Singend und lobend die Wahrheit erkennen

Gottesdienst zur Visitation des Kirchenbezirks Hochrhein, Wutöschingen am 22. Mai 2011. Predigt von Landesbischof Ulrich Fischer über Mt 21,14-17

Liebe Gemeinde,
Ja, Singen zur Ehre Gottes, das kann und das muss auf vielfältige Weise geschehen, denn in unterschiedlichen Musikstilen kann unser Glaube an den dreieinigen Gott seinen Ausdruck finden. Darum hat das Keyboard seinen Platz im Gottesdienst neben der Orgel, die Gitarre neben der Flöte, das Saxophon neben der Trompete, das Schlagzeug neben der Posaune. Alle Instrumente dienen nur dem einen: das Singen zum Lobe und zur Ehre Gottes zu fördern und zu unterstützen. Dabei will ich heute Morgen unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf das Singen der Kinder lenken. Dies nicht etwa, weil uns dies Singen besonders anrührt, sondern weil wir aus dem Singen der Kinder so ungemein Wichtiges für unseren eigenen Glauben lernen können.

Kindermund

Sie alle wohl kennen das Märchen von „des Kaisers neuen Kleidern“. Da lässt sich ein stolzer Kaiser von zwei Schelmen Kleider anfertigen, die angeblich unsichtbar seien für jeden, der ein Dummkopf ist. Sie fertigen dem Kaiser unsichtbare Gewänder, die aus nichts bestehen, aus gar nichts. Weil der Kaiser aber nicht als Dummkopf gelten will, bewundert er ihr Werk und lässt sich in Nichts kleiden und auf der Straße von seinen Untertanen in unsichtbaren Gewändern bewundern. Obwohl der Kaiser nichts anhat, rufen alle Leute auf der Straße laut: „Seht nur, des Kaiser neue Kleider! Es lebe der Kaiser!“ Nur ein kleines Kind erkennt, was ist, und ruft: „Mutti, der Kaiser ist ja nackt!“

"Was Kinder mitteilen, ist oft eine andere Wahrheit als die der Erwachsenen, nicht selten eine tiefere Wahrheit, die zu ergründen uns Erwachsenen verschlossen ist.."

So ist es: Kindermund tut Wahrheit kund. Das wissen alle, die mit Kindern zu tun haben. Kinder sprechen aus, was sie denken. Sie teilen mit, was sie sehen und hören. Und oft ist dies etwas anderes, als wir Erwachsenen wahrnehmen. Was Kinder mitteilen, ist oft eine andere Wahrheit als die der Erwachsenen, nicht selten eine tiefere Wahrheit, die zu ergründen uns Erwachsenen verschlossen ist. Kinder sind oft die besseren Realisten. Das ist keine neue Erkenntnis. Das wussten schon jene, die das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erzählten. Das weiß auch die Bibel. Hören wir an diesem Sonntag Kantate auf Worte aus dem 21. Kapitel des Matthäusevangeliums:
„Es gingen zu Jesus Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohne Davids!, wurden sie ärgerlich und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen: 'Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen hast du dir Lob bereitet'? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien.“

Eine Grunderkenntnis des Glaubens

Erst hatte Jesus im Tempel von Jerusalem tüchtig aufgeräumt, indem er Tische der Geldwechsler umwarf. Nun heilt er im Tempel Blinde und Lahme, also Menschen, die aus der Tempelgemeinschaft ausgeschlossen waren. Was er tut, ist in den Augen der religiösen Machthaber eine doppelte Störung der religiösen Ordnung. Anlass genug, nun die Beseitigung Jesu mit aller Gewalt zu betreiben. Wo die religiös Gebildeten einen Verstoß gegen die religiöse Kleiderordnung entdecken, sehen die Kinder tiefer. Sie sehen im Handeln Jesu ein Zeichen der anbrechenden Heilszeit. Während die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Tötung Jesu verfolgen, jubeln die Kinder - wie zuvor die Volksmenge beim Einzug Jesu in Jerusalem: „Hosianna dem Sohne Davids!“ Schärfer könnte der Kontrast nicht sein: Hier die Tötungsabsicht der Oberen, dort der Jubel der Kinder.

"Es gibt eine schlimme Weise, sich Gott zu verschließen, indem das Befolgen einer kirchlichen Ordnung für wichtiger gehalten wird als der unbefangene Blick für das befreiende Handeln Gottes."

Die Gassenkinder von Jerusalem haben mehr verstanden von Gott als die ach so klugen Erwachsenen. Sie scheren sich nicht um religiöse Kleiderordnungen, sondern erkennen im Wirken Jesu Gottes neue Kleider: die Kleider einer Liebe, die keine Grenzen kennt. Ohne jede Rücksicht auf langwierige Reflexionen loben sie Gott. Hinter der Unordnung, die Jesus am Tempel stiftet, erkennen sie Gottes Zuwendung zu den Menschen. Es ist schon wahr, was der große katholische Konzilstheologie Karl Rahner sagte: „Gott lebt nicht in unseren Reden und Ideen. Gott lebt in unserem Loben und Danken, in unserem Bitten und Klagen.“ Es gibt eine schlimme Weise, sich Gott zu verschließen, indem das Befolgen einer kirchlichen Ordnung für wichtiger gehalten wird als der unbefangene Blick für das befreiende Handeln Gottes. Kinder können staunend die Nähe Gottes wahrnehmen. Sie entdecken das Geheimnis der neuen Kleider Gottes: In Jesus Christus umkleidet er uns mit seiner Liebe. Fügt zusammen, was getrennt ist. Macht heil, was verletzt ist. Bei Gott gibt es das Beste im Leben gratis, umsonst, sola gratia. In dieser Grunderkenntnis des Glaubens sind Kinder die besseren Realisten. So werden sie von Jesus selig gepriesen: „Ich preise dich, Vater, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Kindern offenbart.“

Deshalb ist es so wichtig, dass wir Erwachsene immer wieder auf die Kinder hören. Deshalb ist es für unseren Glauben so wichtig, mit Kindern gemeinsam den Glauben einzuüben. Deshalb ist es für Eltern so wichtig, ihre Kinder taufen zu lassen und mit ihnen gemeinsam das Abendmahl zu feiern. Kinder bewahren sich den Blick für das Staunenswerte. Sie erinnern uns an Grundzüge des Glaubens, die wir als Erwachsene leider allzu leicht meinen aufgeben zu dürfen. Indem wir auf Kinder hören, bestätigen wir, dass es im Glauben genau auf das ankommt, was die Kinder im Tempel von Jerusalem getan haben: Gott zu loben für das, was er in Jesus Christus an uns tut. Ihm zu danken für seine Liebe, mit der er uns grundlos umhüllt wie in ein wärmendes Kleid.

Krumme Töne und das wahre Lied

Kindermund tut Wahrheit kund. Besonders gern tut er es, indem er zu singen beginnt. Wenn Kinder herauslassen, was sie fühlen, dann singen sie gern - wie damals die Gassenkinder von Jerusalem. Ihr Gesang, ihr „Hosianna dem Sohne Davids“ hat sicherlich nicht schön geklungen. Das war wohl eher ein Schreigesang lärmender Straßenkinder. Kein wohltuender Chorklang, wie wir ihn oft in unseren Kirchen hören. Der Gesang der Kinder damals und der Gesang der Kinder heute - das war und das ist nicht hohe Oratorienkunst oder der wohlklingende Sound eines Gospels. Der Gesang der Kinder mag hohen musikalischen Ansprüchen nicht genügen. Aber der Gesang der Kinder ist der Gesang hörender und sehender Menschen. Ist bei allen krummen Tönen das wahre Lied von des Gottes neuen Kleidern. Wohl uns, wenn wir auf dieses Lied hören!

"So hilft uns die Sicht der Kinder, unsere Welt zu verstehen, und uns darin als Gottes Kinder. Der Gesang der Kinder zum Lob Gottes hilft uns zu erkennen, was wir Gott, dem Schöpfer, des Lebens verdanken."

„Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen wird Gott Lob bereitet.“ Jesus zitiert hier Worte des 8. Psalms. Mit diesem Bezug auf den 8. Psalm fügt er ihr Singen in einen größeren Zusammenhang ein, der weit über das „Hosianna dem Sohne Davids“ im Tempel von Jerusalem hinausgeht. Wie im 8. Psalm das Lob der Kinder und Säuglinge eingebettet ist in den Lobpreis Gottes des Schöpfers, so stiften die Kinder nicht nur zum „Hosianna dem Sohne Davids an“, sondern auch zum Lobpreis Gottes des Schöpfers: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen.“ Mit ihrem Gesang besingen die Kinder die Größe Gottes und sie eröffnen damit zugleich uns Erwachsenen Zugänge zum Glauben an Gott, den Schöpfer. Das Singen der Kinder wird uns zur Sehhilfe, zu Hörhilfe, zur Glaubenshilfe. Durch die Kinder lernen wir neu das Staunen: „Was ist der Mensch, dass du, Gott, seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst!“ So hilft uns die Sicht der Kinder, unsere Welt zu verstehen, und uns darin als Gottes Kinder. Der Gesang der Kinder zum Lob Gottes hilft uns zu erkennen, was wir Gott, dem Schöpfer, des Lebens verdanken.

So ist es nicht zuletzt das Singen der Kinder, das uns als Hörhilfe zu einem neuen Blick auf die Welt und auf unser Leben verhilft. So ist es nicht zuletzt das Singen der Kinder, das unserem Glauben auch Beine macht, etwa indem wir uns für die Bewahrung der Schöpfung Gottes engagieren, unseren unmäßigen Lebensstil überprüfen und uns zielstrebig auf den Weg einer nachhaltigen Nutzung vorhandener Energien machen.
So ist es nicht zuletzt das Singen der Kinder, das unserem Glauben Beine macht, etwa indem wir uns als Kirchen für den Frieden in der Welt einsetzen - wie besonders all jene, die zu dieser Stunde in Jamaika zur Friedenskonvokation des Ökumenischen Rates der Kirchen versammelt sind, um über ein wirksames Friedenszeugnis der Kirche für diese Welt nachzudenken. Mit ihnen sind wir im Singen und Beten verbunden als Schwestern und Brüder im Glauben an denselben Herrn Jesus Christus und als Kinder desselben Gottes, des Schöpfers des Himmels und der Erden.

Darum: Kantate, singet! Singt wie die Kinder! Lasst euch anstecken von ihrem Lied! Lasst euch anstecken von ihrem staunenden Erkennen Gottes! Lasst euch anstecken von ihrem Loben und Danken, von ihrem Jubeln und Schreien! Kantate, singt mit den Kindern dem Herrn ein neues Lied und erkennt mit ihnen die Wahrheit.
Mag sie nun lauten wie im Märchen „Der Kaiser ist ja nackt!“
oder wie im Psalm „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen“
oder wie bei den Gassenjungen von Jerusalem „Hosianna dem Sohne Davids!“.
Singt mit den Kindern! Das hilft, das Kleid Gottes zu erkennen, mit dem er uns Menschen umhüllt als unser Schöpfer und Erlöser - das „neue Kleid“ seiner wärmenden Liebe. Amen.