Liebe Gemeinde,
Mitten in der Passionszeit feiern wir den Geburtstag Ihrer Kirche. Mitten in der Passionszeit ein Kirchenjubiläum. Manche mögen sagen: Da gibt es doch passendere Termine im Kirchenjahr. Tage, an denen unbeschwerter gejubelt und gedankt werden könnte als gerade in den Wochen der Passionszeit. Noch dazu an einem Sonntag, der mit seinen biblischen Lesungen und Predigttexten unter dem Leitmotiv „Christus – für uns dahingegeben“ steht. Aber, liebe Gemeinde, nicht immer ist das, was auf den ersten Blick passender erscheint, auch wirklich das Angemessenere. Denn worum geht es denn bei einem Kirchenjubiläum? Nicht darum, sich selbst zu feiern, die Lebendigkeit einer Gemeinde oder die Bauherren einer Kirche! Bei einem Kirchenjubiläum geht es doch darum, dass wir den feiern, auf den sich unsere Kirche gründet. Und das ist der gekreuzigte und auferstandene Herr: Jesus Christus. Auf seinen Weg durch Leiden und Tod zum Leben haben wir bei einem Kirchenjubiläum zu schauen. Auf seine Worte haben wir zu hören.
Die Worte Jesu, auf die wir an diesem Sonntag der Passionszeit zu hören haben, sind keine festlichen, keine attraktiven Worte – eher schon solche, die uns einiges zu kauen geben. Aber Sie alle werden bei den nun folgenden Worten Jesu sogleich an all das denken, was Sie bei etlichen Abendmahlsfeiern immer wieder schon erfahren haben. Sie erwarten also sozusagen Abendmahlserinnerungsworte zum Jubiläum Ihrer Kirche. Worte Jesu, die dieser nach der Überlieferung des Johannesevangeliums zum Schluss seiner großen Predigt vom Brot des Lebens gesprochen hat. Hören wir:
„Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.“
Ich hätte viel Verständnis, wenn manche von Ihnen jetzt denken würden: „Diese realistische Beschreibung des Fleischessens beim Abendmahl erinnert doch allzu drastisch an kannibalistische Vorstellungen. Das empfinden wir als anstößig! Das ärgert uns!“ Wenn Sie so denken, dann sind Sie in bester Gesellschaft, nämlich in der Gesellschaft der Jünger Jesu. Hören wir: „Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das?“ Und wenig später heißt es: „Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.“
Schwarzbrot des Lebens
Ja, liebe Gemeinde, so kann das gehen. Predigten können manchmal so ärgerlich, so skandalös sein, dass sie Menschen vergraulen. Das musste Jesus bei seiner Predigt in der Synagoge von Kapernaum erleben. Das haben auch Sie gewiss schon erlebt. Aber täuschen wir uns nicht. Gute Predigten zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie allen Menschen gut gefallen. Gute Predigten sind nicht schmackhaft wie leckerer Hefezopf. Sie sind eher schon so etwas wie Schwarzbrot, an dem Menschen zu kauen haben. Jesu Wort und unsere Predigt über seine Worte können ärgern, müssen bisweilen auch Anstoß erregen, sind nicht immer leicht verdaulich, können Skandale auslösen.
"Jesus verspricht nicht, dass er etwas für uns hat, er verspricht, dass er etwas für uns ist."
Was aber ist nun das eigentlich Ärgerliche an der Predigt Jesu? Ist es wirklich dieser erste Eindruck, als ginge es beim Abendmahl um eine Form des Kannibalismus? Das Ärgernis der Predigt Jesu geht tiefer. Jesus hatte zunächst lange Zeit über den Hunger des Lebens gesprochen, der viel umfassender ist als der bloß körperliche Hunger nach Sättigung. Der Hunger nach Leben erfüllt alle Menschen gleichermaßen, die Hungrigen wie die Satten. Er erfüllt die Hörerinnen und Hörer Jesu. Sie alle fragen: Ist Jesus Christus der, der unseren Lebenshunger stillt - für immer? Zu gern hätten Sie, hätte auch ich eine einfache Antwort. Zu schön wäre es, wenn Jesus geantwortet hätte: „Ich gebe euch alles, was ihr für besseres, ein erfülltes, ein ewiges Leben braucht. Ich gebe euch alles, was ihr wünscht.“ Aber genau dies sagt Jesus nicht. Er verspricht nicht, dass er etwas für uns hat, er verspricht, dass er etwas für uns ist. Wo wir ganz fixiert sind auf das, was wir haben wollen, bietet er an, was er ist. Jesus hat kein Brot in seinen Händen, das er uns gibt. Er gibt das, nach dem wir hungern, indem er selbst Brot ist. Er führt uns weg von dem Irrtum, dass unser Leben durch Haben reicher, schöner, besser würde. Jesus kommt nicht mit vollen Händen, um unsere Wünsche zu befriedigen, nein: mit leeren Händen steht er da, lässt sich ans Kreuz nageln, um so ganz für uns da zu sein. Er ist das Brot des Lebens: dieser, der die Menschen nicht allein ließ, sie nicht vergaß, für sie da war, sich um sie sorgte. Er ist das Brot des Lebens, indem er den Menschen nichts anderes gibt als sich selbst und seine Liebe. Sich selbst und die Liebe Gottes.
„Eingefleischter“ Gott
Nicht Befriedigung unserer Wünsche schenkt Jesus. Wer den Hunger nach ewigem Leben gestillt haben will, muss dies schon schlucken. Muss das Brot des Lebens schlucken, das Jesus Christus selbst ist. Das ist das Anstößige seiner Worte. Und dieses Anstößige hat seinen Grund darin, dass Jesu Worte nicht einfach Worte sind. Wir glauben doch, dass das Wort Gottes nicht einfach Wort blieb, sondern dass es in Jesus Christus Fleisch wurde. Wer Jesu Worte hört und sie hungrig verschlingt oder mühsam verdaut, wer an Jesu Worten zu kauen hat wie an einem deftigen Schwarzbrot, kommt an Jesus selbst nicht vorbei. Nimmt mit seinem Wort das Fleisch gewordene Wort Gottes auf. Und dieses Wort, das in Jesus Christus Fleisch wurde, hören wir nicht nur. Nein, im Abendmahl schmecken wir dieses Fleisch gewordene Wort, so dass es in uns eingeht, uns stärkt, unserem Leben eine ewige Ausrichtung gibt. Die Kanzel einer Kirche, von der das Wort Gottes gesprochen wird, und der Tisch des Herrn, an dem Gläubige das Wort Gottes schmecken dürfen, sie bilden das Herzstück einer Kirche. (...) So werden Kanzel und Altar als Orte einer konkreten Gottesbegegnung dargestellt. Das, liebe Gemeinde, macht das Besondere eines Kirchengebäudes aus: Wir begegnen im Wort der Predigt und im Brot des Abendmahls ganz real dem, dessen Sterben nicht umsonst geschah, sondern für uns zum Leben. Wir kauen das Fleisch gewordene Worte Gottes und lassen uns anstecken zu einem Leben für andere. Früher sprach man gern von eingefleischten Junggesellen, von eingefleischten Künstlerinnen oder von eingefleischten Politikern. In der Predigt hören wir und im Abendmahl schmecken wir den „eingefleischten“ Gott, der sich so vollständig auf uns eingelassen hat, dass er Fleisch wurde. Er schenkt uns ewiges, erfülltes Leben. Er stillt unseren Lebenshunger. Das gilt es zu schmecken. Das gilt es zu verkündigen. Aus dem Schmecken und dem Hören erwächst unser Glaube.
"Das Wort der Predigt und das Brot des Abendmahls werden zur eisernen Ration für schwere Zeiten."
Liebe Gemeinde, das mögen harte Worte sein an einem solchen Tag des Kirchenjubiläums. Aber genau darauf kommt es an: Menschen die Liebe des „eingefleischten“ Gottes schmackhaft machen und sie zu einem Leben in der Liebe zu anderen stärken. Und das hat dann ja auch Wirkung:
Da gehen Menschen getröstet nach einem Gottesdienst zurück in ihren Alltag; denn sie wissen: Der „eingefleischte“ Gott ist kein unsichtbares Etwas. Er teilt ihr Leben. Er teilt ihr Leid. Er geht mit ihnen die schweren Wege des Lebens und gibt mit seinem Weggeleit neue Kraft. Das Wort der Predigt und das Brot des Abendmahls werden zur eisernen Ration für schwere Zeiten. Zur Wegzehrung für alle Tage. Und so gestärkt bekommen Menschen dann Kraft, sich auch für die Kirche zu engagieren. Getröstet durch Wort und Sakrament werden Hände und Füße gestärkt zu tätiger Mitarbeit in der Kirche Jesu Christi. Was wäre alles Engagement in der Kirche ohne die Kraftquelle der Predigt und des Abendmahls, ohne die Begegnung mit dem „eingefleischten“ Gott, ohne das Weggeleit des gekreuzigten Gottes!
Blick fürs Wesentliche
Und schließlich: Wo Menschen dem gekreuzigten Gott in Wort und Sakrament begegnen, da verändert sich der Blick auf das Leben. Da verliert das Immer-Mehr-Haben-Wollen an Bedeutung. Denn der Gott, der im Wort der Predigt und im Brot des Lebens sich selbst darstellt und dahingibt, dieser Gott lenkt den Blick auf das, was wesentlich ist für unser Leben: die Liebe, die uns selbst meint und die den Menschen anschaut. Und dieser Blick auf das Leben hilft dann auch, die Menschen um uns her neu wahrzunehmen, die Nächsten in unserem gemeindlichen Umfeld ebenso wie die fernen Nächsten, die unsere Hilfe brauchen und auf unsere Liebe warten: Menschen, die Integrationsprobleme in unserem Land haben, ebenso wie solche, die aus bitterer Not zu uns fliehen, aber auch Menschen, denen wir nicht anders helfen können als durch unsere Fürbitte. Der Mensch gewordene Gott öffnet unseren Blick für alle Menschen dieser Welt, die auf Liebe warten, und hilft uns, liebevoll mit ihnen umzugehen.
So weitet sich der Blick hin in die Welt, die Gottes geliebte Schöpfung ist. So weitet sich der Blick vom Starren auf uns selbst hin zum Blick auf den Gott, der sich selbst in Liebe hingegeben hat, damit Menschen das ewige Leben gewinnen. Wenn das kein Grund ist, Gott zu loben! Amen.
