Eine großartige Liebesgeschichte

Predigt von Landesbischof Dr. U. Fischer zu 5. Mose 7,6-11; Gottesdienst in Karlsruhe, 31.07.2011

Liebe Gemeinde!
Eine Geschichte will ich erzählen. Eine mitreißende Geschichte. Eine Geschichte voller Gefühl und Leidenschaft. Eine Liebesgeschichte. Freilich eine Liebesgeschichte der besonderen Art. Damit fängt alles an: Ein kleines, unscheinbares Volk hat ein überwältigendes, unbegreifliches Erlebnis. Das kleine Volk ist auf der Flucht vor einem mächtigen Feind. Unaufhaltsam kommen die Verfolger näher. Scheinbar gibt es kein Ausweichen mehr, denn der Fluchtweg ist versperrt durch ein großes, unüberwindbar scheinendes Meer. Doch wie durch ein Wunder weicht das Meer zurück und gibt den Fluchtweg frei, die Verfolger aber verschlingt es. Überwältigt von diesem unbegreiflichen Geschehen stimmt jenes kleine Volk einen Freudengesang an: „Gott hat uns gerettet. Herrliches hat er ans uns getan. Er hat uns befreit. Er hat uns erwählt zu seinem Volk. Er liebt uns.“ Und seitdem lebt das Volk von der Zusage Gottes: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Liebe und Leidenschaft

Damit fängt sie an – die mitreißende Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk. Sie fängt an mit der Errettung des kleinen Volkes Israel bei seiner Flucht aus Ägypten. Wie die meisten Liebesgeschichten ist auch diese geprägt von leidenschaftlicher Hingabe für den Geliebten und von erschütternden Treulosigkeit, von vielfachen Eifersüchteleien und von Stunden größten Glücks, vom Zweifel an der Liebe des Geliebten, die den Schluss reifen lässt, endlich „Schluss zu machen“. Aber wie es nun oft einmal ist, wenn sich zwei einander Liebe geschworen haben: Sie kommen nicht mehr voneinander los. Sie haben sich erwählt als Freund und Freundin, als Ehefrau und Ehemann, als Lebenspartner und -partnerin. Sie können ohne einander nicht mehr leben. So ist es auch mit Gott und seinem Volk. Oft sind sie drauf und dran, ihr Verhältnis für beendet zu erklären, sich im Zorn voneinander zu trennen. In kritischen Zeiten wird auch einmal eine deutliche Sprache gesprochen. Dann wird das Volk in aller Form zur Treue ermahnt. Wie sich Paare mahnend einander erinnern an das Versprechen der Treue, das sie sich einst gegeben haben, so klingt es, wenn jenes kleine Volk daran erinnert wird, dass es einst zum Geliebten Gottes erwählt wurde.

Hören wir eine solche mahnende Rückerinnerung, wie sie uns im 5. Buch Mose - fast als Abschluss der Erzählung von der Befreiung jenes Volkes aus Ägypten - uns gegeben ist: Du sollst deinem Gott nicht untreu werden und dich nicht mit anderen Göttern anfreunden.
„Denn du bist ein heiliges Volk für deinen Gott. Dich hat dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die es auf der Erde gibt. Nicht etwa weil ihr zahlreicher wärt als alle Völker, hat Gott an euch gehangen und euch erwählt (denn du bist das kleinste unter allen Völkern), sondern weil er euch geliebt hat und weil er seinen Eid hielt, den er euren Vätern geschworen hat, hat er euch mit mächtiger Hand herausgeführt und dich erlöst vom Sklavenhaus, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass dein Gott allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten. So halte du nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“

Heiligende Liebe

So also geht die Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk weiter. Das Volk wird mahnend erinnert an die Anfänge dieser Liebesbeziehung, an seine Erwählung zum Geliebten Gottes. Aber wie merkwürdig: Das Volk wird auch erinnert an seine Heiligkeit. Heiligkeit? Was hat die in einer Liebesgeschichte zu suchen? In der Tat sehr viel. Denn diese Liebesgeschichte ist eine Liebesgeschichte besonderer Art. Sie handelt von einer heiligen Liebe. Von einer Liebe, die den erwählten Geliebten heilig macht.

"Ich werde befreit von den lockenden Göttern um mich her. Ich werde befreit von allem, was Macht gewinnen will über mich. Ich werde frei für meinen geliebten Freund, für Gott."

Wo ich Gott als einen erfahre, der mich liebt, obwohl ich ihm nichts zu bieten habe, der mich grundlos erwählt und mir vorbehaltlos die Treue hält, da werde ich heilig. Ich werde befreit von den lockenden Göttern um mich her. Ich werde befreit von allem, was Macht gewinnen will über mich. Ich werde frei für meinen geliebten Freund, für Gott. Ihm darf ich mich anvertrauen. Für ihn darf ich Zeit haben. Unsere Liebe gibt mir die Kraft, allem Unheiligen zu widerstehen, wie wir mit Worten Paul Gerhardts singen: „Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?“ Ja, allem, was sich als Götze aufplustert oder mir feindlich entgegentritt, selbst dem Tod, kann ich frei ohne Frucht begegnen, wenn ich Gottes geliebter Freund bin.

Wo ich Gott als einen erfahre, der mich aus grundloser Liebe zu seinem Freund erwählt, der mich wie ein Liebhaber umwirbt und mir die Treue hält, da gehe ich auf die Suche nach Menschen, die Ähnliches erfahren haben. Ich suche nach einer Gemeinschaft, nach einer Gemeinschaft der Geliebten Gottes. In einer solchen Gemeinschaft kann es nicht ausbleiben, dass wir einander erzählen von der Liebe Gottes, von seiner heiligen Liebe. Und so wird unsere Gemeinschaft zu einer Gemeinschaft, die von dieser Liebe Gottes reden und die in dieser Liebe handeln muss. Zu einer Gemeinschaft der heiligen Liebe Gottes.

"Ich muss nicht ständig das tun, was andere von mir erwarten. Ich darf meine individuellen Fähigkeiten zur Geltung bringen. Denn Gott ist mein Geliebter, der mich gerade so, wie ich bin, zu seinem Freund erwählt hat."

Wo ich schließlich Gott als einen erfahre, der nicht ohne mich leben will, der mich mitsamt meinen Eigenarten aus grundloser Liebes erwählt und mir die Treue hält, auch wenn ich Fehler mache, da darf ich sein, der ich bin. Ich muss mich nicht mehr ständig nach den Normen anderer richten. Ich muss nicht ständig das tun, was andere von mir erwarten. Ich darf meine individuellen Fähigkeiten zur Geltung bringen. Denn Gott ist mein Geliebter, der mich gerade so, wie ich bin, zu seinem Freund erwählt hat. Als von Gott Geliebter darf ich originell sein, frei von Normen und Ansprüchen, eben heilig.

Von solch einer Liebe also handelt unsere Liebesgeschichte. Von einer Liebe, die heilig macht, indem sie befreit von Göttern und Unheiligem, von Normen und Zwängen und indem sie vereint in der heiligen Gemeinschaft der Geliebten Gottes. An diese Heiligkeit nun wird das Volk in seiner Geschichte mahnend erinnert.

Vollkommene Hingabe

Und zu solcher Heiligkeit wird es in seiner Geschichte immer wieder neu befreit - befreit durch neue Erfahrungen mit der Liebe Gottes. Denn weiter geht die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk: Wie in einer Partnerbeziehung die Liebe erstickt, wenn sie nicht hin und wieder aufgefrischt wird durch gemeinsame Erlebnisse von Glück und Treue, so bedarf auch das Volk Gottes in seiner Geschichte immer wieder neuer Erfahrungen mit der Liebe Gottes. Soll die Liebe lebendig bleiben, dann bedarf sie hin und wieder einer Auffrischung. Eine nicht mehr zu überbietende Auffrischung der Liebe zwischen Gott und seinem Volk geschieht, als Gott in Jesus Christus seine letzte Distanz zu seinem geliebten Volk aufgibt. Er gibt sich ihm völlig hin, wie sich nur ein Geliebter seiner Geliebten hingeben kann. Er verausgabt sich für sein geliebtes Volk bis hin zur Selbstaufgabe. Was ist das für eine Liebe! Vielen ist sie zu direkt, zu intim. Sie verstehen die Liebe Gottes nicht mehr, der sich in seiner Liebe so ungöttlich benimmt. Doch andere lassen sich durch diese Liebe anstecken. Andere, die bisher nicht zum Volk Gottes gehört haben. Sie lassen sich von Gottes Liebe hinreißen. Sie lassen sich von ihr begeistern. Sie lassen sich in der Taufe von Gottes Liebe anstecken. So wird das geliebte Volk Gottes zu einem großen Volk, das an allen Enden der Erde lebt.

"Das ist sie also: Die Gemeinschaft der Heiligen. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Menschen verschiedenster Herkunft. Kein Club der Starken, sondern eine Zeugengemeinschaft der heiligen Liebe Gottes."

Wer so von dieser Liebe angesteckt, mitgerissen und begeistert ist, kann nicht für sich bleiben. Muss anderen weitererzählen und weitergeben von dieser Liebe. Muss andere Menschen mitreißen, anstecken, begeistern für diese Liebe Gottes. So entsteht die weltweite Gemeinschaft der heiligen Liebe, die Gemeinschaft der Heiligen, zu der wir uns im Glaubensbekenntnis bekennen. Das ist sie also: Die Gemeinschaft der Heiligen. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Menschen verschiedenster Herkunft. Kein Club der Starken, sondern eine Zeugengemeinschaft der heiligen Liebe Gottes. Diese Gemeinschaft der Heiligen lebt in der gemeinsamen Rückerinnerung an die sich verausgabende Liebe Gottes in Jesus Christus und in der Weitergabe dieser Liebe. In Rückerinnerung und Weitergabe bleibt die Liebe zwischen Gott und seinem Volk frisch. Sie bleibt frisch in der Zuwendung zu Menschen. Sie bleibt frisch im Wort der Vergebung, das zugesprochen wird. Sie bleibt frisch, indem aus der Gabe der heiligen Liebe Gottes eine Aufgabe zu einem Leben in der Liebe wird. Sie bleibt frisch, indem sich Menschen durch Gottes Liebe verpflichten lassen zu Taten der Liebe. Sie bleibt frisch, indem sie auf Gottes Treue antworten, indem sie sich an Gottes Gebote, Gesetzen und Rechte orientieren.

Eine Liebe, die uns mitreißt

Spätestens an dieser Stelle merken wir alle, dass wir uns diese Liebesgeschichte nicht distanziert anhören können wie irgendeine belanglose Erzählung. Es ist eine mitreißende Geschichte. Die Geschichte einer Liebe, die uns mitreißt. Wir selbst, die christliche Gemeinde – wir sind Teil dieser Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk. Wir spielen mit in dieser Geschichte als Mitgerissene, von der Liebe Gottes Angesteckte und Begeisterte. So ist diese Liebesgeschichte die Geschichte unserer eigenen Liebe, denn mit unserer Taufe hat Gott uns seine Liebe erklärt und mit hinein genommen in die Liebesgeschichte mit seinem Volk.

"Auf Gott ist Verlass. Sein Wort der liebenden Erwählung verpflichtet nicht nur uns, es bindet auch ihn."

Und weil dies unsere Liebesgeschichte mit Gott ist, können wir nicht schweigen, wenn diese großartige Liebesgeschichte missbraucht wird. Wenn Menschen, die sich von Gott erwählt wissen, diese Gewissheit umwandeln in Hass gegen jene, die nach ihrer Meinung nicht zu Gottes erwähltem Volk gehören. Das geschieht, wenn fanatische orthodoxe Siedler in Palästina das Land in Besitz nehmen, das sie den Palästinenser rauben. Das geschieht aber auch – und auf noch brutalere Weise – wenn Menschen meinen, mit Waffengewalt die Welt von Feinden des Christentums zu säubern. Noch wissen wir nicht, ob der Attentäter von Norwegen einem solchen fanatischen Erwählungslauben verfallen war. Wir wissen aber, dass es gerade in den USA solche christlichen Hassprediger gibt. Hass gegen Fremdgläubige aber hat keinen Platz in der Liebes- und Erwählungsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Denn zu Ende ist diese Geschichte noch nicht. Die Zukunft liegt noch vor uns. Wird unsere Liebesgeschichte mit Gott ein Happy End haben? Diese Frage zu verneinen, hieße der Liebe zwischen Gott uns seinem Volk wenig zuzutrauen. Kann Gott sein geliebtes Volk fallen lassen? Nein, dann damit würde Gott seinen guten Ruf verlieren. Damit würde er sein Wort brechen, dass alle, die seiner Liebe vertrauen, nicht verloren gehen. Auf Gott ist Verlass. Sein Wort der liebenden Erwählung verpflichtet nicht nur uns, es bindet auch ihn. So können wir uns der Liebe Gottes erinnern und können wir sie weitergeben in der Hoffnung, dass sie uns auch trägt über unseren Tod hinaus und dass sie ihre letzte Erfüllung finden wird in der heiligen Gemeinschaft aller Menschen mit Gott. Amen.