Der 84. Psalm ist ein Sehnsuchtslied eines Pilgers auf dem Weg zum Tempel Gottes in Jerusalem. Wir können der Sehnsucht des Beters nachspüren, seiner Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes, in der er sich geborgen fühlt wie ein Vogel im Nest. Wir sehen die wunderbaren Bilder vom Segen Gottes, der gut tut wie ein Frühregen. Wir können nachempfinden, wie der Beter im Hause Gottes gestärkt wird, um von einer Kraft zur anderen zu wandern. Wir hören, wie er im Tempel Gott selbst schauen möchte und wie er ihn lobt: „Gott der Herr ist Sonne und Schild.“ Welch eine Sehnsucht spricht aus diesen Worten, welch eine Freude auf den Gottesdienst, welch eine Liebe zum Haus Gottes!
Mehr als ein "normaler" Raum
Wie kann der Psalmist so singen von einem scheinbar doch nur irdischen Haus? Wie können Menschen solch eine Liebe entwickeln zu einem Haus, das doch nur Werk von Menschen ist? Katholische Ohren haben solche Worte immer schon gern gehört, denn die Achtung des gottesdienstlichen Raumes war stets ein wichtiges Kennzeichen katholischer Frömmigkeit. Wir Protestantinnen und Protestanten haben dagegen so unsere Mühe mit dem Gedanken, dass es heilige Orte gibt. Aber das hatten die Psalmisten nicht, wenn sie den Tempel von Jerusalem in ihren Liedern besangen. Und allmählich setzt sich auch unter uns Evangelischen die Erkenntnis durch, dass wir Menschen Orte brauchen, an denen wir uns der Nähe Gottes in besonderer Weise vergewissern können.
"Der Mensch, auch der evangelische Mensch baut sich eben in seinem Glauben nicht nur von innen nach außen, er wird auch von außen nach innen gebaut."
Es gibt eben Kirchenräume, die mehr und anderes sind als normale Räumlichkeiten. Die so etwas sind wie heilige Lebensräume. Evangelischer Glaube gründet sich nicht auf Äußerliches, aber ohne Äußerliches kann er auch nicht gedeihen. Der Mensch, auch der evangelische Mensch baut sich eben in seinem Glauben nicht nur von innen nach außen, er wird auch von außen nach innen gebaut. Und für diese Erbauung von außen nach innen haben Kirchengebäude eine besondere Bedeutung. Kirchenräume wie dieser, in dem wir uns heute versammelt haben, bauen durch ihre Aura, durch ihre emotionale Dimension an der Innerlichkeit des Glaubens jener, die sich hier versammeln. Alle, die dort Gottesdienst feiern, erfahren diesen Raum irgendwie als einen heiligen Raum, von dem sie - wie Jakob - sagen: „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels.“ Indem Kirchenräume als Lebensräume von außer her an unserem Glauben bauen, können wir auch als Evangelische von Kirchenräumen als heiligen Räumen sprechen, weil uns in diesen Räumen ein himmlisches Geheimnis berührt, das unser Leben verändern kann, das uns ahnen lässt, dass wir mit unseren irdischen Ängsten und Nöten nicht allein gelassen sind vom ewigen Gott.
"Meine" Kirche
Ganz gewiss gibt es sehr, sehr viele Menschen, die ihre Kirche genau so erlebt haben und deshalb dieser Kirche in Liebe verbunden sind. Manchmal sind es gerade jene, die kaum Kontakt zur Gemeinde halten, die sich aber dennoch für „ihre“ Kirche engagieren. Geht es um die Renovierung der Kirche, um die Anschaffung einer neuen Orgel, um eine Erneuerung des Geläuts, sind diese Menschen oft bereit, auch große Geldbeträge zur Verfügung zu stellen. Aus dem Osten unserer Republik wird mir immer wieder berichtet, dass es oft gerade die PDS-Bürgermeister sind und jene Teile der Bevölkerung, die niemals Mitglieder der Kirche waren, die sich besonders für den Erhalt ihrer alten Dorfkirchen einsetzen. Darin findet wohl die Ahnung ihren Ausdruck, dass eine Kirche eben kein normales Gebäude ist, vielmehr ein besonderes Haus. Ein Haus Gottes, das Menschen bei aller kirchlichen Heimatlosigkeit doch irgendwie einen Lebensraum bietet, in dem sie sich geborgen wissen. Zu dieser Heimat zieht es Menschen immer wieder hin, in Zeiten des Glücks ebenso wie in Zeiten der Not. Auch wenn sie schon viele Jahre nicht mehr in Mönchweiler leben, bleibt es „ihre“ Antoniuskirche: Hier wollen sie ihr Kind taufen lassen. Denn hier haben sie Gottes Begleitung durchs Leben selbst hautnah erfahren. Hier fühlen sie sich heimisch wie „ein Vogel in seinem Nest“.
"Die Kirche als Lebensraum der vielen Generationen vor uns ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum."
Wir müssen uns klar machen: Wenn wir eine Kirche betreten, betreten wir den Lebens- und Glaubensraum vieler Generationen vor uns. Dann kommen uns Menschen in den Sinn, die diesen Kirchenraum mit ihren Gebeten und Gesängen, mit ihren Tränen und ihrem Dank gefüllt haben. Wir fragen uns:
Wie viele Generationen von Menschen haben in dieser Kirche schon einen Ort der Stille gefunden?
Wie viele Menschen haben in dieser Kirche schon geklagt angesichts des Elends eines Krieges, angesichts einer Not, die sie betroffen hat?
Wie viele Menschen haben dieses Haus Gottes lieb gewonnen?
Wie viele Menschen haben Geborgenheit gefunden in der Weite des Kirchenraumes, abgeschirmt vom Lärm des Verkehrs?
Wie oft wurde Gottes Wort tröstend Menschen zugesprochen, die an diesem Ort ihrer Verstorbenen gedachten - oder Mut machend und wegweisend jungen Eltern, die ihre Kinder zur Taufe brachten?
Wie oft baten Ehepaare hier um Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg?
Wie oft wurden Menschen hier an ihre Taufe erinnert, sei es bei den Tauferinnerungsfesten, bei den Tauffeiern im Rahmen des Hauptgottesdienstes, bei Gottesdiensten zur Einschulung, bei Konfirmationen oder Konfirmationsjubiläen?
Wie oft haben Menschen in dieser Antoniuskirche Gott danken können nach Bewahrung in schwerer Not, klagen und weinen dürfen nach erfahrenem Leid, zurückschauen dürfen auf lange Wegstrecken des Lebens?
Die Kirche als Lebensraum der vielen Generationen vor uns ist ein durchbeteter und durch das Gebet geheiligter Raum.
Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt
Diese Kirche erzählt von den vielen Generationen der Gläubigen vor uns, erzählt von der Geschichte Gottes mit ihnen. Und dann fällt unser Blick auf das Kreuz im Altarraum, das diese Kirche als einen christlichen Gottesdienstraum ausweist. Und wir erinnern uns dessen, dass an solch einem Kreuz ein Mensch für uns gestorben ist, dass er für uns auf sein einmaliges, unersetzliches Leben verzichtet hat. Bilder tauchen in uns auf, wenn wir das Kreuz betrachten: Bilder aus dem Fernsehen, aus der Zeitung. Bilder der Toten vom Erdbeben in Japan, Bilder der verzweifelten Bootsflüchtlinge aus Nordafrika. Bilder von blutenden, ausgelieferten, hungernden Menschen - und wir wissen, dass Christus nicht von ihnen zu trennen ist. Und wir wissen auch, dass in seinem Kreuz aller Schmerz und Kummer einen Ausdruck findet, den wir Menschen erleben. Und wir finden Trost bei dem Gedanken, dass dieser am Kreuz „für uns“ Gestorbene ein Bruder wurde den Geschundenen und Verzweifelten, und auch den Toten. Ganz nahe ist er uns in den Fragen und Tiefen unseres Lebens, ganz nahe allen, deren Lebenspläne durchkreuzt werden. Und wir denken darüber nach, ob der Mensch nach dem Bilde Gottes nicht jener Mensch ist, der weiß, was das Kreuz in seinem Leben bedeutet. Einer, den die Liebe verwundbar, lebendig gemacht hat. So erfahren wir diese Kirche als Ort, an dem wir uns angenommen wissen gerade mit dem, was im eigenen Leben nicht geglückt ist, was zerbrochen ist und von Jesus Christus geheilt werden kann.
"Kirchen als heilige, bergende Orte sind nicht zu trennen von der Welt. Indem wir auf das Kreuz im Altarraum schauen, an dem Jesus Christus alle Not der Welt getragen hat, wird uns klar: Die Nöte der Welt gehören hinein in den heiligen, bergenden Raum der Kirche."
So sind Kirchenräume, auch diese Antoniuskirche, keine von der Welt abgeschlossenen Räume. Kirchen als heilige, bergende Orte sind nicht zu trennen von der Welt. Indem wir auf das Kreuz im Altarraum schauen, an dem Jesus Christus alle Not der Welt getragen hat, wird uns klar: Die Nöte der Welt gehören hinein in den heiligen, bergenden Raum der Kirche. Wenn wir in einer Kirche Geborgenheit unter dem Kreuz Christi erfahren haben, dann können und dürfen wir uns nicht abschirmen vom Alltag der Welt mit seinen Freuden und Nöten. Dann können und dürfen wir uns der Verantwortung für die Not anderer nicht entziehen. Darum gehören das Beten und das Tun des Gerechten (Bonhoeffer) so untrennbar zusammen. Die Verantwortung für Not leidende Menschen gehört in den Kirchenraum, auf den Altar Gottes, unter das Kreuz Christi. Die Verantwortung für Menschen, die sich in unserem Land nach Geborgenheit und Heimat sehnen. Für entwurzelte Menschen in unseren Städten. Für Asyl suchende Menschen, die in ständiger Angst vor Abschiebung leben müssen. Für verarmte Menschen, die nicht mehr mithalten können mit den Anforderungen unserer Gesellschaft und für die soziale Sicherungen nicht mehr greifen. Auch für sie muss Platz sein im Haus Gottes.
Wenn wir die Nöte der Welt hinein nehmen in den Kirchenraum und abladen unter dem Kreuz Christi, dann erhält der Gottesdienst Bedeutung als Versammlung, Feier und Gebet der von Nöten Bedrohten und aus Nöten Bewahrten. Und wenn wir unsere Kirchentüren öffnen für die Nöte der Welt, werden von unseren Gottesdiensten Gottes heilende Kräfte hineinwirken in unseren Alltag. Darum gehören zum Geborgenheit schenkenden heiligen Haus Gottes auch seine offenen Türen. Darum ist es wichtig, die Türen der Kirche hin zur Welt zu öffnen - und dies nicht nur symbolisch sondern ganz real. Warum könnten nicht auch die Türen unserer evangelischen Kirchen unter der Woche offen stehen für Menschen, die Geborgenheit und Zuflucht bei Gott suchen? Welch ein Zeugnis für die Welt wäre es, wenn Menschen die Möglichkeit hätten, während der Woche in den Kirchen zu beten, Gott zu loben, fürbittend Kerzen für andere zu entzünden oder ganz einfach diese Kirchen als Orte der Stille zu erfahren - als Ruhepunkte für ihre Seele in der Unrast des Lebens, als bergende Lebensräume zum Aufatmen.
Das also ist der Auftrag und die Verheißung an Sie, liebe Gemeinde dass Ihre Antoniuskirche immer wieder zu einem Ort werden kann, in dem Sie sich geborgen fühlen können wie ein Vogel in seinem Nest. Mögen viele Menschen in dieser Antoniuskirche das erfahren, was ich so in Worte gefasst fand:
Die Räume, die du uns gegeben,
grenzt deine Liebe für uns ein.
Wir dürfen weit in ihnen gehen
und immer noch geborgen sein. Amen.
