist unvergleichlich und bleibt einzigartig. Aber gerade im geistlichen Amt entstehen neue Verwandtschaften, auf die niemand verzichten kann, der dies Amt der Verkündigung des Wortes Gottes ernst nimmt. Mit der Berufung ins geistliche Amt dürfen sie der Frage nach Ihren geistlichen Verwandten nicht ausweichen, wenn sie denn auf Gottes Wort hören und sich an seinem Willen ausrichten wollen.
Geistliche Verwandte
Dabei aber müssen Sie sich klar machen: Ihre geistlichen Verwandten sind nicht nur jene, die in der Gemeinde in kleinem Kreis um Sie herum sitzen. Die geistliche Verwandtschaft, von der Jesus spricht, reicht weiter als der Ältestenkreis, der leider nicht selten zu einem Freundeskreis oder zu einem Kreis Gleichgesinnter verkommt. Die geistliche Verwandtschaft, von der Jesus spricht, ist weiter als die Kerngemeinde mit ihren Ansprüchen. Die geistliche Verwandtschaft, von der Jesus spricht, umfasst nicht nur jene zwei oder drei Milieus, die Sie mit Ihrer kirchlichen Arbeit zumeist erreichen. Natürlich fühlen sich Pfarrerinnen am wohlsten, wenn sie im engsten Kreis vertraut reden können. Natürlich fühlen sich Pfarrer besonders wohl, wenn sich ihr Lebensraum in der Gemeinde nicht zu weit vom eigenen familiären Lebensraum entfernt. Aber auch kirchenfremde Milieus, auch so genannte kirchliche Randsiedler können zur geistlichen Verwandtschaft gehören. Es gibt ein aufmerksames Hören auf Gottes Wort, ein starkes Suchen nach Gottes Willen auch bei solchen, die am kirchlichen Leben nicht teilnehmen. Sogar bei jenen, die sich selbst kaum als Christenmenschen verstehen und die wir eher als „unbewusste“ Christen bezeichnen würden.
"Ein Draußen und Drinnen gibt es auch in der Kirche. Nicht immer sind die da drinnen, auch wirklich die geistlichen Verwandten. Und nicht immer sind die da draußen jene, die von Gottes Willen nichts wissen wollen."
Jedenfalls darf die milieuhafte Enge einer Gemeinde, der oft auch eine geistliche Enge entspricht, nicht verwechselt werden mit jener geistlichen Verwandtschaft, die Jesus meint. Ein Draußen und Drinnen gibt es auch in der Kirche. Nicht immer sind die da drinnen, auch wirklich die geistlichen Verwandten. Und nicht immer sind die da draußen jene, die von Gottes Willen nichts wissen wollen. Darum ist das genau Ihre Aufgabe, in Ihrem Amt Nähe und Distanz so zu praktizieren, dass sich nicht jene aus der geistlichen Verwandtschaft ausgeschlossen fühlen müssen, die einfach anders sind, aber deshalb nicht weniger ernsthaft auf Gott bezogen. Ihre Aufgabe ist es, in der Kirche einen Lebensraum herzustellen, in den möglichst viele Menschen eintreten können, um dort gemeinsam nach Gottes Willen für ihr Leben zu fragen.
Bei aller Herausforderung an Ihr Amt bleibt am Ende etwas sehr Tröstliches. Jesus sagt: „Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Dieses Kriterium für die in der Kirche zu gestaltende geistliche Verwandtschaft scheint klar. Denn es wehrt jeder ethischen Beliebigkeit nach dem Motto „Anything goes“. Es lenkt den Blick auf die 10 Gebote, auf das höchste Gebot Jesu und auf die Möglichkeit, das eigene Gewissen zu befragen, um das eigene Handeln am Willen Gottes auszurichten. Aber wer kann wirklich immer sicher entscheiden, was Gottes Wille ist? Da bleiben sehr oft Unsicherheiten und Spannungen, die wir in der Kirche miteinander aushalten müssen. Wer sich wirklich anstecken lässt von Jesu Worten und danach handelt, wer wirklich zur geistlichen Verwandtschaft Jesu zählt, das haben wir zum Glück nicht zu entscheiden. Nicht alle, die sich dazu gehörig fühlen, gehören wirklich dazu. Und wen Gott in die Wahlverwandtschaft Jesu berufen hat, das wird uns bis zum Schluss nicht erkennbar werden. Wir werden uns vor dem Richterstuhl Christi sicher wundern, wen wir als geistliche Verwandte wieder sehen werden und wen nicht. Und hoffentlich sind wir dabei. Bis dahin gilt: „Zieht den Kreis nicht so klein!“ Denn alle, die den Willen Gottes tun, sind Jesu wahre Verwandte. Amen.
