Den Hass überwinden aus der Gewissheit des Glaubens

Hausandacht im Evangelischen Oberkirchenrat, 13.9.2011, Landesbischof Dr. U. Fischer

Liebe Hausgemeinde,
immer wieder ist die erste Andacht nach den Sommerferien ein Ort frohen Wiedersehens. Die Urlaubszeit ist für die allermeisten endgültig vorüber. Manche sind - wie ich etwa - erst vor wenigen Tagen aus dem Urlaub zurückgekommen. Die Schulsommerferien sind zu Ende. Hinter den meisten von uns liegen Wochen der Erholung. Und hoffentlich sind wir alle bewahrt geblieben vor großen Unfällen. Nun geht es wieder frisch ans Werk..

Nicht das Naheliegendste

So sehr es also nahe läge, den Kasus „Urlaubsende“ oder „Start in die Arbeit“ in dieser Andacht zu bedenken, so will ich dies dennoch heute nicht tun. Denn den Abschluss dieser Sommerferien-Urlaubszeit bildete ein Gedenktag, den wir in unserer Hausgemeinde nicht übergehen dürfen. Am vergangenen Sonntag jährten sich zum zehnten Mal die mörderischen Anschläge auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington. Mehr als 3000 Menschen fanden den Tod. Allen sind die Ereignisse des 11. September 2001 noch lebendig vor Augen - die Bilder der in die Wolkenkratzer stürzenden Flugzeuge, die Verzweiflung der um ihre Toten Trauernden, das Erschrecken über einen unmenschlichen Terror unvorstellbaren Ausmaßes. Unvergessen die Bilder im Fernsehen von brennenden Trümmern und herabstürzenden Menschen. Viele werden sich noch ganz genau daran erinnern können, in welcher Arbeitssituation sie die Nachricht von diesem unvorstellbaren Ereignis erreicht hat. Im Ohr habe ich noch die stotternden Gespräche in der Regionalbahn auf dem Weg nach Hause, als noch niemand Genaues wusste. Eindrucksvoll immer noch das interreligiöse Gedenken der Opfer in einem Baseballstadion. Und auch die Friedensgebete, zu denen sich viele unserer Hausgemeinde in den Wochen nach dem 11. September im Andachtsraum zusammenfanden, werden vielen noch in Erinnerung sein.

Für uns alle hat sich mit diesem Tag die Welt verändert. An diesem Tag ist die „Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion...explodiert“ (Jürgen Habermas in seiner berühmten Frankfurter Rede). Neu haben wir erkannt, in welch starkem Maße religiöses Denken und Fühlen unsere Welt bestimmt, wie untrennbar Weltliches und Religiöses miteinander menschliches Handeln motiviert. Über den religiösen Fanatismus der Terroristen mögen wir den Kopf schütteln. Aber diese Terroristen haben uns wieder deutlich gemacht, dass wir unsere Welt nicht verstehen können, wenn wir meinen, auf ihre religiöse Deutung verzichten zu können.

"Wohin soll es mit dieser Welt gehen, wenn Menschen nicht fähig sind, Konflikte friedlich auszutragen? Bei der Beantwortung dieser Frage hat der unbedingte Vorrang gewaltloser Konfliktregelung, den die biblische Botschaft verkündigt, ganz neu an Aktualität gewonnen."

Aber weit mehr noch ist mit dem 11. September 2001 geschehen: Der Afghanistan-Krieg als direkte Folge der Terroranschläge und der Einsatz unserer Bundeswehr in diesem Krieg hat eine große Verunsicherung hinsichtlich unserer friedensethischen Prinzipien zur Folge. Übermäßiges Sicherheitsdenken hat sich breit gemacht. Die Folgen des 11. September wirken nach in unserer Weltgesellschaft, in unserem Land, auch in unseren Kirchen. Und immer wieder besteht die Gefahr, dass wir uns nicht befreien können aus der Spirale der Gewalt, die vor 10 Jahren in grausamer Weise das Weltgeschehen zu verändern begann. Das Vertrauen in die Friedensfähigkeit der Menschheit ist erschüttert worden. Wohin soll es mit dieser Welt gehen, wenn Menschen nicht fähig sind, Konflikte friedlich auszutragen? Bei der Beantwortung dieser Frage hat der unbedingte Vorrang gewaltloser Konfliktregelung, den die biblische Botschaft verkündigt, ganz neu an Aktualität gewonnen. Wieder haben wir erkannt, dass kriegerische Auseinandersetzungen weder den Terrorismus aus der Welt schaffen noch das Zusammenleben sichern können. Wir haben lernen müssen, dass wenn wir von militärischen Maßnahmen als ultima ratio reden, wir mit „ultima“ wirklich nur die allerallerletzte Möglichkeit meinen dürfen, nämlich jene, die erst dann ergriffen werden darf, wenn alle anderen friedenserhaltenden Maßnahmen nicht zum Ziel geführt haben. Wir werden das Wohin einer friedlosen Welt nicht lenken können ohne die Erinnerung an die Kraft der Gewaltlosen. Ohne diese Erinnerung ersticken Menschen an ihrer eigenen Friedlosigkeit.

Die Spirale des Bösen überwinden

In diesem Zusammenhang gewinnen für mich die Worte unserer Jahreslosung aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes an Bedeutung: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Ich erinnere noch einmal kurz an das, was ich Anfang Januar in der Auslegung dieser Jahreslosung in einer Hausandacht gesagt habe:
Solche Worte mögen unser Gerechtigkeitsempfinden stören; sie entbinden uns aber nicht von der Pflicht sorgfältiger Selbstprüfung, ob wir in der Auseinandersetzung mit dem Bösen nicht doch andere Wege als die der Vergeltung gehen können. Wir dürfen und sollen nicht hinnehmen, dass automatisch eine böse Tat immer die nächste nach sich zieht. Wir sind als Christenmenschen dazu berufen, Spiralen des Bösen zu zerbrechen und der Güte Platz zu verschaffen, denn nur dies entzieht dem Bösen den Boden. Wir können dies, weil wir an einen Gott glauben, der eben nicht Böses mit Bösem vergilt. Gott handelt nicht mit uns so, wie es unserem Handeln zukäme. Wo wir uns gegen Gott richten oder uns gar von ihm abwenden, wendet er sich uns trotzdem zu. Davon leben wir. Gott wendet uns in Jesus Christus sein freundliches Angesicht zu und lässt sich hinrichten. Gott unterzieht sich dem Bösen, erleidet es am eigenen Leib. Aus der Vergebung dieses menschenfreundlichen Gottes leben wir. Wir kommen bei Gott nicht zu kurz. Darum können wir das Böse mit Gutem überwinden, weil Gottes vergebende Liebe das Böse in uns überwunden hat.

"Ihr könnt uns durch nichts zwingen, Euch zu hassen."

Ich habe in meiner Andacht damals zwei Geschichten erzählt von Menschen, die erfolgreich das Böse mit Gutem überwunden haben. Und ich habe uns aufgefordert, uns mit solchen Geschichten Mut zu machen, die Aufforderung der Jahreslosung in unser Leben zu übersetzen. Heute habe ich eine neue Mutmachgeschichte zu erzählen. Ihr Anfang ist grausam und unvorstellbar brutal: Ende Juli dieses Jahres tötete ein fanatischer Fremdenhasser zunächst mit einem Bombenanschlag auf Regierungsgebäude in Oslo und anschließend mit einem brutalen Überfall auf ein Jugendcamp 77 Menschen. Bei anschließenden Vernehmungen zeigte er nicht nur keinerlei Reue und Schuldbewusstsein, er gab sogar an, noch mehr Mordanschläge geplant zu haben. Mit seinen Taten hat er vielen Familien und einer ganzen Gesellschaft Böses angetan. Und wie reagiert der Ministerpräsident Stoltenberg? Er fordert seine Landsleute auf, sich nicht vom Bösen gefangen nehmen zu lassen. Selbst tief getroffen und betroffen von den mörderischen Anschlägen wirbt er für eine offene und freie Gesellschaft und eine besonnene Aufarbeitung der Umstände des Anschlags und des nachfolgenden Polizeieinsatzes. Wie anders war diese Reaktion als das hysterisch Rachegeschrei, das die amerikanische Politik nach dem 11. September 2001 bestimmte und welches das ganze Land zutiefst spaltete. Der norwegische Ministerpräsident hat in einer für ihn persönlich wie für sein Land höchst belastenden Situation erfolgreich dafür geworben, die Spirale des Bösen zu zerbrechen und sich nicht vom Bösen das Gesetz eigenen Handelns aufzwingen zu lassen. In seiner das Böse überwindenden Haltung erinnert er mich an Martin Luther King, der in seinem Kampf für Überwindung der Rassendiskriminierung seinen Gegnern erklärt hat: „Ihr könnt uns durch nichts zwingen, Euch zu hassen.“

Ich weiß, aus welcher christlichen Motivation heraus Martin Luther King so reden konnte. Beim norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg weiß ich nicht, ob sein Wirken aus einer christlichen Grundhaltung oder lediglich aus kluger staatsmännischer Haltung heraus begründet war. Ich bin mir aber sicher, dass so reden und handeln kann, der eines weiß: „Ich komme bei Gott nicht zu kurz. Das lässt mich getrost und zuversichtlich leben angesichts all der Unsicherheiten und Unübersichtlichkeiten des Lebens, die mir Angst machen.“

"Wie wichtig ist es, sich dessen zu erinnern, dass wir bei Gott nicht zu kurz kommen. Dass Gottes Liebe zu uns nicht zu Ende ist. Dass er uns eine tiefe Gewissheit des Glaubens schenkt, die uns hilft, das Böse mit Gutem zu überwinden."

Es ist ja nicht nur die Erinnerung an den 11. September 2001, die uns erschrecken lässt. Die eingestürzten Türme des World Trade Centers stehen zugleich für so vieles, was einzustürzen droht: Die Schuldenkrise in den USA, die Krise des Euro und die Krise Europas - was einst Sicherheit verheißen hat, kommt ins Wanken. Wie wichtig ist es, sich dessen zu erinnern, dass wir bei Gott nicht zu kurz kommen. Dass Gottes Liebe zu uns nicht zu Ende ist. Dass er uns eine tiefe Gewissheit des Glaubens schenkt, die uns hilft, das Böse mit Gutem zu überwinden - nicht nur in der großen Weltpolitik, sondern auch im alltäglichen Umgang miteinander in unseren Familien, Gemeinden und in unserer Hausgemeinschaft.

Daran zu erinnern am Beginn einer neuen Arbeitsphase in unserem Haus mag heute Morgen für Sie nicht das Naheliegendste gewesen sein, sicherlich aber kann es uns allen helfen, unser Miteinander in den kommenden Wochen so zu gestalten, dass aus diesem Miteinander viel Gutes erwächst. Amen.