Liebe Gemeinde,
"Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft. Durch das Opfer seines Leibes hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater."
Versöhnungskraft
Beim Bedenken dieses Textes können wir nur staunen: Welch eine Kraft hat das Kreuz Christi! Da werden Zwei miteinander versöhnt! Ohne Zwang. Freiwillig. Ganz umsonst. Da werden Gesetze außer Kraft gesetzt, die seit Menschengedenken galten. Gesetze der Abgrenzung. Gesetze der Ordnung und der Sicherheit. Weil Gott sich mit beiden versöhnt, mit Fernen und Nahen, mit Heiden und Juden, wird das Trennende überwunden. Fällt die Mauer der Feindschaft. Entsteht aus früher Verfeindeten die eine weltweite Kirche Jesu Christi. Welch eine Versöhnungskraft hat das Kreuz Christi! In keinem Wort der Bibel ist wohl die Mauer sprengende, versöhnende Kraft des Kreuzes eindrucksvoller beschrieben als in diesen Worten aus dem Epheserbrief. In diesen Worten von Christus, dem Friedensstifter, der mit seinem versöhnenden Handeln die Grundlage aller Grenzen überwindenden kirchlichen Gemeinschaft geschaffen hat.
"Es gäbe uns nicht. Es gäbe keine Christenmenschen in Europa und Afrika, wenn das Kreuz Christi nicht diese versöhnende Kraft entwickelt hätte."
Es ist immer wieder wichtig, sich dessen zu vergewissern, was Grund der weltweiten Kirche Jesu Christi ist. Es gäbe uns nicht. Es gäbe keine Christenmenschen in Europa und Afrika, wenn das Kreuz Christi nicht diese versöhnende Kraft entwickelt hätte. Am Kreuz von Golgatha wurde Gottes Versöhnungswille für alle Welt offenbar. Am Kreuz von Golgatha wurde der Grund gelegt zu einem Frieden in versöhnter Verschiedenheit. Zu einem Frieden, der seinen Grund hat in Gottes Versöhnungswillen. Am Kreuz von Golgatha wurde der Grund gelegt zu einem entgrenzenden Frieden; denn früher verfeindete Menschen haben nun gleichermaßen Zugang zu Gott.
Von diesem am Kreuz von Golgatha begründeten Frieden lebt die Kirche Jesu Christi seit ihren Anfängen. Das ist der Grund der Kirche. Und zugleich gründet darin ihr Auftrag. Die versöhnende Kraft des Kreuzes setzt Maßstäbe für das Versöhnungs- und Friedenshandeln der Kirche. Wir können die Worte aus dem Epheserbrief nicht bedenken, ohne immer auch gleich mit zu bedenken, was aus diesen Worten für das Friedenshandeln der Kirche folgt, und zwar sowohl für den Frieden zwischen den Kirchen als auch für den Friedensauftrag der Kirchen für die Welt. Was am Kreuz von Golgatha begann, hat Bedeutung sowohl für das friedliche Miteinander der Konfessionen und Weltkirchen wie auch für das politische Eintreten der Kirche für eine von Gerechtigkeit getragene Weltfriedensordnung. Beides gehört untrennbar zusammen:
Wie kann eine Kirche überzeugend für den Frieden in der Welt eintreten, wenn sie sich nicht zugleich und zuvor anstecken lässt vom Frieden, den Christus durch sein versöhnendes Handeln zwischen Gott und den Menschen geschlossen hat?
Wie können Kirchen überzeugend friedensstiftend in diese Welt hinein wirken, wenn sie nicht in ihrem ökumenischen Miteinander selbst ernst machen mit der Botschaft von dem Christus, der als Friedensstifter in seiner Kirche Verfeindete versöhnt und damit Frieden gemacht hat?
Wie wollen wir als Kirchen für eine Weltfriedensordnung eintreten, wenn wir nicht zuvor und zuerst Ernst machen damit, dass Christus selbst die Einheit der Kirche begründet hat und nicht wir Menschen sie erst durch kluge Verhandlungen herstellen müssen?
"„Christus ist unser Friede“ - in diesen Worten steckt nicht nur eine Glaubensgewissheit aller Christenmenschen. In diesen Worten steckt eine Verheißung für die ganze Welt."
Einheit der Kirche und Friede der Welt - das hängt engstens miteinander zusammen. Durch das Versöhnungshandeln Christi werden zuallererst zwischen den Kirchen trennende Wände, Zäune und Mauern niedergerissen. Aber der durch Christus erworbene Friede macht nicht Halt an den Kirchenmauern. Er will die ganze Welt erfassen. Der Versöhnungsdienst Christi setzt sich fort, indem - angesteckt durch den Geist Christi - Versöhnung zwischen Völkern, Ethnien und Nationen gelingt. „Christus ist unser Friede“ - in diesen Worten steckt nicht nur eine Glaubensgewissheit aller Christenmenschen. In diesen Worten steckt eine Verheißung für die ganze Welt.
Überwinden, was trennt
Wie Frieden entstehen kann, daran erinnert der Epheserbrief mit eindrucksvollen Bildern. Frieden beginnt, wo überwunden wird, was uns von anderen trennt. Oft ist das, was uns von anderen trennt, nur das, was uns fremd vorkommt. Das gegenseitige Anderssein baut geistige Mauern auf. Das Miteinander scheint uns dann nur so möglich zu sein, dass wir das Fremde bekämpfen. Besonders schmerzlich erleben wir dies im Augenblick an den schlimmen Verwerfungen zwischen der westlichen und der arabischen Welt. Aber auch Mauern zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden dieser Welt sind längst noch nicht überwunden, denn immer noch pflegen wir einen Lebensstil, der zuerst und besonders auf Kosten der Menschen in Afrika geht. Unser enormer Energieverbrauch z.B. hat tödliche Folgen für Menschen im Süden dieser Welt. Die Folgen des von der westlichen Welt verursachten Klimawandels müssen vor allem die Menschen im Süden der Erde tragen.
"Nicht mehr auf das Fremde starren, sondern in der anderen Konfession, in der fremden Nation, in der anderen Glaubenskultur das Verwandte entdecken..."
Fremd sind wir uns geblieben auf dieser Einen Erde, die uns unser Schöpfer anvertraut hat, um sie zu bebauen und zu bewahren. Wie aber können wir die Angst vor der Fremdheit überwinden? Ganz gewiss nicht dadurch, dass wir für unser Sosein einfach Gott in Anspruch nehmen und das Andere als das Widergöttliche qualifizieren. Lange Zeit war und an vielen Orten ist dies noch ein Denkmuster zwischen Katholiken und Protestanten, Orthodoxen und Charismatikern, zwischen Kirchen der Ersten und Kirchen der Dritten Welt. Gott sei Dank haben sich Kirchen an vielen Orten der Welt inzwischen neu auf den Gott besonnen, der in Jesus Christus Feinde miteinander versöhnt hat. Nicht mehr auf das Fremde starren, sondern in der anderen Konfession, in der fremden Nation, in der anderen Glaubenskultur das Verwandte entdecken - unter diesem ökumenischen Blickwinkel konnte sich manche Geschwisterschaft des Glaubens entwickeln.
Auftrag und Verheißung
In unserem Land und in weiten Teilen der westlichen Welt richtet sich die Unfrieden stiftende Angst vor dem Anderssein häufig auf ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, die so ganz anders leben und glauben als wir. Ganz besonders erfüllt viele Menschen diese Angst im Blick auf jene, deren islamischer Glaube uns weithin fremd ist. Es ist wenig friedensfördernd, sich diese Mauern der Angst nicht einzugestehen. Sie prägen unser Leben. Sie stiften Unfrieden. Erzeugen Feindschaft. Solche Mauern schmerzen und isolieren. Unsere Wirklichkeit - eine vermauerte Wirklichkeit. Aber diese vermauerte Lebenswirklichkeit kann und darf nicht das letzte Wort sein, wenn friedliches Zusammenleben auf dieser Erde gelingen soll. In diese unsere vermauerte Lebenswirklichkeit hinein spricht der Epheserbrief seine befreiende Botschaft: „Christus ist unser Friede. Er hat die Mauern der Feindschaft niedergerissen.“ Weil wir um diese Kraft des Kreuzes Christi wissen, deshalb brauchen wir Christenmenschen uns nicht abzufinden mit den Mauern, die uns immer wieder Angst machen. Deshalb dürfen wir die Mauern der Welt nicht tatenlos hinnehmen. Weil wir wissen von der Mauer überwindenden Kraft Christi, müssen und können wir die Menschen auf der anderen Seite der Mauern kennen- und verstehen lernen, können und müssen wir auf den Spuren unseres Herrn selber zu Menschen werden, die Mauern überwinden. Das ist unser Auftrag für unser Leben. Und das ist zugleich die Verheißung, unter der es steht.
“Christus ist unser Friede.“ Von dieser Zusage leben wir.
“Christus ist unser Friede.“ Unter dieser Verheißung für alle Welt leben wir.
Bitten wir Gott um seinen Heiligen Geist, damit durch unser Friedenszeugnis diese Verheißung Wirklichkeit wird für viele Menschen:
O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert.
Amen.
(Für ekiba.de gekürzt)
