Das Böse mit Gutem überwinden

Wort des Landesbischofs an die Gemeinden der Evangelischen Landeskirche in Baden zum 11. September 2011

Liebe Schwestern und Brüder,

am heutigen Sonntag jähren sich zum zehnten Mal die mörderischen Anschläge auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington. Mehr als 3000 Menschen fanden den Tod. Allen sind die Ereignisse des 11. September 2001 noch lebendig vor Augen – die Bilder der in die Wolkenkratzer stürzenden Flugzeuge, die Verzweiflung der um ihre Toten Trauernden, das Erschrecken über einen unmenschlichen Terror unvorstellbaren Ausmaßes.

Manche Menschen in unseren Gemeinden haben bei diesen Terroranschlägen Freunde oder Verwandte verloren. Für uns alle hat sich mit diesem Tag die Welt verändert. Angst vor islamistischem Terror trübt die Beziehungen zu unseren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Der Afghanistan-Krieg als direkte Folge der Terroranschläge vom 11. September und der Einsatz unserer Bundeswehr in diesem Krieg hat eine große Verunsicherung hinsichtlich unserer friedensethischen Prinzipien zur Folge. Übermäßiges Sicherheitsdenken hat sich breit gemacht. Die Folgen des 11. September wirken nach in unserer Weltgesellschaft, in unserem Land, auch in unseren Kirchen. Und immer wieder besteht die Gefahr, dass wir uns nicht befreien können aus der Spirale der Gewalt, die vor zehn Jahren in grausamer Weise das Weltgeschehen zu verändern begann.

Welch eine Hilfe können in diesem Zusammenhang die Worte unserer Jahreslosung aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes bieten: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Solche Worte mögen unser Gerechtigkeitsempfinden stören; sie entbinden uns aber nicht von der Pflicht sorgfältiger Selbstprüfung, ob wir in der Auseinandersetzung mit dem Bösen nicht doch andere Wege als die der Vergeltung gehen können. Wir dürfen und sollen nicht hinnehmen, dass automatisch eine böse Tat immer die nächste nach sich zieht. Wir sind dazu berufen, Spiralen des Bösen zu zerbrechen. Wir sind als Christenmenschen dazu berufen, der Güte Platz zu verschaffen, denn nur dies entzieht dem Bösen den Boden. Warum können wir diese unsere Berufung annehmen?

Weil wir an einen Gott glauben, der eben nicht Böses mit Bösem vergilt. Gott handelt nicht mit uns so, wie es unserem Handeln zukäme. Wo wir uns gegen Gott richten oder uns gar von ihm abwenden, wendet er sich uns trotzdem zu. Davon leben wir. Gott wendet uns in Jesus Christus sein freundliches Angesicht zu und lässt sich hinrichten. Sanftmütig trägt er die Last der Welt. Gott unterzieht sich dem Bösen, erleidet es am eigenen Leib. Aus der Vergebung dieses menschenfreundlichen Gottes leben wir. Wir kommen bei Gott nicht zu kurz. Darum können wir das Böse mit Gutem überwinden, weil Gottes vergebende Liebe das Böse in uns überwunden hat. Wir kommen bei Gott nicht zu kurz. Das lässt uns getrost und zuversichtlich leben angesichts all der Unsicherheiten und Unübersichtlichkeiten des Lebens, die uns oft Angst machen.

Es ist ja nicht nur die Erinnerung an den 11. September 2001, die uns erschrecken lässt. Die eingestürzten Türme des World Trade Center stehen zugleich für so vieles, was einzustürzen droht: Die Schuldenkrise in den USA, die Krise des Euros und die Krise Europas – was einst Sicherheit verheißen hat, kommt ins Wanken. Wie wichtig ist es, sich als christliche Gemeinde dessen zu erinnern, dass wir bei Gott nicht zu kurz kommen. Dass Gottes Liebe zu uns nicht zu Ende ist. Dass er uns eine tiefe Gewissheit des Glaubens schenkt, indem er uns durch seinen Gottesknecht zusagt: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen (Jes 42,3 – Wochenspruch zur Woche nach dem 11. September 2011).

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Gottesdienst am 11. September 2011.

(Landesbischof Dr. Ulrich Fischer)