Hoffnungen, Begegnungen und ein erfolgreicher Kampf um Anerkennung

Eröffnungsgottesdienst zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft in der Fanmeile Sinsheim am 26.6.2011. Predigt von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer zu Lk 1

Liebe Gemeinde, liebe Fußballfans!
Für diesen Gottesdienst zum Auftakt der Frauenfußball-WM wurden Texte der Bibel ausgewählt, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen. Und natürlich sind es vorwiegend Frauen, die diesen Gottesdienst gestalten – sieht man einmal von uns beiden Bischöfen ab. Zu erwarten, ich könnte über einen der gelesenen Bibeltexte eine Fußballpredigt halten, ist aber zu viel verlangt. Denn für ein Nachdenken über den Frauenfußball geben biblische Texte, die - wie das Lied der Hannah - mindestens 2500 Jahre oder - wie die Erzählung von der Begegnung Elisabeths mit Maria - fast 2000 Jahre alt sind, herzlich wenig her.

"Ob die Herberger-WM-Mannschaft von 1954 gegen unsere heutige Frauennationalmannschaft bestehen könnte, ist nicht sicher."

Der Frauenfußball ist nämlich noch eine sehr junge Sportart. Viele Jahrzehnte musste er um seine Anerkennung kämpfen. Selbst nach dem legendären Sieg der deutschen Männer im Weltmeisterfinale von Bern von 1954 erfolgte im Deutschen Fußball-Bund ein erneutes Verbot des Frauenfußballs. Ein angesehener Anthropologe schrieb: „Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen, wohl aber Korbball, Hockey, Tennis und so fort. Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt, jedenfalls ist das Nichttreten weiblich“ (F.J.J.Buytendijk). Trotz dieser Diskriminierung, die übrigens mehr über die männliche Psyche sagt als über die weibliche, fand im Jahr 1957 ein inoffizielles Länderspiel gegen Holland statt. Auch der Kommentar der Wochenschau ist bei aller Wertschätzung durch einen herablassenden Unterton geprägt: „Die Umstellung von Haushaltsführung auf Ballführung scheint tatsächlich gelungen zu sein, obwohl die Herren der Schöpfung noch immer lachen. Unsere Fußball-Suffragetten tragen keine Blau- sondern Ringelstrümpfe, besiegen die Meisjes und Mutti freut sich.“ 1970 endlich öffnete sich der DFB für den Frauenfußball. Volle Gleichberechtigung gibt es national wie international erst seit 1995. Und im Jahr 2011 muss ich fragen: Ob die Herberger-WM-Mannschaft von 1954 gegen unsere heutige Frauennationalmannschaft bestehen könnte, ist nicht sicher.

Kampf gegen Diskriminierung und ein Lied von den Möglichkeiten Gottes

Also: Die Geschichte des Frauenfußballs ist die Geschichte eines erfolgreichen Kampfes gegen beschämende Diskriminierung. Und mit diesem Gedanken bin ich nun doch unversehens ganz nahe an der Geschichte von Hannah. Hannah war kinderlos geblieben. Etwas Schlimmeres konnte einer Frau im alten Orient kaum passieren. Die Kinderlose galt als von Gott verachtet, als nicht gesegnet. Zudem musste sie große Not leiden, denn ihre Versorgung im Alter war im höchsten Maße gefährdet. In ihrer Not wandte sich Hannah an Gott. Sie bat um sein Erbarmen. Und sie wurde erhört. Ihr wurde im hohen Alter die Geburt eines Kindes verheißen. Dieses Kind wird den Namen „Samuel“ tragen - „Gott hat erhört“ - und er wird als Prophet eine wichtige Rolle in der Geschichte Israels spielen. Nach der Geburt Samuels stimmt Hannah ihr Lied an. Sie singt von dem Gott, der die Niedrigen erhöht und erhört. Sie singt davon, dass jene, die nichts galt, nun in Ehren steht. Sie singt von der Umwertung der Werte - darin ist ihr Lied Vorlage für das viele Jahrhunderte später gedichtete Magnificat der Maria. Hannahs Lied ist ein Lied von den Möglichkeiten Gottes, Menschen aus dem Staub zu erheben und sie groß zu machen.

"Könnte sie nicht mit Hannah singen:
Der Herr hebt auf die Dürftigen aus dem Staub
und erhöht die Arme aus der Asche."

Genau an diesem Punkt zeigt sich ein Berührungspunkt zur Entwicklung des Frauenfußballs. Durch den Frauenfußball konnten Frauen in einer männerdominierten Welt einen angesehenen Platz finden. Obwohl ich gestehen muss: Bis vor kurzen kannte ich kaum Namen aus dem deutschen Frauen-Kader. Oder sind Ihnen die Namen von Bianca Schmidt oder Lena Goeßling, Melanie Behringner oder Martina Müller geläufig? Bis zur Gleichberechtigung auf dem Fußballplatz ist es noch ein weiter Weg. Aber vergessen wir nicht: Oft konnten Frauen aus schwierigen Verhältnissen durch den Fußball einen Platz in unserer Gesellschaft finden. Der Fußball wurde für sie zur Chance, aus sozialen Sackgassen heraus zu finden. Als prominentes Beispiel nenne ich Steffi Jones, die langjährige Nationalspielerin, die seit 2008 Organisationschefin für die WM 2011 ist. Als Tochter eines schwarzen Amerikaners und einer Deutschen war ihr Weg zur Identifikationsfigur für diese Frauen-WM nicht unbedingt vorgezeichnet. Sie musste in ihrem Leben sehr Schweres durchleiden: Ihr kleiner Bruder Franky wurde im Irak verwundet, beide Beine wurden ihm zerfetzt, jetzt muss er lernen, auf Prothesen zu laufen. Ihr älterer Bruder Christian nahm harte Drogen und Heroin, über viele Jahre hat sie ihm immer wieder geholfen; jetzt engagiert sie sich für soziale Projekte und wurde dafür schon mehrfach geehrt. Könnte sie nicht mit Hannah singen:
Der Herr hebt auf die Dürftigen aus dem Staub
und erhöht die Arme aus der Asche.

Hoffnungen und Ängste

Liebe Gemeinde, die Geschichte von Elisabeth und Maria machte mir im Kontext dieser Frauen-Fußball-WM zunächst große Mühe. Denn die Begegnung zweier Schwangerer ist ja nicht gerade geeignet als Symbol einer Fußball-WM. Worum geht es bei dieser Begegnung? Wohl zunächst um das Gespräch zweier Frauen, welche die Frage nach ihrer Zukunft umtreibt. Ähnlich wie Hannah erschließt sich diesen beiden Frauen durch die verheißene Geburt eines Sohnes eine neue Zukunft. Von ihren Hoffnungen werden die Frauen miteinander gesprochen haben. Von ihren Hoffnungen und von ihren Ängsten.

Wenn dies nur bei dieser Frauen-WM auch oft geschehen könnte! Wenn die Welt nun zu Gast ist bei Freunden, dann wird es viele Begegnungen geben, vor allem Begegnungen zwischen Frauen - auf dem Platz und auf den Rängen, sicherlich auch in den Fanmeilen. Es wird Begegnungen geben zwischen Menschen, die umgetrieben sind von Hoffnungen für ihr Team und von Ängsten vor dessen Versagen. Wird das deutsche Team zum dritten Mal Weltmeister und damit die Männer einholen? Wird Birgit Prinz noch das eine Törchen schießen, das sie in der Torschützenrangliste auf dieselbe Ebene wie Gerd Müller bringen wird? Wird es Enttäuschungen für Sylvia Neid und ihr Team geben oder Verletzungen, die alles zunichte machen?

Chancen der Begegnung

Über solche Hoffnungen und Ängste miteinander ins Gespräch zu kommen, dazu bieten die Begegnungen im Rahmen dieser WM zahlreiche Möglichkeiten. Und wenn wir uns das Teilnehmerfeld dieser WM mit Mannschaften aus sechs Kontinenten vor Augen führen, dann wird uns deutlich, dass eine solche WM unzählige Chancen der Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen bietet. Wenn im Eröffnungsspiel Nigeria und Frankreich aufeinander treffen, dann wird unmittelbar deutlich werden, wie sehr die afrikanische Vergangenheit zu Frankreichs Gegenwart gehört. Aber auch ein Blick auf unser deutsches Team zeigt, wie multikulturell Deutschland im Grunde schon ist: Menschen mit fremd klingenden Namen spielen in unserer Mannschaft mit. Ich beneide nicht die Reporter, die den Ballbesitz von Celia Okoyino da Mdabi und Fatmire Bajramaj kommentieren sollen.

"In einem Interview sagte Steffi Jones:„Der Umgang mit anderen Kulturen macht demütig und fördert die eigene Toleranz.“ Das könnte fast das Schlusswort eines Bischofs sein!"

Diese Frauen stehen gleichberechtigt in der Mannschaft neben dem Jungstar Alexandra Popp, der bewährten Torhüterin Nadine Angerer oder der Torschützenkönigin Birgit Prinz. Ja, Fußball fördert die Begegnung zwischen den Kulturen. Darin ist der Fußball übrigens dem Wirken der weltweiten Kirche Jesu Christi vergleichbar. In einem Interview sagte Steffi Jones: „Der Umgang mit anderen Kulturen macht demütig und fördert die eigene Toleranz.“ Das könnte fast das Schlusswort eines Bischofs sein! Amen.