Liebe Gemeinde,
drei Wochen schon liegt das Osterfest hinter uns, aber immer noch klingt es in unseren Gottesdiensten nach: Die liturgische Farbe am Altar und an der Kanzel zeigt die österliche Freudenzeit an. Mit dem österlichen Halleluja haben wir die Schriftlesung aus dem Johannesevangelium beantwortet. Wir merken es: Ostern und die österliche Freude klingen nach an diesem nachösterlichen Sonntag Jubilate.
Wenn wir allerdings das uns für den heutigen Sonntag gegebene Wort der Bibel hören, dann ist da zunächst von österlicher Freude wenig zu spüren. Das liegt daran, dass dieses Wort ein Wort Jesu ist, das er noch vor Ostern zu seinen Jüngern gesprochen hat. Nicht also um österliche Rückschau geht es in diesem Wort, sondern vom Leben Jesu aus wird hier vorausgeschaut auf das Geschehen von Ostern. In den so genannten Abschiedsreden lässt der Verfasser des Johannesevangeliums im 16. Kapitel Jesus sagen:
„Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“
Abschied und Wiedersehen
Viel ist da von Traurigkeit und Freude, von Abschiednehmen und Wiedersehen die Rede, aber von Ostern? In der Tat versteckt sich der Hinweis auf Ostern hinter recht rätselhaften Worten: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“ Was beim ersten Lesen oder Hören recht rätselhaft klingt, ist bei näherem Betrachten eindeutig: Nur noch wenige Tage wird es dauern, bis Jesus mit seinem Tod am Kreuz von seinen Jüngern Abschied nehmen wird. Aber wenige Tage später schon wird er ihnen sichtbar erscheinen - an Ostern. Hinter den rätselhaften Worten des Abschied nehmenden Christus versteckt sich also eine Vorausschau auf Karfreitag und Ostern. Alles, was in diesem Text über Abschied und Wiedersehen, Traurigkeit und Freude gesagt wird, bezieht sich auf die Abschiedstrauer des Karfreitags und auf die Wiedersehensfreude des Ostermorgens; bezieht sich auf den Abschied beim Tode Jesu und auf das Wiedersehen des Auferstandenen, das dann im Folgenden in der Passionsgeschichte und in den uns bekannten Ostergeschichten des Johannesevangeliums erzählend dargestellt wird.
"Nicht gelangen wir zu österlicher Freude, indem wir verdrängten Schmerz mit Lustigkeit überspielen oder falsche Freude inszenieren. Vielmehr ist in den Abschiedsworten Jesu ein Weg von der Trauer zur Freude aufgezeigt: Ein Weg, auf dem sich die Traurigkeit der Jünger in österliche Freude wandelt."
Wie aber bezieht es sich auf uns, die wir in österlicher Freude heute Gottesdienst feiern? Wie gelangen wir zu österlicher Freude angesichts vieler Unsicherheiten, die uns umtreiben? Wie gelangen wir zu österlicher Freude, wenn wir Trauriges erleben; wenn es etwa gilt, Abschied zu nehmen von einem lieben Menschen oder den Schmerz der Trennung nach dem Scheitern einer Beziehung auszuhalten? Wie gelangen wir zu österlicher Freude angesichts der erschreckenden Nachrichten, die uns immer noch aus Japan erreichen? Wie gelangen wir zu österlicher Freude, wenn uns nach dem gewaltsamen Tod von Osama bin Laden neue Angst vor terroristischen Angriffen erfüllt? Sicherlich gelangen wir zu österlicher Freude nicht, indem wir alle Angst, Schmerzen und Traurigkeit einfach verdrängen. Nicht gelangen wir zu österlicher Freude, indem wir verdrängten Schmerz mit Lustigkeit überspielen oder falsche Freude inszenieren. Vielmehr ist in den Abschiedsworten Jesu ein Weg von der Trauer zur Freude aufgezeigt: Ein Weg, auf dem sich die Traurigkeit der Jünger in österliche Freude wandelt. Ein schmerzlicher Weg. Und hinter diesem Weg der Jünger entdecke ich - wie in einem Spiegelbild - die vielen Wege, die wir alle schon gegangen sind oder noch gehen müssen durch finstere Täler der Traurigkeit hin zu einer Freude, die trägt.
Schmerzlicher Weg
Wege zu österlicher Freude sind Wege aus der Abschiedstrauer hin zur Wiedersehensfreude. Um dies zu verdeutlichen, wird in der Abschiedsrede Jesu ein wunderschönes Bild verwendet: Jede Frau, die ein Kind geboren hat, weiß, dass die Geburt eines Kindes genau durch diesen Wandlungsprozess von der Angst hin zur Freude bestimmt ist. Die Geburt eines Kindes ist ein Vorgang, der begleitet ist von körperlichen Schmerzen und von Angst um das neugeborene Leben. Aber alle Angst, alle Schmerzen der Geburt wandeln sich in Freude, wenn das neugeborene Kind gesund in den Armen der Mutter liegt. Und genau um diese elementare Wandlung von der Angst zur Freude geht es, wenn wir vom Weg zur österlichen Freude sprechen: Vor Ostern waren die Jüngern in der leiblichen Gegenwart Jesu geborgen wie ein Kind im Mutterleib. Der Abschied Jesu von seinen Jüngern am Karfreitag glich den Schmerzen einer Mutter bei der Entbindung. Und wie das Neugeborene erst nach dem Verlassen des Mutterleibes seine Mutter mit eigenen Augen sehen kann, so konnten auch die Jünger nur durch den Schmerz der Neugeburt hindurch Christus in Wahrheit sehen und sich freuen. Die Jünger wurden an Ostern neugeboren, sie wurden - so könnte ich sagen - an Ostern von Jesus zur Freude entbunden.
Und das, was den Jüngern an Ostern geschehen ist, das genau ist auch unser eigener Weg zur österlichen Freude: ein Weg durch Abschiedsschmerz und Angst hindurch zur Freude des Wiedersehens. Diesen Weg gehen wir nicht nur einmal in unserem Leben, nämlich dann, wenn wir beginnen an Christus, den Auferstanden zu glauben. Diesen Weg gehen wir in unserem Glauben immer wieder, indem wir immer neu Abschied nehmen voller Schmerz und uns dann immer neu einlassen auf die Freude stiftende Begegnung mit dem Auferstandenen. So wie eine Mutter auch nach der Freude über ein neugeborenes Kind immer wieder Angst um ihr Kind verspüren wird, so ist auch unsere österliche Freude immer wieder der Anfechtung durch Angst und Schmerzen ausgesetzt. Es gibt keine Glaubenserlebnisse, die uns ein für allemal immerwährende Freude garantieren. Es gibt keine Glaubenserlebnisse, in denen wir uns einschließen können wie im Leib der Mutter. Immer neu müssen wir auf dem Weg unseres Glaubens entbunden werden, müssen wir die Schmerzen der Geburt erleiden, um Christus neu wiederzusehen und Freude zu erlangen.
Aus der Trauer zur Freude
Österliche Freude ist kein seliger Dauerzustand, denn immer wieder machen wir Erfahrungen, die uns traurig stimmen, die uns Angst einjagen, die uns schmerzen. Wie schmerzlich solche Wege aus der Trauer zur Freude sind, wissen alle, die schon einmal in ihrem Leben Abschied nehmen mussten von einem lieben Menschen. Da gibt es Zeiten großer Traurigkeit und tiefen Schmerzes, in denen das Lachen nicht gelingen will. Da ist der Mund verschlossen zum Singen, denn die Trauer sitzt wie ein Kloß im Hals. Es dauert einfach seine Zeit, ehe sich neue Lebensfreude einstellen will. Und was so für das persönliche Leben gilt, das ist nicht anders im Leben eines Volkes. In diesen Tagen jährt sich zum 66. Mal das Ende des 2. Weltkrieges. Welche Wege aus tiefer Traurigkeit zu neuer Lebensfreude musste unser Volk nach dem 8. Mai 1945 gehen! Und was uns allen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima noch weltweit an schmerzhaften Veränderungsprozessen bevorsteht, wie wir noch unter Schmerzen werden lernen müssen, von lieb gewordenen Lebensgewohnheiten Abschied zu nehmen, um Freude an Gottes Schöpfung wieder zu gewinnen, das können wir noch gar nicht ermessen. Ja, oft werden uns Abschiede zugemutet, die Schmerz zufügen. Und lange Wege müssen wir gehen, ehe wir von der Traurigkeit zur Freude gelangen. Lange kann es dauern, ehe sich Schmerz in österliche Freude wandelt. Und manche erreichen das Ziel der Freude in ihrem irdischen Leben nicht.
"Und am Ende dieses Weges wartet der Auferstandene auf uns, wie er auf die Jünger wartete am Ostermorgen. Am Ende dieses Weges erschließen sich unserem Leben neue Perspektiven."
Österliche Freude ist kein seliger Dauerzustand, denn immer wieder machen wir Erfahrungen, die uns traurig stimmen. Aber immer wieder dürfen wir mit Jesus Christus den Weg durch unsere Traurigkeiten hindurch gehen. Und am Ende dieses Weges wartet der Auferstandene auf uns, wie er auf die Jünger wartete am Ostermorgen. Am Ende dieses Weges erschließen sich unserem Leben neue Perspektiven. Am Ende dieses Weges löst sich in uns etwas, so dass Lebensfreude neu aufbrechen kann. Am Ende dieses Weges sind wir nicht selten veränderte Menschen, durch Krisen veränderte. Am Ende dieses Wege steht das Erkennen des Auferstandenen und das Staunen darüber, wie er uns heimlich und still begleitet hat durch die Traurigkeiten hindurch. Am Ende dieses Weges verstummen unsere Fragen, wird er selbst uns verständlich, wird uns unser Weg selbstverständlich. Und am Ende dieses Weges wird dann auch einmal nach unserem Tod das Wiedersehen mit Jesus Christus stehen, der den Weg zum Leben an Ostern vorausgegangen ist. Weil wir dies glauben, deshalb ist unsere österliche Freude eine Freude, die all unsere Traurigkeit verwandeln und die uns niemand nehmen kann. Amen.
