Liebe Gemeinde,
Für den heutigen Jubiläumsgottesdienst habe ich ein Wort aus dem Johannesevangelium gewählt, und zwar das Evangelium zum heutigen Sonntag Misericordias Domini. Im 10. Kapitel des Johannes-Evangeliums lesen wir folgende Worte Jesu:
„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie. Der Mietling flieht; denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“
Zunächst will ich gern gestehen, dass es durchaus Bibelworte gibt, die besser hineinzupassen scheinen in unsere Zeit. Zu der Zeit, als Ihre Kreuzkirche eingeweiht wurde, kannte man sicherlich in dieser Gegend noch Schafherden und Hirten. Heute erleben Sie diese allenfalls noch im Urlaub auf der Schwäbischen Alb oder in den Vogesen. Zu unserem Lebensalltag gehören Schafherden und Hirten nicht mehr. Und dennoch: Obwohl das Bild vom guten Hirten nicht mehr der Wirklichkeit unseres technischen Zeitalters mit seiner industriellen Massentierhaltung entspricht, ist es doch ein Bild, das über allen Wandel der Gesellschaft hinaus bis heute eine große Ausstrahlungskraft bewahrt hat. Irgendwie berührt jeden und jede dieses Bild, denn im Bild vom guten Hirten spricht sich eine tiefe menschliche Sehnsucht aus. Die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit in den zerklüfteten Unwägbarkeiten des Lebens. Im Bild des guten Hirten entdecken wir eine Antwort auf unser Suchen nach Geleit und Führung. Im Bild vom guten Hirten finden wir eine Antwort auf unsere Sehnsucht nach bergender Gemeinschaft, auf unsere Sehnsucht nach Leben.
Keine Hirtenromantik
Allerdings hat das Bild vom guten Hirten im Laufe der Jahrhunderte eine entstellende Veränderung erfahren, die den ursprünglichen Sinn dieses Bildes kaum mehr erkennen lässt. Ich denke da an romantische Gemälde, wie sie heute noch in manchem Wohnzimmer zu finden sind: Jesus als guter Hirte mit einem Schaf auf dem Arm - wandelnd durch ein Kornfeld. Und ich denke an das kitschig-schöne Hirtenbild, das manchen von uns im Religionsunterricht durch den „Schild des Glaubens“ vermittelt worden ist. Jesus selbst hat solch kitschige Hirtenromantik nicht gemeint, als er sich als guten Hirten bezeichnete. Nein! Zu seiner Zeit war der Hirtenberuf ein extrem harter Beruf. Und Jesus hat vor die harmlose Hirtenidylle sein Kreuz gestellt. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Deshalb passt das Wort Jesu vom guten Hirten besonders gut zum Jubiläum einer Kirche, die das Kreuz in ihrem Namen trägt. Wir erinnern an Jesus, den guten Hirten, der am Kreuz von Golgatha sein Leben ließ für die Schafe. Beim Wort vom guten Hirten sind nicht romantische Gefühle gefragt, sondern hier geht es um Leben und Tod.
"So wohltuend die Bilder auch sein mögen, die Jesus in seiner Rede vom guten Hirten verwendet, diese Worte Jesu sind kämpferische Worte. Es sind Worte, die von einem inneren Kampf zeugen, denn Jesus hat sich als guter Hirte durchgekämpft bis zum Tod am Kreuz."
Jesus will mit dem schönen Bild vom guten Hirten nicht einfach Balsam auf verwundete Seelen streuen. Nein, er benutzt dieses Bild, um vor Entscheidungen um Leben und Tod zu stellen. In welch kämpferischen Tönen zieht Jesus gegen die Mietlinge zu Felde, die als schlechte Hirten ihre Herde im Stich lassen. Sie sind lediglich bezahlte Angestellte, an den Schafen ist ihnen nichts gelegen: „Der Mietling aber, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.“ Und mit welch einer Ausschließlichkeit bezeichnet sich Jesus dann selbst als den einzigen guten Hirten: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ So wohltuend die Bilder auch sein mögen, die Jesus in seiner Rede vom guten Hirten verwendet, diese Worte Jesu sind kämpferische Worte. Es sind Worte, die von einem inneren Kampf zeugen, denn Jesus hat sich als guter Hirte durchgekämpft bis zum Tod am Kreuz. Und nun nötigt er alle, die auf ihn hören, persönlich Stellung zu nehmen für oder gegen ihn.
Er nötigt zu Entscheidungen auf Leben und Tod. Der Jesus des Johannesevangeliums fragt: „Wem wollt Ihr Euch anvertrauen? Wer bietet Euch echte Autorität? Auf wen könnt Ihr Euch verlassen? Wer stillt Eure Sehnsucht nach vertrauter Gemeinschaft?“ Und er antwortet: „Ich bin es, dem ihr euch anvertrauen könnt, denn ich kenne euch. Ich bin es, der wahre Autorität besitzt, denn meine Worte und mein Handeln stimmen überein. Ich bin es, auf den ihr euch verlassen könnt, denn ich setze mein Leben für euch aufs Spiel. Ich bin es, der eure Sehnsucht nach Gemeinschaft stillt, denn ich bin euch so vertraut, wie mein Vater mir vertraut ist. So bin ich allein der gute Hirte.“
Harter Hirtendienst
Jetzt spüren wir, wie kämpferisch das Wort Jesu vom guten Hirten gemeint ist. Jetzt spüren wir, wie durch das schöne Bild vom guten Hirten ein Ruf zu uns herüber klingt. Das Wort Jesu vom guten Hirten fordert eine Antwort: Wollen wir wirklich ihm folgen, seine Stimme hören? Wollen wir uns wirklich an ihn binden, ganz ausschließlich? Sind wir bereit, dafür Konflikte zu riskieren mit denen, die diesen Anspruch Jesu ablehnen? Sind wir bereit, uns von anderen abzugrenzen, so z.B. wenn die Kirche wieder einmal anderen Führern folgt, um Macht und Einfluss zu erhalten? Sind wir bereit, die heilsame Unruhe auszuhalten, die Jesus mit seinem kämpferischen Wort vom guten Hirten in die Gemeinden hineinträgt? Oder wollen wir lieber jenen behaglichen Frieden, der entsteht, wenn wir Jesus als den lieben Hirten anpreisen, der allen etwas gibt, aber von niemandem etwas fordert?
"Durch seinen Tod am Kreuz hat Jesus Christus gezeigt, wie er seinen Hirtendienst versteht: als einen Dienst der hingebenden Liebe."
Wer Jesus Christus als guten Hirten haben möchte, der keinem zu nahe tritt, der hat übersehen, dass vor aller Hirtenidylle das Kreuz Christi errichtet ist. Durch seinen Tod am Kreuz hat Jesus Christus gezeigt, wie er seinen Hirtendienst versteht: als einen Dienst der hingebenden Liebe. So hat er sich für seinen Anspruch, unser guter Hirte zu sein, schlachten lassen am Kreuz. Durch seinen Tod am Kreuz hat er gezeigt, wie ernst es ihm mit seinem Anspruch war. Durch seine Entscheidung für uns hat er gezeigt, dass er Anspruch auf unser ganzes Leben erhebt. Und an uns ist es, auf seine hingebende Liebe zu antworten. An uns ist es zu entscheiden, ob wir ihn als den guten Hirten anerkennen wollen und aus solcher Entscheidung dann auch Konsequenzen im alltäglichen Leben zu ziehen:
Wo andere Rache rufen, sollen wir Jesu Ruf der Liebe verkündigen,
wo andere schweigen, sollen wir den Mund auftun für die Schwachen,
wo andere müde werden, sollen wir uns von unserem guten Hirten Kraft für die nächsten Schritte schenken lasen,
wo andere Schuld gegeneinander aufrechnen, sollen wir Vergebung üben,
wo andere nach dem starken Mann schreien, sollen wir unsere Ohnmacht aushalten,
wo andere sich als Schmieröl für unsere Gesellschaft verstehen, sollen wir Sand im Getriebe der Welt sein.
Wo wir uns so für Jesus entscheiden, da hört das Wort Jesu vom guten Hirten auf, als Zierleiste für unsere gute Stube zu dienen. Da wird es zu einem Wegzeichen in dieser Welt. Zum Zeichen eines Weges, auf dem wirkliches, ewiges Leben anbricht.
Liebe Gemeinde, an diese lebensrettende Entscheidung, an diese Entscheidung über Leben und Tod erinnert zu werden, ist wichtig - nicht nur am Jubiläumsfest einer Kirche. Kirche ist eine Erinnerungsgemeinschaft. Der Gottesdienst dient der Erinnerung, der Erinnerung an das Werk Christi. 200 Jahre lang wurde die Entscheidung Jesu, für uns Menschen sein Leben zu geben, in dieser Kirche verkündigt. Und damit wurden und werden Menschen vor die Frage gestellt, ob sie den Anspruch Jesu als des einzig wahren guten Hirten für das eigene Leben anerkennen wollen. Immer wieder wird es in dieser Kreuzkirche darum gehen zu verdeutlichen, wie sehr wir Menschen Jesus als den guten Hirten für unser Leben brauchen. Ja, wir brauchen ihn, den guten Hirten, um unser Leben bestehen zu können. Wir brauchen Jesus Christus, der für uns eintritt. Wir brauchen ihn, der für uns gelitten hat. Wir brauchen ihn, der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir leben. Uns, die wir so gern unseres eigenen Glückes Schmied sind, uns wird gesagt: Was uns Boden unter die Füße gibt, das ist das, was Jesus als guter Hirte für uns getan hat, indem er sein Leben für uns gelassen hat. Um an dies für unser Leben so Grundlegende zu erinnern, feiern wir das Jubiläum Ihrer Kreuzkirche. An dies für unser Leben Grundlegende erinnern wir uns, indem wir nun von unserem guten Hirten singen: „Weil ich Jesu Schäflein bin“. Amen.
