Dem Guten auf der Spur

Predigt über Eph 5,1-8 - beim GAW-Fest am 16. Juli 2011 in Ettlingen. Von Landesbischof Ulrich Fischer.

Liebe Schwestern und Brüder,
Wir hören an diesem Tag des Gustav-Adolf-Landesfestes und der Entsendung der Jugendlichen zum Friedensdienst im Ausland auf Worte der Bibel, die ermutigen und zurüsten sollen, auf Worte aus dem 5. Kapitel des Epheserbriefes:
„So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger - das sind Götzendiener - ein Erbteil hat im Reich Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts.“

Ich hätte großes Verständnis, wenn Euch, liebe Schwestern und Brüder, nach der Verlesung dieser Bibelworte unbehaglich wäre: Kommt denn die Kirche schon wieder daher mit ihrer ewigen Predigt von Moral und Anstand? Soll Euch an diesem Festtag die Freude am Leben vergällt werden? Überall Verbotsschilder: Hütet euch vor Unreinheit und Habsucht, vor schandbaren und närrischen Reden und manch anderem Schrecklichem mehr! Ich kann es Euch nicht verdenken, wenn diese Worte aus dem Epheserbrief in Euren Ohren beim ersten Hören moralinsauer klingen. Aber vielleicht gelingt es, in diesen Worten anderes zu entdecken. Lasst Euch darauf ein.

Hinter all den Verbotsschildern, die hier aufgestellt werden, entdecke ich etwas ganz anderes: ein Haus des Lebens mit großen Zimmern und weiten Räumen. Zwei Zugänge hat dieses Haus, sozusagen einen Vordereingang und einen Hinterausgang. Über dem Vordereingang steht mit großen Buchstaben das Wort LIEBE, über dem Hinterausgang das Wort LICHT. Zwischen Liebe und Licht eröffnet sich der weite Raum, in den Gott Euch stellt. In ihm könnt Ihr als Gottes geliebte Kinder, als Kinder des Lichts dem Guten auf der Spur sein. Gott stellt Eure Füße auf weiten Raum und gibt Euch Orientierungspunkte, damit Ihr in diesem weiten Raum dem Guten auf der Spur sein könnt. So lese ich die Worte aus dem Epheserbrief.

Gottes geliebte Kinder

Geht mit mir durch den Vordereingang. Da wird Euch als Allererstes zugesagt: „Ihr seid Gottes geliebte Kinder!“ Ja, Euer ganzer Glaube mündet in diese Gewissheit: Wir sind geliebt. Es ist einer da, dem sind wir so wichtig, dass er sein eigenes Leben weggibt, um unseres zu retten. „Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Das ist keine bloße Ermah­nung, keine moralische Forderung. Nein, zunächst und grundlegend werdet Ihr angesprochen als „geliebte Kinder" Gottes. Alle Mahnungen haben ihren Grund in der Erinnerung daran, dass Christus Euch geliebt hat. Euch macht liebesfähig, dass Ihr von Gott geliebte Menschen seid. Jesus Christus ist Menschen in unbeding­ter Liebe begegnet und hat sich in dieser Liebe dahingegeben. An diese Euch zugewandte Liebe Christi werdet Ihr erin­nert, wenn Ihr als Gottes geliebte Kinder angesprochen werdet. Das ist ein ungeheurer Zuspruch! Dieser Zuspruch eröffnet Euch einen weiten Raum für Euer Leben.

"Gottes Liebe ermöglicht Eure Liebe. Gott ist gut zu euch, deshalb könnte Ihr dem Guten auf der Spur sein."

Dieser Zuspruch Gottes befreit Euch davon, dauernd fragen zu müssen, ob Ihr Gott gefallt, ob Ihr gut genug für ihn seid. Nein, Ihr könnt dessen gewiss sein, dass Gott Gutes für Euch will. Und diesem Guten Gottes könnt Ihr in Eurem Leben auf der Spur sein. Es mag sein, dass die Liebe Gottes verdunkelt wird durch Erfahrungen, die Ihr persönlich macht, oder durch gesellschaftliche Konstellationen, die keinen Raum für die Liebe zu lassen schei­nen. Aber all diese Erfahrungen können die Grundbestimmung Eures Lebens nicht außer Kraft setzen, die lautet: „Ihr seid Gottes geliebte Kinder!“ Und weil dies so ist, könnt Ihr von dieser geschenkten Liebe, von diesem Guten anderen abgeben. Könnt Ihr Liebe üben aus Dankbarkeit gegen den Euch liebenden Gott. Die von Euch geforderte Liebe ist keine fromme Leistung, sondern mit Eurer Liebe entsprecht Ihr dem Handeln Gottes. Gottes Liebe ermöglicht Eure Liebe. Gott ist gut zu euch, deshalb könnte Ihr dem Guten auf der Spur sein. Welch ein weiter Raum, der sich Euch da auftut!

„Seid Gottes Nachahmer!“

Jenen, die durch den Haupteingang mit der Überschrift LIEBE das Haus Gottes, das Haus ihres Lebens betreten, kann dann in diesem Haus auch einiges zugemutet werden. „So folgt nun Gottes Beispiel“ oder anders übersetzt: „Seid Gottes Nachahmer!“ So sagt es der Verfasser des Epheserbriefes. Die Aufforderung zum Leben in der Liebe ist hier eingebettet in die noch umfassendere - und in der Bibel nur an dieser Stelle so ausgesprochene - Aufforde­rung, Gott nachzuahmen. In Eurer Liebe folgt Ihr dem Vorbild Gottes. Ihr ahmt ihn nach, indem Ihr ihm eine Antwort gebt, die seiner Liebe entspricht.

"Nicht nur hier einmal Gutes tun und da einmal Liebe üben, sondern das ganze Leben von der Liebe bestimmt sein lassen, die von Christus kommt."

So eröffnet der weite Raum, in den Gott Euch stellt, Euch die Möglichkeit, Frieden zu stiften, wo Hass gesät ist. Erkennbar zu werden mit einer Praxis der Nächstenliebe - erkennbar auch für Außenstehende. „Lebt in der Liebe!“ Diese Aufforderung gilt ursprünglich einer Gemeinde, die zerstritten ist. Der Autor, der den Brief an die Epheser schreibt, weist beharrlich darauf hin, dass diese Spannungen nur in Christus überwunden werden können, weil er unser Friede ist. Ihm geht es also nicht allgemein um die Liebe. Es geht um ein neues Leben in Christus. Nicht nur hier einmal Gutes tun und da einmal Liebe üben, sondern das ganze Leben von der Liebe bestimmt sein lassen, die von Christus kommt - so bleibt Ihr dem Guten auf der Spur.

Dem Guten auf der Spur

Was dies konkret bedeutet, entfaltet der Epheserbrief an Bei­spielen aus dem Bereich der Sexualität, des Umgangs mit dem Be­sitz und des Redens übereinander. Er zeigt konkret auf, wie von Gott geliebte Menschen dem Guten auf der Spur sein können. Diese Konkretionen sind nicht so zeitbedingt, wie sie auf den ersten Blick erscheinen.

Wenn hier etwa Habsucht genannt wird, dann fallen uns gleich Beispiele ein, wie Habsucht im großen Stil Leben zerstört. „Geiz ist geil“, - das ist nicht nur ein misslungener Werbeslogan. Wohin geiler Geiz führen kann, haben wir in der Finanzkrise bitter gelernt. Aber auch im Kleinen kann geiler Geiz Schlimmes anrichten. Wo ich lieber zum Discounter auf der grünen Wiese fahre, anstatt den kleineren Lebensmittelladen vor Ort zu unterstützen, wenn es ihn denn noch gibt. Wo ich Bananen und Kaffee zum Dumpingpreis kaufe, ohne nach den Arbeits- und Lebensbedingungen der Bauern und Landarbeiter in den Erzeugerländern zu fragen. Wo Habsucht oder Geiz herrscht, da wird der Raum eng zum Leben.

Oder die Unzucht. Gemeint ist damit jeder verantwortungslose Umgang mit der Sexualität, die doch eigentlich ein Gottesgeschenk ist. Immer neu erschüttern mich die erschreckenden Meldungen über die Zunahme von Frauenhandel und über sexuellen Missbrauch von Kindern. Wo Unzucht herrscht, da wird der Raum eng, da ersticken Menschen daran.

Und schließlich das böse Reden übereinander. Durch üble Nachrede können Menschen getötet werden. Rufmord, aber auch schon die halbwahre Andeutung, die Phantasien freisetzt und Spekulationen befördert, schränkt Menschen ein. Wo böse übereinander geredet wird, da wird der Raum eng zum Leben. Die Affäre um Dominique Strauss-Kahn und der Prozess gegen den Wettermoderator Kachelmann zeigen, wie üble Nachrede Menschen zerstören kann, wobei in beiden Fällen unklar ist, wer hier wen durch üble Nachrede zerstört hat.

Weiten Raum gewinnen

Liebe Schwestern und Brüder, weiten Raum für Euer Leben gewinnt Ihr, wenn Ihr als von Gott geliebte Kinder die Liebe zum prägenden Element des Lebens macht. Euer Reden und Euer Tun kann daran erin­nern, dass nichts etwas ist ohne die Liebe:
Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich.
Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos.
Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart.
Klugheit ohne Liebe macht gerissen.
Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch.
Ordnung ohne Liebe macht kleinlich.
Ehre ohne Liebe macht hochmütig.
Besitz ohne Liebe macht geizig.
Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

"Nicht Eure Liebe macht Euch zu guten Christenmenschen. Sondern allein Gottes Liebe, die Euch in der Taufe zugesprochen wurde."

Seid Ihr also doch erst dann Christenmenschen, wenn Ihr einen bestimmten Maßstab erfüllt? Nein, und nochmals nein! Nicht Eure Liebe macht Euch zu guten Christenmenschen. Sondern allein Gottes Liebe, die Euch in der Taufe zugesprochen wurde. Ihn dürft Ihr immer wieder um Kraft und Ermutigung bitten, damit Ihr in seiner Liebe und damit dem Guten auf der Spur bleiben könnt. Ihn könnt Ihr immer wieder um Vergebung bitten, wenn Ihr versagt oder wenn Euch seine Aufforderung überfordert. Darum folgt Jesus Christus vertrauensvoll nach! Durch ihn seid Ihr Gottes geliebte Kinder. Er hat Euch zuerst geliebt. Deshalb könnt Ihr in der Liebe und dem Guten auf der Spur bleiben.

Zwischen Liebe und Licht

Damit haben wir den weiten Raum des Lebenshauses durchschritten und sind am Hinterausgang angekommen. Über ihm steht das Wort LICHT. Und das mit Recht. Denn Menschen, die in solcher Weise aus der Liebe Gottes leben, Menschen, die als geliebte Kinder Gottes dem Guten auf der Spur sind, solche Menschen haben eine Ausstrahlung. Von denen strahlt Wohltuendes aus. Wie eine Glühbirne, die eine Stromquelle braucht, um leuchten zu können, so sind solche Menschen mit Ausstrahlung angeschlossen an eine Energiequelle, an die Energie der Liebe Gottes. Deshalb sind sie „Kinder des Lichts“. Sie leben in der Nachfolge des Christus, der von sich selbst gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt“. Zwischen Liebe und Licht öffnet sich der weite Raum, in den Gott Euch in der Nachfolge Christi stellt. In ihm könnt Ihr leben als seine geliebten Kinder, als Kinder des Lichts. Amen.